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  And the winner is: ...?

Ein wenig ungläubig, vielleicht sogar verblüfft stehen die Studierenden der Technischen Universität und der Universität der Künste Berlin im Foyer ihrer neu erbauten Universitätsbibliothek.

Nicht wegen dem lindgrünen Boden, sicher auch nicht wegen der Halle, die fünfstöckig über ihnen aufragt. Dass die neue Bibliothek nach 20-jähriger Planungszeit und nach mehreren architektonischen Entwürfen jetzt eine schmucklose Kiste geworden ist, hatten sie gehört. Auch dass es im Inneren nach Fabrik-, Lagerhalle oder auch JVA, also Justizvollzugsanstalt, aussähe, hatte ihnen jemand gesteckt. Man war gewarnt – vor dem Erstrahlen der preussischen Einfachheit oder der zeitgemäß kühlen Architektur, die die jeweiligen Zeitungen in die ästhetisch äußerst verschlankte Unternehmung hineinorakelt hatten: Es war ja auch nicht viel zu erwarten gewesen, so pleite wie Berlin nach dem Bankenskandal ist nicht mal Wolfsburg nach 2 Jahren ohne einen Euro Gewerbesteuer von Volkswagen.

Das Staunen der Studierenden

galt dann auch einem knallgelbgrünen Volkswagen. Einem VW Polo FUN der inmitten der Fabrikatmo glänzte und der ultracoolen Betonsichtarchitektur mit Stahlrohrornamenten die Show stahl. In der Mitte der Bibliothek, liebevoll umschlungen von rot-weißem Plastikabsperrband, das um 6 vorsichtig platzierte schwarze Eiermann-Stühle gewickelt war, wurde der Volkswagen Polo FUN vor der neugierigen Verblüfftheit der Studierenden geschützt.

Vielleicht waren die aber auch schon draußen verwundert vor dem riesigen Schriftzug über dem Eingang stehen geblieben und hatte sich gefragt was eine Volkswagen Universitätsbibliothek sei. Na ja, die haben halt was bezahlt, sagte sich der abgebrühte Kenner von Public Private Partnerships. Der sensiblere Bibliotheksbesucher suchte den Wachmann des Securicor Sicherheits Service in seiner Loge auf und erfuhr folgendes: die Volkswagen AG übernimmt 5 Millionen von 55 Millionen Euro, die der Bau gekostet hat. Der Konzern übernimmt damit den Anteil, den das Land Berlin hätte beisteuern müssen. Die Restmillionen teilen sich die TU Berlin und die Bundesrepublik Deutschland, während Berlin mit der Risikoabschirmung des Bankendesasters für seine reichsten Bewohner und deren Investorenfreunde beschäftigt ist. Volkswagen darf dafür die nächsten 50 Jahre die Namensrechte an der Bibliothek halten.

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit ließ sich davon die Stimmung nicht verderben, und rief bei der feierlichen Eröffnungszeremonie dem sorgsam ausgesuchten Publikum fröhlich zu: Namingrights zu vergeben, ist in Deutschland nichts Ungewöhnliches, so billig allerdings waren sie noch nie zu haben! Warum Volkswagen so billig an der Universität shoppen gehen konnte, das erwähnte er in diesem Zusammenhang lieber nicht.

Dafür lobten sich sämtliche Vertreter des Volkes, der Universität, und des Konzerns, in den höchsten Tönen. Dieses Engagement für die deutsche Hochschullandschaft: wegweisend, gewinnbringend, notwendig. Volkswagen, bereits als Retter in der Not stilisiert, hatte es dann auch nicht nötig zu erklären, warum es nur 100.000 Euro pro Jahr kosten sollte, sich für immer und ewig in die Abläufe, Gewohnheiten und in die Alltagssprache von 30.000 TU Studierenden einzuschreiben. Bei einem jährlichen Werbeetat von 136 Millionen Euro.
Sicher, ohne Volkswagen wäre der Bau nicht fertig geworden, aber ohne die Pleite Berlins wäre die Finanzierungslücke nicht entstanden und ohne die selbstmordähnliche Sparpolitik an Berliner Universitäten, würde der Polo Fun jetzt auf einer Motorsport Veranstaltung verlost.

Den Polo im Foyer

konnte man nämlich gewinnen. Weitere Assoziationen zum Gebäude gesellten sich zu den bereits erwähnten: Von der JVA zum VW-Showroom. Der Wachschutzpraktikant, mittlerweile an der Buchsicherungsanlage aufgestellt, vertraute jedem, der es wissen wollte an: Sofort zum Lackierer das Ding, aber schlecht isser ja ooch nicht, der Polo.

Auf der bereits erwähnten Einweihungsfeier, wo sich vor den versammelten Bibliothekarinnen "Meine sehr verehrten Herren, Herr regierender Bürgermeister, Herr Präsident, Herr Senator, Herr VW-Markenvorstand" auch Herr Professor Kollhoff auslassen durfte, war über den Köpfen der Herren zu lesen, wo man sich überhaupt befände. "Wissen im Zentrum", so das Banner unter dem der Stararchitekt Kollhoff seine Überzeugungen zu Buch im Bau ausbreitete. Mit Zentrum kann eigentlich nur die Berliner City West um den Bahnhof Zoo in der unmittelbaren Nachbarschaft der Bibliothek gemeint sein. Ein Zentrum, das nach der Wende immer weniger zentral wurde und das nun, auch durch den Bau der Bibliothek und einiger hochwertiger Stadtwohnungen, wieder aufgewertet werden soll. Ein Zentrum, das heute um die Bibliothek herum vor allem durch das Oberlandesgericht, die Industrie und Handelskammer, den Hauptsitz der Berliner Bank, das neue Helmut-Newton-Museum und die klassizistischen Monumentalbauten der Universität der Künste bestimmt wird
Wissen eines Zentrums also, dem sich Vertreter wie Herr Kollhoff ideologisch verbunden fühlen, schmiegt sich doch seine Architektur schon so schön an das Center des ehemaligen Mitglieds der Waffen SS, Otto Beisheim, am Potsdamer Platz.

An der Volkswagen-Bibliothek

allerdings war Kollhoff, wie er in seiner Rede sofort versicherte, nicht beteiligt, und doch atmet das Gebäude jene Ideologie der Verdrängung von Geschichte und Kontext zugusten von rationaler, kühler Schönheit. Preussische Einfachheit eben, die sich nicht nur in der Ähnlichkeit der Bibliothekskiste mit dem Wolfsburger Werk für den KdF-Wagen von 1937, sondern auch in der von Kollhoff jurierten Lichtinstallation vor dem Haus zeigt: Die monumentalen Lichtquader, die vor dem Klinkerkasten stramm stehen, sprechen von preussischer Einfacheit in ihrer reinen Form.

Nicht von, aber in preussischer Einfachheit wurden auch die Reden bei der weiteren Eröffnungszeremonie gehalten: Der Herr VW-Markenvorstand sprach von der neuen Architektur als deswegen wohl besonders gelungen, da Bücher ja auch prinzipiell rechteckige, quadratische, oder gar quadratische Teile seien und diese Form im Gebäude konsequent reproduziert sei. Darüber hinaus passten doch mehr Bücher in ein quadratisches Gebäude als in ein rundes. Kein Witz.

Richtig witzig wurde es eigentlich erst, als die Hochschulsportweltmeister dem Gebäude eine weitere Assoziation aus dem Zweckbautenkatalog hinzufügten: Das Riesentrampolinspringen im Foyer wurde mit "Mama, das sieht ja aus wie in unsrer Turnhalle ..." kommentiert. Aus dem Lachen kam man dann nicht mehr heraus, als die Jazztanz-Gruppe der Technischen Universität Shirley-Bassey-Karaoke in die Mikros quakte: Hey big spender, wouldn´t you like to have FUN FUN FUN ... ?
FUN sollte es schon sein, vor allem nachdem die Glücksfee in Gestalt der Olympiasiegerin mit der Damenhockeynationalmannschaft mein Los in der Tonne ließ. Statt also mit einem knallgrüngelben Polo FUN durch Berlin zu rasen, werde ich weiterhin meine mit Mikrochip verseuchten Bücher aus der Volkswagen Universitätsbibliothek abholen, damit beim lokalen Supermarkt den Diebstahlalarm auslösen und den Wachmann der privaten Sicherheitsfirma in meiner Tasche rumkramen lassen müssen. Aber: I don’t pop my cork for every guy I see ...





online seit 22.01.2005 17:39:34 (Printausgabe 24)
autorIn und feedback : Johannes Raether




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