menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Kulturbilanzen

Pop, Stadt, Migration und Institutionskritik: Aktuelle Resümees zu Diskursen der 90er.

In einer Zeit, die von einem Wechselbad zwischen Vereinnahmung von Kritik und gesellschaftlichem Rückschritt geprägt ist, sind Emanzipationsdiskurse arm dran und zu ständigen Selbstzweifeln gedrängt. Das mag der Grund für das derzeit gehäufte Auftreten von Publikationen und Veranstaltungen sein, in denen Resümee und Bilanz über polit-kulturelle Diskurse der vergleichsweise optimistischen 90er Jahre gezogen wird.

In "Musikzimmer", einer Textsammlung von Diedrich Diederichsen, räsonniert der Autor über Poptheorie und seine eigene Tätigkeit als Popschreiber, die unter dem Banner "Pop und Politik" in den 80er und 90er-Jahren Einfluss hatte. Pop hatte immer einen existenziellen Bezug, war immer mit Modellen eines anderen Lebens verknüpft, konnte neue Konflikte und Fronten setzen, so Diederichsen. Dass Pop gleichzeitig immer Ware ist, störte nicht, denn es war ja gerade die Warenkultur, die im entwickelten Kapitalismus so richtig ungeduldige, veränderungsfreudige Menschen erzeugte, wie sie die Revolution braucht. Doch das Versprechen der Ware Popmusik auf eine Verknüpfung mit gesellschaftlicher Veränderung wurde in letzter Zeit zunehmend brüchig. Denn wo die Emanzipationshoffnungen in der Gesellschaft gegen Null sinken, ist das Neuheitsversprechen von Pop nur noch auf seinen Konsumaspekt beschränkt. Pop und seine Verknüpfung mit Ungeduld und Neuheit sind deshalb kaum mehr für Gesellschaftsveränderung zu brauchen. In einer Situation, wo unmittelbar wenig zu erhoffen ist, müsse man sich wieder zur Geduld erziehen, und da werde die früher von PoptheoretikerInnen wie Diederichsen für ihren Elitismus verachtete Avantgarde wieder interessant - als einzig verbliebenes kulturelles Mittel, Unterbrechungen und Negation im homogenisiert normalisierten Alltagsbewusstsein zu erzielen. Der Verdacht, eine solche Diagnose sei dem Alter des Autors oder vorübergehenden popkulturellen Stagnationstendenzen geschuldet, drängt sich auf, schlüssig argumentiert ist sie aber allemal.

Diese Verabschiedung von der Popkultur in Richtung weniger zugänglicher und stärker intellektuell ausgerichteter kultureller Ausdrucksformen könnte etwa in den Bereich der Kunst führen. Dort stoßen wir auf eine Zeitschrift, in der Diederichsen im redaktionellen Beirat sitzt: Texte zur Kunst. Die aktuelle Ausgabe hat als Schwerpunktthema eine Standortbestimmung von "Institutionskritik" – einer Kunstrichtung, die sich der kritischen Untersuchung des Kontextes von künstlerischer Arbeit widmet und sich in den 90er Jahren als Label etabliert hat. Die dort im Zentrum stehende Beschäftigung etwa mit den Ausschlussmechanismen von Museen, des Elitismus des künstlerischen Geniekults und anderen Konstruktionsleistungen im Kunstbetrieb geriet nach und nach zu einer Art Kanon, die bald zu einem viel gebrauchten, beinahe modischen Bestandteil der Arbeit jener Institutionen wurde, die zuvor kritisiert worden waren. Das veranlasste einige Kunstschaffende, komplette Vereinnahmung dieser Methode zu konstatieren und sie für obsolet zu erklären. Das vorliegende Heft ist demgegenüber vom Wunsch geleitet, Institutionskritik zu "retten" und aktuellen Bedingungen anzupassen. So sei etwa eine Verlagerung der Aufmerksamkeit von Museen als Zielobjekt der Kritik zum immer stärker dominierenden kommerziellen Kunstmarkt vonnöten, und die Ausweitung des Blicks auf eine entstehende Visual Industry, in die der Kunstbetrieb zunehmend eingegliedert werde.

Im Gegensatz zur Rede von totaler Vereinnahmung liegt in "Texte zur Kunst" die Betonung auf vielfältigen Ambivalenzen. Im Neoliberalismus seien die vormals kritisierten Institutionen vielfach zu letzten Refugien für Experimente geworden. Dass früher kritische Praxen wie etwa ortsbezogenes Arbeiten im global inflationären Biennale-Wesen zu einer ultimativen Anforderung geworden seien, konstatiert die Künstlerin Marion von Osten etwas perplex und fordert ein Ausloten bestehender Spielräume.

Dieser Hinweis liefert übrigens eine Erklärung für ein konsternierendes Phänomen: Derzeit hantieren, wie schon die Berlin Biennale vor einigen Monaten, der Steirische Herbst, die Istanbul Biennale sowie die Zagreb Biennale mit dem Generalthema "Stadt" und zeigen Arbeiten von KünstlerInnen, die aufgefordert wurden, sich mit lokalen Ereignissen und Orten auseinanderzusetzen. Der Museumsbetrieb verschwimmt jetzt mit der jeweiligen Stadt.

Angesichts dessen, dass das Thema "Stadt" in der sozialwissenschaftlichen und künstlerischen Szene zuletzt in den 90er Jahren gehypt wurde, schien dieses schnelle Wiederauftreten auf den ersten Blick ein wenig überraschend.

Die erfolgreiche Nutzung von Kulturinstitutionen für kritische Zwecke kann jedenfalls der kritische Migrationsdiskurs der 90er Jahre für sich reklamieren, der dieses Jahr in einer Reihe von Ausstellungen im deutschsprachigen Raum Niederschlag findet, die als Kanonisierung betrachtet werden können. Allen voran hat "Projekt Migration" im Kölnischen Kunstverein das 50jährige Jubiläum des deutsch-italienischen "Gastarbeiter"-Anwerbeabkommens genutzt, um Finanzierung für ein Großprojekt zu erhalten, das die Perspektive von MigrantInnen in der deutschen Geschichtsdarstellung verankert. Mit Erfolg: Ein begleitendes Symposium Mitte November (siehe Bericht im Frankreich-Schwerpunkt in diesem Heft) war bereits im Voraus restlos überbucht. Auch in der Züricher Shedhalle wird das Thema im Rahmen der Ausstellung "Kolonialismus ohne Kolonien? Beziehungen zwischen Tourismus, Neokolonialismus und Migration" behandelt. Das meiste tut sich in Berlin: Im September war im kleineren Rahmen der Galerie NGBK eine Übersichts-Schau über aktivistische Kunst zum Thema Migration zu sehen, im benachbarten Kreuzberger Heimatmuseum war „300 Jahre Zuwanderung nach Kreuzberg und Friedrichshain“ zu sehen. Im Deutschen Historischen Museum hat die Ausstellung "Zuwanderungsland Deutschland. Migrationen 1500-2005 und die Hugenotten" mit überraschend regierungskritischen Exponaten einen Achtungserfolg erzielt.

Zwischenbilanzen können ein Versuch sein, verfallendes Gedankengut vor dem Vergessen zu retten, oder auch angesichts veränderter Bedingungen neu zu sortieren und auszurichten. In einer turbulenten Welt mit anhaltend düsteren Einfärbungen ist beides vonnöten. Lesen und schauen empfohlen!


Diedrich Diederichsen: Musikzimmer. Avantgarde und Alltag, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2005
Texte zur Kunst, Nr. 59/September 2005 "Institutionskritik"






online seit 21.11.2005 14:01:32 (Printausgabe 29)
autorIn und feedback : Beat Weber


Links zum Artikel:
www.textezurkunst.de
www.projektmigration.de



Indie-Business: Shitkatapult

Ein Interview mit Marco Haas alias T.Raumschmiere
[22.11.2004,Claus ]


Mehr als die Summe der einzelnen Teile

Eine unvollständige Bestandsaufnahme zu feministischen Musiknetzwerken.
[15.11.2004,Christiane Erharter]


"Make our message something you can feel in your body"

Mit ihrem neuen Album "This Island" feiern Le Tigre den Protest.
[15.11.2004,Ute Hölzl]


die vorigen 3 Einträge ...
die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten