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Cultural Entrepreneurs mit Ihu Anyanwu (G.Rizo) Die Wahlwienerin ist seit Jahren als G. Rizo nicht nur in der lokalen Clubszene bekannt. Nach Veröffentlichungen auf International Deejay Gigolo und Codek Records bereitet sie gerade den Start ihres eigenen Labels Hezekina Pollutina vor, auf dem auch ihre neuen Tracks erscheinen werden. Claus Puhr: Normalerweise ziehen Leute von Wien nach New York und nicht umgekehrt. Wie kam das bei dir? Ihu Anyanwu: Ich habe Wien durch die Lomographic Society entdeckt, für die habe ich damals in New York gearbeitet und mich hat interessiert, wo die Inspiration für all die verrückten Fotografien herkam. Binnen des ersten Monats, in dem ich für sie gearbeitet habe, gab es auch eine riesige Ausstellung in New York. Dort habe ich dann Patrick Pulsinger, Erdem Tunakan, Hannes Baumann und noch ein paar andere Leute kennengelernt. Das war Ende September 1999, und als ich dann – auch aus persönlichen Gründen – im Dezember zum ersten Mal nach Wien kam, war es tiefster Winter. Da gab es keine Partys, niemanden auf der Straße, und ich dachte mir: Wo bin ich hier gelandet? In Russland? Und obwohl es nicht der flashy place war, den ich erwartet hatte, war ich doch beeindruckt. Eigentlich hätte ich dann für Lomo in Wien arbeiten sollen, aber dazu kam es leider nie. Dann habe ich auch mit Repellent (Anm. von Ihu Anyanwu herausgebrachtes Magazin) begonnen, um genau zu sein, zum Millennium in Wien. CP: Damals hast du aber noch nicht aufgelegt? IA: Einer meiner ersten DJ Gigs war bei der Repellent Launch Party 2001, aber ich begann Platten zu sammeln, als ich damals in den frühen 1990ern in Rutgers auf der Uni war, wo ein Freund für A Tribe Called Quest, DJ Premier und so Leute in New Jersey crate diggen war. Aber selbst aufgelegt habe ich erst auf den Repellent Partys. Doch es lag immer so viel Zeit zwischen den Ausgaben, also bin ich mehr oder weniger zu einer Promoterin geworden und habe begonnen, selbst Partys zu machen, La Boum im Warsaw, einem polnischen social club in Williamsburg. Andrea Lunzer: Das war also alles noch in New York. IA: Ja, und damals war New York flash, flash, flash. Total bunt. Und als ich 2002 wieder nach Wien kam war alles so minimal, beinahe transparent, auf eine what you see is what you get Art, wenn du verstehst was ich meine. Leute in New York und anderen großen Städten sind verrückt nach ihrem Aussehen, ihrem Auftreten. Hier in Wien war diese wholesomeness exotisch für mich. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt schon mit vielen Leuten in Wien in Kontakt, die durch mich auch in das Repellent Projekt involviert waren. AL: Und hat es dir auch gefallen? IA: Ja, vor allem wie es sich in der Kunst niedergeschlagen hat. Ich hab dann wieder in New York noch ein paar österreichische Fotografen kennengelernt, und je mehr Österreicher ich kennen lernte, desto näher rückte ich auch zu meinen bestehenden Bekannten. Da ich ja vor 13 Jahren schon in Paris gelebt habe, stand wieder nach Europa zu kommen immer im Raum, und als ich das dann tatsächlich zu planen begann, bekam ich sehr viel Unterstützung. Wenn ich einen Platz zu bleiben brauchte, oder Gigs um aufzutreten, wurde ich immer eingeladen. Das hatte sicher auch etwas mit dem Magazin bzw. dem Fakt, dass ich aus New York kam, zu tun. Rückblickend hat mir auch die Ruhe gut getan. Ich bin ja in Nigeria aufgewachsen, habe in Paris, New York, (in den USA) all over the states gelebt und bin somit in einer Situation, wo ich keine Leute habe, die ich mein ganzes Leben lang kenne. Wien hat mir da nach New York eine gewisse Stabilität