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  Eine Attacke ad personam

Von der Maßregelung einer Kritik am N-Wort zu der eines Kritikers



Wer würde heute im Zusammenhang mit schwarzen Menschen noch von N***** sprechen? Eine Frage aus längst vergangenen Tagen? Mitnichten. Und nicht der Ganster-Rap aus anderen Kontinenten belegt die Gegenprobe, die Beispiele liegen vor unserer Haustüre. Erst vor wenigen Tagen fährt die Rezension einer Othello-Aufführung in einer „Qualitätszeitung“ ungerührt das N-Wort im Titel auf. Im Spielwarenhandel gibt es das Buch von den zehn kleinen N******* auch heute noch ohne Not zu kaufen. Pippi Langstrumpfs Vater ist traditionell N****-König, auch in der aktuellsten Neuauflage des Buches. Auf österreichischen Plakatwänden wird eine Speiseeis-Kreation mit Namen „M*** im Hemd“ beworben. Auf Wiener Hauswänden sind tausendfach Hetzparolen gegen schwarze Menschen zu lesen: „N**** raus“ wird da, feig und anonym, gehetzt. Demnächst kommt man vielleicht auch dem Vorschlag des amtierenden FPÖ-Obmanns nach, Abschiebungen nicht in zivilen Luftfahrtmaschinen vorzunehmen, sondern mit „Transportflugzeugen des Österreichischen Bundesheers“, auf dass sie dort dann „schreien und sich anurinieren können“, ohne Urlaubsgäste zu stören? Massenabschiebungen sind jedenfalls der letzte Schrei, auch in Österreich, zuletzt von Schwechat nach Nigeria. Soweit zum Hintergrund des N-Wortes im Hier und Jetzt. Zu hören und zu lesen ist von alledem nicht viel.

Ein Schritt über den medialen Konsens hinaus

Die Diskussionen um die Frage, warum das N-Wort im aktuellen Sprachgebrauch und besonders in den Medien keinen Platz finden sollte, sind oft unergiebig. Wer nicht akzeptiert, dass sich schwarze Menschen durch die Bezeichnung als „N“s diskriminiert, erniedrigt und verletzt fühlen, hat auch keinen Anlass, der sprachpolitischen Logik zu folgen, die einen Verzicht auf das N-Wort und das M-Wort fordert. Während die meisten KommentatorInnen zwar nicht unbedingt aktiv die vermehrte Verwendung von N- und M-Wort fordern, stellen sie sich gegen die Vermeidungsempfehlung.

Der Falter aber ging in der letzten Ausgabe des Jahres 2009 einen Schritt weiter. In der Kompilation „Best of Böse“, einem satirisch angelegten Jahresrückblick, war nicht das N-Wort Zielscheibe von spöttischer Maßregelung, oder die Kritik am N-Wort, sondern mit Simon Inou ein vom N-Wort direkt Betroffener, der sich gegen dessen Verwendung wendet. Nein, der Kampf gegen die Verwendung des N-Wortes ist nicht sein einziges Betätigungsfeld. Aber es ist jenes Detail, das es dem Falter wert war, ihn an den medialen Pranger zu stellen. Ach so, satirischer Zusammenhang, nicht immer gleich die Keule schwingen, wenn einer einen Witz macht? Wer darum bemüht ist, auf sieben Zeilen fünf Mal das N-Wort unterzubringen, kann sich nicht mehr auf ein Schreiben in Anführungszeichen zurückziehen. Es war eine Attacke ad personam, und sie ist dem Falter nicht gut zu Gesicht gestanden.

Zwei Legitimationsstrategien

Die Verwendung des N-Worts wird heute mit zwei Argumenten legitimiert: Erstens mit dem Hinweis, dass es früher auch gebräuchlich gewesen wäre und sich niemand daran gestoßen hätte. Das traditionalistische Argument ist insofern schwierig aufrechtzuerhalten, weil es zwar stimmt, dass das Wort in Gebrauch war, das alleine aber nicht bedeutet, dass es deswegen nicht immer schon diskriminierend gewesen wäre. Und: Weitere Aspekte wie Kolonialismus, Sklaverei und Diskriminierung schwarzer Menschen, die mit dem N-Wort untrennbar verbunden sind, müssen (müssten...) bei einer historischen Argumentation mit eingeschlossen werden. Die zweite Legitimation orientiert sich nicht rückwärts, sondern in alle Richtungen: Ein N-Wort-Verbot wäre Zensur und liefe der freien Meinungsäußerung zuwider. Und deswegen will und wird man sich das N-Wort nicht verbieten lassen. Wer das freie Wort zensuriert, verordnet Denkkategorien, entscheidet über richtige und falsche Gedanken, ist gegen offene Diskussionen und letztlich ein Feind von Freiheit und Demokratie. So weit, so falsch sind diese Vorwürfe an die VertreterInnen „politischer Korrektheit“. Schließlich ist die Entscheidung, das N-Wort nicht zu verwenden, Ergebnis einer gesellschaftspolitischen Diskussion um Rassismus, Diskriminierung und interkulturellen Respekt – und keine Laune von TugendterroristInnen.

Selten (nicht) so gelacht …

Fakt ist: Solche Diskussionen haben in Österreich keine Tradition. Im Unterschied zum Rückzug in die humoristische Reserve: Lieber im Kabarett aussitzen statt Konflikte austragen, scheint der Grundkonsens der österreichischen Debattenkultur zu sein. In dieser Sache ist der Falter nicht allein. Und selten wird so viel gelacht. Im Fall des Falters und seines N-Witzes aber ist vielen LeserInnen das Lachen vergangen. Armin Wolf, als moralisches Gewissen der österreichischen Medienlandschaft gehandelt, kommentierte die Meldung als „Worst of Böse“, andere BranchenkollegInnen schrieben empörte LeserInnenbriefe. Die größte Häme kam jedoch aus unerwarteter Richtung: vom Pressesprecher von Vizekanzler Pröll, Daniel Kapp. Unter dem Titel „Wann wea ,N****‘ sogt, bestimmt jetzt Armin Turnher“ bloggte er seine Reaktion und setzte seinerseits einen brachialen Vergleich als Schlusspunkt: „Erlaubt uns der Falter dann irgendwann einmal wieder ,Sau-Jud‘ zu sagen? Nur rein satirisch, versteht sich ...“





online seit 09.02.2010 11:52:57 (Printausgabe 49)
autorIn und feedback : Markus Wailand


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/826
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/847



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