menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Rettet unsere Ehemänner!

Demos gegen Prostitution in Wien 15

Hinter dem Wiener Westbahnhof kocht seit Ende August etwa zweimal pro Woche die “Volksseele” über. “Ich will nachts schlafen”, “Fahrverbot für Freier” oder “die Prostituierten raus” ist auf Pappkartons zu lesen, die die erwachsenen DemonstrantInnen zu spätabendlicher Stunde mit Vorliebe Kindern in die Hände drücken. Kommt gut, auch wenn die Kids keine Ahnung haben, was ein Freier oder eine Prostituierte ist.

Wieweit das Grätzel tatsächlich ein Problem mit dem Straßenstrich hat (die Zonen dafür werden von der Polizei festgelegt), wieweit erhöhte Lärmbelästigung überhand nimmt, sei dahingestellt. Fakt ist aber, dass was als Protest von BewohnerInnen begann, nachdem die üblichen Beschwerdewege nichts gebracht hatten, in eine allwöchentliche Kundgebung ausgeartet ist, die ihre Anliegen rassistisch artikuliert. Denn es sind in allererster Linie die “schwarzafrikanischen” Prostituierten, denen einerseits besondere Aggressivität unterstellt wird und andererseits Illegalität. Sie seien samt und sonders Asylwerberinnen. Nebenbei seien auch die Freier ein Problem, die durchs Viertel kreisen und jede Frau anmachen, die sie auf der Straße sehen. Dagegen gibt es aber ohnehin mit dem neuen Wiener Prostitutionsgesetz, das heuer erlassen wurde, eine Handhabe: Autokennzeichen notieren und anzeigen, denn Personen, die unbeteiligte PassantInnen auf eindeutige Art und Weise ansprechen, droht eine Geldstrafe bis zu 700 Euro.

Zufall oder nicht, der Beginn der Proteste fiel praktisch mit einer Pressekonferenz zusammen, in der der Wiener FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache erklärte, in Wien tobe ein “Rotlichtkrieg”.Wien werde "von einer Flut schwarzafrikanischer Prostituierter überschwemmt, die fast alle Asylwerberinnen sind und neben ihren rund 20 Euro Taggeld noch zusätzlich rund 3.000 Euro Einnahmen aus dem horizontalen Gewerbe verbuchen können". Und das auch noch mit Duldung der Behörden, was, so Strache, aus der Stadt Wien praktisch einen Zuhälter mache. Eine der Hauptforderung der “Bürgerproteste” ist denn auch, dass Asylwerberinnen die Ausübung der Prostitution wieder verboten werden solle. Tatsächlich ist Asylwerberinnen praktisch jede normale Arbeit verboten, während sie oft monate- oder jahrelang auf ihre Bescheide warten. Im Rahmen der Gesetze jedoch, ist die Sexarbeit mittlerweile erlaubt, Asylwerberinnen können in Wien ganz legal den so genannten Deckel, d.h. die gesundheitsbehördliche Registrierung als Prostituierte bei der Polizei erhalten. Mit der Ausstellung dieser Kontrollkarte wird die Illegalisierung verhindert, außerdem müssen die Frauen regelmäßig zum Gesundheitscheck.

Von der “Flut schwarzafrikanischer Prostituierter”, wie FPÖ-Strache festgestellt haben will, weiß aber nicht einmal die Polizei etwas. “Der Standard” recherchierte, dass sich bei der Polizei bisher rund 100 Asylwerberinnen als Prostituierte gemeldet hätten. Insgesamt seien in Wien derzeit 625 Frauen und Männer gemeldet, die Zahl der Geheimprostituierten schätze man auf ungefähr das Doppelte. Und dass viele Frauen, die illegal als Prostiutierte arbeiten, Opfer von Frauenhandel sind, sollte in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt bleiben.

Die Panikmache, wie sie von FPÖ-Wien und den “besorgten BürgerInnen” des 15. Bezirks betrieben wird, schießt aber nicht nur faktisch weit übers Ziel hinaus. Sie bedient sich auch bekannter rassistischer Ressentiments gerade über Schwarze Frauen, denen gern Promiskuität und Sexbesessenheit zugeschrieben wird. Der Sprecher der BürgerInneninitiative, Karl-Heinz Rudolf, wird im “Kurier” vom 2. September u.a. mit den Worten zitiert: “Die (gemeint sind die Schwarzen Frauen unter den Prostituierten) halten sich nicht an die übliche Anbahnungspraxis, sondern packen harmlose Passanten an der Hand…” Auch politisch wird wenig weitsichtig argumentiert: Verbieten und anderswohin verlagern - damit wären die protestierenden FünfhauserInnen schon zufrieden. Die Bezirksgrünen, die den Demonstrationen seit einiger Zeit ihr Transparent “Vertreiben ist keine Lösung” entgegensetzen, finden da kein Gehör. Sie argumentieren, dass Asylsuchenden endlich erlaubt werden soll, ganz normal zu arbeiten. Eine Forderung, der sich die BürgerInnen-Initiative anschließen könnte, wenn sie an einer tatsächlichen Lösung interessiert wäre. Stattdessen scheint es nur um "mehr Polizei" und "saubere Straßen" zu gehen.

Das kommt natürlich auch in den Massenmedien gut an. Die Demo-Termine wurden in “Wien heute” (ORF) angekündigt, ATV+ sendete ein Reportage, in der sich DemonstrantInnen hemmungslos gegen “schwarze Prostituierte” auslassen durften, und der neue Sender PulsTV brachte eine Diskussion unter dem Titel "Einheimische Prostituierte gegen Schwarzafrikanische Asylwerberinnen", bei der ausschließlich “einheimische Prostituierte” zu Wort kamen, die ihr Gewerbe gar wegen “Gewaltandrohungen seitens der Schwarzafrikanerinnen" aufgeben wollen. Die Beratungsstelle SILA, die seit 2 Jahren im 15. Bezirk für Sexarbeiterinnen tätig ist, hat dagegen die Erfahrung gemacht, dass es genau umgekehrt ist.

Am 10. September formierte sich nun auch eine kleine linke Kundgebung, um gegen die rassistische Ausrichtung der BürgerInnen-Proteste aufzutreten. Einige männliche Demonstranten verkleideten sich dabei als Tunten und trugen Schilder mit Sprüchen wie z.B. “Ordnung muss sein – Hauptsache Arbeit” oder “Rettet unsere Ehemänner”. So mischten sie sich unter die BürgerInnen-Demo, und schließlich wurden 2 AktivistInnen wegen “Störung der öffentlichen Ordnung” angezeigt.


Links:
Beratungszentrum für Prostituierte
antirassistische Berichterstattung
Schwarze Frauen Community
Beratungsstelle für Opfer und ZeugInnen von Rassismus


online seit 16.09.2004 12:45:19 (Printausgabe 22)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl




Balkan­woodstock im ­Augarten

Geistertanz 2: Migrantische Raumnahme
[11.06.2013,Ljubomir Bratic]


Der rosarote Panther

MALMOE-Farbenlehre Rosa VII
[20.04.2013,pp]


Pinkstinks

MALMOE-Farbenlehre Rosa I
[11.04.2013,star]


die vorigen 3 Einträge ...
die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten