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Allons enfants de la Patrie … Debout les damnés de la terre: Die Arbeiter_innenlieder-Gesangsstunde mit Joseph Grim Feinberg

Als die Menschen der „Pariser Kommune“ 1871 ihre roten Flaggen hissten, war es nicht die „Internationale“ sondern die „Marseillaise“ die unter jenen erklang. Die globale Revolution klammerte sich damals noch an den Rockzipfel einer nationalen Revolutionsbewegung und es war auch noch nicht klar, dass, während sich die Bürger_innenschaften der verschiedenen Nationen befreiten, die internationalen Arbeiter_innen immer stärker der dominanten Herrschaft der Nationalstaaten unterworfen werden würden.

Am Beginn aber war zumindest der Einfluss beidseitig und die patriotische Bourgeoisie muss erschaudert sein, als sie plötzlich „ihre“ Lieder gegen sich gewandt sah:

Quoi! des cohortes étrangères
Feraient la loi dans nos foyers!
Quoi! ces phalanges mercenaires
Terrasseraient nos fiers guerriers. (2×)
Grand Dieu! par des mains enchaînées
Nos fronts sous le joug se ploieraient.
De vils despotes deviendraient
Les maîtres de nos destinées!
Aux armes, citoyens…

(Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (2×)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
Zu den Waffen, Bürger ...)

Claude Joseph Rouget de Lisle schrieb 1792 dieses Lied, als die österreichischen und preußischen Armeen („Des cohortes étrangères”) in Richtung der Revolution in Frankreich marschierten. Aber 1792 war das revolutionäre Frankreich eine konstitutionelle Monarchie und Rouget de Lisle, wie sich herrausstellte, ein konstitutioneller Monarchist, welcher später gerade noch der Guillotine entkam. Noch später, 1814, begrüßte er dann die Restauration mit einer neuen Hymne („Vive le Roi!”). Sein älteres Lied war zu diesem Zeitpunkt bereits in andere Hände gefallen. Freiwillige Milizsoldaten aus Marseille, radikaler als der Autor noch, sangen es während sie in Paris einfielen und dort mithalfen eine neue Welle anti-royalistischer Aufstände zu provozieren. Das Lied selbst blieb bestehen.

Ausgelöst durch Unterdrückungsbestrebungen einer Serie von reaktionären Regierungen etablierte sich die „Marseillaise“ für die nächsten 75 Jahre als die führende Melodie der Weltrevolution. Als das Lied dabei die Grenzen Frankreichs überschritt wurden seine Worte den neuen Gegebenheiten angepasst. So gibt es mindestens drei Versionen der „Arbeiter_innen-Marseillaise“, alle offenbar voneinander unabhängig getextet: Jacob Audorf (ein sozialistischer Verleger) schrieb eine deutsche, Pyotr Latrov (Narodnik und Philosoph) 1875 eine russische und auch eine englische Neutextung (Autor_in unbekannt) entstand. Hier der erste Vers und Refrain der deutschen Neu-Version:

Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet,
zu unsrer Fahne steh allzuhauf!
Wenn auch die Lüg uns noch umnachtet,
bald steigt der Morgen hell herauf!
Ein schwerer Kampf ist’s den wir wagen,
zahllos ist unsrer Feinde Schar.
Doch ob wie Flammen die Gefahr
mög über uns zusammenschlagen,

[Refrain]

nicht fürchten wir den Feind,
stehn wir im Kampf vereint!
Marsch, marsch, marsch, marsch
und sei’s durch Qual und Not,
für Freiheit, Recht und Brot!

Die „Arbeiter_innen-Marseillaise“ blieb bis in die Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts eines der beliebtesten Lieder singender Proletarier_innen, bis es dann definitiv seinen Ersatz in der „Internationalen“ fand. Die „Marseillaise“ wurde dann nach und nach wieder von Seiten reaktionärer französischer Nationalist_innen zurück-vereinnahmt.

