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Vom Elfenbeinturm zum Arbeitshaus

Pisa Studie, ÖH-Gesetz und die Universität als Speerspitze des deregulierten Arbeitsmarkts.

Während sich in der so genannten Wissensgesellschaft zentrale Werte der Universität - wie Wissenszentriertheit des Handelns und forscherisches Herangehen an die Wirklichkeit - verallgemeinern, die Gesellschaft somit in vielerlei Hinsicht zum Labor wird, verliert die Universität selbst ihre Besonderheit und damit an Bedeutung, schreibt die Bildungswissenschafterin Barbara Schneider in einem Anfang des Jahres erscheinenden Sammelband namens "Bildung riskiert".
Ein auffälliger Aspekt des "Normal-werdens" der Universität, der immer stärker in den Vordergrund tritt, ist die Verzahnung von Hochschule und Arbeitsmarkt. Nicht nur wird an die Wissenschaft verstärkt die Anforderung gestellt, Beschäftigte gemäß unternehmerischer Bedürfnisse auszubilden. Auch die Arbeitsverhältnisse in und um die Hochschulen sind mittlerweile - entgegen der verbreiteten Vorstellung von der Universität als Hort abgesicherter beamteter Professorenschaft, die unbelastet dem reinen Denken huldigt – zu einem Inbegriff flexibilisiert-deregulierter Prekarisierung geworden.

Trend zum Teilzeit-Studium

Die Vorstellung der Öffentlichkeit von Studierenden ist verzerrt: Als Zeit der Freizeit und des Abhängens, finanziert durch die Eltern, gilt das Studium. Freizeitorientierung? Spätestens seit Einführung der Studiengebühren beobachten Lehrbeauftragte, dass die Studierenden versuchen, so schnell wie möglich zum Abschluss zu kommen. Für nicht auf künftige Berufsorientierung maßgeschneiderte Vertiefung oder Nebentätigkeit bleibt kaum Zeit. Der Rest wird von Lohnarbeit aufgefressen.
Von wegen elterliche Finanzierung: Laut Sozialerhebung 2002 ist die eigene Erwerbstätigkeit der wichtigste Einnahmefaktor für Studierende. 90% aller knapp 200.000 Studierenden in Österreich arbeiten in irgendeiner Form, davon mehr als 20% über 11 Stunden pro Woche und weitere 11% mehr als 35 Stunden.

Die von den Studiengebühren verschärfte Anforderung, neben dem Studium zu arbeiten, macht Studierende zu einem mittlerweile signifikanten Reservoir flexibler Arbeitskraft für einzelne Wirtschaftsbereiche. Die Besonderheit von StudentInnen ist, dass sie ihre Jobs als Übergangsstadium sehen, das sie zu verlassen hoffen, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben und für "etwas Besseres" qualifiziert sind. Bevor sich das als Trugschluss herausstellt, macht sie diese Einstellung zu willfährigen Erduldern unzumutbarer Arbeitsbedingungen.
Für viele Studierende ohne österreichische Staatsbürgerschaft gilt das in verschärftem Ausmaß: Sie müssen seit diesem Semester doppelt so hohe Studiengebühren zahlen, und ihre Möglichkeiten, legal zu arbeiten, sind durch das Fremdengesetz extrem beschränkt (vgl. MALMOE 22). Wer diese kaum verhohlene "Einladung, nach Hause zurückzukehren" nicht annimmt, wird de facto gezwungen, illegal zu arbeiten – und sich somit rechtlosen, meist schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen auszusetzen.

Ein diese Tendenzen verstärkender Faktor ist das Vordringen des Zwangs zum Praktikum. Die zunehmende Berufsorientierung des Studiums und die unternehmerischen Anforderungen an AbsolventInnen, bereits "Praxiserfahrung" vorzuweisen, zwingen viele StudentInnen, sich um Praktika zu bewerben. Die seit einigen Jahren bestehenden Fachhochschulen sehen das sogar als Pflichtbestandteil des Studiums vor. Das Ergebnis: Ein Überangebot an Praktikumswilligen, aus dem die Unternehmen auswählen können, und das sie dazu verleitet, weniger zu bieten und mehr zu fordern. Attraktive Praktikumsstellen sind folglich kaum noch bezahlt, die Qualifikationsanforderungen, um überhaupt ein Praktikum machen zu können, steigen, und die Arbeitsanforderungen werden höher. Eine Art allgemeines Unternehmens-Zivi-Wesen etabliert sich. Was dazu kommt: Unbezahlten Erfahrungen in renommierten Unternehmen zu sammeln, können sich nur Begüterte leisten, was bestehende soziale Segmentierungen verstärkt.

Lehren ohne Netz

Wer während des Studiums hofft, die Zeit der dirty Jobs mit dem Abschluss hinter sich zu haben, um in den hehren Stand der Wissenschaft zu wechseln, wird höchstwahrscheinlich eine Enttäuschung erleben.
In den Universitäten kommt es im Zuge des fortschreitenden Übergangs von der Staatseinrichtung zur Unternehmensförmigkeit zu einer wachsenden Polarisierung zwischen Dauerangestellten und der höher gestellten ProfessorInnenschaft auf der einen Seite und einer wachsenden Menge von prekarisiertem Lehr- und Forschungspersonal auf der anderen Seite. Erstere geraten zunehmend in die Rolle einer Managementebene, die eine flexibilisierte Belegschaft zu verwalten hat, wobei letzterer angesichts knapper Ressourcen eine wachsende Arbeitsbelastung aufgelastet werden muss. Striktere Zielvorgaben von der Universitätsleitung erhöhen die Kontrollerfordernisse des Personals durch Institutsleiter.

Die Perspektiven für junge WissenschafterInnen werden dagegen immer düsterer: Die neu geschaffene Stellenbeschreibung "UniversitätsassistentIn in Ausbildung" schafft befristete Dienstverhältnisse auf 4 Jahre, an deren Ende kein Weiter vorgesehen ist.
Noch eine Stufe darunter winkt das wissenschaftliche Subproletariat: Seit in den letzten Jahren die freiwerdenden Stellen an der Universität zunehmend rar werden, sammelt sich eine steigende Masse von tausenden jungen und nicht mehr so jungen "externen" Wissenschaftstreibenden, die als externe Lehrbeauftragte die Nähe zur wissenschaftlichen Zentralinstitution Universität zu halten versuchen - und dabei den heftigsten Ausbeutungspraktiken unterworfen werden. Lange Zeit wurde die Vergabe von Lehraufträgen teilweise an die Betreuung unbezahlter Zusatzlehrveranstaltungen gekoppelt, die Bezahlung war sowieso weitgehend miserabel. Seit dem Universitätsorganisationsgesetz 2002 müssen externe LektorInnen nun angestellt werden. Dies und budgetäre Tumulte, die die universitäre Restrukturierung ausgelöst hatte, führten dazu, dass nun weniger Lehraufträge an Externe vergeben werden, zum Teil wurden in letzter Sekunde überfallsartig gegebene Zusagen für das Wintersemester 2004 wieder rückgängig gemacht. Viele Institute sind aber aufgrund des Studierendenandrangs für die Bestreitung des Lehrangebots auf Externe existenziell angewiesen.
Daneben nehmen Studienassistenzen, also geringfügig bezahlte Anstellungen von StudentInnen zur wissenschaftlichen Unterstützung an Instituten, immer mehr zu. Diese sind immer nur für ein Semester angestellt und werden als Ausgleich für die Personalmisere entgegen ihrer Definition zunehmend für Verwaltungstätigkeiten herangezogen.

Selbstorganisation?

Wie aber steht es um die Selbstorganisation der Betroffenen? Die 1996 gegründete IG Externe LektorInnen hat versucht, der Situation der Externen durch Selbstorganisation zu begegnen, kann aber mangels Verankerung in Gremien relativ wenig ausrichten.
Die "Internen" wurden mit einem neuen Dienstrecht "ruhiggestellt", das insbesondere die Arbeit der AssistentInnen - früher eine tendenziell veränderungsfreundlichere und kritischere Gruppe des Universitätspersonals - rigiden Evaluierungen in Permanenz unterwirft und so Vorgesetzten vielfältige Gelegenheiten eröffnet, die Betroffenen zu disziplinieren bzw. von der Universität zu entfernen. Die Bundesvertretung des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals wurde mit dem neuen UOG einfach abgeschafft.
Dass die Unzufriedenheit groß ist, zeigen die deutlichen Zugewinne für alternative Gewerkschaftsfraktionen bei den letzten Betriebswahlen.

Unternehmen Hochschule

Dass die Hochschule den Arbeitsverhältnissen in Unternehmen so ähnelt bzw. ihnen zuarbeitet, spiegelt sich auch in ihrer eigenen wachsenden Unternehmerhaftigkeit. Die in den letzten Jahren eingeleitete Universitätsautonomie, die Stärkung der Position des Rektors und die Reinigung des inneruniversitären Entscheidungsprozesses von Mitbestimmung brachten die zentrale innere Veränderung. Der zuletzt von der Regierung vorgelegte Plan zur Änderung des ÖH-Wahlmodus, der eine Schwächung der Bundes-Vertretung gegenüber der Studierendenvertretung auf Universitätsebene mit sich bringt, ist nicht nur ein parteipolitisch motivierter Versuch, schwarz-blaue ÖH-Fraktionen zu stärken, sondern stellt die Parallele zu der von den Konservativen im Wirtschaftsleben stets geforderten Dezentralisierung der Interessenvertretung dar. Statt branchen- und landesübergreifender zentraler Gewerkschaften wird eine dezentrale Vertretung auf Betriebs- oder Branchenebene für Interessenvertretung und Lohnverhandlungen favorisiert. Die Argumente lauten "mehr Flexibilität, größere Kundennähe" etc., die Gründe liegen in der gewünschten Schwächung der Gegenmacht von Interessenvertretungen von Beschäftigten bzw. im vorliegenden Fall jener der Studierenden.

Diese internen Veränderungen werden von externem Druck zu beschleunigen versucht: Um die Verwandlung der Hochschulen in ein Unternehmen und von Bildung in einen Markt voranzutreiben, ist Wettbewerb ein Hilfsmittel. Mit Einführung der Fachhochschulen (FHs) hätte das in Österreich beginnen sollen. Bislang ist das allerdings nicht allzu erfolgreich. Ursprüngliche Prognosen, stark von der Wirtschaft getragene FHs würden den Unis die besten Leute abwerben, sind nicht eingetroffen. Weder engagiert sich die Wirtschaft vehement im FH-Wesen, noch entfalten die Lehrstellen dort eine Magnetwirkung auf wissenschaftliches Personal – zumindest bislang. (vgl. Interview S.19)
Auch die Konkurrenz um "Drittmittel" zur Forschungsfinanzierung ist ein stetig an Bedeutung wachsendes Element, das seine volle Wirkung erst entfalten muss – zum Teil beginnt sich jetzt auch der Staat in Form einzelner Ministerien mit Stiftungsprofessuren an der zunehmenden Selektivität der Finanzierung zu beteiligen.

Internationales Benchmarking ist ein weiteres externes Druckmittel, um die Ausrichtung des Ausbildungssystems zu ändern. Hier spielt die Pisa-Studie, obwohl sie auf schulische Leistungen zielt, eine exemplarische Rolle. Wie sich in der aktuellen Debatte zeigt, zieht die Methode des Ranking wie durch Zauberhand nationale Kraftanstrengungen nach sich, die Leistungsfähigkeit des eigenen Bildungssystems zu verbessern, ohne dass die Leistungskriterien einer Diskussion unterzogen würden, und hilft so mit, diese Kriterien zu verabsolutieren. Auch der "Bologna-Prozess" zur Standardisierung der EU-Abschlüsse gehört in diese Kategorie.

Wann rappelt es im Arbeitshaus?

Es scheint, als hätte die Universität ihren Sonderstatus verloren. Als Ort des Rückzugs zur distanzierten Beobachtung und Reflexion kann sie kaum noch fungieren. Die fortgeschrittene Eingliederung in aktuelle Markttendenzen macht sich im zunehmend an Fahrt gewinnenden Wettbewerb um Ressourcen bemerkbar, den die Politik durch sorgfältig errichtete Rahmenbedingungen forciert, und in der fortschreitenden Ausbreitung prekärer Arbeitsbedingungen auf allen Ebenen. Die Voraussetzungen für Wissenschaft in der alten Form sind weitgehend verloren. Aber dafür möglicherweise die Bedingungen für ein Arbeiten an Selbstorganisation prekarisierter immaterieller Arbeit in Koalition mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, sowie für ein Interesse an der Suche nach neuen Orten der Wissensproduktion und Reflexion so gut wie nie zuvor: persönliche Betroffenheit.




Schwerpunkt "Bildung & Politik" in der aktuellen MALMOE-Ausgabe:

Wirtschafts-Wunderwuzzi Fachhochschule? - Interview mit Dr. Kurt Sohm, stellvertretender Geschäftsführer der Geschäftsstelle des österreichischen Fachhochschulrats (FHR).

PISA folgen? – Über das Verhältnis der derzeitigen Bildungsdebatte zu PISA.





online seit 01.02.2005 13:04:19 (Printausgabe 24)
autorIn und feedback : Pinguin




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