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So nah und doch so fern: Gestrandet in Marokko. Subsaharische MigrantInnen auf dem Weg nach Europa Die Grenze zwischen Marokko und Spanien, zwischen Nordafrika und Europa ist zu einem der bestgesicherten Schutzwälle der EU aufgerüstet worden. Mit Erfolg: Kaum einem Migranten gelingt es noch, diese Hürde zu überwinden. Marokko ist so ungewollt ein Einwanderungsland für subsaharische MigrantInnen auf dem Weg nach Europa geworden. Wie ergeht es den Menschen am Ende einer langen, gefährlichen Migrationsroute? Manche MigrantInnen sind vor politischer Unterdrückung oder Krieg geflohen, die große Mehrheit hingegen flüchtet aufgrund des alltäglichen, wirtschaftlichen und sozialen Elends in ihren Heimatländern. „Wenn du in einem Land aufwächst, in dem an allen Ecken und Enden Elend herrscht, wo du hart arbeitest, aber weder deine Eltern, deine Großeltern, noch deine Schwester genügend zu essen haben, fragst du dich, ob du so lange hoffen sollst, bis sie alle begraben sind, bevor sich etwas ändern wird“, berichtet ein 28-jähriger Mann aus Kamerun, der vor Monaten sein Dorf in Richtung Europa verließ. Ihre Odyssee Richtung Europa, für die häufig tausende Euro aufgebracht wurden, entwickelt sich spätestens dann zum Alptraum, wenn es in Marokko auf unabsehbare Zeit nicht mehr weiter geht. Die Lebensrealität der MigrantInnen nach etlichen Reiseetappen durch die Sahara ist in Marokko vor allem von Gewalt geprägt. Trotz der immer gefährlicheren und längeren Migrationsrouten hat das Ziel Europa nicht an Attraktivität verloren. Im Gegenteil, meint Francisco Rapela, Arzt und Mitarbeiter bei der spanischen Sektion der Nicht-Regierungs-Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF): „Man hat fast das Gefühl, dass viele Flüchtlinge durch diese derart rigorose Abschottung erst recht glauben, dass sich dahinter das Paradies verbergen muss.“ Das Wohlstandsgefälle an der Mittelmeergrenze zwischen Nord und Süd, zwischen dem afrikanischen und europäischen Kontinent bleibt eines der größten weltweit. Marokkanische Migrationspolitik Die Ereignisse an den Grenzen von Ceuta und Mellila, den beiden spanischen Exklaven im Norden Marokkos, sind knapp fünf Jahre her. Hunderte MigrantInnen hatten versucht, die Grenzanlagen zu stürmen, elf ließen dabei ihr Leben. Heute wickelt sich eine sieben Meter hohe, dreifache Stacheldrahtschlange um die spanischen Hochsicherheitsburgen. Eine erfolgreiche Überschreitung ist so unwahrscheinlich, dass viele MigrantInnen versuchen, die Grenzanlagen zu umschwimmen. Vor allem klassische Transitländer wie Marokko sehen sich dem wachsenden Druck der EU durch immer höhere Anforderungen an das Grenzregime ausgesetzt. Das Königreich hat den Ruf eines Musterschülers der EU, des Primus in der migrationspolitischen Nachhilfeklasse für nordafrikanische Staaten: Marokko genießt als einziges nordafrikanisches Land den Sonderstatus („Statut Avancé“) mit der EU. Die EU bietet hohe finanzielle Gegenleistungen für effizienten Grenzschutz und die Rücknahme von irregulären MigrantInnen aus Europa. 2007 zum Beispiel beschloss die EU ein 650 Millionen Euro schweres Investitionsprojekt im marokkanischen Energiebereich, ein guter Anreiz, auch in der Migrationspolitik zu kooperieren. Die EU verhandelt seit einigen Jahren mit den nordafrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten über Rücknahmeabkommen für eine pauschale Abweisung („refoulement“) irregulärer EinwanderInnen. Dies soll es ermöglichen, auch MigrantInnen aus subsaharischen Drittländern, die sich in den Mittelmeerländern im Transit befanden, dorthin abzuweisen. Die EU ist von dem „Erfolg“ dieses Konzepts überzeugt. Die stark gesunkenen Zahlen von MigrantInnen, die in Lampedusa oder Sizilien an Land gehen, nachdem Italien bilateral mit Libyen ein solches Abkommen abgeschlossen hatte, geben dieser migrationsfeindlichen Argumentation recht. Nach Wünschen der EU würden Länder wie Marokko die Einwanderungsfrage noch im afrikanischen Kontinent vor den Toren Europas für sie regeln. Hinzu kommt, dass Marokko wie alle nordafrikanischen Staaten mit Ausnahme Mauritaniens kein gesetzlich geregeltes Asylverfahren besitzt. Der Schutz von Flüchtlingen im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention innerhalb der Migrationsströme wird vom UN Flüchtlingswerk (UNHCR) gewährleistet. Ohne staatliche Unterstützung seitens Marokkos ist dieser Schutz allerdings unzulänglich. Die Lücke in der Gesetzgebung ist politisches Kalkül: Solange die gesetzliche Lage ungeklärt bleibt, kann Marokko sich auf diese Gesetzeslücke und die mangelnden Strukturen berufen. Die NGO MSF, die in verschiedenen Gebieten Marokkos humanitäre Hilfe leistet, beklagt, dass sich vor allem das nördliche Marokko für eine große Zahl „gestrandeter“ MigrantInnen in eine Sackgasse verwandelt hat: Der Weg nach Europa ist versperrt, der Weg zurück in ihre Heimatländer zu teuer, gefährlich und perspektivlos. Etwas haben sich die Zahlen durch die Wirtschaftskrise einerseits und freiwillige Rückkehrprogramme anderseits reduziert. Die NGO geht von circa 4.500 irregulären MigrantInnen aus, die sich in Marokko befinden. Gut die Hälfte von ihnen stammt aus Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo. Grenzregion Oujda Im Nordosten Marokkos liegt die Stadt Oujda mit knapp 600.000 EinwohnerInnen, östlich der spanischen Exklave Melilla und 12 Kilometer vor der algerischen Grenze. Algerien und Marokko streiten sich seit Jahrzehnten um den Grenzverlauf. Sie ist seit 1994 geschlossen und besteht aus einem leicht hügeligen, teils bewaldeten Niemandsland. Oujda ist in Marokko der Haupteintrittspunkt subsaharischer MigrantInnen auf ihrer letzten Reiseetappe gen Norden. Von hier aus ist Melilla das Ziel der MigrantInnen. Nachts sieht man von Marokko aus die Lichter der algerischen Dörfer auf der anderen Seite leuchten. Das Niemandsland dazwischen wird von den MigrantInnen bei Dunkelheit zu Fuß durchquert. Voll beladene Lastwagen setzen die MigrantInnen ab und überlassen sie ihrem Schicksal. Das Leben in Oujda ist für sie hart. Hier merken viele MigrantInnen nach Monaten oder sogar Jahren körperlicher Strapazen und Ausbeutung endgültig, dass die Versprechen der Schlepper nicht einlösbar sind. In Oujda leben sie in selbstgemachten Zelten, zum Essen gibt es feuchtes Mehl oder Reis mit Brot, manchmal nur einmal am Tag. Das Geld dafür wird oft auf dem Markt erbettelt. Der weitläufige Campus der Universität in Oujda hat sich in den letzten Jahren zum Zufluchtsort für einige hundert MigrantInnen etabliert, hier leben sie innerhalb der Campus-Mauern unter Plastikplanen. Einige seit mehr als fünf Jahren. Viele der Schlafplätze werden sogar mittlerweile für etwas Geld vermietet. Hinzu kommt die Gefahr, jederzeit von der marokkanischen Polizei aufgegriffen und in das Grenzgebiet zwischen Marokko und Algerien „abgeschoben“ zu werden. Hier im Niemandsland hat die Mafia aus Menschenschmugglern und Drogenbossen das Sagen, hier werden die MigrantInnen Opfer von Raubüberfällen, sexueller Ausbeutung und anderen Formen von Gewalt. Die marokkanische Polizei kennt die Lage in dieser rechtsfreien Zone gut und sie kommt ihr gelegen: Sie dient als Abschreckung für die irregulären EinwanderInnen. MSF hat in Oujda letztes Jahr 5.231 ärztliche Behandlungen durchgeführt und so einen Überblick über Schicksale und grausame Einzelheiten gewonnen. Bei 25% der PatientInnen war die Diagnose eine Erkrankung infolge extremer psychischer Belastung. Für eine therapeutische Behandlung fehlt allerdings die Ausstattung. Rapela, ein argentinischer