gegeben, die ich zu dem Zeitpunkt wohl gebraucht habe. In New York hätte ich ohne viel Glück wohl recht bald aufgegeben. Hier komme ich mit viel weniger aus, und kann das machen was ich will. Das ist besser als zu wissen, dass es dieses Mal aber klappen muss, weil ich eben auch weniger unter Druck stehe. CP: Eine Frage noch zu Wien. Wie war es für dich als Afroamerikanische Künstlerin hierher zu kommen? IA: Zuallererst: Ich komme aus Nigeria, bin Amerikanerin, aber ich bin keine Afroamerikanerin. Hier in Österreich bin ich allerdings immer die Afroamerikanerin und meine Erfahrung ist sicher eine andere, als direkt aus Nigeria zu kommen. Ich denke, es macht auch einen riesigen Unterschied, ob jemand hier herkommt aus – sagen wir – ökonomischer Verzweiflung, weil die Familie zuhause das Geld zum Überleben braucht, oder wenn jemand wie ich aus der Mittelklasse stammt, und das irgendwie Luxus ist. Wenn es mir hier nicht mehr passt, dann verschwinde ich wieder. Nach London, Paris, zurück nach New York, oder sogar nach Nigeria. Was ich allerdings noch nicht geschafft habe, ist in meinem Leben die vielen Schichten zu integrieren, die mich ausmachen. Ich teile weder die Erfahrung anderer Nigerianerinnen in Wien, noch die meiner FreundInnen hier. Wenn ich aber die Straße lang gehe, und jemanden (aus Nigeria) treffe, dann sagen wir „Ey!“, und wenn mich meine Begleitung fragt, ob wir uns denn kennen, sage ich nein, aber wir machen das einfach so. Trotzdem habe ich keinen engen Kontakt zur nigerianischen Community in Wien. Das ist aber mehr eine Frage von Interessen, von Bildung. Denn selbst wenn jemand nicht aus der Mittelklasse stammt, sich aber für Kunst interessiert, hätten wir etwas gemeinsam. CP: Und deine Erfahrung mit Rassismus? Oder warst du durch dein Boheme Umfeld davon ein wenig abgeschottet? IA: Sagen wir so, im persönlichen Umgang bin ich definitiv ein wenig abgeschirmt. Aber als ich Anfang 2006 endgültig nach Wien zog, gab es diesen einen Psycho, der quer durch Wien „Neger raus“ geschmiert hat. Und nichts ist passiert. In New York hätte es einen medialen Aufschrei gegeben. Erst als eine Gruppe (Anmk.: rassismusstreichen.at) mit dem Überkleben begann, setzte endlich wer ein Zeichen. Davor habe ich mit FreundInnen gesprochen und die haben mir gesagt „Ignorier es einfach“ oder „Schreib selbst was dazu“. Ja, sicher, aber warum hat sonst niemand was geschrieben? Hätte ich mehr Dissens gesehen, hätte mir das definitiv Mut gemacht. Und stell dir jetzt einmal vor, du bist ein Kind hier, wächst auf hier, dein Selbstwert ist von Beginn an fucked. Das ist wirklich schrecklich, und ich bin heilfroh, dass ich nicht hier geboren wurde. Was mich persönlich angeht, in meinem unmittelbaren Umfeld habe ich auf jeden Fall Unterstützung bekommen. Und auch professionell. Ich hatte immer Auftritte, wurde immer gebucht, auch wenn ich anfangs noch dachte, dass das mit New York zusammenhängt, gilt das nach so langer Zeit sicher nicht mehr. AL: Wie kamst du dann zum produzieren? IA: Seit 2004 arbeite ich mit unterschiedlichen Produzenten zusammen, aber im Gegensatz zu Repellent hatte ich dabei nie die Kontrolle. Für meine erste Single zum Beispiel ging ich mit meinen Lyrics zu einem Produzenten, sang und ging wieder nach Hause. Drei Monate später haben sie mir dann eine Platte in die Hand gedrückt. Unglücklicherweise habe ich mir damals nicht eingestanden, dass ich in der Musik dieselbe Kontrolle wie bei Repellent haben, und nicht nur auf den Platten anderer Leute singen wollte. 2007 habe ich dann mit dieser online Musikproduktionsschule begonnen. Bestärkt durch meine Mutter, die wollte, dass ich ein Graduate Program mache, aber das wäre nichts für mich gewesen. Zu dieser Zeit habe ich auch zum ersten Mal Angebote abgelehnt. Ich wollte zwar nicht per se „nein“ sagen, aber auf eine neue Art kollaborieren. Mit vielen der Leute, die schon länger dabei sind, war das aber leider nicht möglich. CP: Wie meinst du das? IA: Auf jeden Fall nicht nur künstlerisch. Als ich begonnen habe, live aufzutreten, habe ich schnell gemerkt, wie sehr ich mich dabei öffne. Da war klar, dass ich dafür bezahlt werden muss, um das zu machen. Schließlich stelle ich mich quasi nackt auf die Bühne und alle starren mich an wie einen Freak. Mit dem Produzieren ist das genau das gleiche. Auch wenn ich viele Sachen gratis machen könnte, will ich das einfach nicht mehr. Komischerweise haben Männer dieses Problem nicht. AL: Weil sie bezahlt werden? IA: Ja. Und ich bin entsetzt, wie sehr die Szene in der Hinsicht dem Mainstream gleicht. Ich bin die Frau, die sich herausputzt, soll cool aussehen, aber nur ja keine Fragen stellen. This is not what I signed up for. Was ich bei dem Ganzen nicht verstehe, warum selbst in dieser Nischenökonomie Leute kein Interesse haben, andere zu unterstützen indem sie sie bezahlen. Denn wenn Leute permanent gratis arbeiten, dann müssen sie irgendwann einmal aufgeben. Und das passiert ja auch die ganze Zeit. AL: Und deshalb auch der Wunsch nach dem eigenen Label? IA: Ja genau, das ist einer der Gründe, warum ich gerade so begeistert bin von der Idee. Da kann ich die Musik so herausbringen, wie ich mir das schon immer vorgestellt habe. Und nicht mehr bei irgendwem, der mich kinda cool findet, und doch nur Grace Jones in mich hineinprojiziert. CP: Also geht es sowohl um wirtschaftliche als auch um künstlerische Kontrolle? IA: Natürlich, was ich jetzt allerdings noch klarstellen will, ist, dass das nicht so klingen soll, als ob ich die ganze Zeit unterdrückt worden wäre. Im Gegenteil, mir haben damals die ganzen Einladungen geschmeichelt. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ist, dass es damals nicht allzu viele weibliche Sängerinnen in der Szene gab. Ich hatte also auch ein bisschen Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Heute hingegen glaube ich nicht mehr, dass ich etwas Besonders bin, oder etwas Besonderes mache. Viel wichtiger ist, dass ich es selbst mache, egal wie anstrengend es auch sein mag. AL: Jetzt produzierst du deine Platten selbst und bringst sie auf deinem eigenen Label heraus. IA: Ja, und ich kann mir das Artwork selbst ausdenken und die Remixe aussuchen. Es ist wie damals, als ich Partys organisierte und überlegte, wen ich einladen wollte. Es ging darum, magische Momente zu kreieren und meine Vorstellungen zu realisieren. Darum geht es auch heute beim Musik produzieren. AL: Und hast du den magischen Moment schon eingefangen? IA: Hm, ich bin gerade dabei. CP: Im Herzen bist du halt doch noch die Person, die das Material sammelt und alles arrangiert, eben eine Herausgeberin. IA: Ja, das ist, was ich immer machen wollte und nun kann ich das endlich in meiner Musik machen. Wie Kid 606 mit seinen ganzen verrückten Typen auf Tigerbeat. Für mich war es nie genug, nur das Püppchen auf der Bühne zu sein. Es macht viel mehr Spaß, die Dinge selbst zu machen und selbst kreativ zu sein. Somit passt diese neue Rolle auch perfekt. HP 01: G. Rizo „Boys“ 12“ Single mit Remixen von Egyptian Lover und Dinamics erscheint vor dem Sommer. HP 02: G.Rizo „Catnip“ 12“ Single erscheint auch noch dieses Jahr. online seit 31.07.2010 10:17:34 (Printausgabe 50) autorIn und feedback : Interview: Andrea Lunzer & Claus Puhr Links zum Artikel:
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