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„P“ WIE „POLITICS“

Vor kurzem ist der englischsprachige Reader „Post/Porn/Politics“ beim Berliner Verlag b_books erschienen.



Im MALMOE-Interview spricht Herausgeber Tim Stüttgen über anti-identitäre Politiken im „Post-Porno“ und die Prekarität sexueller Arbeit.


Zu Beginn eine Begriffsklärung: Wie ist das „Post-“ in „Post Porn“ zu verstehen? Warum nicht einfach „Alternative“, „Indie“ oder auch „Queer Porn“?

Tim Stüttgen: In das Konzept des Post-Porno fällt sicher manchmal auch „Queer“ oder „Indie“ rein, jedoch sind nicht alle Indie-Porns auch Post-Porno. Post-Porno gab es in gewisser Weise schon früher als den Namen „Queer Porno“. Annie Sprinkle etwa entwickelte Porn-Performances, die reflexiv und transformativ sind, anstatt affektiv und statisch. In ihrer Welt hat ein Puke-Porno neben lesbischer Liebe Platz, genauso wie Hetero-Queer-Paare und Riesenbrüste für neue Figurationen anstatt für alte Klischees benutzt werden.
Diese Doppelbewegung von Reflektion und Aktion ist superspannend – im besten Falle wäre Post-Porno gerade die Art von Porno, die identitäre Vorstellungen unterläuft, anstatt sie zur klassischen Identifikation anzubieten. Gleichzeitig finde ich, dass Post-Porno sich noch weiter in der Geschichte verankern lässt: Neben queer_feministischen Diskursen und Positionen wären für mich das auch Filme, die sexuelle Revolutionen oder Bildsprachen der sexuellen Militanz entwickeln. Für mich war gerade das Interface von Queer und Militanz im „Kontrasexuellen Manifest“ von Beatriz Preciado wichtig, genauso die kitschig campen Performances von Annie Sprinkle oder die parodistischen „Agit Prop Gay Porns“ von Bruce La Bruce. Alle diese Filme beschreiben Ränder von Sexfilmen, die sich eben nicht auf ein Genre reduzieren lassen. Die Indie-Porn-Produzentin Courtney Trouble gilt als jene, die „Queer Porn“ mit ihrer Webpage „NoFauxxx“ positiv gelabelt hat. Dabei betont sie das gleiche, was die Performance-Künstlerin und Ex-Sexarbeiterin Penny Arcade schon Anfang der 1980er betont hat: Queer bedeutet für beide etwas anderes als Hetero- oder auch Homo–Normativität, nämlich ein Plus an Fetischen, Subjekten, Praktiken, die sich nicht einfach in die jeweilige identitäre Kultur zurückschreiben lassen.

Penny hat damals damit die aufkommende Kommerzialisierung der Gay-Kultur kritisch adressiert, Courtney Trouble tut das gleiche zwanzig Jahre später – an die lesbische Community gerichtet. Ohne die feministischen und GLBTI-Kämpfe gäbe es natürlich all das nicht – und trotzdem probiert das Begehren von Post-Porno Grenzen einzureißen, ob von Identitäten oder Kontexten, Kunst und Sexarbeit, Interventionen ins Sichtbare wie geheimen Communitys im Unsichtbaren. Das dritte „P“ im Buchtitel steht immerhin für „Politics“ – und diese beginnen, wenn das Begehren, verschiedene Begehren miteinander zu verbinden, geäußert wird. Gleichzeitig ist Post-Porno auch ein Bruch im Wissensbestand des Allgemeinen, da dort neue Möglichkeiten, Lust zu zeigen und zu empfinden, umgearbeitet werden.

Dem Reader ist das gleichnamige Symposium im Jahr 2006 an der Berliner Volksbühne vorangegangen. Was hat sich seitdem verändert, bewegt?

Gute Frage. Post-Porno ist sichtbarer geworden, aber eben ohne in den Markt direkt eingespeist zu sein. Ansonsten wird weiterhin experimentiert: Der italienische Queer-Aktivist Warbear hat z.B. auf der Launch-Party des Buches im „Basso Berlin“ Emo-Porn als nächsten wichtigen Move angekündigt, weil genau dieser das endlos verwertende Körper- und Affektgeballer, welches die neoliberale Spannung zwischen Produktion und Depression bezeichnet, runterholt. Besser mal wieder Emotionen und Touches anstatt Depressionen und Cumshots? Possibly. In Spanien beenden gerade Diana Pornoterrorista und Maria Llopis ihre ersten Bücher, gleichzeitig sind viele neue aktive Leute dazu gekommen.

Queer-feministische Beiträge zum (Post-)Porno-Diskurs haben in linken Debatten einiges an Staub aufgewirbelt. Wie schätzt du den Verlauf der Diskussionen ein?

Ich denke, die Diskussionen waren und sind an sich super, weil sie der Linken sexuelle Politik und queer_feministische Diskurse wie schon lange nicht mehr eindeutig auf die Nase drücken. So ein Hype wie um Queer-Porno lässt sich nicht einfach wegreden, damit muss sich mensch schon beschäftigen. Wenn damit Begehren und Geschlechter-Rollen wieder diskutierbarer gemacht werden: wunderbar. Grundsätzlich habe ich in der Linken sowohl viel Abscheu als auch Interesse erlebt. Natürlich wiederholt sich primär der Vorwurf der Warenförmigkeit und des Nebenwiderspruchs, nur: Damit alleine werden die Dinge nicht ausgehebelt. Es gibt immer noch Geschlechter-Differenzen und Körper, die wie Rohstoffe verbraucht werden, wie auch Differenzen bezüglich Race und Ability. Die gehen auch nicht im Kommunismus einfach so weg, leider. Sexuelle Arbeit, um einen Begriff von Renate Lorenz zu bemühen, wird es immer geben.

Wie begegnest du dem Vorwurf, Post-Porno-Produktionen würden nur eine weitere Nische am Markt bedienen und damit die anti-hegemoniale Kritik nivellieren?

Das ist eine super-perverse Frage, die natürlich gestellt werden muss und sich nicht so einfach beantworten lässt. Auf die oft sensationsheischende Frage, ob Sex eine Ware ist, würde ich antworten: Klar, natürlich. Aber wieso soll z.B. ein Buch revolutionäres Werden ermöglichen, ein Porno jedoch nicht? Gerade heute, wo alles in sexy Ästhetik verkauft wird, wäre es ja toll, Waren, die Sex selbst adressieren, die aber ästhetisch anders funktionieren, einzuschmuggeln. Dazu ist Post-Porno eine Vielheit von Positionen, die sich kaum auf einen Kontext (Underground, Kommerz, Kunst) oder Genre eingrenzen lässt.

Ich mache mir eher Sorgen, dass die Prekarität von Post-Porno eher symptomatisch ist und nicht der große Markterfolg. Weiterhin hängen ja auch prekäre Körper in dessen Produktion drin. Nivelliert ist an anti-hegemonialer Kritik deswegen nichts – einige Post-Porno-Produzentinnen (etwa die Spanierinnen Diana Pornoterrorista, Maria Llopis, Go Fist, Post Op, usw.) stellen ja auch ihre Filme kostenlos ins Netz, um eben nicht klassisch warenförmig zu werden. Ich denke, ohne die Konzepte von Copyleft und Netporn wäre dieses Paradigma auch kaum zu verstehen, da die Aneignung sexueller Praktiken seit den ersten Amateur-Pornos im Netz – zumeist BDSM – selten kommerziell verlief.

Der Band richtet sich explizit an queer-feministische Leser_innen. Warum?

Das ist zu einfach gesagt: Ich meine ja nicht die Subjekte, sondern den Gebrauch. Es ist sicher immer interessant, wenn jemand sich das reinzieht, von den Reaktionen her kann dies sicher jeden inspirieren. Ohne queer_feministischen Blick geht jedoch viel verloren: Porno ohne diesen zu affirmieren, ist schwierig, ebenso wie Sexarbeit – und doch muss gerade beim Thema Sexarbeit, das der Post-Porno implizit mit sich trägt, irgendwann die Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Sex-Arbeiterinnen aufhören, sonst bleiben die marginalsten isoliert anstatt organisiert. Dass diese „Organisation“ queer_feministisch sein sollte und diesseits diametraler Machtverhältnisse und übersteigerter Körper-Klischees, wäre wünschenswert. Dafür muss sie aber unbedingt andere Körper-Bilder und -Verhältnisse haben – und dies nicht nur im Bett.



Tim Stüttgen (ed.): Post/Porn/Politics. Queer_Feminist Perspectives on the Politics of Porn Performances and Sex_work as Cultural Production. Berlin: b_books 2009



online seit 30.03.2010 16:55:53 (Printausgabe 49)
autorIn und feedback : Interview: Silke Graf, Vina Yun




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