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  Es war einmal ein arrastão...

Medienjustiz und Rassismus im Sommerloch

Am 10. Juni 2005 präsentierte der portugiesische Fernsehsender TVI in den 19-Uhr-Nachrichten Fotografien eines – angeblichen – Überfalls von 500 – hauptsächlich schwarzen – Jugendlichen auf Badegäste am Strand von Carcavelos rund zehn Kilometer außerhalb Lissabons. Zuvor hatte der örtliche Polizeikommandant von Cascais, Gonçalves Pereira, gegenüber der Presseagentur Lusa erklärt, dass sich gegen 15 Uhr rund "500 Erwachsene und Jugendliche in Gangs formiert" und anschliessend damit begonnen hätten, "die Badegäste anzugreifen und zu überfallen". In der Folge griffen auch andere Fernsehsender die Story auf, der Correio da Manhã titelte am nächsten Morgen mit "Terror am Strand" und die Lusa-Meldung schaffte es auch in zahlreiche internationale Medien. Damit war eine breite, von massiven rassistischen Untertönen begleitete Debatte über Jugendkriminalität, Migration und Sicherheit bereits losgetreten. Kaum Beachtung fand hingegen die Tatsache, dass sich der angebliche "arrastão" bereits nach zwei Tagen als ein Produkt eines von Ressentiments getragenen Sensationsjournalismus herausgestellt und in Wahrheit nie stattgefunden hatte.

Der 10. Juni, portugiesischer Nationalfeiertag (Dia do Portugal) und damit traditionell von rechtsextremen Demonstrationen begleitet, fiel 2005 auf einen Freitag. Es war schulfrei und wegen des schönen Wetters waren die Strände gut besucht. Der Strand von Carcavelos liegt zwischen einer ausgesprochen reichen und einer relativ armen Stadt an der dicht bebauten Küstenlinie zwischen Lissabon und Cascais. Die Gegend genießt somit nicht den besten Ruf und wird an solchen Tagen von rund einem Dutzend PolizistInnen beaufsichtigt. Zur Sicherheit sind diese mit Pumpguns ausgestattet.

Nun dürfte es an diesem Nachmittag zu einer kleineren Auseinandersetzung gekommen sein – vielleicht ein Streit unter Jugendlichen oder ein versuchter Diebstahl... – die durch einige Schüsse in die Luft abrupt beendet wurde. Während erste Zeitungsberichte die Schüsse den Anführern des "arrastão" zugeschrieben hatten, stellte sich bald heraus, dass PolizistInnen in die Luft geschossen hatten, "um Diebe zu vertreiben", wie es ein Beamter gegenüber dem Correio ausdrückte. Dass damit eine Massenpanik am Strand ausgelöst wurde, hätte man eigentlich annehmen können. Die anwesenden Badegäste schnappten sich also ihre Sachen und liefen vor den Schüssen davon.

Auch der zufällig anwesende Pressefotograf Hélder Gabriel hörte die Schüsse und hielt die Szenen mit der Kamera fest. Da die von der Situation offensichtlich überforderten PolizistInnen sich sicherheitshalber daran machten, ausschliesslich schwarzen Jugendlichen nachzulaufen, um dieser habhaft zu werden, war für Gabriel die Sache klar - er war soeben Augenzeuge des ersten "arrastãos" in Portugal geworden! Als "normaler" Badegast durfte er dann auch in zahlreichen Interviews seine Version der Ereignisse darlegen. Praktischerweise dürfte sich damit für die Fernsehstationen die Suche nach anderen AugenzeugInnen weitgehend erübrigt haben.

Das Phänomen arrastão - benannt nach einem langen Fischernetz - tauchte erstmals in den 70er-Jahren an den Stränden Brasiliens auf: in einer Linie formierte Jugendliche laufen über den Strand und klauen dabei, was ihnen unter die Finger kommt: Taschen, Geldbörsen, später auch Mobiltelefone.

Die Berichte erzeugten bei vielen PortugiesInnen das Gefühl, dass eine Welle von Jugendkriminalität nun auch ihr Land – welches von solchem Ungemach bisher verschont geblieben sei – erreicht hätte. PolitikerInnen forderten im Chor mit den Medien eine Verbesserung der Sicherheit auf den Stränden und in kürzerster Zeit waren eine lückenlose Video-Überwachung sowie die Verstärkung der Polizeipräsenz an den Stränden zwischen Lissabon und Cascais beschlossen.

Darüber hinaus beteiligten sich vor allem die Medien an einer unverhohlen rassistischen Kampagne gegen schwarze Jugendliche. Während der Correio - nach der Fußball-Zeitung A Bola immerhin die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes - den vermeintlichen Überfall mit einer Heuschreckenplage verglich, legte das Boulevardblatt 24 horas dem schwarzen Fussball-Star Miguel Monteiro für ihre Schlagzeile die Worte: "Wenn er Rassismus spürt, dann revoltiert der Schwarze noch mehr" in den Mund. Auch wenn andere Medien mit direkt rassistischen Schlagzeilen etwas behutsamer umgingen, so wurden in fast allen Medien einzelne, ausschließlich schwarze Jugendliche auf den Fotos des Hélder Gabriel gekennzeichnet und als Diebe an den Pranger gestellt.

Im Übrigen hatte man schnell herausgefunden, wo man nach den vermeintlichen TäterInnen zu suchen hätte: in einigen von MigrantInnen dominierten und von der Stadtverwaltung weitgehend sich selbst überlassenen Vorstadtsiedlungen Lissabons. Allerdings blieben einige Fragen offen, etwa wie sich 500 Jugendliche aus den unterschiedlichsten Ecken der Stadt zu einer derart konzertierten Aktion zusammenfinden konnten. Um diese zu beantworten, hatte man ebenso schnell ExpertInnen zur Hand, einen Anwalt im Correio beispielsweise: "Ich denke, dass es sich hierbei um ein extrem gewalttätiges Verbrechen handelt und ich glaube nicht, dass wir jemals eine vergleichbare Situation hatten. Die veröffentlichen Bilder lassen darauf schließen, dass eine Organisation involviert sein muss, und zwar mit deutlichen Konturen organisierter Kriminalität."

Wie absurd diese Form der Medienjustiz ist, zeigt unter anderem, dass bei der Polizei bloß eine einzige Diebstahlanzeige einging. Die Erklärung der Polizei bereits zwei Tage nach den Vorfällen, dass in Carcavelos kein arrastão stattgefunden hätte, wurde mit einer Ausnahme – einem Artikel von Nuno Guedes in A Capital – von allen Medien des Landes ignoriert. Der journalistische point of no return war offenbar bereits überschritten, eine Kehrtwendung nicht mehr möglich. Und so begann selbst der linksliberale Público erst nach acht Tagen vorsichtig an der Existenz des "arrastãos" zu zweifeln, der Correio benötigte eineinhalb Monate für eine entsprechende Notiz.

Weitaus weniger vorsichtig mussten hingegen die Organisatoren der "Demonstration gegen Kriminalität" am 18. Juni - vorwiegend Skinheads der Frente Nacional - agieren. Bevor sie hitlergrüssend durch Lissabon zogen, durften einige von ihnen ausführlich ihre Ideen den ZuseherInnen der grossen Fernsehstationen darlegen. Die vorsichtige Zwischenfrage einer Journalistin, ob das eben gesagte nicht rassistisch sei, wurde mit dem Hinweis abgetan, dass es in dieser Sache um die Zukunft des Landes ginge, für die man gemeinsam – Rassismus hin oder her – zu kämpfen habe. Schulterschluss!

Den Medien war das Material von dem Ereignis, das nie stattgefunden hatte, naturgemäß schnell ausgegangen. Bildeten zu Beginn vor allem Kommentare und Ferndiagnosen den Subtext zu ausführlichen Fotostrecken, so begann man bald damit, jeden Ladendiebstahl schwarzer Jugendlicher zum mini-arrastão hochzustilisieren. So wurde beispielsweise von angeblich am "arrastão" von Carcavelos beteiligten Jugendlichen berichtet, die mit einem Mietwagen ein "rave" in der 400 km entfernten Touristenregion Algarve veranstalten wollten. Dabei stand "rave" stets unter Anführungszeichen und wurde in einer Art verwendet, also ob es sich dabei um eine codierte Bezeichnung für arrastão handeln würde.

Zwei Wochen später war die Lüge nicht mehr aufrechtzuerhalten und der erste "arrastão" Portugals verschwand sang- und klanglos aus den Medien. Eine aufdeckende Reportage der ehemaligen Präsidentin der Journalistengewerkschaft, Diana Andringa, wurde vom wichtigsten Nachrichtenmagazin Expresso abgelehnt. In der Folge produzierte sie aus dem Recherche-Material eine 20-minütige Reportage, die sie im Internet veröffentlichte (www.eraumavezumarrastao.net).

An der Stigmatisierung der schwarzen Jugendlicher aus den so genannten bairros problemáticos ("problematischen Vierteln") änderte dieses Engagement jedoch wenig, zumal damit bislang nur eine kleine Öffentlichkeit erreicht wurde. Die Fernsehsender und Printmedien des Landes sehen sich bis heute nicht genötigt, sich bei den Opfern der Hetzkampagne zu entschuldigen – wohl nicht zuletzt deshalb, da die meisten Opfer wohl kaum in der finanziellen Lage sind, ihr Recht vor Gericht – im Kampf mit den großen Medienkonzern – einzufordern.


online seit 07.10.2005 15:04:36 (Printausgabe 28)
autorIn und feedback : Christian Sperl




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