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Fly me to the moon !

40 Jahre Mondlandung?!? Nicht wirklich…

Lange bevor Neil Armstrong am 21. Juli 1969 seinen wohlüberlegten Satz zum historischen Moment aufsagte, landeten die „First Men in the Moon“ (1901 bei H.G. Wells) mit ihrem „Cavorit“: „Was wir zuerst erblickten, war wohl die wildeste und trostloseste Landschaft, die man sich denken kann.“ Was sich alsbald mit dem Sonnenaufgang ändern sollte… Wells’ Raumfahrer, der Ich-Erzähler und eher glücklose Geschäftsmann Bedford und der Naturwissenschaftler Cavor lernen sich zufällig kennen und entwickeln angesichts der unverhofften Entdeckung des „Cavorits“, eines Elements, das die Schwerkraft mühelos überwinden kann, den Plan, auf den Mond zu fliegen.

The First Men in the Moon

„Plötzlich stiegen seltsame Vorstellungen in mir auf. Ich sah, wie in einer Vision, das ganze Sonnensystem von großen Passagierfahrzeugen aus Cavorit und Luxuskugeln für Einzelreisen durchkreuzt. ‚Vorverkaufsrecht’, schoss es mir durch den Kopf. ‚Interplanetarische Vorverkaufsrechte.’ Ich dachte an das alte Goldmonopol der Spanier in Amerika.“

Trotz ihrer Uneinigkeit über die Ziele der Mondfahrt – für Cavor ist es eine Forschungsexpedition – fliegen sie in ihrer Cavorit-Kugel gemeinsam los. Nach einer harten Landung und der Erkenntnis, dass auf dem Mond so gut wie nichts ist, wie es von unten scheint, nach einigen ersten berauschenden Sprüngen in der geringen Schwerkraft, holt sie der Anblick einer Mondkuh auf die Erde zurück: „Der Leibesumfang mochte an die dreißig Meter ausmachen und die Länge vielleicht siebzig. Ich bemerkte, dass sein riesiger schlaffer Körper am Boden schleifte und seine Haut runzlig und von schmutzigem Weiß war, das am Rückgrat in Schwarz überging.“

Die öde Landschaft hatte sich im Sonnenlicht in eine Art Dschungel verwandelt, in der sie sich nun prompt verirren, um endlich auf den ersten Seleniten zu treffen: „Und da stand es nun und starrte uns an.“ Und „es“ ist fremd und unverständlich, scheint zuerst äußerst gefährlich, bis Bedford sich in einer bedrohlich scheinenden Situtation verteidigen will und mit einem Schlag einen Seleniten tötet. Damit haben nicht nur alle Bemühungen Cavors, die Seleniten zu verstehen, ein Ende, auch Bedford muss seine Pläne erst einmal vergessen: „Andererseits liegt hier das Gold umher wie bei uns zu Hause Gusseisen. Wenn wir nur einen Teil davon zurückbringen können, wenn wir nur unsere Kugel finden, bevor sie es tun, und zurückkehren, dann… Dann könnten wir die ganze Sache auf eine festere Grundlage stellen. In einer größeren Kugel und mit Waffen wiederkommen.“

Doch der Mond ist mitnichten die erwartete leblose Terra incognita, die mit samt ihren Bodenschätzen nur in Besitz genommen werden muss, sondern ähnelt frappierend einem fantastischen El Dorado inklusive furchteinflößender Tiere und fremdartiger „Ureinwohner“, deren „Menschlichkeit“ nicht und nicht zutage treten will. Die Eindringlinge werden gefangen genommen, mit Ketten aus purem Gold gefesselt und in ein gigantisches Höhlenlabyrinth unter der Oberfläche verschleppt.

Befreien kann (und will) sich nur Bedford. Nach seiner Rückkehr auf die Erde wird ihm die Cavorit-Kugel gestohlen und damit jede Chance, das Gold und Cavor je vom Mond zu holen. Als dann jedoch verstümmelte Nachrichten von Cavor auf der Erde einlangen, erfahren wir, dass sein Schicksal doch nicht besiegelt war. Er war krank geworden, wurde von den Seleniten gerettet und in ihre Gesellschaft aufgenommen, die er in seinen Botschaften nun beschreibt. Während Bedford sie am ehesten mit Ameisen vergleicht, entdeckt Cavor, dass sie „an Intelligenz, moralischem Bewusstsein und Weisheit in ihrem sozialen Aufbau die Menschen ganz erheblich übertreffen.“ Der ewige kolonialistische Widerstreit zwischen Ethnologie und Eroberung, Erforschung und Unterwerfung, Idealisierung und Ausrottung „des Wilden“ – Dualismen, die auf Wells’ Mond wie auch in der irdischen Realität stets gemeinsam auftreten und schließlich verschmelzen.

De la terre à la lune

Noch früher als diese „First Men“, nämlich 1865, versuchen es zwei amerikanische und ein französischer Raumfahrer bei Jules Verne – doch wie weiland Yuri Gagarin fliegen sie (allerdings unbeabsichtigt) haarscharf am Mond vorbei.

Nach dem Ende des letzten Bürgerkriegs fühlen sich die ehrenwerten Mitglieder des „Kanonenclubs“ von Baltimore (in dem „bloß 2 Beine auf 6 und 2 Arme auf 8 Personen kamen“) irgendwie nutzlos. Bis ihrem Präsidenten Barbicane die rettende Idee kommt: „Ich habe mich bemüht, diese Frage unter allen Gesichtspunkten zu prüfen, und aus meinen Berechnungen geht hervor, dass jeder Gegenstand, der mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 11.000 Metern in der Sekunde in Richtung Mond geschossen wird, auch dort ankommt.“ Nicht nur dem Präsidenten Barbicane, auch Verne ist es ein Anliegen, die nun anstehenden technischen Probleme zu lösen, daher erfahren wir alles, was wir über die Machbarkeit eines Mondflugs wissen müssen: der Zeitpunkt des Abschusses (5. Dezember), die Länge der Kanone, die ihr Geschoss gen Mond feuern soll (270 Meter), das Material der Kugel (Aluminium) und schließlich der Ort des Abschusses (Florida!).

Als der Kanonenclub, für dessen Vorhaben weltweit Anleihen gezeichnet werden können (womit auch die finanzielle Seite geklärt wäre), gerade dabei ist, in Florida ein 270 Meter tiefes Loch graben zu lassen, in das die Kanone direkt gegossen werden soll, langt bei Barbicane ein Telegramm aus Frankreich ein: „Nehmt statt Kugel ein zylindrisch-konisches Geschoss. Ich reise darin mit. Michel Ardan.“

Nach einigen wenig galanten Auseinandersetzungen und nachdem auch noch Barbicanes Erzfeind Nicholl (er hatte in den vergangenen Kriegen jene Platten konstruiert, die Schiffe und Fahrzeuge vor den Kanonen Barbicanes schützen sollten) auftaucht und versucht, das Vorhaben lächerlich zu machen, reift der Beschluss, zu dritt auf den Mond zu reisen – irgendwie zieht Ardans Argument, dass das Ganze ansonsten eine verschenkte Gelegenheit wäre.
Die Flut an Fragen und Problemen, die nun gelöst werden müssen, kann hier gar nicht aufgezählt werden (es wird sogar ein Versuch mit einer Katze und einem Eichhörnchen gemacht, um herauszufinden, ob der Abschuss überstanden werden kann – überlebt hat das nur die Katze, die sich genüsslich die Lippen leckt, als sie aus dem Probegeschoss geholt wird). Immerhin ist man sich vollkommen einig darin, dass der Mond eine zwar dünne, aber ausreichende Atmosphäre besitzt, dass seine Erde urbar gemacht werden kann und dass genügend Wasser vorhanden ist. Nur die Frage, ob eine bewohnbare Welt auch eine bewohnte sein muss, scheidet die Geister. Michel Ardan hat darauf die simpelste aller Antworten: „Ich bin ein einfacher Ignorant und deshalb lautet meine Antwort: Ich weiß nicht, ob die Welten bewohnt werden und deshalb will ich mal selber dort nachschauen.“

Und um es kurz zu machen: In dem gemütlich eingerichteten Geschoss samt Küche, einer seltsamen chemischen Vorrichtung zur Sauerstofferzeugung („Reiset- und Regnaultapparat“) und zwei Hunden, die Ardan auf die Namen Trabant und Diana tauft und mit denen er ein neues Geschlecht von Mondhunden begründen will, starten die Drei. Und um es noch kürzer zu machen: Der zweite Teil des Romans trägt den Titel „Reise um den Mond“, womit ohnehin schon alles verraten wird: Ein kleiner „Bolide“, der auf der Umlaufbahn der Erde unterwegs ist, rammt sie zwar nicht, lenkt sie aber weit genug ab, dass an eine Mondlandung nicht mehr zu denken ist und das Geschoss stattdessen in die Umlaufbahn des Mondes gerät (im Übrigen sei angemerkt, dass zuvor durchaus die Gefahr bestand, aufgrund von Fehlberechnungen nur den „neutralen Punkt“ zwischen den beiden Anziehungskräften von Erde und Mond zu erreichen und „für alle Ewigkeit an dieser Stelle hängenzubleiben“).
Wer nun glaubt, das Problem der Rückkehr tauche erst jetzt auf, täuscht sich. Auch eine Rückkehr von der Mondoberfläche war trotz all der peniblen Vorbereitungen nie zur Sprache gekommen. Doch auch diese Herren sind von solchem Entdeckungseifer getrieben, dass dieses Problem gar keines ist: „Die Frage, wie man von irgendwo zurückkehrt, wohin man noch gar nicht gelangt ist, erscheint mir fehl am Platz.“ – „Und ich“, sagte Michel Ardan, „wäre gar nicht erst losgefahren, wenn ich gewusst hätte, wie ich wieder zurückkomme.“

Sie kommen zurück. Nach einer turbulenten Mondumkreisung, in deren Zuge der Hund „Trabant“ stirbt, durch ein Fenster ins Weltall verklappt wird und anschließend angezogen von der Masse des Geschosses dieses als (eben!) treuer Trabant begleitet, fallen sie in den Pazifik. Liebe Mondsüchtige! Auch wenn ich die Geschichten der beiden allerersten Mondfahrten nun weitgehend erzählt habe – diese Bücher sind dennoch lesenswert, denn der Humor von Jules Verne und die Abgründigkeiten von H.G. Wells sind auch literarische Abenteuer.

H.G. Wells: „Die ersten Menschen auf dem Mond“ (The First Men in the Moon), 1901
Jules Verne: „Von der Erde zum Mond“ (De la terre à la lune), 1865
Jules Verne: „Reise um den Mond“ (Autour de la lune), 1870
Bart Howard: „Fly me to the Moon“, 1954 (Frank Sinatra 1964)



online seit 19.11.2009 17:10:06 (Printausgabe 47)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl




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