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Optische Eingriffe

Graffiti jetzt in Buchform.

In diesem Sommer hat Österreich sein erstes undergroundiges Graffiti- und Streetart-Buch bekommen: SUBVERSIV zeigt unterschiedlichste Varianten der Modifizierung des öffentlichen Raums. Ingo Lauggas hat mit den Herausgebern Nr.23 und Nr.0815 gesprochen.

MALMOE: Wie kommt euer Buch an?

Nr.0815: Sehr gut: Am 23. Juli hatten wir unsere Release-Party, und innerhalb von einem Monat war schon die Hälfte weg. Das ist durchaus als Erfolg zu werten. Es gibt in Österreich trotz der überzogenen Repression sehr viele Newcomer in der Szene, die sich für Graffiti begeistern und sich mit der Materie auseinandersetzen.

In dem wenigen Text wird die "Domestizierung" der Szene beklagt; inwieweit ist aber ein Fanzine, das es bei Morawa zu kaufen gibt, auch Teil dieser Domestizierung bzw. wie widersetzt sich das Projekt dem?

Nr.23: Wie der Titel des Magazin sagt, sind wir "subversiv" und legen Wert darauf, dass die Menschen das als Ansporn zum Nachahmen nehmen. Das Konzept besteht darin, die Leute zum Handeln aufzufordern oder zumindest zum Nachdenken. Neben der Kunst selbst muss man irgend eine Art von Vermittlung wählen, weil vieles sehr schnell wieder zerstört wird. Das ist das Problem: einerseits die erwähnte Repression, andererseits dass vieles sehr schnell übermalt und zerstört wird und drittens die Domestizierung, womit legale Sprühflächen gemeint sind. Denn das ist nur die andere Seite der eisernen Faust der Justiz.

Nr.0815: Wir haben mit dem Buch versucht, vom Cover über's Layout bis zu den Texten einer Kommerzialisierung entgegen zu wirken. Aber es stellt sich die Frage, ob es überhaupt etwas geben kann, das völlig aus dem System ausbricht. Auch als Subkultur musst du dich in die bestehende Ordnung irgendwie einnisten, um zu arbeiten. Geld durchdringt jeden Bereich, so gesehen gibt es eigentlich überhaupt keinen Underground, wenn man es ganz strikt sieht. Von der Systemtheorie habe ich aufgeschnappt, dass jede Subkultur sich auf die Gesellschaft bezieht und somit ein Teil davon ist, dass sie nicht völlig abseits steht.

Da das Buch beinahe ohne Text auskommt, ist es schwierig, eure politischen Ansprüche nachzuvollziehen bzw. den Unterschied zu kommerziellen Sprayern wahrzunehmen. Der Verkäufer bei Morawa würde vermutlich beides nebeneinander stellen. Graffiti soll Teil des Kampfes gegen die "Hegemonie der Ökonomie" sein, schreibt Ihr – was heißt das?

Nr.0815: Da ist z.B. die Einwirkung im öffentlichen Raum. Ich glaube, dass der öffentliche Raum durch Sprühereien an den Wänden stark okkupiert wird, dass ein Straßenzug oder eine Gasse eine völlig andere Wirkung auf die Menschen hat, die sich darin bewegen, wenn das Ganze bemalt ist. Dementsprechend zeigt das eine Wirkung. Es ist definitv ein Eingriff in das Leben der Menschen einer Großstadt.

Nr.23: Es zeigt auch, welche Wertigkeiten die BewohnerInnen einer Großstadt haben. Wenn eine Stadt bunt bemalt ist, gibt es da offenbar viele, die andere Interessen verfolgen als dass es nur sauber und steril ist und alles möglichst reibungslos abgeht. Rom etwa ist ein Beispiel für eine bestimmte Lebendigkeit. Es mag nur eine Minderheit sein, aber es zeigt, dass hier Menschen wohnen, die in direkter Aktion dafür sorgen wollen, dass die Städte schöner und bunter und lebenswerter werden.

Die "Verschönerung" ist aber ein anderes Argument als das der Reibepunkte. Sind das zwei verschiedene Arten, Graffiti zu verstehen und zu praktizieren, oder kann ein und derselbe Eingriff beides?

Nr.0815: Der eine Anspruch ist die Irritation: Du gehst raus, bemalst irgendwas und bewirkst dadurch irgendwas; das andere hingegen halte ich für eine Frage der subjektiven Wahrnehmung. Eine alte Oma wird anders mit dieser optischen Information umgehen als eine Jugendliche, die vielleicht schon Interessen in diese Richtung hat.

