MALMOE

„
Der einfachste Weg, ­unsere ­Umgebung zu steuern, ist die ­Steuerung unseres Sounds.“

Eine App hat einen Major-Plat­ten­ver­trag bekom­men. Die Zukun­ft, meinen manche. Eine War­nung, dass wir mit automa­tisierten Musiksys­te­men über­schwemmt wer­den, sagen andere.

Bey­on­cé hat einen. Justin Bieber auch. Und jet­zt hat – Über­raschung – sog­ar eine App einen Plat­ten­ver­trag bekom­men. Endel, so der Name der in Berlin gegrün­de­ten App, kom­poniert Musik auf Basis der Dat­en, die man in ihr Sys­tem klopft. Sei es die Tageszeit, das Wet­ter oder bevorste­hende Ter­mine im syn­chro­nisierten Kalen­der. Sei es der Puls, den die Smart­watch misst oder die Bewe­gun­gen, die das Smart­phone aufze­ich­net. Die App trackt alles – und bastelt so einen per­son­al­isierten Sound­track. Um das Leben „bess­er, relax­ter und opti­miert­er“ zu gestal­ten, sagen zumin­d­est die Entwickler*innen. Dass sich das gut in die Logik des flex­i­blen Kap­i­tal­is­mus ein­flecht­en lässt, dürften sich auch die Ver­ant­wortlichen bei Warn­er Music gedacht haben. Sie haben Endel als erste App unter Ver­trag genom­men.

Endels Musik basiere auf ein­er Rei­he von neu­rowis­senschaftlichen Unter­suchun­gen, sagt Oleg Stavit­sky, der CEO der App. Weißes Rauschen und sphärisch-ver­hallte Klänge sollen zu besser­er Konzen­tra­tions­fähigkeit führen, gle­ichzeit­ig Angst­ge­füh­le reduzieren und die Leis­tung steigern. Nutzer_innen kön­nen dafür inner­halb der App zwis­chen vier unter­schiedlichen Ein­stel­lun­gen wählen: „Relax Mode“, „Focus Mode“, „On-the-Go-Mode“ und „Sleep Mode“. Sie alle eint ein Algo­rith­mus, der die Sounds an die jew­eili­gen Dat­en anpassen soll. Je mehr das Sys­tem davon bekommt, desto bessere Ergeb­nisse könne man erwarten.

Das klingt zunächst nach ein­er über­ar­beit­eten Ver­sion von vorkon­fig­uri­erten Spo­ti­fy-Playlists wie „Smooth Morn­ings“ und „Work­day Zen“. Und auch auf den zweit­en Blick deckt sich die Inten­tion des Stream­ing-Anbi­eters mit jenen von Endel. Die App soll „Musik für jeden Moment“ bieten – „wo immer man ist, was immer man tut.” Im Unter­schied zu Spo­ti­fy bekommt man als Nutzer_in der App aber nicht nur per­son­al­isierte Playlists aufs Handy gespielt, son­dern gle­ich eigene, „ver­datete“, also aus Dat­en gespeiste Kom­po­si­tio­nen.

Götterdämmerung: Das geschlossene System

Um das Konzept hin­ter Endel zu ver­ste­hen, müssen wir uns zunächst vor Augen führen, dass Algo­rith­men mith­il­fe ver­gan­gener Suchan­fra­gen oder Hörge­wohn­heit­en schon jet­zt eine Zukun­ft in der Gegen­wart antizip­ieren. Sie stellen Verbindun­gen her, von denen wir nicht gewusst haben, dass es sie gibt, weil Algo­rith­men gel­ernt haben, uns bess­er zu ken­nen, als wir es selb­st tun. Das hat dazu geführt, dass wir zunehmend in ein­er Kul­tur der realen Vir­tu­al­ität leben, die durch gle­ichzeit­ige Zeit­losigkeit und zeit­lose Gle­ichzeit­igkeit geprägt ist. Wir sehen uns mit ein­er Ver­flachung des Neuen kon­fron­tiert. Mit ein­er Veren­gung dessen, was in der Gegen­wart zukün­ftig geschaf­fen wer­den kann.

