menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Aufgewärmt.

Zur geschichtspolitischen Funktion des Kalten Krieges

„We know now”, gab sich John Lewis Gaddis 1998 überzeugt und wählte dieses Diktum als Titel für sein jüngstes Werk über den Kalten Krieg. Jetzt, da die Archive des ehemaligen kommunistischen Blocks zugänglich wurden, stand dem Erkenntnisdrang der HistorikerInnen, die sich seit Jahrzehnten mit der militärischen Ereignisgeschichte des Kalten Krieges, mit der Geheimdiplomatie der Großmächte und dem Verhältnis von Ideologie und Realpolitik beschäftigt hatten, scheinbar nichts mehr im Weg. Zahllose Überblickswerke, Fachpublikationen und Quelleneditionen wurden herausgegeben, während die DiadochInnen der wirtschaftlichen und politischen Systemtransformation an die Aufteilung jenes gigantischen Kuchens gingen, den der Realsozialismus hatte anbrennen lassen.

We know now. Jetzt wissen wir es also, und wenn nicht alles, so doch viel mehr, genug, um uns ein abschließendes Urteil über eine als vergangen postulierte Periode zu bilden... Doch das „Wir“ in dieser Phrase ist reichlich ambivalent. Die Fachleute kennen neue Quellen. BerufspolitikerInnen und WirtschaftsstragInnen behaupten mit Fukuyama: quod erat demonstrandum – an repräsentativer Demokratie und Kapitalismus führt der Weg posthegelianischer Universalgeschichte eben nicht vorbei! (Zur Erinnerung, Hegel: „Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Asien der Anfang.“) Aber wir? Das breite Wir der umfassenden Öffentlichkeiten, der ZeitungsleserInnen und KinogeherInnen, die wir unser Wissen vermittelt beziehen? Und weiter: Was wissen wir eigentlich? Und um welche Form von Wissen handelt es sich – positives Wissen, Alltagswissen, kulturell vermittelte Stereotypen? Kurz gefragt: In welchem Distrikt unserer kulturellen und kommunikativen Gedächtnisse residiert nun der Kalte Krieg?

Als der Begriff 1947 von Walter Lippmann eingeführt wurde, beschrieb er das rasche Abkühlen der Beziehungen zwischen den westlichen Kriegsalliierten und der Sowjetunion. Eingefroren wurde damals aber noch etwas Anderes – die Erfahrungen und Erinnerungen von Millionen Menschen, die die Eskalation der menschlichen Zivilisation in Genozid, totalem Krieg und totaler Gesellschaftskontrolle erlebt hatten. In wenigen, dichten Monaten changierten die Koalitionen des Weltkrieges hin zur Konkursmasseverwaltung des nationalsozialistischen Gesellschaftsprojektes. „The Russians get Poland, we get the German rocket scientists“, wie es in Steven Soderberghs Film „The Good German“ platt, aber nicht unrichtig zusammengefasst wird. Die exemplarischen Urteile von Nürnberg waren gefällt, die Verbrechen der Deutschen und ihrer KollaborateurInnen wurden als absolutes Böses historisiert und archiviert, und es sollte bis 1996 dauern, ehe mit Daniel Goldhagen wieder ein Amerikaner die Kollektivschuldthese auf den deutschen Mittagstisch knallen würde. Denn 1946 hatte ein neuer Feind das Feld betreten: der internationale Kommunismus (der europäische Faschismus hatte es ja schon immer gesagt!). Oder, aus der anderen Perspektive, der faschistisch-kapitalistische Imperialismus.

1948 war die europäische Landkarte neu gezeichnet. Der Eiserne Vorhang disziplinierte als geschichtspolitischer Kühlbeutel die im Sinne der neuen hegemonialen Erinnerungskulturen unzulässigen Gedächtnisse. 1961 wurde er vollends versiegelt durch die Berliner Mauer, von der Klaus Theweleit so richtig schrieb, dass sie „nicht einfach eine ostdeutsche Gefängnismauer gewesen ist, sondern eine tiefgemeinsame ost/westdeutsche Co-Produktion, notwendig für beide Seiten zur Abspaltung des jeweils tief Verdrängten“. Antisystemische Erinnerungssubkulturen und Erinnerungsgegenkulturen wurden denunziert und im Extremfall illegalisiert. Gleichzeitig wandelte die Populärkultur des Kalten Krieges jene Aggression, die der Herrschaft stets entgegenschlägt, in den Ankerplatz der Herrschaftsmacht im Individuum um – indem sie die von der Politik geschürte Angst kulturalisierte. Ein prächtiges Beispiel dafür lieferte die Atomic Culture der USA und Großbritanniens, wo der Gedanke der zivilen Verteidigung gegen die allgegenwärtige Gefahr des kommunistischen Vernichtungsschlages tief in Kino, Fernsehen und Musik eingedrungen ist. Auch östlich des Eisernen Vorhangs war der innere soziale Friede nicht allein durch einen allgemeinen Gesellschaftsvertrag und dessen totalitäre Überwachung gewährleistet, sondern durch das ständige Perpetuieren von Bedrohungsperzeptionen durch die Regime. So verdankte sich etwa die breite (und teure!) Unterstützung der tschechoslowakischen Bevölkerung für den Bau der Mauer den gezielt gestreuten Berichten, die deutsche Bundeswehr und die faschistischen Amerikaner stünden wieder einmal zum Einmarsch in Böhmen bereit.

Der Kalte Krieg war also – in Europa, wohlgemerkt, nicht etwa in Vietnam oder Guatemala, wo die Verbindung von ideologischer Machtpolitik und Entkolonialisierungskomplexen zu Jahrzehnte währenden Blutbädern führte – „per definitionem ein rhetorischer Krieg“ (Martin Medhurst). Werte wie Freiheit und Demokratie wurden beschworen, und deren Verteidigung gegen die ubiquitäre Bedrohung durch den inneren und äußeren Feind galt als wichtigste Legitimation der Herrschaft. Sehr im Sinne der Regime ging dies auf Kosten von Vergegenwärtigung und Aufarbeitung eigener Verbrechen. Die westliche Popkultur der 1950er und frühen 1960er Jahre verschrieb sich denn auch dem Fortschrittsoptimismus der Nachkriegskonjunktur und besang den Traum des grenzenlosen Konsums. Als sich Ende der 1960er Jahre doch eine Gegenkultur etablierte, die die Werte und Lebensentwürfe der Elterngeneration in Frage stellte, wurde auch diese rasch und geschickt kommerzialisiert und gegen sich selbst gewandt, bis der korrumpierte Rest der sogenannten 68er-Revolution seine eigenen Blumenkinder und Stadtguerilleras/os fraß und als brave BürgerInnen wieder ausspuckte. Neben die „Beschwörungsformeln“ (Michael Diers) der Kaltkriegspropaganda trat die Korruption durch Ersatzbefriedigung (Guevara-Leiberl statt Sozialrevolution) als Methode, Widerstandsgeist ins Unbewusste abzudrängen.

Gesellschaften bzw. deren herrschende Regime, die alle Veränderung von unten verhindern wollen, ritualisieren zu diesem Zweck die kollektiven Vergangenheitsreferenzen strikt bzw. frieren sie ein, um jedwedes Eindringen der Geschichte abzuwehren. Claude Lévi-Strauss nannte solche beharrenden Kulturen „kalte“ im Gegensatz zu „heißen“ (veränderungsorientierten) Gesellschaften. Der Ethnopsychoanalytiker Mario Erdheim differenzierte diese These aus und sprach von „heißen“ und „kalten“ Institutionen, die das Veränderungspotential in Gesellschaften kontrollieren. Der Kalte Krieg in seiner Eigenschaft als politpsychologisches Instrument der Herrschaftslegitimierung kann als ein solches Kühlsystem verstanden werden. Nicht umsonst gerieten immer dann, wenn – wie etwa in den späten 1960er Jahren – innerhalb der westlichen Gesellschaften Radikalkritik und Alternativmodelle artikuliert wurden, auch geschichtspolitische Konflikte an die Oberfläche (Abrechnung mit der Adenauer BRD, Algerienkrieg, koloniales Erbe, Ermordung der Native Americans).

Als 1989 der Eiserne Vorhang aufging und in der Folge der realsozialistische Herrschaftsbereich zerfiel, endete damit das, was ich die „lange europäische Nachkriegszeit“ nennen will. Zuletzt hat Tony Judt die gesamte europäische Geschichte seit 1945 als „Post War“ bezeichnet und wies damit auf das gleiche Phänomen hin. Der Kalte Krieg in Europa bedeutete jenseits seiner machtpolitischen Determinanten das Einfrieren von heißer Erinnerung, die das politische Nachkriegssystem in Frage stellen wollte. Erst in den 1980er Jahren wurde es auch politischen Eliten möglich, die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zuzulassen. Interessanter Weise entspricht das jener sich stets verschiebenden Bruchlinie (Floating Gap) von 40 Jahren, die Jan Assmann als Zeitpuffer beschrieb zwischen einem Ereignis und seiner Einschreibung in das kulturelle Gedächtnis, wenn mit dem Tod der ZeitzeugInnen das kommunikative Gedächtnis endet.

