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  Die Akte Documenta

Die Ökonomie des Kunstbetriebs am Beispiel des Großereignis Documenta

Die Documenta Eröffnung Mitte Juni war in vieler Hinsicht ein Ereignis: Während in der Kunstberichterstattung in den letzten Jahren neue Preisrekorde für Kunstwerke auf Messen und Auktionen das Hauptthema waren, wurde über die Documenta nur inhaltlich berichtet. Sie selbst positioniert sich als Gegenmodell zum marktorientierten Kunstbetrieb. Um Bildung und Emanzipation soll es ihr gehen, und in der Berichterstattung schlägt sich das nieder. Kein Mensch redet oder berichtet etwa über die Arbeitsverhältnisse und internen Ökonomien bei der Documenta, alle über das Ästhetik- und Bildungsangebot. Dabei ist die Ökonomie der Documenta ein hervorragendes Beispiel für das Funktionieren des Kunstsystems. Als Teilnehmer des Documenta-Zeitschriftenprojekts hat MALMOE einen kleinen Einblick gewonnen.

Im Rahmen dieses Projekts wurden vor eineinhalb Jahren rund 90 unabhängige und selbstorganisierte Publikationen aus den Bereichen Kultur und Theorie aus aller Welt eingeladen, gemeinsam über Motive und Themen der documenta 12 nachzudenken.

Der Wunsch: Magazine sollen Beiträge zu den von der Documenta vorgegebenen Themen erstellen, auf einer gemeinsamen elektronischen Plattform publizieren und untereinander diskutieren. Die Documenta würde dann aus diesen Beiträgen die interessantesten für ihre drei eigenen Magazine auswählen, die zur Ausstellung begleitend erscheinen. Als Gegenleistung wurden Vernetzungs- und Austauschmöglichkeit mit anderen Magazinen sowie Aussicht auf Einladungen zu Konferenzen und Workshops im Ausland geboten. Geld für die Arbeit der teilnehmenden Medien gab es allerdings keines, es sei denn ein Beitrag würde für die eigenen Magazine der Documenta ausgewählt.

Das ist natürlich einerseits originell und inhaltlich ansprechend: Statt mit etablierten elitären Hochglanz-Kunstpublikationen aus den Kunstmetropolen der Welt zu kooperieren, werden marginale und kritische Publikationen aus der ganzen Welt zusammengesucht und erhalten damit eine einmalige Öffentlichkeit und eine Austauschmöglichkeit.

Andererseits ist es von der Form und den Rahmenbedingungen ganz typisch für das Kunstfeld, und man kann in dieser Konstellation ganz klassische Mechanismen erkennen, die das Projekt zu einem Anschauungsbeispiel machen, wie das Betriebssystem Kunst funktioniert. Sieben Aspekte springen dabei ganz besonders ins Auge:

1 Outsourcing von Ideenscouting

Das Zeitschriftenprojekt wird von der Documenta-Leitung als Recherchesystem bezeichnet, durch das sie zu ihren Informationen für die Ausstellungsgestaltung kommt. Das ist ein für die Kulturindustrie mittlerweile typisches Outsourcing von Innovation an unabhängige Kleine, wie das am Projekt teilnehmende Magazin Radical Philosophy treffend bemerkte. Damit holt man sich deren Credibility an Bord, und beschafft sich Informationen aus dezentralen Zusammenhängen, die für Außenstehende nur mit hohem Aufwand selber zu erlangen wären.

Vergleichbar mit den Deals zwischen Indies und Major-Labels in der Popindustrie stellt sich freilich die Frage nach der Balance von Kosten und Nutzen, Geben und Nehmen.

