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Auch wir wollen siegen … Eine neue ArbeiterInnenbewegung im Prozess ihrer Selbstermächtigung in Serbien „Samstagabend, 6. März 2010 in den Officine von Bellinzona. Es ist eine ergreifende Szene in der großen Halle der ,Pittureria‘, am Fest zum 2. Jahrestag des erfolgreichen Streiks. Im Namen der kämpfenden RAŠKA-TextilarbeiterInnen in Serbien verkündet Seneda Rebronja unter dem Applaus der Anwesenden: ,Auch wir wollen siegen wie ihr in den Officine von Bellinzona, und dann machen auch wir ein großes Fest, zu dem wir euch alle einladen werden!‘ (…) Es ist ein Gefühl, das schwer beschreibbar ist und das nur wirklich erfassen kann, wer dabei gewesen ist: Diese deutlich fühlbare, starke Verbundenheit ganz unterschiedlicher Menschen, die sich nie zuvor gesehen haben, nur mit Hilfe von Dolmetschern miteinander sprechen können und dennoch ganz genau spüren, dass sie für die gleichen Ziele kämpfen, an weit entfernten Orten und zu verschiedenen Zeiten. Die Kraft, die aus solchen Begegnungen fließt, gibt eine kleine Ahnung von der unbesiegbaren Macht der Solidarität von Menschen, die um ihre Rechte kämpfen und sich durch nichts von ihren Zielen und Idealen abbringen lassen …“ (Rainer Thomann, aus www.labournet.de) Bellinzona (1) war die letzte Station einer Rundreise dreier serbischer StreikführerInnen durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Auf dieser Reise war viel von ihren Kämpfen gegen Deindustrialisierung und kriminelle Privatisierung, um die Auszahlung oft jahrelang ausstehender Löhne, aber auch für soziale Würde gegen ein Dasein als „technologischer Überschuss“ (2) zu erfahren. Der neoliberale Umbau in Serbien Große Teile der Bevölkerung Serbiens sind seit den 1990ern durch den Zerfall Yugoslawiens, nationalistische Kriege, die NATO-Bombardements sowie das von der EU verhängte Wirtschaftsembargo ihrer Existenzgrundlage beraubt worden. Ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, ein Drittel ist arbeitslos, die Inflation beträgt fast 20%, die durchschnittlichen Löhne betragen zwischen 200 und 300 Euro bei Preisen, die mit unseren durchaus vergleichbar sind. Privatisierungen sind hier wie auch in anderen Ländern Osteuropas der zentrale Hebel im neoliberalen Umbau der Wirtschaft. In Serbien sind sie in der Regel mit Immobilienspekulation und Geldwäsche bis hin zu bewusst herbeigeführtem Bankrott gleichzusetzen. Denn hier gilt es, auch noch die Reste des Selbstverwaltungssystems des alten Yugoslawiens (3) zu zerstören. Diese Privatisierungen werden oft von wütenden Protesten der betroffenen Belegschaften begleitet. Der sozialen Fantasie sind dabei wenig Grenzen gesetzt. Es kommt zu Demonstrationen, Besetzungen von Betrieben, Straßen und Gleisen, (Hunger-)Streiks, Sit-Ins auf Polizeistationen und Ämtern, aber auch Selbstverstümmelungen. Ende April 2009 schnitt sich Zoran Bulatovic, ein Arbeiter des „Textilkombinates Raskla“ in Novi Pazar, im Laufe eines 110 Tage langen Arbeitskampfes den kleinen Finger ab. Etwa zur selben Zeit traten ArbeiterInnen bei „Partizan“ in Kragujevac in den Hungerstreik, Beschäftigte des Schienenfahrzeugherstellers „1.Mai! von Lapovo legten sich auf die Schienen, um die Bahn zu blockieren. Die ArbeiterInnen von „Zastava Elektro“ in Raca leisteten gegen die Privatisierung ihres Betriebes sechs Monate Widerstand, bevor sie nach Belgrad vor die Privatisierungsagentur zogen. Das „Koordinationskomitee für den ArbeiterInnenwiderstand“ Im Verlaufe des letzten Jahres entwickelte sich der soziale Widerstand, und die ersten Belegschaften schlossen sich um den Kampf der Belegschaft von „Zastava Elektro“ in Raca zu einem „Koordinationskomitee für den ArbeiterInnenwiderstand in Serbien“ (4) zusammen. Es sind dies die ersten Schritte der Vereinheitlichung innerhalb einer neuen ArbeiterInnenbewegung im Prozess ihrer Selbstermächtigung. Die einzelnen Belegschaften sind durch Streikausschüsse, die vor der Ausrufung eines Streikes gewählt werden, in der Koordination vertreten. Die Entscheidung zur Durchführung eines Streiks und zum Anschluss an das „Koordinationskomitee für den ArbeiterInnenwiderstand“ wird ausschließlich von den jeweiligen Belegschaften getroffen. Die Rolle des Koordinationskomitees besteht darin, dass es die BelegschaftsvertreterInnen miteinander verbindet, die Erfahrungen aus den erfolgreich geführten Arbeitskämpfen verbreitet und Öffentlichkeits- und Solidaritätsarbeit organisiert. Einer der zentralen Arbeitskämpfe wird gegenwärtig noch immer in Novi Pazar von der Belegschaft des „Textilkombinats Raska“ geführt. Von Mitte März bis Anfang April standen sie wieder im Streik, um die Liquidierung ihres Betriebs einmal mehr zu verhindern. Sie erkämpften mit ihrem Streik die Ablösung des alten Direktors, beschlagnahmten sein Auto und sicherten sich so wichtige Geschäftsbücher, die ihnen Einblick in die wirtschaftliche Lage des Kombinates verschaffen. Viele dieser Kämpfe, die oft schon über Jahre hinweg ohne jegliche finanzielle und organisatorische Hilfe geführt werden, sind von solch beeindruckender Energie, Entschlossenheit und Ausdauer, dass sie uns auch hier in Österreich als Vorbild dienen könnten! Kontakt: solikomitee_eXYugo@gmx.at Anmerkungen (1) Die Officine in Bellinzona/Tessin sind Werkstätten der schweizerischen Bundesbahn. 2008 fand dort ein aufsehenerregender und erfolgreicher Besetzungsstreik statt, bei dem die drohende Schließung verhindert und der Erhalt aller Arbeitsplätze erkämpft werden konnte. (2) „Technologischer Überschuss“ ist die offizielle Bezeichnung der Regierung für in Zwangsurlaub geschickte ArbeiterInnen. (3) Das System ist mit einem erweiterten Mitbestimmungsmodell vergleichbar, wobei die ArbeiterInnen zugleich auch AktionärInnen „ihres“ Betriebs sind. (4) Das Koordinationskomitee ist gegenwärtig zusammengesetzt aus den VertreterInnen der Belegschaften von „Ravanica“ aus Cuprija, „Zastava Elektro“ aus Raca, „Trudbenik Gradnja“ und „Srbolek“ aus Beograd, „Jugoremedija“, „Sinvoz“ und „Beko“ aus Zrenjanin und „Vrsacki vinogradi“ aus Vrsac. online seit 14.06.2010 11:11:47 (Printausgabe 50) autorIn und feedback : Anna Leder |
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