Nr.23: Es ist aber schon ein Unterschied, ob du mit Schablonen politische Parolen sprühst und das künstlerisch aufpeppst oder ob du einfach nur bunte Blumen oder hübsche Berglandschaften malst, was vielleicht sogar in Österreich ankommen würde. Das ist sehr wohl eine Frage der Entscheidung des Künstlers oder der Künstlerin, vielleicht auch eine Frage der Stimmung, in der er oder sie in dieser Schaffensphase gerade ist. Die Motivation für bestimmte Projekte kann ganz unterschiedlich sein.

Nr.0815: Jedes Tag, jedes Kürzel, das irgendwo steht, jedes Bild, das irgendwo jemand malt, ist auch ein Zeichen dafür, dass da jemand ist, der ein kritisches Bewusstsein an den Tag legt und das auch veräußert. Ob das jetzt im Privatleben einer Person tiefgehende Konsequenzen hat, sei dahingestellt, aber jedenfalls gibt es da eine kritische Person, die ein Zeichen setzt.

Nr.23: Das hat auch etwas mit Selbstermächtigung zu tun, sich das Recht herauszunehmen, den eigenen Namen genauso zu promoten wie es kapitalistische Unternehmen tun, die überhaupt keine Scham haben, den öffentlichen Raum mit Logos in gigantischen Ausmaßen zuzutexten, mit Werbetürmen und Transparenten. Es ist ein Ausdruck der Selbstermächtigung, dass sich ein Individuum genau so wichtig fühlt und sich dieses Recht herausnimmt. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, und die wird dir niemand schenken, die muss man sich selber holen.

Wie kann ein Buch das künstlerische Erleben von Graffiti überhaupt reproduzieren? Ist Graffiti nicht ein gutes Beispiel für die Aktualität von Benjamnis Annahme, dass mit der Reproduktion des Kunstwerks dessen Aura verloren geht?

Nr.0815: Auf jeden Fall! Das haben wir auch als Problem bei der Veröffentlichung von Fotos gesehen. Wir haben das glaube ich ganz gut gelöst, indem wir möglichst große Darstellungen wählten. Teilweise gehen bei uns Fotos über eine halbe Seite, um auch eine bestimmte Stimmung abzubilden. Nehmen wir dieses Bild hier, das ist ein gutes Beispiel: der Zug ist in der Früh gerade eingefahren, die Leute schauen, was ich denn da überhaupt fotografiere – es hat eine bestimmte Atmosphäre, der Bahnsteig, das Licht ... das Foto ist also nicht nur auf den Bildausschnitt reduziert. Das hätten wir auch machen können, dann hätten hier noch drei Fotos reingepasst. Auch hier, ein anderes Bild, hier ist die Mauer bis ganz nach oben drauf, um zu zeigen, was das für ein Platz ist, welche Atmosphäre dort herrscht.

Apropos Zug: Mein Gefühl ist, dass ich all diese Werke auf Wiener U-Bahnen und Zügen sonst nie zu sehen bekomme. In anderen Großstädten sehe ich viel mehr davon.

Nr.0815: Da muss man differenzieren; in Deutschland wirst du auch nicht viele bemalte Züge sehen, in den ehemaligen Ostblockländern ist das anders, vielleicht haben sie da auch nicht so viel Geld für die Reinigung oder schlicht andere Probleme. Generell ist es hier tatsächlich so, dass versucht wird, die Züge so schnell wie möglich von den Bildern zu reinigen, um ein Nachahmen zu verhindern. Das trifft besonders auf U-Bahnen zu, die S-Bahnen sind nicht so schnell gereinigt, da das Netz größer ist und es mehr Züge gibt.

Ich radle jeden Tag an einer U-Bahn Station vorbei, die einfach immer nach Pisse stinkt, und die wird vielleicht ein Mal im Monat gereinigt. Kürzlich war da um 8 Uhr morgens ein neues großes Graffiti, das über Nacht entstanden sein muss. Ein Arbeiter war schon damit beschäftigt, es abzuschrubben. Als ich mittags vorbeikam, war er gerade fertig. Kann es sein, dass gemessen am Reinigungsaufwand Uringestank als weniger störend empfunden wird als Graffiti?

Nr.0815: Wahrscheinlich; Graffiti wird als Angriff auf eine bestehende Ordnung aufgefasst und offenbar will man die Angst der Bevölkerung davor nicht allzu groß werden lassen. Ich glaube, viele Menschen in unserer Gesellschaft nehmen Graffiti als Bedrohung ihres Lebens und ihrer Ordnung wahr. Dabei gilt für Privathäuser das gleiche wie für öffentliche Bauten oder Züge: Wenn da mehrere gesprühte Zeichen sind, sieht es aus, als wäre das Objekt unbeaufsichtigt und als würde dort also eine potenzielle Unsicherheit bestehen. Als könnte man an diesem Ort tun und lassen, was man will, und das verunsichert.
Man kann deine Geschichte auch positiv lesen und sagen: Graffiti wird nicht mit Pisse gleichgesetzt. (lacht)

Inmitten all der Bilder von hübschen Zügen taucht in dem Buch plötzlich eine Fotoserie von den "Asyl – Drogen – Neger"-Schmierereien auf, die wir ja alle aus Wien kennen. Das fand ich – zumal in der Textlosigkeit der Seiten – sehr irritierend.

Nr.0815: Wir haben das bewusst so gehalten, und es hat auf vielen Seiten Kritik ausgelöst, was ich auch wieder positiv werte, weil es offenbar Aufruhr schafft und die Leute zum Nachdenken und zur Diskussion anregt. Wir haben versucht, in dem Punkt nicht normativ zu agieren. Wir wollten nicht vorgeben, was jemand darüber denken muss, sondern wir wollten zeigen, was es einfach gibt, welches Ausmaß Eingriffe in den öffentlichen Raum haben können, auch im negativen Sinne. Die Bewertung davon lassen wir im Endeffekt dem Betrachter offen. Wir wollten deskriptiv sein, es einfach ohne Kommentar zeigen. Ich glaube nicht, dass es immer notwendig ist, sich zu allem zu äußern.

Ich selbst habe diese Fotos gemacht, ich bin durch die Stadt und war einfach schockiert, aber auch fasziniert. Ich habe mir gedacht, das ist doch ein Wahnsinn, was da abgeht, und genau dieses Empfinden wollte ich weitervermitteln. Ich wollte ganz bewusst nicht nur die durchgestrichenen Sachen fotografieren.

Eine Möglichkeit wäre gewesen, die kreativen und manchmal ganz witzigen Verunstaltungen dieser Sprüche abzubilden.

Nr.23: Aber das ist immer reaktiv ... Diese Seite in unserem Buch kann man auch als Ohrfeige für die politische Linke verstehen, die in den letzten Jahren tatenlos zugeschaut hat, wie die Rassisten organisiert durch Wien gezogen sind und auf jedes Haus rassistische Parolen geschmiert haben. Die Linken haben teilweise kreative Verschönerung betrieben, was meines Erachtens sehr wenig ist im Vergleich zur Dimension, wie schnell und wie viele rassistische Parolen in der Stadt auftauchen. Wenn die Leute sich dadurch provoziert fühlen, dass wir so etwas abbilden, muss man den Ball zurückspielen: Wir bilden das ab, was wir in dieser Stadt gesehen haben, wegen der Tatenlosigkeit einer Linken, die das duldet. Wenn wir dazuschreiben würden, wir finden das aber sehr böse und blöd und rassistisch, dann würden wir ja die LeserInnen auch für dumm verkaufen, denn es richtet sich von selbst.

Aber wenn das Buch den Anspruch hat, eine bestimmte Szene zu porträtieren, ihre Arbeit zugänglich zu machen und zum Nachahmen zu animieren, dann hat diese eine Seite scheinbar eine andere Zielsetzung.

Nr.0815: Auch diese Seite zeigt, was im öffentlichen Raum passiert. Es ist ein optischer Eingriff im öffentlichen Raum, wenn auch ein rassistischer Eingriff, das bestreitet ja niemand. Es muss einfach gezeigt werden, dass es so etwas gibt. Außerdem ist die Seite im dem Buch sehr wohl abgegrenzt an einer bestimmten Stelle plaziert, die Fotos sind nicht einfach nur untergemixt.

Nr.23: Man muss eben damit leben, dass nicht nur wir, die Guten also, Stifte und Dosen halten können, sondern dass es in diesem Land auch organisierte Neonazis gibt, die mit Bleistiften oder Ölkreiden herumgehen können.

Plant ihr weitere Ausgaben des Magazins?

Nr.0815: Nein, wir verstehen "Subversiv" als Buch, es ist einigermaßen dick, hat eine Fadenbindung und einen Rücken. Es kann schon sein, dass wir irgendwann wieder so etwas machen, aber vielleicht hat das dann einen anderen Namen.

Nr.23: Das wird auch davon abhängen, wie sich die Graffiti-Szene in Wien entwickelt; es ist hier im letzten halben Jahr so viel passiert wie zuvor in drei Jahren, es gibt einen richtigen Boom. Vielleicht werden jetzt viele Leute angeregt, und wir müssen bald wieder ein Buch machen, weil so viele gute Bilder in den Straßen von Wien zu sehen sind.


Kontakt: subversiv@gmx.at




online seit 22.09.2005 14:18:57 (Printausgabe 28)
autorIn und feedback : Ingo Lauggas




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