Eine jüngste Aussendung des nächsten Steirischen Herbst radikalisiert dieses Prinzip noch: Es werden Workshops zur Teilnahme ausgeschrieben, die als integrale Vorbereitungsetappe für das Programm fungieren sollen. Doch für diese Mitarbeit gibt es nicht etwa Honorare - für die Teilnahme werden sogar Gebühren erhoben…

2 Starmania Prinzip

Die intellektuelle Kooperation des Documenta-Magazin-Projekts scheint das totale Kontrastprogramm zu marktschreierischen Kommerz-Events wie Starmania und Konsorten zu verkörpern. Auf einer strukturellen Ebene gibt es aber frappierende Parallelen: Eine beschränkte Zahl von Teilnehmern wird eingeladen, sich einem Wettbewerb zu stellen, indem sie unbezahlte Arbeit mit Performancecharakter im Rahmen vorgegebener Aufgabenstellungen zur Verfügung stellen soll, aus der dann zentrale Leitungsfiguren das auswählen, was ihnen gefällt.

Im Kunstbetrieb ist das nichts Ungewöhnliches, sondern das gängige Modell bei den meisten Ausstellungen unterhalb des oberen Segments.

3 Glamour-Versprechen als Magnet

Dieses Angebot an Kulturschaffende, sich an Vorgaben eines Veranstalters abzuarbeiten, ohne dafür Geld zu verlangen, hat vor allem deshalb Erfolg, weil schon die Teilnahme ein soziales und symbolisches Kapital verspricht, das einerseits einen Eigenwert hat und sich vielleicht bei anderer Gelegenheit auch in ökonomisches Kapital umwandeln lässt.

So funktionieren Schleusensysteme im Kunstsystem wie Galerien, Ausstellungen usw. alle mit der Erwartung, dass man für die Aussicht auf Reputationsgewinn gratis arbeitet.

Im Documenta Magazinprojekt winken als Kompensation vereinzelte fringe benefits wie Tickets für Konferenzteilnahmen, Gratisexemplare von Publikationen, und das Versprechen auf soziales und symbolisches Kapital: Kontakte zu anderen Magazinen knüpfen, und den Reputationseffekt einstreifen, der durch eine Documenta-Teilnahme entsteht.
Einige teilnehmende Magazine nutzten das massiv, machten die Documenta-Fragestellungen zu zentralen Heftthemen und knallten den Hinweis aufs Cover. Andere haderten bis zur Selbstzerfleischung mit dem Problem, bei einem staatstragenden Event unter ausbeuterischen Bedingungen mitzumachen. Beim MALMOE-Layoutteam sorgte schon die Anforderung, Documenta-Logos auf bestehende Schwerpunkte zu placieren, die für die Documenta-Leitthemen geeignet schienen, für einen mittelschweren Aufstand, der lange Diskussionen nach sich zog.

4 Verteilung von Geld nach dem Prinzip der maximalen Außenwirkung

Grundregel des Kulturbetriebs: Das Geld fließt primär in die Repräsentation nach außen. Je vorgelagerter die dahinterstehenden Arbeitsprozesse sind, desto weniger haben sie Chance auf Entlohnung (es sei denn, sie sind aus anderen Gründen unentbehrlich).

Bei der Präsentation der Documenta Magazines gegenüber der Öffentlichkeit in der Secession gab es ein für lokale Verhältnisse unüblich üppiges Buffet – alles, was mit Außeneffekt zu tun hat, wird großzügig finanziert. Anreisemöglichkeiten für die Teams der Magazinprojekte werden dagegen nur vereinzelt finanziert – weil das bringt für die Außenrepräsentation nichts.

5 Maxi-Anzahl/Mini-Auszahlung

Ein typisches Merkmal ist auch, dass die Maximierung der repräsentativen Dimensionen die Auszahlung für einzelne Teilnehmende auch bei größten Budgets minimiert.

Natürlich würde es enorm viel Geld kosten, 90 Magazinen aus aller Welt Autorenhonorare, Reisekosten nach Kassel etc. zu bezahlen. Aber warum müssen es so viele sein? Wer im Publikum kann eine solche Menge überhaupt vernünftig rezipieren? Wer im ziemlich kleinen Ausstellungsteam kann ein Projekt mit so vielen Teilnehmern überhaupt vernünftig betreuen?

