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Gegen Hegemonie? Der Alltag der rebellischen Subjektivität und die "Möglichkeiten emanzipativen Handels". - Ein Buch über die Perspektiven globalisierungskritischer Strategien. Angesichts der vom Politologen Alex Demirovic anlässlich eines Symposiums der Arbeiterkammer zu "Globalisierung und Neoliberalismus" Anfang Juni aufgeworfenen Frage, ob der Neoliberalismus überhaupt hegemonial ist, erscheint ein Buch mit dem Titel "Gegen-Hegemonie. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien" voreilig. Entgegen zahlreicher linker Analysen vertritt Demirovic die These, dass der Neoliberalismus nicht hegemonial ist, weil erstens zentrale Parameter des (Neo)Liberalismus wie die marktförmige Organisation der Produktion angesichts einer "Netzwerk-Ökonomie" nicht durchgehend vorhanden sind, und zweitens neoliberale Politik etwas Zerstörerisches hat und (Klassen-)Kompromisse, wie sie für die fordistische Hegemonie etwa typisch waren, eher aufgebrochen, denn gefestigt werden. Dieser, auch in Teilen der Wiener Linken in den letzten Tagen heftig diskutierten These, steht die Auffassung Ulrich Brands gegenüber, der in seinem Buch festhält, dass heute "in den nordwestlichen Ländern durchaus von einer neoliberalen Hegemonie in dem Sinne gesprochen werden (kann), dass im globalen Wettbewerb scheinbar ein 'gemeinsames Interesse' unter dem Stichwort 'Wirtschaftsstandort' erzeugt wird, um den 'Standort (zu) retten'". Strategische Terrains Um eine Differenz theoretischer Art kann es sich bei diesen unterschiedlichen Gegenwartsanalysen nicht handeln, denn beide Wissenschafter gehen vom Hegemonie-Konzept des italienischen Philosophen Antonio Gramsci aus, das Brand folgendermaßen definiert: "Hegemonie wird hier verstanden als die Fähigkeit herrschender Gruppen und Klassen, ihre Interessen durchzusetzen, sodass sie von subalternen Gruppen und Klassen als Allgemeininteresse angesehen werden und es weitgehend gemeinsame gesellschaftliche Vorstellungen über die Verhältnisse und ihre Entwicklung gibt". Insofern zahlreiche - und nicht nur die Wirtschaft betreffende - politische Fragestellungen heute vor dem Primat der Wettbewerbsfähigkeit gelöst werden müssen, und die politischen Subjekte zumindest passiv dieses Primat internalisiert haben und ihr Leben danach ausrichten, sind neoliberale Politiken hegemonial geworden. Was lässt sich vor diesem Hintergrund nun als "Gegen-Hegemonie" verstehen? Bevor Brand gegen Ende des Buches eine sog. "rebellische Subjektivität" skizziert, werden theoretische Konzepte aufgespannt und aktuelle politische Kämpfe und Auseinandersetzungen analysiert. Der theoretische Bogen reicht dabei vom bereits erwähnten Hegemonie-Konzept Gramscis, über den französisch-griechischen Staatstheoretiker Nicos Poulantzas, den polit-ökonomischen Ansatz der Regulationstheorie, hin zu neueren kritischen Ansätzen der Internationalen Politischen Ökonomie. Die Staatstheorie Poulantzas' bietet in diesem Zusammenhang zwei gedankliche Anknüpfungspunkte für den politischen und theoretischen Umgang mit Globalisierung und Neoliberalismus: Gegen instrumentalistische Staatsauffassungen, die im Staat die direkte Herrschaft des Kapitals erkennen bzw. die das "finstere und terroristische Wesen des Staates" (Antonio Negri) anprangern, sieht die an Poulantzas angelehnte Staatstheorie erstens den Staat als soziales Verhältnis und "zentrales strategisches Terrain gesellschaftlicher Auseinandersetzungen". Damit bleibt für linke Politik der Staat eine nicht unwesentliche Andockstelle für politische Forderungen, allerdings - so Brand - ohne "die Illusion einer umfassenden emanzipativen Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse durch den Staat". Zweitens kann mit dieser Staatstheorie gegen die These der Auflösung des Nationalstaates im Zuge der Globalisierung argumentiert werden, dass auch die internationale Ebene durch verschiedene politische und