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  „Wir wollen in die Serie A“

Lampedusa - das MigrantInnengefängnis der EU

Lampedusa gilt als einer der ersten „Vorposten“ der Festung Europa. Auf der italienischen Insel – die näher an Tunesien als an Sizilien liegt – landen täglich Flüchtlinge aus allen Teilen Afrikas, viele werden auch tot an den Strand geschwemmt. Jene, die mit Booten auf der Insel landen, haben kaum eine Vorstellung davon, wie sie in Europa empfangen werden. - Ein Lokalaugenschein.

2 Personen werden in das Migranten-Camp auf der Insel Lampedusa gelassen, Lillo Miccichè, Regionalabgeordneter der Grünen, und Ilaria von einer antirassistischen Initiative in Palermo, offiziell als Übersetzerin für Englisch und Arabisch.

Ein doppeltes Tor. Durch das erste kommt man zu den Stellungen der Sicherheitskräfte, Carabinieri und Polizei, erst durch das zweite ins eigentliche Lager. Es schlägt ihnen scharfer Müllgestank entgegen, etwa 30 blaue Säcke türmen sich zwischen dem Tor und dem Container, der als Schlafsaal dient. Sie werden von einem Offizier der Carabinieri empfangen und begleitet, dann auch von Carabinieri in leichten Kampfanzügen mit Schlagstöcken, von Polizisten, ein paar in Zivil, und vom Arabisch-Übersetzer des Camps. Eine "Eskorte" von 10, manchmal 15 Personen.
Sie werden mit einem Herrn Scalia bekannt gemacht, Leiter des Camps. Er bietet einen grotesken Anblick: Er trägt ein rosa-schwarzes Trikot der Fußballmannschaft von Palermo, auf dem steht: "Wir wollen in die Serie A".

Sie machen sich auf den Weg, die ersten Schritte machen sie zwischen 2 Schlafcontainern, und während Herr Scalia zu ihnen spricht, begegnen sie den Männer, die hier drin festgehalten werden, sie lehnen an den gelben Metallwänden. Man mustert sich gegenseitig, und während sie ihnen in die Augen sehen, bemerken sie erst diesen Geruch, der sie während des ganzen Besuchs im Camp begleiten wird: Scheiße, Pisse, Müll. Sie können diesen Männern nicht mehr in die Augen sehen, vom Gestank wird ihnen übel, sie versuchen herauszufinden, woher er kommt. Sie sehen kleine Bächlein, die zwischen den 4 Schlafcontainern, der Mensa und den Sanitäranlagen hindurchfließen: ein Abwasserkanal unter freiem Himmel.

Herr Scalia sagt zum Abgeordneten und zur Übersetzerin, dass diese Rinnsale nur Wasser sind, er erzählt, dass die Gruben 6 Mal am Tag gereinigt werden. Aber dieses Wasser stinkt. Alles hier stinkt. Scalia zeigt die Rohre zur Grubenreinigung, man sieht einen Asphaltstreifen, über und über mit Müll bedeckt.

Dann beginnt er, von Zahlen zu sprechen: bis vor kurzem noch 1200 "Gäste", die einfach überall geschlafen haben: in den Containern, in der Mensa, in den Höfen unter freiem Himmel. Dann spricht er von denen, die weggebracht wurden, nach Lybien und nach Crotone in Kalabrien, erst heute wieder 99, mit dem Schiff nach Porto Empedocle, und letztens 372 mit Militärflugzeugen.
Sie kommen zu den Sanitäranlagen. Die Tür muss geöffnet bleiben, man kann den Leuten beim Pinkeln zusehen.

Dann schauen sie in die Schlafcontainer, etwa 20 Meter lang und vollgestellt mit Stockbetten. Matratzen aus gelbem Schaumstoff, manchmal nichts sonst, manchmal kleine Wolldecken. Das war's.

Herr Scalia spricht und spricht. Miccichè fragt ihn, wie mit den Migranten umgegangen wird, wenn sie ins Camp kommen. Scalia antwortet mit unsicherer Stimme, dass Name, Nationalität, Geburtsdatum und Herkunftsort aufgenommen werden. Nachdem ihnen ihre Rechte vorgelesen wurden, werden sie gefragt, ob sie in Italien um Asyl ansuchen wollen. Miccichè und Ilaria hören nicht mehr zu, sie fragen, ob es möglich ist, mit den "Gästen" zu sprechen.

Zunächst treffen sie 3 Afrikaner. Der Grün-Politiker stellt sich vor und vermittelt den 3 Männern, warum er hier ist. Sie antworten mit einem nervösen und etwas scheuen Lächeln. Sie beginnen, die Fragen zu beantworten.

Man spricht englisch. Im ganzen Camp gibt es keinen Englisch-Übersetzer, und die Carabinieri sprechen diese Sprache nicht, daher ist es ein entspanntes Gespräch: nur der Abgeordnete, Ilaria und die 3 Männer. Es sind Nigerianer, und es geht ihnen schlecht. Sie können sich nicht waschen, sie waren schon krank, als sie angekommen sind. Sie sind verschreckt. Anfang Oktober sind mit ihnen auch 2 Kinder mit ihrem Vater angekommen, aber die wurden jetzt weggebracht, sie wissen nicht wohin. Ilaria fragt, ob denen gesagt wurde, dass sie die Möglichkeit haben, um Asyl anzusuchen. Nein, antworten die Männer, auch sie selbst haben dazu keine Gelegenheit erhalten. Sie sagen, dass sie ein solches Ansuchen gerne stellen würden. Ilaria schreibt den Text auf italienisch, sie auf englisch. Diese 3 Asylgesuche werden per Fax nach Rom geschickt.

Miccichè und Ilaria treffen dann auf eine Gruppe von 15 Männern, die arabisch sprechen. Sie kommen aus Tunesien, aus Marokko, einer ist schon 70 und kommt aus Palästina. Der Arabisch-Übersetzer des Camps weicht ihnen nun nicht von der Seite. Die beiden BesucherInnen bemerken sofort, dass diese Konversation anders verlaufen wird als die vorige. Vor dem Übersetzer erklären die Migranten, dass in dem Lager alles wunderbar läuft, alle sind freundlich zu ihnen und es fehlt ihnen an nichts. Sie möchten nur Arbeit finden. Auch ihnen sagt der Abgeordnete, warum er hier ist.

Dann entfernt er sich, begleitet von den Sicherheitskräften, um die Polizeistelle zu besichtigen, in der angeblich die Identitäten und die Asylgesuche aufgenommen werden; aber er stellt fest, dass dieses Büro offensichtlich seit Monaten nicht benützt wird.

Ilaria ist im Container geblieben, neben ihr der Lager-Übersetzer. Sie erklärt den Migranten, dass das, was in diesem Lager geschieht und das Lager selbst klare Menschenrechtsverletzungen sind, dass die Menschen, die das Camp verlassen, weggebracht werden, und man weiß nicht wohin, manchmal nach Crotone oder nach Agrigento, manchmal nach Lybien. Ilaria beobachtet, dass der Übersetzer davoneilt und gleich danach mit den Sicherheitskräften und dem Abgeordneten wiederkommt, der von dem Carabinieri-Offizier angeherrscht wird, dass sie nicht behaupten dürfen, dass einige Migranten nach Lybien deportiert wurden. Der Übersetzer beginnt nun zu behaupten, Ilaria habe auf Arabisch noch andere Dinge erklärt, die sie in Wirklichkeit überhaupt nicht gesagt hat. Da beginnt die Operation "Aufstands-Psychose". Es scheint eine eingeübte Praxis zu sein: Der Carabiniere und der Lagerleiter beginnen herumzuschreien, auch die anderen Polizisten brüllen etwas, und Miccichè und Ilaria werden gedrängt, das Lager zu verlassen. "Da seht ihr, was ihr angerichtet habt. Geht jetzt... gleich passiert hier was!" In Wirklichkeit sind die Migranten vollkommen ruhig. Ohne mit der Wimper zu zucken verlangt Miccichè, seinen Besuch fortsetzen zu können. Er bittet 4 der Häftlinge, die aus verschiedenen Ländern kommen, mit ihm außerhalb des ersten Tores zu sprechen. Mitarbeiter des Camps begleiten sie, der Übersetzer, die Carabinieri: dem Abgeordneten gelingt es so, die Operation Psychose zu durchkreuzen.

Er spricht mit den 4 Männern und lässt sich ihre Geschichte erzählen. Er sagt ihnen, was er tun wird, wenn er wieder draußen ist: Er wird erzählen, wie schwierig die Lage in den Ländern ist, aus denen die Menschen kommen, die in dem Lager festgehalten werden; er wird sich dafür einsetzen, dass sie von dort hinaus und sich in Italien frei bewegen können. Eine angenehme Konversation, freundlich, sie endet mit einem Applaus. Die anderen Migranten drängen sich gegen die Absperrung, sie applaudieren ihren 4 Vertretern. Sie winken, sie bleiben da.

Autorin: Goretta
Übersetzung: Ingo Lauggas




online seit 11.12.2004 16:56:19 (Printausgabe 23)
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