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Die Krise des Buchs ist ein Mythos Interview mit Paula Bolyos und Jenny Unger zur feministischen Buchhandlung „ChickLit“, die Anfang 2012 im ersten Gemeindebezirk eröffnen wird. MALMOE: Im Jahr 2007 hat mit dem „Frauenzimmer“ die 1977 gegründete, einzige feministische Buchhandlung Wiens geschlossen. Anfang 2012 wird mit „ChickLit“ die seitdem bestehende Lücke nun endlich geschlossen. Verortet ihr euch hier in einer Tradition – und gibt es auch Brüche? chicKlit: Mit einer feministischen Buchhandlung setzen wir die Tradition fort, feministisches – wissenschaftliches ebenso wie belletristisches – Schreiben sichtbar zu machen. Ein möglicher Treffpunkt zum Austausch, nicht nur über Literatur, war das Frauenzimmer außerdem – auch das wollen wir anbieten können. MALMOE: Vom Frauenzimmer sozusagen „übriggeblieben“ ist ja die feministische Rezensionszeitschrift „WeiberDiwan“, in die ihr auch redaktionell involviert seid. Ist eine Anbindung an „ChickLit“ geplant und wenn ja, wie soll diese aussehen? chicKlit: Der WeiberDiwan ist im Frauenzimmer entstanden und war dann auch personell stark an die Buchhandlung gebunden. Nach der Schließung hat sich das dann schon verän- dert, die Redaktion wurde inzwischen auch vergrößert und es sind sehr viele Frauen* dabei, die anfangs noch nicht dabei waren. Die Zeitschrift wird vom Verein CheckArt herausgegeben. Es gibt derzeit keinen Grund, den WeiberDiwan und die Buchhandlung zu verbinden, aber wir werden ihn natürlich auf- legen und ganz bestimmt die Empfehlungen auch ins Sortiment aufnehmen. MALMOE: Mit der Location in der Kleeblattgasse im 1. Bezirk knüpft ihr zumindest räumlich an eine zweite feministische Struktur in Wien an, hatte hier doch bis vor kurzem die AUF (Aktion Unabhängiger Frauen) ihre „Homebase“. War es eine bewusste Entscheidung, in solche Räume zu gehen? chicKlit: Wir haben nicht einmal vorgehabt, jetzt schon eine Buchhandlung zu eröffnen, bevor wir das Angebot bekommen haben, den Raum zu übernehmen. Wir wussten, dass wir irgendwann wieder eine feministische Buchhandlung haben wollen und die wahr- scheinlich auch selbst machen werden. Dann wurden wir von den AUF-Frauen angesprochen und mussten nicht mehr viel überlegen. Es ist toll, einen Raum zu übernehmen, der eine lange feministische Tradition hat. Aber es wäre uns lieber, die AUF würde weiter bestehen und es gäbe noch einen zusätzlichen feministischen Raum. MALMOE: Nicht bloß feministische, sondern linke Buchhandlungen im Allgemeinen sind in Wien ja eher Mangelware. Woran liegt es eures Erachtens, dass Läden solcher Art hier – anders als in vielen anderen Großstädten – sich so schwer tun, Fuß zu fassen? chicKlit: Feministische Buchhandlungen sind im gesamten deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren gefährdet. In Wien liegt es zusätzlich bestimmt daran, dass die feministische und linke Szene kleiner ist als in manchen anderen Städten. Aber der Sortimentsbuchhandel ist ganz allgemein in seinem Fortbestand bedroht, das liegt viel an Versandangeboten des Großhandels und daran, dass die Einzelbuchhandlungen, vor allem kleinere, noch nicht so richtig auf diesen Zug aufgesprungen sind. Aber das ändert sich jetzt, es gibt immer mehr Angebote für Online-Versand, der das ganze dann auch möglichst bequem für die Kund_innen macht. Was aber sicher auch ein Problem der linken, feministischen Buchhandlungen ist, ist, dass sich die Herangehensweise an (pro-) feministisches Leben geändert hat. Solidarisch einkaufen ist nicht mehr so „in“, wie es während der zweiten Frauenbewegung war. Nur geht es dabei um mehr als nur um Solidarität. Nischenprodukte verkaufen sich einfach nicht so gut und werden wahrschein- lich verschwinden, wenn es kleinere Buchhandlungen nicht mehr gibt. Und damit sind dann auch die kleineren, linken, feministischen Verlage gefährdet. MALMOE: Wie lautet euer Masterplan, mit dem ihr die viel bemühte „Krise des Buchs“ (und damit wohl auch der Buchläden) zu meistern beabsichtigt? chicKlit: Die Krise des Buches halte ich für einen Mythos. Es wird nicht weniger gelesen, auch wenn Ikea jetzt das klassische Bücherregal abschafft und dem Flatscreen Platz macht. Es gibt vielleicht Verschiebungen weg von Belletristik hin zu Fach- und Ratgeber_innenliteratur. Und es wird anders gekauft, eben zum Teil im Großhandel über Internet und sicher vermehrt E-Books, auch wenn das im deutschsprachigen Raum noch nicht so spürbar ist. Das heißt, es gibt vielleicht eine Krise des Sortimentbuchhandels, aber keine des Buchs. Onlineversand werden wir haben – und zwar den mit Klick, und das Buch ist am nächsten oder übernächsten Tag da. Und auch E-Books werden wir dann, etwas später, anbieten können. MALMOE: Welche Schmankerln lassen sich in euren Bücherregalen finden? Und welche Leser_innenschaft wollt ihr ansprechen? chicKlit: Wir werden in der Belletristik-Abteilung mög- lichst alles haben, was an lesbischer Literatur aufzutreiben ist, zumindest an deutschsprachiger. An englischsprachiger nur deswegen nicht alles, weil der Raum zu klein ist. Wir werden klassisch-feministische ebenso wie queerfeministische Schreiber_innen vertre- ten, die im deutschsprachigen Raum noch nicht bekannt genug sind, Michelle Tea zum Beispiel. Krimis wird es auch ausreichend geben. Bei der Fachliteratur werden wir uns auf einige spezifische Themen beschränken und die dafür halbwegs umfassend anbieten. Dabei sind sicher klassisch feministische Themen wie Frauenbewegungen/feministi- scher Aktivismus, Gewalt, Körper/Sexualität, aber auch feministische Ökonomie und eini- ges aus dem Kunstbereich, ein Schwerpunkt werden Graphic Novels sein. Ansprechen wollen wir alle, die sich für feministische Literatur interessieren. Auch diejenigen, für die Feminismus ganz neu ist. MALMOE: Wird es im „ChickLit“ auch Raum für Veranstaltungen oder ein anderes Rahmen- programm geben? chicKlit: ChickLit gehört dem Verein zur Förderung feministischer Projekte und dieser Verein wird (Vor-)Lesungen und Diskussionsabende veranstalten. Die Lesungen werden für ganz unterschiedliche Altersgruppen stattfinden, von ganz klein bis ganz groß. Wir planen auch mehrsprachige Lesungen für Kinder, zumindest türkisch-deutsch ist fix, einiges anderes wird sich sicher noch ergeben. Au- ßerdem wird es ab und zu FrauenLesbenIn- terTrans-only-Lesungen geben. Und zu feiern gibt es sicher auch einiges. Mehr Infos zur feministischen Buchhandlung „ChickLit“ (Kleeblattgasse 7, 1010 Wien) unter: buchhandlung//a//chicklit.at und http://www.chicklit.at online seit 31.01.2012 12:08:33 (Printausgabe 57) autorIn und feedback : Interview: Gudrun Rath und Markus Griesser Links zum Artikel:
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