Die geschichtspolitische Funktion des Kalten Krieges als Sedativum für kontrapräsentische, herrschaftskritische Vergangenheitsreferenzen ist also ausgelaufen. Doch wie steht es mit der Bewertung dieser Epoche selbst? Sind wir schon bereit für ihre Historisierung? Oral History-Studien kommen zu erstaunlichen Ergebnissen, was die Interpretation oder gar die scheinbare Verdrängung des Kalten Krieges in verschiedenen kommunikativen Gedächtnissen in Ost und West betrifft. Wir wollen verstehen, wo wir doch schon alles zu wissen glaubten. Nun stellt sich der europäische Feuilleton wichtige Fragen: Hat sich der Prozess des Floating Gap hinsichtlich des Kalten Krieges beschleunigt? Erleben wir die Aneignung dieser Epoche durch Massenmedien und Kino bereits 15 Jahre nach ihrem Ende? Oder war die Diagnose des Endes der Geschichte, der allenfalls noch ein Kampf der Kulturen vorauszugehen hätte, etwa voreilig? Hat die Außengrenze der Festung Europa wirklich den Eisernen Vorhang als kulturelle Frontiere abgelöst? We don’t know yet. Doch die ersten Repräsentationen der vermeintlich vom „Westen“ gewonnen letzten Runde der Menschheitsgeschichte, die sich nun im populärkulturellen Latenzgedächtnis zeigen, machen eines klar: Infolge des auch über die Kulturwissenschaften hinaus wirkmächtigen Memory Turn entzieht sich der Kalte Krieg jener langen Tiefkühlperiode, die er selbst für seine Vorgeschichte bedeutet hatte. Er wird überraschend schnell aufgewärmt.




Literatur


Assmann, Jan: Das kulturelle Gdächtnis. Schrift, Erinnerung politische Identität in frühen Hochkulturen, München: Beck 1997
Chilton, Paul: Security Metaphors: Cold War Discourse from Containment to Common House, New York: Peter Lang 1996
Diers, Michael: Schlagbilder. Zur politischen Ikonographie der Gegenwart, Frankfurt am Main: Fischer 1997, S. 124
Erdheim, Mario: ‘Heiße’ Gesellschaften und ‘kaltes’ Militär, in: derselbe: Psychoanalyse und Unbewußtheit in der Kultur: Aufsätze 1980-1987, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 331-344
Erdheim, Mario: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozeß, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984
Geppert, Dominik: ‘Proclaim Liberty Throughout all the Land’. Berlin and the Symbolism of the Cold War, in: Geppert, Dominik (Hg.): The Postwar Challenge: Cultural, Social, and Political Change in Western Europe, 1945-1958 (Studies of the German Historical Institute, London), Oxford: Oxford University Press 2003, S. 339-363
Gries, Rainer / Satjukow, Silke (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Berlin: Links Verlag 2002; Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2005
Medhurst, Martin: Introduction, in: Medhurst, Martin / Ivie, Robert / Wander, Philip / Scott, Robert (Hg.): Cold War Rhetoric: Strategy, Metaphor and Ideology 1997, S. XIV
Theweleit, Klaus: Die Mauer als nationales Massensymbol der Deutschen, in: Theweleit, Klaus: Das Land, das Ausland heißt. Essays, Reden, Interviews zu Politik und Kunst, München: DTV 1995, S. 22




online seit 18.05.2007 11:58:29
autorIn und feedback : Berthold Molden


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/regieren/1416



Schauprozess gegen die Röszke11

Ein Update zur ungarischen Abschottungspolitik (September 2017, aus: MALMOE #80)
[14.11.2018,Bernadette Schönangerer]


Wadde hadde Dudde da?

Lars* Kollros und Alexandra Zaitseva präsentieren mit Festival der Demokratie einen Film, der sorgfältig die Geschehnisse rund um den G20-Gipfel 2017 mittels Interviews aufbereitet. Zum Haareraufen.
[06.11.2018,Frank Jödicke]


Ein Weg aus der Sackgasse?

Eine „Streitschrift für eine politisch unkorrekte Links-Linke“ versucht einen solchen aufzuzeigen
[05.10.2018,Frederike Hildegard Schuh]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten