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integration brings frustration: Über das Migrations- und Grenzregime vor Ort.

"Nein, nein, nein", brüllte der 800-köpfige rassistische Mob anlässlich einer Podiumsdiskussion zur Eröffnung eines AsylwerberInnenheims in Wien-Floridsdorf. Zweck des Heims: vor allem die Unterbringung von Menschen, die aus Tschetschenien geflohen sind. Aber mittlerweile ist es soweit, dass selbst Krieg als Fluchtgrund nicht mehr zählt, null, zero, sifir, nista, tipota. Wenn die wüssten, wie viele "KanakInnen" es wagen sich zu organisieren.

Das Buch von Harald Waldrauch und Karin Sohler "Migrantenorganisationen in der Großstadt" geht dieser Frage nach. Meines Erachtens ein Grundlagenwerk für alle, die sich mit Migration und Rassismen in Wien und Österreich auseinandersetzen wollen. Es wird ein profunder Ein- und Überblick zum rechtlichen und institutionellen Kontext der Entwicklung von MigrantInnenorganisationen geboten sowie statistische Daten zu Migrationsgruppen und ein Überblick über Organisationen von MigrantInnen, im Speziellen auch über migrantische Frauenorganisationen in Wien. Des weiteren finden wir gute knappe historische Abrisse zum geschichtlichen Kontext der Organisationen der quantitativ größten Migrationsgruppen in Wien (Ex-Jugoslawien, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Polen, afrikanische Länder, Indien, Philippinen, China) sowie eine Analyse der Statuten der Vereine, der Organisationenarten und deren Aktivitäten. Im Buch wird deutlich, dass hierzulande Immigration nie im Sinne eines Einwanderungsregimes betrachtet und angestrebt wurde, sondern ausschließlich als Arbeitsmigrationsregime verstanden wird. Initiativen zur Abschaffung des Zuwanderungsgesetzes und der korrespondierenden Gesetze der rassistischen Gewalten mit dem Ziel der Konstituierung als Einwanderungsland sind nicht bekannt. Und das bei der Geschichte dieses Landes.

Ärgerlich ist nur, dass die AutorInnen die neomarxistischen Ansätze auf die 70er und 80er Jahre beschränken, da das bislang brillanteste Buch, nämlich Etienne Balibars und Immanuel Wallersteins "Rasse, Klasse, Nation" (1990), nach wie vor die beste theoretische Reflexion zu Nation-Form, Neorassismen und deren Kontexte ist. Bei der Frage von Identitäten und Organisation wären vielleicht Texte von Stuart Hall aufschlussreich gewesen. Das Fehlen ist möglicherweise ein Zugeständnis an die Geldgeber?
Eine formalistische Auffassung des Politischen führt zu einer abwertenden Unterscheidung von Organisationsarten und deren Aktivitäten in Religionsvereine, Folklore/Kulturvereine, Sport-/Bildungsvereine in Abgrenzung zu „politischen“ Vereinen und Organisationen. Dies erscheint mir problematisch, da auch Religions-, Folklore-, Kultur-, Sportvereine und andere Arten von MigrantInnenvereinen eine politische Dimension haben, die für antirassistische Praxen nicht gering zu schätzen ist. Die Fokussierung auf den so genannten politischen Antirassismus soll doch nur ein Elitenkonzept befördern.

Das Kapitel über herkunftsübergreifende und antirassistische MigrantInnenorganisationen und Netzwerke finde ich besonders interessant, da über Initiativen reflektiert wird, die nicht den Staat per Vereinsgesetz um Erlaubnis für politische, kulturelle und gesellschaftliche Partizipation fragen, sondern ihren Schwerpunkt auf selbstorganisiertes politisches Handeln legen sowie zumeist auf Selbstvertretung und Selbstermächtigung setzen. Auffallend, dass es in Wien weder zu Legalisierungskampagnen und militanter Anti-Repressionsarbeit noch zu explizit antirassistischen Arbeitskämpfen gekommen ist.

Bedauerlicherweise sind derzeit die Initiativen jenseits der subventionierten Projektlinken inaktiv und verstummt, hier wäre der Anlass gegeben, auch die Anwesenheit der Niederlagen der antirassistischen Bewegung zu reflektieren und zu diskutieren. Die Beschränkung auf Beratung und Betreuung, auf kulturvermittelnde und pädagogisierende Ansätze, auf ambitionierte aber integrative Projektarbeit, auf kulturbürgerliches Networking und Allianzenbildung sind offenbar doch zu wenig und zu defensiv, um das rassistische, sexistische und nationalistische Migrations- und Grenzregime erfolgreich angreifen zu können. Vielleicht sollte der Ansatz der Autonomie der Migration doch ernster genommen und breiter diskutiert werden als unter den üblich repräsentativen Verdächtigen.
Übrigens: wir kommen und gehen, wann wir wollen!


Harald Waldrauch, Karin Sohler (2004), "Migrantenorganisationen in der Großstadt. Entstehung, Strukturen und Aktivitäten am Beispiel Wien.", Campus Europäisches Zentrum, Frankfurt/New York, Euro 59,90





online seit 06.04.2005 10:45:28 (Printausgabe 25)
autorIn und feedback : Dionysou Mawros




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