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Wirtschafts-Wunderwuzzi Fachhochschule? Interview mit Dr. Kurt Sohm, stellvertretender Geschäftsführer der Geschäftsstelle des österreichischen Fachhochschulrats (FHR), die für die externe Qualitätssicherung im österreichischen FH-Sektor zuständig ist. Die FHs wurden als praxisorientierte Alternative zu den theorielastigen Universitäten eingerichtet. Gibt es mittlerweile Beobachtungen über den Arbeitsmarkterfolg von FachhochschülerInnen? Erfüllen sie die Erwartungen der Unternehmen? Die Gegenüberstellung "Fachhochschulen = Praxis", "Universitäten = Theorie" ist in dieser Form aus meiner Sicht nicht zulässig. Die Curricula der FH-Studiengänge orientieren sich sowohl an berufspraktischen als auch an wissenschaftlichen Erfordernissen. Die Ergebnisse der ersten vom Fachhochschulrat in Auftrag gegebenen Vollerhebung der AbsolventInnen der Studienjahre 1997 bis 2000 (siehe http://www.fhr.ac.at) haben gezeigt, dass sich die FH-AbsolventInnen insgesamt erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrieren konnten. Über das Ausmaß der Erfüllung der Erwartungen der Unternehmen sind mir keine Untersuchungen bekannt. Personen aus der Wirtschaft und Industrie sind jedoch in vielfältiger Weise eng mit dem FH-Sektor verbunden: sie arbeiten an der Entwicklung von neuen Studiengängen mit, sind in der fachhochschulischen Lehre tätig, betreuen Studierende während des Berufspraktikums und sind auch in die Organisationsstrukturen der Fachhochschule eingebunden. Ursprünglich bestand die Absicht, Unternehmen als Träger von Fachhochschulen zu mobilisieren. Die meisten FHs werden aber von Ländern, Gemeinden, Sozialpartnern und Bildungseinrichtungen getragen. Warum ist die Wirtschaft nicht interessiert und was impliziert das für die Ausrichtung der FHs? Eine explizite Absicht, Unternehmen als Träger von Fachhochschulen zu etablieren, ist mir nicht bekannt. Geplant war jedoch, die Wirtschaft für die Beteiligung an der Finanzierung der FH-Studiengänge zu mobilisieren. Um Anreize für Mischfinanzierungssysteme im FH-Sektor zu schaffen, übernimmt der Bund im Rahmen der studienplatzbezogenen Finanzierung nur 90 % der jährlichen Normkosten eines Studienplatzes. Die bildungspolitischen Rahmenbedingungen im FH-Sektor lassen sich mit dem Schlagwort "New Public Management" zusammenfassen: Dezentralisierung der Entscheidungsbefugnisse durch privatrechtlich organisierte Träger (GmbH, Verein, gemeinnützige Privatstiftung); Stärkung der Souveränität, Verantwortung und Flexibilität der Bildungsanbieter; Deregulierung im Organisations- und Studienrecht; Reduzierung öffentlicher Aufgaben auf die Qualitätssicherung (Fachhochschulrat) und die Finanzierung. Im Zusammenhang mit der Trägerschaft ist es wichtig, die institutionelle Autonomie der Fachhochschulen sicherzustellen. Das ist auch ein wichtiges Thema bei der institutionellen Evaluierung. Ist nach dem FH-Eröffnungsboom der letzten Jahre nun eine Konsolidierung feststellbar? Der FH-Sektor hat sich in den vergangenen 10 Jahren sehr dynamisch und erfolgreich entwickelt. Wir haben jetzt 19 Erhalter, die 136 FH-Studiengänge anbieten, ca. 25.600 Studienplätze und etwa 10.400 Absolventinnen und Absolventen. Nachdem in den letzten 3 bis 4 Jahren der Ausbau der Studienplätze stark forciert wurde, wird die zukünftige quantitative Entwicklung moderater verlaufen. Unter Berücksichtigung der geplanten Weiterentwicklung wird es im Studienjahr 2010 etwa 33.000 Studienplätze im FH-Sektor geben. In den nächsten Jahren wird es auch darum gehen, diese Entwicklung qualitativ abzusichern. Die Optimierungspotentiale würde ich etwa in der Verstärkung der Internationalisierung, der Forcierung der angewandten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten – hier möchte ich etwa auf das Forschungsförderungsprogramm "FHplus" verweisen, das im Jahr 2003 mit 10,9 Mio EURO gestartet wurde und fortgesetzt werden soll – sowie der Organisations- und Personalentwicklung sehen. Eine wichtige Frage für die Zukunft wird auch sein, wie sich das neue, dem Bologna-Prozess entsprechende gestufte Studiensystem (Bakkalaureats- und Magisterstudiengänge) in Österreich etablieren wird. Seit diesem Herbst werden jedenfalls ca. 30 % der fachhochschulischen Bildungsangebote in diesem neuen System angeboten. Haben die FHs in irgendeiner Weise einen Anpassungsdruck auf die Unis ausgeübt bzw. als Entlastung gewirkt? Von einem Anpassungsdruck der Universitäten bzw. einer Entlastungsfunktion der Fachhochschulen würde ich nicht sprechen. Tatsache ist, dass das hochschulische Bildungsmonopol der Universitäten in Österreich durch die Einrichtung der Fachhochschulen aufgeweicht wurde. Damit ist sicher auch ein verstärkter Wettbewerb um Studierende verbunden. Fachhochschulen wurden nicht zuletzt auch darum in Österreich eingerichtet, damit sich die hochschulischen Angebote diversifizieren und dass sie damit in der Lage sind, eine unterschiedliche studentische Nachfrage sowie heterogene gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedürfnisse besser befriedigen zu können. Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig darauf hinzuweisen, dass sich der Fachhochschulsektor ohne die universitären "Humanressourcen" nicht so erfolgreich hätte entwickeln können. Ich würde das Verhältnis Universitäten und Fachhochschulen am ehesten mit den Schlagworten „Kooperation und Konkurrenz“ charakterisieren. Untersuchungen zeigen, dass die Erhöhung des Bildungszugangs von bildungsfernen Schichten durch FHs nur bei Männern geglückt ist. Liegt das an der Dominanz von Männerdomänen in den Studienrichtungen oder anderen Gründen und gibt es Versuche und Möglichkeiten, gegenzusteuern? Auf den ersten Blick erscheint die Entwicklung positiv verlaufen zu sein. Der Anteil der weiblichen Studierenden ist innerhalb von 10 Jahren von einem Viertel auf rund 38 % gestiegen. Im Vergleich zu den Universitäten befindet sich der Frauenanteil unter den Studierenden jedoch noch immer auf einem eher niedrigen Niveau. So ist es etwa auch ein deklariertes bildungspolitisches Ziel, und Gegenstand von Programmen wie "EMtech - Frauen in Forschung und Technologie" (fFORTE), den Frauenanteil im Fachhochschul-Sektor in den nächsten Jahren zu steigern. Schwerpunkt "Bildung & Politik" in der aktuellen MALMOE-Ausgabe: Vom Elfenbeinturm zum Arbeitshaus – Pisa Studie, ÖH-Gesetz und die Universität als Speerspitze des deregulierten Arbeitsmarkts. PISA folgen? – Über das Verhältnis der derzeitigen Bildungsdebatte zu PISA. online seit 01.02.2005 13:05:47 (Printausgabe 24) autorIn und feedback : Redaktion |
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