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  Eine Frage der Community

Queere Filmfestivals als Repräsentationsorte: Interview mit Skadi Loist, Hamburg.

Im MALMOE-Interview erläutert die Hamburger Filmfestivalforscherin Skadi Loist, warum international immer mehr queere Filmfestivals gegründet werden und wie diese als "kritische Interventionsöffentlichkeit" inner- und außerhalb der Queer Communitys fungieren. (Langfassung)

In deinen Forschungsarbeiten vergleichst du queere Filmfestivals im deutschsprachigen Raum und in den USA miteinander. Der LGBT-/Queer Filmfestivalsektor scheint weltweit im Wachsen begriffen – ist das eine kontinuierliche Entwicklung oder gibt es Katalysatoren, die das Entstehen dieser Festivals besonders fördern?

Ja, es stimmt, die Zahl der Filmfestivals nimmt jährlich zu. Weltweit gibt es insgesamt über 2.000 Filmfestivals. Vor drei, vier Jahren lag die Zählung der queeren Filmfestivals international bei ca. 175, inzwischen stehen die groben Schätzungen bei 200. Es gibt also eigentlich immer eins, das gerade stattfindet – das ganze Jahr über.(1)
Die Frage, warum es so viele Filmfestivals gibt, wird unter Festivalforscher_innen heiß diskutiert. Einige argumentieren, es hätte mit Tourismus und Städteplanung zu tun. Große Städte leisten sich ein Filmfestival als kulturelles Aushängeschild, wie etwa Rom oder Dubai, die vor wenigen Jahren mit viel Geld große Festivals initiiert haben. Großstädte konkurrieren in einer globalisierten Welt um Touristen, kulturelles Prestige und die sog. Kreative Klasse.
Bei queeren Filmfestivals verhält sich das etwas anders, da diese nie von einer Stadt oder auf hoher politischer Ebene initiiert wurden, sondern immer aus der Community heraus entstanden sind: Entweder wollten Filmemacher_innen einen Ort, um ihre Filme zu zeigen (z.B. San Francisco), oder Studierende analysierten lesbisch-schwule Filmgeschichte und wollten auch mal positive Filme zeigen (wie etwa in Hamburg).
Seit den 1970ern werden es immer mehr queere Filmfestivals, grob kann man tatsächlich einige Katalysatoren ausmachen. Zunächst sind der politische Aktivismus und die Auseinandersetzung um AIDS sowie die Culture Wars in den späten 1980ern, insbesonders in den USA, ein Punkt, der die Entstehung von Festivals als Repräsentationsorte beeinflusste. In den 1990ern half das sog. New Queer Cinema weiter, weil durch preisgekrönte Filme, die in den Arthouse-Sektor überwechselten, der Markt wuchs. Die Beziehung zur kommerziellen Filmindustrie änderte sich. Einerseits wurden Filme mit queeren Figuren in großen Verleihen gehandelt, es entwickelte sich aber auch ein eigener Markt für den schwul-lesbischen Independentbereich, mit eigenen Verleihen wie Salzgeber, ProFun u.a. Außerdem hat die Globalisierung mit Internet und dem Fall des Realsozialismus in Osteuropa einen Schub gemacht, die Ende der 1990er auch die Verbreitung der Queer-Bewegung und des Queer Cinema mit sich brachte. Besonders in Osteuropa und Asien sind viele Festivals dazugekommen, die dann auch als Absatzmarkt für queeren Film aus dem Westen fungierten.

Das Frameline-Festival in San Francisco ist mit über dreißig Jahren Geschichte das älteste und größte seiner Art weltweit. Zugleich gilt die dortige LGBTI-Community als sehr aktiv, sichtbar und politisiert. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Erfolg eines queeren Filmfestivals und den Community-Strukturen?

Die Community-Verbindung zum Festival war in San Francisco immer stark. Das Festival entstand 1977 und wurde von jungen Filmemachern und Fotografen organisiert, die im Fotogeschäft von Harvey Milk, dem aufstrebenden offen schwulen Politiker, ein- und ausgingen. Sie wollten eine Plattform für ihre eigenen Filme und ihre Kultur schaffen. Das zweimal ausverkaufte Abendprogramm "Gay Film Festival of Super-8 Films" führte dazu, dass ein jährliches Event geplant wurde. Bereits das dritte Festival wurde formalisiert und eine Vereinsstruktur eingesetzt, und ein festes Team um Michael Lumpkin, der dann fast drei Dekaden für das Festival arbeitete, bildete sich heraus.
1982 wurde auf Kritik seitens der Frauen der Name zu "Sixth Annual San Francisco International Lesbian and Gay Film Festival" erweitert. Dennoch kamen Lesben und Schwule nicht gleichberechtigt vor. Es gab weniger Filme von Frauen, es wurden auch weniger Lesbenfilme und diese in kleineren Kinos gezeigt. 1986 entlud sich der Unmut der lesbischen Frauen über die Situation im sog. "Lesbian Riot": In einem lesbischen Kurzfilmprogramm kam es zum Boykott von Midi Onoderas Film "Ten Cents a Dance (Parallax)". Die Frauen wollten ihren Ort lesbischer Repräsentation nicht für zwanzigminütige Darstellungen von schwuler und Hetero-Sexualität hergeben. Die Festivalleitung nahm den Aufstand sehr ernst und versuchte, Struktur und Programm zu ändern, es sollten langfristig in fünfzig Prozent des Programms lesbische Filme gezeigt werden. Dazu wurde eine eigene Stelle für eine Kuratorin eingerichtet. Auf dieses Ereignis gehen auch Bemühungen zurück, mit dem "Completion Fund" die Produktion von Filmen aus unterrepräsentierten Gruppen zu unterstützen.
2005 wurde der Name schließlich offiziell zu "Frameline 29: San Francisco International LGBT Film Festival" erweitert.
Ein weiterer Aspekt der Community-Anbindung ist z.B., Angebote für finanzschwache Personen aus der Community durch kostenfreie Vorführungen zu ermöglichen oder die persönliche Einbindung von Helfer_innen anzubieten, die das Festival unterstützen und es zu ihrem eigenen machen.

In den Programmen queerer Filmfestivals wird insbesonders und immer wieder das Herstellen von Sichtbarkeit als Anlass und Ziel genannt. Damit sind die Filmfestivals auch Orte, an denen Repräsentation und Darstellbarkeit innerhalb der Communitys verhandelt wird. Entdeckst du Verschiebungen in der Auseinandersetzung um "adäquate Bilder"?

Die Auseinandersetzungen um "adäquate Bilder" haben sich natürlich mit den Diskussionen innerhalb der Community und Bewegung verändert. In den 1980ern gab es noch die Debatten um „positive Images“ von Schwulen und Lesben, die die negative Darstellung in Mainstream-Medien kontern sollte. Mit Aufkommen des New Queer Cinema wurde mit dieser Forderung gebrochen und explizit mit rebellischen und/oder negativen Figuren experimentiert.
Mit "queer" – in Abgrenzung zu lesbisch-schwul – rückten auch Diskussionen um andere Kategorien in den Blick. Anfang der 1990er versprach "queer" noch gegen enge Identitätskategorien wie lesbisch und schwul anzugehen, flexiblere Identitäten und Grenzvermischungen, nicht-heteronormative Sexualitäten (bi, trans*, intersex, S/M …) sollten kenntlich gemacht werden. Die größten Auseinandersetzungen gab es in den letzten Jahren in den sog. "trans/butch border wars": Aufregung gab es z.B. massiv – und vor allem in den USA – um Catherine Crouchs Kurzfilm "Gendercator", der von Trans-Aktivist_innen als transphob und von einigen Lesben als kritischer Beitrag zum Verschwinden von Butches gesehen wurde. Zum ersten Mal in der Geschichte von Frameline wurde im Zuge der Proteste mit "Gendercator" ein Film aus dem Programm gestrichen, was die Debatte um den Film und Zensur in der Community noch anheizte.
Neben der Auflösung von klaren Grenzen entlang Gender sollte in der Diskussion um "queer" Anfang/Mitte der 1990er auch die Kritik von People of Color an feministischer wie schwul-lesbischer Politik aufgenommen werden. Das spiegelte sich in vielen (US-)Festivals darin wider, dass vermehrt spezielle ethnisierte Programme unter dem Label "Black", "Asian American", "Jewish", "Latin American" etc. aufgenommen und auch gezielt Gastkurator_innen aus diesen Teilen der Community angeheuert wurden. Das Positive daran ist die explizite Sichtbarmachung dieses Community-Segments, die Kehrseite jedoch die Separierung solcher Themen – besonders auf dem Kurzfilmsektor –, denn diese Filme fehlten dann meist in den allgemeinen, gut besuchten "Jungs-" bzw. "Mädchen"-Programmen, was einer Darstellung einer breit gefächerten Community wieder entgegenwirkt.

Auffällig ist, dass viele Filmfestivals zu Beginn nur "gay/schwul" im Titel hatten, später kamen "lesbian/lesbisch" und zuletzt "transgender" und teilweise "intersex" dazu. Einige nennen sich mittlerweile auch "queer". Spiegelt sich in diesen Namensverschiebungen auch eine tatsächliche Änderung in den Programminhalten und in der Einladungspolitik wider?

"Mittlerweile queer" ist eine heikle Aussage, denn es suggeriert eine chronologische Entwicklung, die es aber so nicht gab. Sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum haben die Begriffe schwul, lesbisch und queer verschiedene, teilweise auch parallele Bedeutungen gehabt. Man muss also immer schauen, in welchem regionalen Kontext und zeitlichen Rahmen man spricht.
In den USA heißen die meisten Festivals inzwischen GLBT, weil das der gängigen Additionslogik der Bewegung folgt. Der Begriff „queer“ hat sich dort in den 1990ern nicht durchgesetzt, zum einen, weil sich die Versprechen der queeren Politik nicht erfüllen ließen, und queer irgendwann zur praktischen Abkürzung von lesbisch-schwul-bi-trans-S/M-etc. verkam. Zum andern setzte sich der ehemals sehr negativ konnotierte Begriff bei der älteren Generation nicht als positiv gewendeter Begriff durch. Daher war es einfacher, dem G erst ein L und dann ein BT hinzuzufügen.
Bei den großen Festivals spiegelt die Namensänderung meist keine Programmänderung wider. Festivals wie Frameline in San Francisco und NewFest in New York oder auch die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg (das älteste deutsche Festival, in dem von Anfang an Lesben und Schwule zusammenarbeiteten) haben eigentlich immer auch Filme gezeigt, die man unter die Kategorie "trans*", "intersex", "bi" und "queer" stellen könnte. Zum Teil werden diese Kategorien heute prominenter herausgestellt, z.B. mit einem eigenen Kurzfilmpreis in der Kategorie transgender (neben lesbisch und schwul).
Bei anderen Festivals wiederum, wie z.B. dem MIX NYC Festival für experimentellen queeren Film, gibt es eine Tradition, radikal queere Politik in die Programmstrategie umzusetzen. So gibt es seit den frühen 1990ern die Zielsetzung Werke von Queers of Color zu zeigen und der Dichotomie von schwulen/Boys und lesbischen/Girls-Programmen zu entkommen, indem die Filme vor allem nach inhaltlich thematischen Gesichtspunkten zusammengestellt werden und nicht entlang von Identitätskategorien.

In der jüngeren Vergangenheit sind mit großen Hollywood-Produktionen wie "Brokeback Mountain" oder "Milk" queere Inhalte mitten im Mainstream platziert worden. Provokant gefragt: Braucht es da überhaupt noch eigene queere Filmfestivals – das bloße Ziel der Sichtbarkeit wäre damit doch bereits erreicht?

Queere Filmfestivals braucht es aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen, weil dort immer noch Filme zu sehen sind, die es im sog. Mainstream nicht gibt. Es gibt zwar den Arthouse-Sektor für Filme, die komplexere Beziehungsstrukturen (jenseits von einfachen heteronormativen Zweierbeziehungen zeigen), aber auch der zeigt wegen schrumpfender Kinoauswertung heute nicht mehr alle Produktionen. Viele Filme gibt es daher nur auf Festivals zu sehen.
Zudem stellt sich auch immer die Frage, welche Images es in den „Mainstream“ schaffen – wobei man bei fast all diesen Produktionen nur von Crossover-Erfolgen des Arthouse reden kann und nicht von Mainstream. Filme wie "Brokeback Mountain" und „Milk“, aber auch "Boys Don't Cry" und "Notes on a Scandal" haben tolle Schauspieler_innen, talentierte und bekannte Filmemacher_innen, aber interessanterweise auch allesamt ein negatives Ende. Die Figurenentwicklung scheint nicht sehr weit von den Plots der 1960er und 70er entfernt, wo Queers immer noch der Tod oder die Einsamkeit erwartet (eine Ausnahme sind da vielleicht "Transamerica" oder "I'm Not There").
Und wenn es um Sichtbarkeit geht, ist die Frage, wo und für wen? An Orten wie Moskau oder Sarajevo gibt es immer noch sehr viel Widerstand gegen offene lesbisch-schwule Politik. Bei CSDs oder auch queeren Festivals kommt es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen. Da kann man sicher nicht von einem Sprung in den Mainstream sprechen.
Aber nicht nur an solchen Orten bilden queere Filmfestivals einen entscheidenden Teil der Community. Dort trifft man sich und feiert – mit Filmen. Das kann ein einzelner Film im Kino nicht leisten, denn durch die Ballung von verschiedenen Filmen in einem Festivalprogramm trifft eine Vielzahl von unterschiedlichen Leuten aufeinander, die sich austauschen können und aktuell eine Community formieren und aushandeln.

Mit der Professionalisierung gehen oft auch kommerzielle Kriterien und andere Öffentlichkeits- und Vermarktungsstrategien einher. Unter welchen Bedingungen können queere Filmfestivals deiner Meinung nach ihr kritisches Potenzial als alternative Öffentlichkeit einlösen?

Andere Öffentlichkeits- und Vermarktungsstrategien müssen aber nicht immer etwas Schlechtes sein. Das kann auch die Reichweite und damit die Interventionsmöglichkeit stärken. Queere Filmfestivals bilden mit ihrem Angebot einen Ort des Austausches. Verschiedenste Community-Mitglieder treffen sich einmal im Jahr, jenseits von sonst getrennten Sphären und Grenzen entlang Gender, Ethnie, Klasse etc. Die Community hat die Möglichkeit, direkt mit Filmemacher_innen, Produzent_innen, Festivalleuten in Kontakt zu treten. Hier entsteht ein besonderer Raum, ein "safe space", in dem die homophobe Außenwahrnehmung außer Kraft gesetzt ist und eine ganz eigene Rezeptionshaltung und Diskussionskultur möglich wird. In dieser alternativen Öffentlichkeit kann die eigene und kollektive Identität verhandelt werden. Dies ermöglicht potenziell Interventionen innerhalb der Community und auch nach außen.
Solange es also ein Festival schafft, eine offene Atmosphäre und ein diverses Programm anzubieten, das verschiedene Teile der größeren Community anspricht und den Austausch zwischen allen Personen ermöglicht, so lange birgt es auch das Potenzial einer alternativen oder kritischen Interventionsöffentlichkeit.


Interview: Vina Yun


(1) Eine gute, aktuelle Auflistung findet sich unter www.queerfilmfestivals.org.

Skadi Loist ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg, arbeitet an einer Dissertation zu Queeren Filmfestivals in den USA und im deutschsprachigen Raum, gründete mit Marijke de Valck das Film Festival Research Network und betreut das Archiv der Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg.


online seit 08.11.2009 21:44:28 (Printausgabe 46)
autorIn und feedback : Vina Yun


Links zum Artikel:
www.lsf-hamburg.de/Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg



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