Die „Marseillaise“ war allerdings bei weitem nicht das einzige Lied dessen Geschichte von der Überschreitung national-patriotischer Grenzen zeugt. Jene der „Warszawianka“ begann, obwohl der Originaltext des Liedes interessanterweise von Jean-François Casimir Delavigne, einem französischem Unterstützer der polnischen Sache, stammt, 1831 als Träger_in von klassischem bourgeoisen Patriotismus. Dann später, irgendwann zwischen 1878 und 1897 (die Quellen sagen unterschiedlichstes) wurde von Wacław Święcicki eine neue „Warszawianka“ geschrieben. Es ist nicht klar ob dem Autor die vorangegangene Version als Inspiration diente, aber der neue Text (welcher auch noch mit einer neuen Melodie versehen wurde) drückte auf jeden Fall einen radikal veränderten politischen Moment aus, da sich nun die Hoffnung auf nationale Befreiung in Richtung revolutionärer Bewegung von und für Arbeiter_innen verschoben hatte. Das Lied zirkulierte auch in zaristischen Gefängnissen und eine russische Version davon „konkurrierte“ bald mit der „Marseillaise“ und der „Internationalen“ um die Herzen der Revolutionär_innen im Russland der entrüsteten und enthusiastischen Jahre zwischen 1905 und 1917. Der Originaltext „Marschiere, marschiere Warschau“ veränderte sich dabei zu „Marschiert, marschiert vorwärts/Arbeitende Menschen“. Ursprünglich also einem Warschauer Gefängnis entsprungen, wurde das Anstimmen dieses Liedes bald als allgemeines Symbol gegen Unterdrückung gesehen. Neben der russischen, gab es später auch finnische, französische, englische und deutsche Versionen, zum Beispiel:

Feindliche Stürme durchtoben die Lüfte,
drohende Wolken verdunkeln das Licht.
Mag uns auch Schmerz und Tod nun erwarten,
gegen die Feinde ruft auf uns die Pflicht.
Wir haben der Freiheit leuchtende Flamme
hoch über unseren Häuptern entfacht:
die Fahne des Sieges, der Völkerbefreiung,
die sicher uns führt in die letzte Schlacht

[Refrain:]

Auf, auf nun zum blutigen, heiligen Kampfe.
Bezwinge die Feinde, du Arbeitervolk.
Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden,
erstürme die Welt, du Arbeitervolk!
(unbekannte Autor_in)

Heute allerdings ist das Lied in noch einer anderen Form am bekanntesten wohl, nämlich als Basis für „A las barricadas“, der Hymne der spanischen Syndikalisten in der Zeit der spanischen Revolution und des Bürger_innenkriegs. Außerdem wurde es (unter dem Titel „Ánemi Thíelles“, „Άνεμοι Θύελλες“ oder „Winde und Stürme“) auch zu einer Hymne der griechischen Partisan_innen. Damit aber war die Entwicklung des Liedes noch nicht beendet: In der französischen Anti-Nazi Resistance wurde die Melodie von den, eher un-revolutionären, Husaren des Ersten Fallschirmspringerregiments (a.k.a. „Les Hussards de Bercheny“) verwendet und zuletzt hörte ich eine neue polnische Version, diesmal (wenn ich meinen Quellen glauben schenken darf) von konservativen Nationalist_innen gesungen, welche nun wieder die Trennlinie zwischen den Hoffnungen einer Nation und den Hoffnungen der internationalen Arbeiter_innenschaft gezogen haben.

Vielleicht ein Beispiel noch: 1914, am Höhepunkt der mexikanischen Revolution, schrieb der Anarchist Enrique Flores Magón „Tierra y libertad“ („Land und Freiheit“) zur Melodie der mexikanischen Nationalhymne, welches auch unter dem Namen „Revolutionshymne“ bekannt wurde. Das Lied erreichte unter seinen Zeitgenoss_innen einige Bekanntheit, mittlerweile ist es jedoch nahezu vergessen – es scheint als würden nationale und revolutionäre Hymnen sich heutzutage einfach nicht mehr so gut mischen.

Durch die Emanzipierung der Arbeiter_innenklasse von der Nation, emanzipierte sie sich auch von nationalem Liedgut. Als nationale Interessen dann „ihre“ Lieder wieder zurückbeanspruchten, benötigte die Arbeiter_innenklasse einen eigenen Chorus, eine eigene Hymne und fand jene in der „Internationalen“. Ein Lied ohne nationalem Ursprung und mit einer Idee, die (während seine institutionellen Ursprünge – die „Pariser Kommune“ und die „Erste Internationale“ – gerade zerfielen) zu einer internationalen Idee und damit zu einem befreienden Vorboten der Solidarität werden konnte. Ein Lied, welches für sich selbst und im gleichen Atemzug für die Erneuerung der Welt über die Grenzen von Partei und Nation hinaus steht.

online seit 29.08.2012 09:12:29 (Printausgabe 59)
autorIn und feedback : Joe Grim Feinberg




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