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  PISA folgen?

Über das Verhältnis der derzeitigen Bildungsdebatte zu PISA.

"Werden unsere Schüler immer dümmer?" – "Sind sie so klug wie ihr Kind?" – Schlagzeilen wie diese zierten nach dem 7. Dezember die Titelseiten unserer Printmedien. PISA hat gezählt - und löst damit eine Bildungsdebatte aus, wie man sie hier zu Lande seit langem nicht mehr gesehen hat. Eigentlich gut, oder?

PISA testet 15/16-jährige SchülerInnen, also jene, die (in Österreich) kurz vor oder am Ende ihres "Bildungspflichtprogramms" stehen, sich also in einem Alter befinden, wo der Staat davon ausgeht, dass sie genug Bildung bekommen haben und nun "reif" sind, sich den Rest selbst zu "holen" - oder auch nicht. Man hat also "eine vernünftige Basis geschaffen". PISA bestreitet das.

PISA untersucht im Wesentlichen anhand praktischer Aufgabenstellungen, wie gut oder schlecht SchülerInnen rechnen, lesen und Probleme lösen können. Sie fragt einzelne Qualifikationen ab und stellt diese in einen internationalen Vergleich. PISA fragt also Kompetenzen der potenziellen "Human Resources", die ein Staat anzubieten hat, ab und legt damit auch einen Standard fest, was von 15- bis 16-jährigen gekonnt werden sollte. Aber PISA fragt nicht, wie gebildet diese SchülerInnen sind, und darüber kann man froh sein.
"Bildung bedeutet Lernen, welches von den Entwicklungsinteressen des Individuums her strukturiert ist, Ausbildung bedeutet Lernen, welches vom Bestandsinteresse der Gesellschaft her strukturiert ist", so die Bildungsforscherin Maria Spindler. Als quantitative Studie, die unter dem "Gesichtspunkt des wirtschaftlichen Nutzens" (Marian Heitger) Kompetenzen abfragt, stellt PISA ein Instrument dar, mit dem international verglichen werden kann, ob Ausbildungsziele erreicht wurden. Die Bildungsinstitution Schule sollte eigentlich mehr als das lehren. Aber kann oder sollte PISA das abfragen?

Eine vergleichende quantitative Studie zu "sozialer Kompetenz" etwa scheint wenig sinnvoll, weil so kaum begründbare Standards für Sozialverhalten festgelegt würden. Abgesehen davon, stellt sich die Frage, inwiefern diese von einem österreichischen Schulsystem, das nach wie vor auf Beurteilung zielt, beigebracht und gelernt werden können.
PISA sagt auch nichts über die Qualität des Bildungssystems selbst aus, sondern nur über sein (quantitativ abprüfbares) Produkt. Dass der Weg zu diesem "Produkt", gerade wenn es um eine pädagogische, erzieherische Leistung geht, wichtig ist, scheint klar. Dass jene Länder, die bei PISA gut abschneiden, nicht immer eine "pädagogisch wertvolle" Methode entwickelt haben müssen, um ihre Ziele zu erreichen, ist angesichts von Korea oder Japan, wo durch Konkurrenz und Hierarchie Leistungsdruck erzeugt wird, auch erkennbar.

Wenn also PISA nur quantifizierbare, international vergleichbare Ergebnisse wertet, ist das in gewisser Hinsicht sinnvoll, weil sie damit eine externe Instanz darstellt, die einige "Basics" überprüft, die ein Bildungssystem auch vermitteln sollte. PISA kann und sollte auch nicht mehr prüfen als dieses "Wissen". Dieses Minimum ist aber wichtig, um andere Aufgaben, die ein Bildungssystem noch zu erfüllen hätte, überhaupt zu ermöglichen. Wie soll etwa "Bildung" ermöglicht werden, ohne Lesekompetenz zu sichern?

Die Gefahr und die Chance bestehen darin, wie PISA interpretiert wird, nicht darin, was es abfragt. Die Ergebnisse haben eine öffentliche Bildungsdiskussion ausgelöst, wie sie schon seit Jahren notwendig wäre. Die Veränderungen, die darauf folgen (sollten), bergen natürlich die Gefahr, ergebnisorientiert auf ein besseres PISA hin zu arbeiten, wie der von Elisabeth Gehrer präsentierte Vorschlag, mehr Lesescreenings einzuführen, zeigt. Oder kollektives ein "PISA-Studien-üben" einzufordern. Oder MigrantInnen ohne Deutschkenntnisse abzuschieben, anstatt sie zu integrieren, weil sie sonst den Schnitt drücken würden. Oder Gymnasien noch mehr zu "Eliteschulen" zu machen, damit sie den schlechten Schnitt der Hauptschulen kompensieren, anstatt die Idee einer Gesamtschule aufzugreifen.

Das könnte alles passieren. Aber, wenn auch vielleicht nicht unter dieser Regierung, es könnte auch eine Reform des Bildungssystems stattfinden, die prozessorientiert eine (Schul-)Bildung ermöglicht, die angstfreies Lernen ohne Beurteilungsdruck mit individuellerer Förderung ermöglicht.
"Wenn die Arbeitswelt und die berufliche Qualifikation von verselbständigten und partikularistischen Interessen bestimmt wird, wenn sie durch Arbeitshetze, Ausbeutung, Bevormundung und Konkurrenzdruck gezeichnet ist, wenn sie nicht dem allgemeinen Interesse, sondern der Konzentration von Macht und Reichtum in den Händen weniger verpflichtet ist, so wird Bildung zum notwendigen Widersacher von Ausbildung und zum exklusiven Anwalt von Humanität" (Maria Spindler).

Wenn man davon ausgeht, dass Bildung und Ausbildung nicht in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen (sollten), dann war PISA ein wichtiger Anstoß um zu zeigen, dass das Bildungssystem reformiert werden sollten, und nicht bloß die Ausbildung verbessert.





Schwerpunkt "Bildung & Politik" in der aktuellen MALMOE-Ausgabe:

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Wirtschafts-Wunderwuzzi Fachhochschule? - Interview mit Dr. Kurt Sohm, stellvertretender Geschäftsführer der Geschäftsstelle des österreichischen Fachhochschulrats (FHR).








online seit 29.01.2005 12:11:37 (Printausgabe 24)
autorIn und feedback : Anna Steger




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