Die Erfahrung ist: Es ist zu viel, und das führt zu Fehlern, Unzufriedenheit und Überforderung bei allen Beteiligten. Das hätte man voraussehen können, aber es war bei der Auswahl nicht der entscheidende Punkt, denn es stand das Spiel mit der Ausstrahlung der großen Zahl im Vordergrund. Man will signalisieren: Wir sind repräsentativ, oder zumindest von unerreichter, gigantischer, beeindruckender Dimension.
Bei Ausstellungen sind auch immer prinzipiell zu viele Künstler eingeladen, als dass mit den Budgets nennenswerte Honorare bezahlt werden könnten.

6 Amikales Flair macht Abgrenzung schwierig

Bei der Documenta, die mit lauter Wienern besetzt ist, ist es v.a. uns als WienerInnen so gegangen, wie das in lokalen Kunstzusammenhängen typisch ist: Man ist mit den Zentralfiguren bekannt oder gar befreundet, steckt in den selben Netzwerken, schätzt einander oder ist sogar voneinander abhängig. Und diese Involviertheit führt dazu, dass eigene kritische Standards leicht kaum merklich aus dem Blick geraten.

7 Starsystem und seine individualisierenden, antikollektiven Rahmenbedingungen

Obwohl er die Documenta mit Ruth Noack im Team leitet, fungiert Roger Buergel offiziell als Einzelperson als Leiter, weil die Statuten der Documenta Leitung durch Einzelpersonen zwingend vorsehen. Das ist aber kein Betriebsunfall oder Einzelfall, sondern typisch für das individualistische Kunstsystem. Es schlägt sich auch im Umgang mit TeilnehmerInnen im Magazinprojekt nieder: Zu internen Konferenzen im Vorfeld gab es nur 1 Ticket für die Anreise pro Magazin – das führt zum Zwang, RepräsentantInnen auszuwählen und zu delegieren, was vielfach einfach der Arbeitsweise und dem Wunsch kollektiver Projekte widerspricht.

Das Prinzip der Heraushebung von Individuen wird nur dort durchbrochen, wo ein Kollektiv selbst eventtauglich wird – z.B. in Form der Anreise der 1001 ChinesInnen, deren Präsenz das spektakuläre Kunstwerk des Künstlers Ai Weiwei darstellt.

Der Umgang mit Doppelrolle als prestigeorientiertes Individuum und als VertreterIn eines Kollektivprojekts, deren Interessen oft auseinanderfallen wird so zum Sprengstoff für die beteiligten Projekte.

Und genau dieser Individualisierungsdruck macht es in den meisten Fällen so schwierig, sich gegen die problematische Ressourcenverteilung in Kulturprojekten zur Wehr zu setzen. Noch mehr als in so genannten Normalarbeitsverhältnissen, wo es viele gesetzlich festgelegte Rechte gibt, ist das Kollektivieren der Diskussion über die Ressourcenverteilung in Projekten das Um und Auf im Kulturbetrieb. Gerade in Projekten, die sich auf der inhaltlichen Ebene als kritisch verstehen. Da ist die Documenta nicht schlechter, aber auch nicht besser als das durchschnittliche Ausstellungsprojekt.

Den Magazinen, auf der ganzen Welt verstreut und miteinander überwiegend nur über das Projekt bekannt, ist es nicht gelungen, sich über kleine Unmutsäußerungen hinaus, kollektiv über den Umgang mit den Projektbedingungen zu verständigen. Die KunstvermittlerInnen vor Ort haben es zumindest geschafft, Verhandlungen über ihre unbefriedigende Entlohnung zu initiieren und Verbesserungen zu erzielen. Wie es den teilnehmenden KünstlerInnen ergangen ist, harrt noch der Recherche durch bezahlte AufdeckerjournalistInnen in den Kunstressorts.




online seit 20.06.2007 09:40:47 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : Beat Weber, Kati Morawek




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