Neu ist also nicht, dass Algo­rith­men Dat­en erfassen, und durch Kor­re­la­tio­nen weit­ere Verbindun­gen her­stellen. All das bes­timmt längst unseren All­t­ag. Neu ist, dass mit Endel die Möglichkeit zu ein­er selb­stre­flex­iv­en und selb­stre­f­eren­ziellen Algo­rith­misierung geschaf­fen wird. Im Falle der App suchen Algo­rith­men nicht nur Verbindun­gen aus unser­er Ver­gan­gen­heit, um zukün­ftige Entschei­dun­gen in der Gegen­wart zu antizip­ieren. Sie erstellen gle­ichzeit­ig auch den Inhalt, von dem wir noch nicht wis­sen, dass wir ihn wollen wer­den. Nehmen wir an, die App kom­ponierte Musik­stücke, die auf Spo­ti­fy lan­den, ein­ge­ord­net und in die näch­ste „Chill & Relax“-Playlist gespült wür­den. Es entstünde ein geschlossenes Sys­tem, eine autark agierende Homöostase. Abgekop­pelt von men­schlichem Zutun näh­men Algo­rith­men gle­ichzeit­ig die Rolle des Pro­duzen­ten, Dis­trib­u­tors und Kon­sumenten ein. Am Ende erstell­ten sie Musik, die von anderen Algo­rith­men ver­ar­beit­et und von wieder anderen bew­ertet wer­den.

Reality Check: Mehr Leistung mit dem „richtigen“ Sound

Als es im Hör­funk in den 90er-Jahren zu ein­er Umstel­lung hin zum ziel­grup­pen­er­weit­ern­den For­ma­tra­dio kam, gab es eine primäre Vor­gabe: die Ver­mei­dung von Unlust durch den „richti­gen“ Sound. Redakteur_innen soll­ten Songs anhand dieses Kri­teri­ums auswählen und sie in Clus­ter zusam­menge­fasst abspie­len. Diese Clus­ter soll­ten in ihrer Gesamtheit nicht zwin­gend Lust oder Freude ver­mit­teln. Das Ziel war also nicht, mehr Men­schen zum Ein­schal­ten zu bewe­gen. Es ging vielmehr darum, sie davon abzuhal­ten, das Gerät abzuschal­ten oder den Sender zu wech­seln. Das erk­lärt auch, warum der öster­re­ichis­che Rund­funk Anfang der Neun­ziger Nir­vanas Smells Like Teen Spir­it nicht ins Pro­gramm nehmen wollte. Der rotzige Grunge aus Seat­tle würde, so die dama­lige Annahme, mehr Abschalt- als Ein­schaltim­pulse ver­mit­teln.

Mit der App von Endel muss sich hinge­gen nie­mand mehr um den „richti­gen“ Sound küm­mern. Die App regelt das schon selb­st. Durch die Abschaf­fung der Unlust ver­mit­telt sie eine zeitliche Unver­mit­tel­barkeit. Sie ist nicht abhängig von sys­tem­a­tis­chen Ord­nun­gen, son­dern von nicht wahrgenomme­nen, unsicht­baren Impulsen der Kon­sum­ieren­den sowie nicht kon­trol­lier­baren Entschei­dun­gen der Pro­duzieren­den selb­st. Im Moment set­zt die App zwar noch auf ein men­schlich­es Fun­da­ment – der rus­sis­che Ambi­ent-Kün­stler Dmit­ry Evgrafov steuert die musikalis­chen Skizzen bei, aus denen sich die Kom­po­si­tio­nen zusam­menset­zen – wir sehen aber bere­its die Entste­hung ein­er chro­nol­o­gis­chen Unord­nung, die von ein­er sozialen Kon­tex­tu­al­isierung der Nutzung abhängig gemacht wird. Damit wirkt die App gle­ichzeit­ig als Kul­tur des Ewigen und Flüchti­gen. Ewig, weil sie die kom­plette Sequenz kul­tureller Aus­drucks­for­men vor­wärts und rück­wärts umfasst. Und flüchtig, weil jede Abfolge sowohl vom Kon­text als auch von der Zielset­zung abhängig ist, nach der ein bes­timmtes kul­turelles Kon­strukt anges­teuert wird.

Der spanis­che Sozi­ologe Manuel Castells hat sich im ersten Band von Auf­stieg der Net­zw­erkge­sellschaft mit einem aus soundäs­thetis­ch­er Sicht ähn­lichem Phänomen auseinan­derge­set­zt: der New Age-Musik. Sie sei repräsen­ta­tiv für die zeit­lose Dimen­sion der entste­hen­den Kul­tur, „weil sie umge­baute bud­dhis­tis­che Med­i­ta­tion, elek­tro­n­is­che Geräuscherzeu­gung und raf­finiert kali­for­nische Kom­po­si­tion­sweise zusam­men­führt.“ Endel ent­stand zwar in Berlin, ver­spricht aber genau­so wie der elek­tro­n­is­che Spir­i­tu­al­is­mus des Sil­i­con Val­ley eine Vorstel­lung der Immer­sion. Einzu­tauchen in eine ästhetis­che Sphäre, wo es keine schar­fen Gren­zen der Kon­fronta­tion mehr gibt. Im Gegen­teil: Der Sound soll den eige­nen Geist umspülen, und so vor äußeren Ablenkun­gen schützen, um Pro­duk­tiv­ität, Fokus und nicht zulet­zt die eigene Leis­tungs­bere­itschaft zu steigern.

Götterdämmerung 2: Mit personalisiertem Sound zum Stimmungsboost

Wer sich die Keynotes von Endel ansieht, wird immer wieder mit dem Begriff der „Stim­mung“ kon­fron­tiert. Stelle man der App genü­gend Dat­en zur Ver­fü­gung, könne sie, so die Entwick­ler, Musik erzeu­gen, die Stim­mung kon­trol­lier­bar macht. Das klingt erst mal gar nicht so schlecht. An einem depres­siv­en Tag die App anfeuern, und mit ein paar aus­gestreuten Dat­en die eigene Stim­mung boost­en. Wer würde da schon nein sagen. Tat­säch­lich ist die Sache kom­pliziert­er. Schließlich muss man davon aus­ge­hen, dass man sich immer ein­er Stim­mung befind­et, sie also niemals fest, son­dern flüchtig ist und sich verän­dern kann. Bis zu einem gewis­sen Grad lässt sich dieser Prozess steuern. Stim­mungen kön­nen aber auch so stark sein, dass sie einen ein­fan­gen und für län­gere Zeit umhüllen. Das von Endel ange­priesene „Mood Man­age­ment“ gaukelt Kon­trol­lier­barkeit zu etwas vor, das nicht oder nur in Teilen kon­trol­lier­bar ist.

Auch Musik-Apps wie Mas­sive Attacks ­Fan­tom oder Bri­an Enos Trope haben sich an der Verkop­pelung von Stim­mungen und Musik pro­biert. In bei­den Fällen kon­nten Nutzer_innen indi­vidu­elle Sounds mit ihren Smart­phones zusam­men­basteln. Fan­tom, das 2016 erschien, nahm Bewe­gun­gen wahr, ver­net­zte sich mit den eige­nen Social-Media-Kanälen und reg­istri­erte den Puls, um Verän­derun­gen in der von Mas­sive Attack bere­it­gestell­ten Musik her­beizuführen. Man stellte damit zwar keine gen­uin neue Musik her, kon­nte mit ver­meintlichen Stim­mungsverän­derun­gen aber immer­hin einen Remix aus beste­hen­den Sound­schnipseln steuern und automa­tisieren. Bish­er inter­ve­nierte also immer ein Men­sch – und nicht die App selb­st.

Transformation: Die Kapitalisierung der Hintergrundpräsenz

Ger­ade in städtis­chen Gesellschaften ist der Medi­enkon­sum inzwis­chen untrennbar mit allen Lebens­bere­ichen verknüpft. Das Sehen und Hören von Medi­en ist keine exk­lu­sive Tätigkeit mehr, es ist die fast beständi­ge Hin­ter­grund­präsenz, das „Geflecht unseres Lebens“, wie Castells es genan­nt hat. Man kön­nte meinen, dass wir mit den Medi­en, gle­ichzeit­ig aber auch durch die Medi­en leben. Nichts macht im Zeichen der vorherrschen­den poli­tis­chen Ökonomie mehr Sinn, als diese Hin­ter­grund­präsenz zu kap­i­tal­isieren. Sie zu inte­gri­eren. Unter dem Vor­wand, den eige­nen Kör­p­er mit dem Sys­tem anzu­passen, ihn also so weit zu opti­mieren, auf dass er ohne Abwe­ichun­gen im Sys­tem funk­tion­iert.

Alle Impulse wer­den in Endel eingeschlossen, weil sie so umfassend und form­bar gewor­den sind, dass sie die ganze men­schliche Erfahrung absorbieren. Die Zeit wird ein­fach aus­radiert, wenn Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft pro­gram­miert wer­den kön­nen. Das sub­jek­tive Zeit­empfind­en löst sich auf. Ein klar­er Ablauf ist nicht mehr zu erken­nen. Ent­standen Inno­va­tion­ssprünge in der Pop­kul­tur einst aus zufäl­lig her­beige­führten Fehlern, ent­fällt mit Endel die fehler­hafte Kom­po­nente. Sie wäre lediglich eine uner­wün­schte Abwe­ichung in der Pro­duk­tion des Immer­gle­ichen.

Statt einem Inno­va­tion­szwang sehen wir uns also mit einem Trans­for­ma­tion­szwang kon­fron­tiert, der den Anfang niemals begin­nen, und das Ende niemals zu Ende gehen lässt. Alles passiert, und doch passiert nichts, an dem man sich fes­thal­ten kann. Die Ver­gan­gen­heit dro­ht, die Gegen­wart zu über­lagern, sodass sich die kul­turelle Pro­duk­tion nicht mehr aus dieser Abhängigkeit zu lösen ver­mag. Obwohl die bre­ite Gegen­wart zu viele Möglichkeit­en hat, bleibt dadurch nur wenig kon­turi­erte Iden­tität. Die App schließt nie ab. Ihr Daten­fluss bricht nie. Sie erzeugt ständig mehr vom Gle­ichen, wird nicht erset­zt – nur durch das Immer­gle­iche über­schrieben. Damit verkommt sie zu einem Medi­um der Nicht-Gegen­wart. Was nicht da ist, kön­nen wir uns nicht mehr vorstellen.

Übrig bleiben nicht mehr ver­schiedene Gegen­wart­sange­bote, son­dern frag­men­tierte. Mit Endel gibt es nur noch ein verkör­pertes Gegen­wart­sange­bot, das laufend hergestellt den Zweck erfüllt, sich selb­st zu tra­gen. Alle hören etwas anderes. Aber es ist nicht nur etwas anderes, son­dern etwas per­son­al­isiert anderes. Das was du hörst, kann ich nicht hören. Selb­st wenn ich es wollte. Let­z­tendlich entspricht genau das der Logik des kap­i­tal­is­tis­chen Real­is­mus. Ein per­fekt erscheinen­des, neolib­erales Gerät zu schaf­fen, mit dem wir niemals etwas zu hören bekom­men, das unsere Pro­duk­tiv­ität stören kön­nte. Oder wie es Oleg Stavit­sky, der CEO der App aus­drückt: „Der ein­fach­ste Weg, unsere Umge­bung zu steuern, ist die Steuerung unseres Sounds.“

Eine kürzere Ver­sion dieses Artikels erschien kür­zlich bei spex.de