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  Kalter Winter für Hot97

Ein "Tsunami-Song" und seine Folgen.

Die HörerInnen des New Yorker Hip-Hop-Senders Hot97 mussten sich kürzlich beim Aufstehen nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren reiben. Die mit provokanten Inhalten um Marktanteile kämpfende "Wake Up"-Show spielte tatsächlich einen selbst fabrizierten Song, in dem die afroamerikanischen MitarbeiterInnen über den Tune von "We Are The World" letztklassige, rassistische Reime über die Opfer des Tsunami verbreiteten. Trotz vereinzelter Proteste wurde der "Tsunami-Song" allmorgendlich wiederholt.

Nun war es aber genug. Jay Smooth, selbst Moderator der verdienten, progressiven Hip-Hop-Show "Underground Railroad" des unabhängigen, linken Senders WBAI, hatte die Entwicklungen beobachtet und startete ein Lehrstück US-amerikanischen "Rallyings". Lief die Mobilisierung zum Protest erst noch über eine Vielzahl progressiver Blogs, so breitete dieser sich bald auf die Mainstream-Medien aus und erweckte sogar die Aufmerksamkeit des New Yorker Stadtrates. Anfangs hatte der Sender das einsetzende Bombardement durch Protestbriefe noch weitgehend ignoriert, doch die Verantwortlichen wurden schon nervöser, als lautstarke, multi-ethnische Demonstrationen den Protest der Straße an den Sender herantrugen. Unter Rückendeckung der Universal-Zulu-Nation, den etwas durchgeknallten, aber verdienten Veteranen der Hip-Hop-Bewegung rund um Afrika Bambaata, und mit John Liu, dem ersten asiatisch-amerikanischen Abgeordneten zum New Yorker Stadtrat als offiziellem Repräsentanten, verlangte die sich formierende Protestbewegung vom Sender, sofort alle Verantwortlichen abzusetzen, eine Woche der Einnahmen von Hot97 für einen Opferfonds des Tsunami zu spenden und eine klare Satzung gegen rassistische Äußerungen zu verabschieden. Doch erst als die AktivistInnen die auf negative Publicity sensibel reagierenden SponsorInnen wie McDonalds, Sprint oder Jackson Hewitt dazu brachten, ihre Verträge aufzulösen, folgten auf halbseidene Entschuldigungen Taten.

Jay Smooth von WBAI lud in einer seiner Shows den Rapper Immortal Technique und die DJ-Aktivistin Kuttin' Kandi zur Analyse. Ein kleiner Ausschnitt.

Jay Smooth: "Die Leute, die wirklich von solchen Provokationen profitieren, sind weder schwarz noch latino noch asian. Es ist die alte Falle: Wir treten anderen entrechteten Gruppen auf eine Weise gegenüber, wie wir es nie den Leuten an der Macht gegenüber tun würden. Und während sie uns auf der untersten Sprosse der Leiter gegeneinander kämpfen lassen, streichen sie oben die Kohle ein. Das Internet ermöglicht uns jedoch, die Nahrungskette nach oben zu verfolgen und dort zuzuschlagen, wohin der Fluss des Geldes mündet. Genau diese Erfahrung, wie Energie gezielt fokussiert werden kann, müssen wir weitertragen in wirklich substanzielle, langfristige Strategien."

Immortal Technique: "Erst seit unsere Proteste ihnen in die Brieftaschen kicken, tun sie ihnen wirklich weh. Die europäischen ImmigrantInnen kamen hierher und wurden wie Dreck behandelt, heute machen sie nach unten hin genau dasselbe. Wenn du unterdrückt wirst, emulierst du deinen Unterdrücker. Nach 9/11 freuten sich Schwarze und Latinos, über Araber herzuziehen. Warum? Weil die Weißen nun die Muslims hassten! Allerdings kannst du Rassismus nur prinzipiell entgegentreten."

Kuttin' Kandy: "Die einzige Möglichkeit, in den USA irgendetwas weiterzubringen, sind Massenaktionen. Genau durch unsere multi-ethnische Unity ist es uns gelungen, dieses Thema zu einem Thema der gesamten Hip-Hop-Community machen. Sie weist den Weg."






online seit 17.03.2005 13:10:50 (Printausgabe 25)
autorIn und feedback : Jakob Weingartner


Links zum Artikel:
www.hiphopmusic.comein informativer Blog zu Themen der Hip-Hop-Bewegung von Moderator Jay Smooth



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