Arzt, empfindet Scham vor seiner Hilflosigkeit. Die Belastung seiner eigenen Arbeit, die er in einem kleinen Team von Ärzten und Helfern direkt vor Melilla erledigt, ist ihm deutlich anzusehen. Marokko duldet die Hilfe durch MSF ohne sie zu unterstützen. Frau und Migrant – doppeltes Leid Wie auch in anderen Teilen der Welt sind laut MSF in den letzten Jahren immer mehr Frauen unter den subsaharischen MigrantInnen. Der kürzlich erschienene Bericht von MSF Spanien „Sexuelle Gewalt und Migration; die unbekannte Realität subsaharischer Frauen im Transit in Marokko“ bringt die katastrophalen Bedingungen ans Tageslicht. Die Daten basieren auf 63 Aussagen von Migrantinnen: Der Tenor macht deutlich, dass die Ausbeutung immer heftiger geworden ist und immer mehr Minderjährige betrifft. „Sexuelle Ausbeutung ist natürlich kein neues Phänomen“, erklärt Jorge Martin, der Koordinator von MSF in Marokko, „doch die enorme Dimension und die steigende Tendenz verlangen nach Antworten“. Unter den 63 Befragten gaben 29% an, vor ihrer Reise im Heimatland vergewaltigt worden zu sein, 45% während der Reise und 59% im Niemandsland zwischen Marokko und Algerien. Ein Drittel der Frauen wurde dabei schwanger. Da die Bedingungen für die Befragung extrem schwierig waren, befürchtet MSF eine noch höhere Dunkelziffer. Eine einzige Frau erstattete Anzeige, die große Mehrheit bleibt ihrem Schicksal bzw. ihren Ausbeutern hilflos überlassen. Hinzu kommt, dass 21,5% der Opfer minderjährig sind, davon 10% unter 16 Jahren. „Eine neu angekommene Frau gehört allen, sie kann sich nicht verweigern, sie kann nicht woanders hin, alles wird mit Sex bezahlt. Auch wenn eine Frau mit einem Kleinkind unterwegs ist, muss sie das durchmachen“, berichtet ein Migrant aus der Grenzregion Oujda, der mit MSF sprach. Wer genau die Ausbeuter sind, ist schwierig festzustellen. MSF spricht von Mitgliedern der Schmugglermafia, anderen Migranten und gewöhnlichen Kriminellen, die sich in diesem Niemandsland aufhalten. Laut Aussagen der Frauen trugen ihre Vergewaltiger teilweise Uniformen, was den Verdacht nahe legt, dass auch die marokkanische Polizei in die Verbrechen verwickelt ist. Die Angst, gegen ihre Peiniger vorzugehen, ist groß: Niemand will wieder in die Grenzregion, die rechtsfreie Landschaft zwischen Marokko und Algerien „abgeschoben“ werden. Die Polizei greift nicht selten einzelne MigrantInnen in Oujda oder anderswo in Marokko auf und setzt sie nachts an einer der ins Nichts führenden Feldwege im Grenzgebiet ab. Manche der MigrantInnen sind schon unzählige Male hier ausgesetzt worden und haben sich stets ihren Weg zurück nach Marokko gesucht. Eine Sisyphusarbeit, zu der Marokko derzeit keine Alternative bietet. Es ist davon auszugehen, dass die EU in absehbarer Zeit ein Rückführungsabkommen mit Marokko abschließen wird. Wenn man bedenkt, welches Schicksal die MigrantInnen in Marokko erwartet, kann Marokko nicht als sicherer Drittstaat gelten. Das Problem der subsaharischen Migration wird nicht durch eine Verlagerung nach Nordafrika gelöst, wo nicht zuletzt die Auswirkungen der Abschottungspolitik den Schutz der Menschenwürde tagtäglich in Frage stellen. online seit 18.06.2010 15:33:57 autorIn und feedback : Daphne Büllesbach Links zum Artikel:
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Ohne Urheberrecht ... ... keine künstlerische Existenz. Offener Brief von Ludwig Laher und Gerhard Ruiss zur „Anti-Urheberrechtsaktion“. [20.04.2012,Ludwig Laher und Gerhard Ruiss] Die neue Arbeit am Leiden Warum Sozialarbeit und Therapie zunehmend verschwimmen [20.04.2012,BW] Wem gehört Wien? MALMOE-Schwerpunkt zum Thema Leerstand und Soziale Bewegungen [27.03.2012,Redaktion] die vorigen 3 Einträge ... die nächsten 3 Einträge ... |
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