soziale Kräfte, zu denen ganz wesentlich nationalstaatliche Akteure zählen, strukturiert wird. "Ein neo-poulantzianischer Ansatz würde analysieren, ... wie sich also (welt-)gesellschaftliche Interessen und Kräfteverhältnisse in den Apparaten materiell verdichten". Emanzipative Potentiale Diese internationalisierte Lesart der Staatstheorie wird von Brand auch für die sog. Regulationstheorie vorgeschlagen, jenen politökonomischen Ansatz, der sich zwar von den ökonomistischen Ansätzen früherer marxistischer Kapitalismusanalysen verabschiedet und kapitalistische Akkumulation in ein soziales Kräfteverhältnis einbettet ("Regulationsweise"), dessen Schwachstelle aber dennoch die nationalstaatlich zentrierte Analyse blieb. Mit Hilfe neuerer Theorien der Internationalen Politischen Ökonomie, die sich zum Teil auf Gramsci, zum Teil auf poststrukturalistische und feministische Ansätze beziehen, könnte die kritische Analyse internationaler neoliberaler Vergesellschaftung vorangetrieben werden. Diese theoretischen Überlegungen dienen bei Brand, der selbst in der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) politisch aktiv ist, nicht der nachwuchs-akademischen Übung, sondern sie sollen vielmehr dem "konsequenten Ausloten emanzipativer Potenziale" nützen. Dies passiert denn auch im dritten Teil des Buches, das sich angesichts der vorangegangenen Analysen vorwiegend auf globale politische Bewegungen bezieht. Ein zentraler Text ist hierbei der gemeinsam mit Joachim Hirsch verfasste und bereits mehrfach publizierte Text über die Resonanzen des Zapatismus in Westeuropa. Den Zapatisten gelang es, gegen die "horizontalen Konfliktachsen" (Marco Revelli) von sozialen Auseinandersetzungen, in denen vor allem verschiedene Fraktionen innerhalb der beherrschten Gesellschaftsgruppen gegeneinander kämpften (z. B. Kernbelegschaft gegen Randbelegschaft, "Inländer" gegen "Ausländer"), wieder eine "vertikale Perspektive" in Richtung internationaler Solidarität zu stärken. Von den Zapatisten können eine Menge Anregungen übernommen werden: "Theoretisch und politisch war vor allem die Art und Weise des Umgangs mit der Macht wichtig, die Verabschiedung der traditionellen Konzepte einer Übernahme der Staatsmacht, die Betonung des politischen Kampfs gegenüber dem militärischen, der ganz andere Begriff von Subjektivität, die mit dem Begriff 'Würde' verbundene Vorstellung, dass sich die Menschen im Prozess der Revolte selbst verändern und entwickeln müssen, und zwar in der praktischen Gestaltung ihres Lebens." Damit ist auch schon der Übergang zur eingangs erwähnten "rebellischen Subjektivität" gegeben sowie zur Frage, wie gegenhegemoniale, insbesondere post-neoliberale Strategien aussehen können. Die praktische Gestaltung des Lebens spielt dabei eine wesentliche Rolle, da der Alltag nicht nur Ausgangspunkt der (negativen) Erfahrungen mit Herrschaft und kapitalistischer Vergesellschaftung bietet, sondern auch Anknüpfungspunkt für subversive Praxen wie das Infragestellen von Gewohnten, dem Nicht-mehr-Mitmachen, dem Sich-Lustig-Machen über Herrschende, usw. ist. "Denn gesellschaftliche Tristesse, politische Resignation und vermeintliche Alternativlosigkeit zeichnen die neoliberale Hegemonie aus, die sich bei vielen als Ignoranz und Gleichgültigkeit, Selbstgefälligkeit oder gar Zynismus äußert." Entsprechend wäre eine Voraussetzung für die angestrebte "Gegen-Hegemonie", "dass es in vielen gesellschaftlichen Bereichen wieder attraktiv wird, gegen die herrschenden Verhältnisse anzudenken und aufzustehen." Die Orientierung auf Alltagspraxen soll dabei nicht politische Projekte auf größere Ebene ersetzen, sondern nur die Masterplan-Phantasien vieler Linken zurechtstutzen. Ulrich Brand "Gegen-Hegemonie. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien", VSA-Verlag, Hamburg 2005 online seit 10.07.2005 16:12:26 (Printausgabe 27) autorIn und feedback : V.R. |
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