menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Von den geplatzten Wohn-Träumen der US-Haushalte

Welche Wohnoptionen haben die Armen in den USA?



Bis 2006 war die Welt noch hoffnungsvoll für die meisten amerikanischen Haushalte in punkto Wohnträume. Auch untere Einkommensklassen strebten nach einem Eigenheim und durch die Liberalisierung der Finanzmärkte sollte ihnen dieser Traum auch gewährt werden können. Die Finanzierung von Eigenheimen durch den so genannten sub-prime Markt schien die Zauberformel zu sein, die in wenigen Jahren stark an Volumen zugenommen hatte und die Nachfrage am Wohnungsmarkt weiter steigerte. Die Bündelung und Verbriefung von Verschuldungstiteln von KreditnehmerInnen mit geringer Bonität ermöglichte diese Entwicklung. Weitere innovative Finanzprodukte, wie NINJA Kredite (für Leute mit den Merkmalen no income, no job, no assets) haben die Nachfrage nach Wohnraumfinanzierung weiter angeheizt. Der Möglichkeiten zum Verkauf von Kreditforderungen hat für Geschäftsbanken einen Anreiz geboten, diese Finanzierungsformen weiter zu forcieren.

Dass dieser Traum der amerikanischen Haushalte nun geplatzt ist, ist bekannt. Der Höhepunkt der Entwicklung der Wohnungspreise wurde bereits im Jahr 2006 erreicht, als das Verhältnis zwischen dem Wert der Häuser und dem Einkommen in den USA bei mehr als 180% lag. Die Tatsache, dass der Wert von Eigenheimen fast doppelt so hoch war als die Einkommen, hat Haushalte veranlasst, diese Werte als Sicherheiten für weitere Kredite zu nutzen, mit denen Konsumausgaben finanziert wurden. Das heißt, die Verschuldungsrate der amerikanischen Haushalte stieg zusehends an, schließlich boten die steigenden Werte am Wohnungsmarkt schier unendliche Möglichkeiten der weiteren Verschuldung. Daher erreichte die Haushaltsverschuldung am Höhepunkt der Preissteigerungen, im Jahr 2006, mehr als 130% des verfügbaren laufenden Einkommens der Haushalte. Die Folgen des Platzens der Blase sind daher für viele Haushalte verheerend. Wie auch bei der Entwicklung von Blasen in der Vergangenheit, gibt es auch in diesem Fall starke regionale Unterschiede. Während im amerikanischen Durchschnitt die Hauspreise von Mitte 2007 bis Mitte 2008 nur um weniger als 2 Prozent gefallen sind, weisen Staaten wie Florida, Nevada oder auch Florida einen Einbruch von über 12% bis 15% aus. Auch Kalifornien gehört zu jenen Staaten, die einen massiven Einbruch der Hauspreise erfahren haben. Dementsprechend sind es auch die Haushalte in diesen Staaten, die am schwersten betroffen sind. Das spiegelt sich in den Zwangsvollstreckungen in diesen Staaten wider. Im Jahr 2008 war der Bundesstaat Nevada Spitzenreiter. Hier war jeder 14. Haushalt von Zwangsvollstreckung bedroht. Die amerikanischen Haushalte überlassen ihre Eigenheime nicht ohne „finanziellen Kampf“. Das zeigt sich vor allem darin, dass zahlreiche Haushalte innerhalb eines Jahres ihr Eigenheim mehrmals zur Zwangsvollstreckung anmelden mussten, diese aber dann in letzter Minute noch abwenden konnten.

Der Mythos vom Konsumrausch

Angesichts dieser Entwicklungen findet die Interpretation Verbreitung, dass die amerikanischen Haushalte an ihren Problemen selber Schuld wären, weil sie vor allem in den letzten 6 Jahre über ihre Verhältnisse gelebt hätten und einem „Konsumrausch“ verfallen wären. Natürlich waren die Konsumausgaben der amerikanischen Haushalte die treibende Kraft der amerikanischen Boomphase der letzten Jahre vor der Finanzkrise, genau diese Konsumkraft hat zu dem Höhenflug der amerikanischen Wirtschaft geführt, von dem unter anderem Exportweltmeister Deutschland und in seinem Windschatten auch die österreichische Wirtschaft profitiert hatten.

Darüber hinaus muss man sich fragen: Haben die amerikanischen Haushalte, vor allem die unteren Einkommensschichten, die auf NINJA Kredite und die Ausweitung des sub-prime Marktes zur Finanzierung des Wohnraums angewiesen waren, wirklich aus reiner Gier auf steigende Preise und ein Eigenheim spekuliert? Welche Optionen von sozialem Wohnraum und einem leistbaren Mietwohnungssektor stehen den unteren Einkommensgruppen als Alternative zur Verfügung? Bei genauerer Betrachtung: keine.

Miete als Stigma

Die Rolle des Staates am Wohnungsmarkt konzentriert sich auf die Auszahlung von Sozialhilfe in Form von Mietgutscheinen für niedere Einkommensschichten. Bis zu 30% des Einkommens dürfen für Mietkosten veranschlagt werden. Kann ein Haushalt aufgrund eines zu geringen Einkommens keine Mietwohnung finden, kann ein Voucher oder auch Mietzuschuss beantragt werden, der die Differenz zwischen den maximalen 30% des Haushaltseinkommens und dem so genannten „fairen“ Marktmietzinssatz, der zuvor für die jeweilige Region vom US Department for Housing and Urban Development festgesetzt wird, abdeckt. Der soziale Wohnungsbau ist so gering, dass untere Einkommensgruppen hier zumeist keine Wohnung finden und daher hauptsächlich im freien Mietwohnungsmarkt untergebracht werden müssen. Das Problem, das sich hier stellt, ist, dass der/die VermieterIn den Zuschuss direkt von der Behörde erhält und daher genau weiß, dass der/die MieterIn ein zu geringes Einkommen hat, um sich eine Mietwohnung leisten zu können. So genannte „Voucher MieterInnen“, müssen von den VermieterInnen auch nicht angenommen werden. Daraus ergibt sich eine Stigmatisierung der unteren Einkommensgruppen. Auch ein Preisauftrieb am Mietsektor zählt zu den Effekten. Oftmals müssen Familien auf günstige Hotels und StudentInnenwohnungen geringen Standards ausweichen, um eine Wohngelegenheit zu haben.

Der staatliche Eingriff am Wohnungsmarkt konzentriert sich in den USA vor allem auf Steuererleichterungen beim Wohnungskauf. Staatliche Maßnahmen treiben daher zusammen mit den Finanzierungserleichterungen durch die Liberalisierung der Finanzmärkte die Nachfrage nach Wohnungseigentum weiter voran und leisteten daher einen Beitrag zur Steigerung der Hauspreise. Die Notwendigkeit einer Änderung der derzeitigen staatlichen Einflussnahme im Bereich des Wohnungsmarktes wird am Beispiel des Wiederaufbaus von New Orleans besonders deutlich. Hier sind zu einem großen Anteil untere Einkommensschichten von den Verwüstungen von Hurrikan Katrina betroffen gewesen – denn diese hatten in den günstigeren, tiefer gelegenen Stadtteilen gewohnt. Nach Katrina gab es Mietzuschüsse für diejenigen, die alles verloren hatten, und einen beschränkten sozialen Wohnungsbau. Dieser war jedoch weder zeitgemäß, noch mit sozialen Wohnungsbauten vergleichbar, den ÖsterreicherInnen gewohnt sind. Sowohl aus architektonischer als auch sozialer Hinsicht, glichen diese Bauten eher einem Ghetto für untere Einkommensgruppen als einem sozial integrierten Wohnbau. Hohe Kriminalität und soziale Ausgrenzung waren die Folge. Im Zuge des Wiederaufbaus wurden schließlich im letzten Jahr alle sozialen Wohnbauten niedergerissen und sollen mit Hilfe eines neuen staatlichen Programms (HOPE IV) wieder aufgebaut werden, nach europäischem Vorbild als Mix unterschiedlicher Einkommensgruppen in einem Wohnkomplex. Leider fehlen bisher noch Programme zur „Entstigmatisierung“ unterer Einkommensgruppen sowie des Wohnens in Miete. Bisher wohnen nur diejenigen, die wirklich keine Chancen auf ein Eigenheim haben, in Mietwohnungen.

Sozialer Wohnbau – wohin?

Bis dieses ambitionierte Projekt realisiert ist, ist auch hier der private Mietsektor gefragt oder weiterhin der Erwerb von – nach Katrina renovierten – leistbaren Eigenheimen. Angebote gibt es: zirka 60m² für etwas mehr als 265.000 US Dollar. Ist das wirklich leistbar? Die einzigen Alternativen sind durch Non-Profit Organisationen (wie HABITAT) oder auch Spenden von Prominenten zu finden, die leistbaren Wohnraum zumeist in Einzelbauweise zumindest in kleinem Rahmen bereitstellen. Im Fall vom Wiederaufbau von New Orleans ist die „Make It Right Foundation“ (www.makeitrightnola.org) eine der wenigen Initiativen, neben Spezialprojekten etwa für alternde MusikerInnen, die dem massiven Mangel an leistbarem Wohnraum entgegentreten.

Indem untere Einkommensgruppen durch ihre hohe Nachfrage nach Wohnungseigentum und ihre hohen Konsumausgaben im Nachhinein für die Immobilienblase verantwortlich gemacht werden, wird die Notwendigkeit der Schaffung leistbarer Alternativen ausgeblendet.

Worin könnten diese Alternativen bestehen? Im Wesentlichen würde es eines Umdenkens bei staatlichen Förderungen bedürfen, die weg von einem System der Steuererleichterungen auf Wohneigentum, hin zur direkten Schaffung von Angebot an leistbarem Wohnraum gelenkt werden müssten. Dieses System ist besonders in Österreich in der Vergangenheit sehr ausgeprägt gewesen. Sowohl durch den Bau von Gemeindewohnungen als auch durch die prominente Stellung von gemeinnützigen Wohnbauunternehmen wurde ein ausreichendes Angebot an leistbarem Wohnraum geschaffen. Durch die Integration unterschiedlicher Einkommensgruppen in ein und denselben Wohnkomplex wurde versucht, Ghettoisierung zu verhindern. Während in den USA das Umdenken in diese Richtung auf vereinzelte regionale Projekte wie die in Planung befindlichen „mixed income“ Projekte in New Orleans beschränkt bleibt, ist die soziale Wohnraumschaffung auch in Österreich zusehends auf dem Rückzug.





online seit 15.02.2010 10:17:50 (Printausgabe 49)
autorIn und feedback : Elisabeth Springler




„Hörmann-Gate“

Antisemitische Wirtschafts-Kritik in der Offensive
[29.12.2011,Markus Schallhas]


Angst um das Geld

Was die Inflationssorgen alles überschatten
[17.12.2011,Pinguin]


Mindestsicherung

AMS und MA 40 vereint gegen Arme
[13.12.2011,Martin Mair (AKTIVE ARBEITLOSE)]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten