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Ein Mausklick für eine gute Sache Was taugen Facebook und Co für politische Arbeit? (oder: Bringt uns facebooken, twittern und livestreamen aus dem Audimax weiter?) Keine Woche nachdem Mike Brennan Anfang Februar in der U-Bahn Station Spittelau von Wiener Undercover-Polizisten verprügelt wurde, vernetzten sich FreundInnen des Lehrers mittels der Facebook Gruppe „Justice for Mike Brennan“ um gegen die rassistisch motivierte Attacke zu protestieren. Schnell fanden sich mehr als 5.000 UserInnen um der Gruppe beizutreten, doch beim Benefizkonzert Anfang Juni blieben sie aus. Was Craig Milam, einen der Gründer der Gruppe, zu böse-verzweifelten Kommentaren auf der „Justice for Mike Brennan“ Seite veranlasste. Slacktivism 2.0 Geschichten von Euphorie und Enttäuschung ob des Engagements in Social Network Sites (SNS) finden sich wie Sand am Meer. So oft, dass es im angloamerikanischen Feuilleton und einschlägigen Blogs zu einer Renaissance des Slacktivismus-Begriffs kam. Dieser machte einst im Zusammenhang mit einer Kritik an Online-Petitionen die Runde und dient heute KritikerInnen des unverbindlichen Gruppengründens bzw. -beitretens auf Facebook und Co, Slacktivismus 2.0, sozusagen. Aber ist es so einfach? Können SNS nicht mehr sein als der zeitgeistige „Weiterleiten“- Button? Um das zu beantworten, braucht es erst einen Blick auf Facebook und Co selbst. In ihrem Essay über die politische Ökonomie von SNS schreibt Nicole Cohen, dass Facebook „dem bekannten Modell extensiver Kommodifizierung, unter bedeutsamen Einsatz von Überwachungstechnologie folgt“. Die Verwertung von unbezahlt eingebrachter Arbeit durch Millionen NutzerInnen macht das Geschäftsmodell zum Paradebeispiel der Strategie, das „Wissen der Massen“ in den Dienst der Kapitalakkumulation zu stellen. Wie freundlich sind Online -FreundInnen? Anstatt UserInnen Handlungen oder Wünsche vorzuschreiben, sieht das SNS Geschäftsmodell vielmehr eine Strukturierung und Kanalisierung ebendieser vor. Die Seiten verwerten die aggregierten Beziehungs- und Verhaltensmuster nicht (nur), um die UserInnen-Erfahrung zu optimieren, sondern um GeschäftspartnerInnen Anknüpfungspunkte zu bieten. Am deutlichsten wurde das im November 2007, als Facebook „Beacon“ einführte. Rund 50 Partnerseiten akquirierten das Recht, Statusmeldungen über Online-Einkäufe vom Kinoticket bis zur Weltreise im FreundInnen- Netzwerk zu verbreiten. So sichtbar war Überwachung und Target-Marketing davor und danach nie mehr, denn tausende UserInnen (und das US-Politnetzwerk MoveOn.org) protestierten. Nur ein Monat nach Einführung wurde das Programm von „opt out“ auf „opt in“ umgestellt. Facebook entschuldigte sich offiziell und Mainstream-Medien feierten das vermeintliche Mitspracherecht. Letztlich wurde so aus dem ungeschickten Agieren entlang der öffentlich / privaten und sozial / kommerziellen Bruchlinien des SNS Geschäftsmodells, das den unhierarchischen, unkommerziellen Schein um jeden Preis wahren muss, sogar noch ein Erfolg für Facebook. Wäre der Glaube der privaten NutzerInnen nachhaltig erschüttert worden, hätte die Aufwertung der Waren der kommerziellen Partner- Unternehmen durch die Affekt-Produktion der UserInnen nachhaltig gelitten. Bootcamp Click Click So kam es neben der Bestätigung, dass sich aktive SNS Mitgliedschaft bezahlt macht, auch noch zu einem Musterfall politischer Arbeit in SNS, da ein Großteil der Proteste gegen „Beacon“ mit Facebooks eigenen Tools, sprich Gruppen, geführt wurde. Was unmittelbar zur Ausgangsfrage zurückführt: was taugen Facebook und Co für politische Arbeit? Die angesprochene Slacktivismus Diskussion wird dabei von großen NGOs, bzw. einem sehr amerikanischen Grassroots-Campaign Bild bestimmt, und die Sprache in der sie geführt wird, von wirtschaftsuniversitärem Marketinggewäsch. Es geht um Aufmerksamkeit, Akquise und Haltedauer von potenziellen MultiplikatorInnen. Anekdotische Erfolgsbzw. Misserfolgsgeschichten dienen sowohl BefürworterInnen als auch GegnerInnen als Argument. Aus der Sicht großer NGOs ist das nachvollziehbar. Da Fund- und Awareness-Raising ihre Hauptakvitität darstellen, reicht ein positiver Saldo allemal aus. Dass der Aufmerksamkeitswettbewerb oft im Zeichen der Abgrenzung zu anderen Kampagnen steht, ist lediglich ein bedauerlicher Nebeneffekt. Schließlich geht es darum, „den Stakeholdern eine unique value proposition zu machen, (…) denn andere Organisationen kämpfen ebenso um die Zeit und das Talent derselben Menschen“ (Social Citizens Blog). Instabile Gleichgewichte Gewinner in diesem Wettstreit ist eindeutig Facebook, die mit „Causes“ bereits ein Kampagnentool eingeführt haben. Der Affekt-Produktion kann so leicht eine neue Dimension hinzugefügt werden, die zwischen den Polen „sozial“ und „kommerziell“ schwankende Außenwahrnehmung quasi aufwandslos hin zu ersterem gekippt, und politisches Engagement kommodifiziert werden. Mit der Bedeutung, die Facebook und Co dadurch erlangen, steigt trotz aller Vorbehalte die Dringlichkeit der Frage, wie damit umgegangen werden soll. Es sind ja nicht nur progressive Gruppen, die um die Aufmerksamkeit einer immer größeren Öffentlichkeit in SNS buhlen, Facebook und Co zur Organisierung realer Kämpfe nutzen. Lediglich eine Gruppe zu gründen, als Teil der politischen Strategie, heißt aber noch lange nicht, SNS strategisch zu nutzen. Die gelungenen Beispiele reichen von der Dokumentation der Polizeigewalt rund um die 1. Mai Demonstration in Linz bis zu den fortlaufenden Protesten im Iran. Das stärkste Argument gilt oft an der Peripherie, wo eigene Infrastruktur staatlicher Repression ausgesetzt ist und SNS eine Möglichkeit bieten sich zu organisieren. Doch die Offenheit von SNS birgt gerade dort auch besondere Gefahr. Ob das das Cracken des Accounts der Anti-Gewalt-Initiative Pink Chaddi in Indien und Facebooks Unwillen die Sicherheitslücken zu schließen betrifft, die Verhaftung von Ahmed Maher und Israa Abdel-Fattah, MitbegründerInnen der Bewegung des 6. April in Ägypten, oder das Kapern der kolumbianischen „One Million Voices Against FARC“ Proteste durch rechte Interessensgruppen. Facebook und Co sind eben per se keine Verbündeten, sondern multinationale Konzerne, deren Infrastruktur manches Mal smart für die eigene Sache zweckentfremdet werden kann. online seit 03.11.2009 13:59:53 (Printausgabe 47) autorIn und feedback : cp Links zum Artikel:
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