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Für’s Leben lernen Soziale Selektion an den Gabelungen des österreichischen Bildungssystems Viele glauben, das Bildungssystem vermittle in erster Linie Wissen. Doch die Schule erzieht vor allem für das Leben – in einer sozial ungleichen Gesellschaft. Neben der reinen Wissensweitergabe (Qualifikation) soll die Schule vor allem zwei Aufgaben erfüllen: Sie soll aus dem/der SchülerIn einen „zoon politikon“, ein soziales und demokratisches Individuum machen. Damit sollen SchülerInnen ein kritisches Bewusstsein gegenüber der Gesellschaft erlangen. Gleichzeitig wird dem/der SchülerIn über das Bildungssystem ein Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zugewiesen (Allokation). Dem Menschen zu einem kritischen Bewusstsein zu verhelfen und gleichzeitig seine Chancen in der Gesellschaft zu beschränken, ist ein brisanter Widerspruch. Die Realität zeigt, welche der beiden Seiten dabei am längeren Hebel sitzt: Westliche Gesellschaften verstehen sich als „leistungsorientiert“, indem sie glauben, Aufstieg und Erfolg würden (fast) ausschließlich mit der Leistung der jeweiligen Person zusammenhängen. Die realen Zahlen sprechen jedoch eine ganz andere Sprache. So zeigt sich die Wirkung der sozialen Herkunft schon sehr eindrucksvoll nach vier gemeinsamen Jahren in der Volksschule. Sind die Eltern AkademikerInnen, werden deren Kinder zu 77% auf eine AHS und nur zu 23% in eine Hauptschule gehen. Besitzen die Eltern dagegen höchstens Pflichtschulabschluss, schaffen es 12% in die AHS während 88% HauptschülerInnen werden (Quelle: Volkszählung 2001). Ein Szenario, das sich bis zur Erwachsenenbildung mehrfach wiederholt. Weltklasse zur Zeit Maria Theresias Zugang, Verbleib und Erfolg im Bildungssystem sind nach der sozialen Herkunft ungleich verteilt. Das Bildungssystem ist hochgradig reproduktiv, das heißt, die gesellschaftliche Position der Eltern vererbt sich zu großen Teilen auf die Kinder. In Österreich existieren einige strukturelle Besonderheiten, die sozial ungleiche Auswirkungen haben. Dazu gehört die unzureichende Ausstattung von Kindergärten, wobei auch die nichtakademische Ausbildung, schlechte Bezahlung und dadurch das relativ geringe Prestige der KindergärtnerInnen eine besondere Rolle spielt. Eine Hierarchisierung finden wir in Ausbildung, Bezahlung und Prestige auch zwischen Pflichtschul- und AHS-LehrerInnen. Österreichs Schulen sind noch immer überwiegend Halbtagsschulen ohne Nachmittagsbetreuung. Dies trifft vor allem die Mütter. Dazu kommt die regional immer noch sehr unterschiedliche Versorgung mit höheren Bildungseinrichtungen. Das österreichische Bildungssystem zeichnet sich durch eine große Zahl an solchen Gabelungen aus. Die dahinter stehende Schultheorie besagt: „Kinder müssen für die Schule passen“. Sie trennt die SchülerInnen nach gerade einmal vier Jahren entlang einer Begabungsideologie. Derzufolge würden sich die Menschen in zwei Gruppen einteilen lassen: Die Mehrheit sei manuell-handwerklich begabt, solle daher in die Hauptschule gehen, um später in Fabriken, Baustellen und Handwerksbetrieben zu arbeiten. Die anderen seien vor allem intellektuell-kognitiv begabt. Sie sind auserwählt für Gymnasium und Universität, um später die Tätigkeiten der „Manuell-Begabten“ zu planen, zu organisieren und zu kontrollieren. Dass Kenntnisse, Fertigkeiten und Vorlieben von Neunjährigen zu einem großen Teil vom familiären und sozialen Umfeld der Kinder geprägt werden, wird dabei gerne ausgeblendet. Immerhin könnte eine entsprechende Änderung die Position privilegierter Familien gefährden. Mea Culpa Es zeigt sich, dass wenn Schule prüft, dies niemals eine reine Messung ist, sondern immer eine soziale Intervention. Das Allokationssystem ist dann erfolgreich, wenn es der/dem Lernenden vermittelt hat, dass Scheitern immer ein individuelles Versagen und niemals ein Systemversagen sei. Dabei helfen diejenigen wenigen Einzelfälle, die es trotz schwieriger Bedingungen nach oben geschafft haben und nun als HeldInnen in den Massenmedien gefeiert werden. Die Schule fragt nicht danach, woher ihre SchülerInnen kommen, nach ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen. Vielmehr sucht sie die Defizite der SchülerInnen im Vergleich zu ihrer eigenen Schulkultur. Bildung ist durchsetzt von Machtverhältnissen und -strukturen. Sie sozialisiert die Kinder, indem sie frühzeitig Konkurrenz und die Angst vor dem Versagen vermittelt. Sie schreibt ihre Vorstellung von Disziplin, Raum, Sprache, Geschmäckern, Körperlichkeit und Sexualität ein. Sie bestimmen die Lehrinhalte, die Lehrorganisation, die Architekturen, die Prüfungsmechanismen, die pädagogischen Verhältnisse. Was legitimes Wissen und legitime Bildung ist, bestimmt das System und nicht die/der Lernende. „Das Problem ist, daß die Schüler der Schul-Lehre freiwillig ihre Zustimmung nicht geben. Ihre folgsame Zustimmung muß immer erst herbeigeführt werden. (…) Schul-Lehre ist als Schul-Herrschaft inszeniert“, schreibt Friedrich Thiemann. Indem die Schule die Voraussetzungen, die Kenntnisse und Fertigkeiten, die Interessen und Bedarfe ihrer Lernenden ignoriert, um ihr Curriculum durchzubringen, übt sie stets symbolische Gewalt und Herrschaft aus. Indem es ihr gelingt, diese symbolische Gewalt zu verschleiern, indem die Lernenden die Ursache für das Versagen bei sich selbst suchen, gelingt es ihr, diese Herrschaft zu verschleiern. Dieser Mechanismus erscheint so erfolgreich, dass Bildung mittlerweile als Lösung fast aller Probleme gesehen wird. Finden zu wenig Menschen Arbeit, werden sie in Schulungen gesteckt, um wieder zu lernen, aufgrund ihrer Defizite einen gehörigen Anteil an ihrer eigenen Misere zu haben. Pädagogik als Lösung aller Probleme schafft einerseits die Verschleierung der realen Ursachen, andererseits bringt sie die Opfer dazu, sich als selbstverantwortlich für die Misere zu sehen. Besonders bemerkenswert wird dieses Bild, wenn man die Geschlechterordnung in die Betrachtung einbezieht. Frauen haben zwar in der Bildungsbeteiligung massiv aufge- und Männer in fast allen Bildungsabschlüssen überholt. Dennoch gelingt es ihnen nicht, diese Bildungsabschlüsse auf dem Arbeitsmarkt zu realisieren. Seit dem Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit, wurden kaum neue Vollzeitjobs, aber eine Unzahl an Halbzeitjobs geschaffen. Im Übrigen: Wer glaubt, dass Schule Wissen vermittelt, irrt zu einem großen Teil. Forschungen über informelles Lernen schätzen den Anteil unseres Wissens, das wir in Bildungsinstitutionen erworben haben, in denen wir viele Jahre verbrachten, auf höchstens 30%. online seit 04.01.2010 10:39:51 (Printausgabe 48) autorIn und feedback : Ingolf Erler Links zum Artikel:
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