menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Unwiederbringlich verloren

Things. Places. Years.

Das Projekt "Things. Places. Years" verdeutlicht die Rolle der Vergangenheit für die Gegenwart im Leben jüdischer Frauen. Auch die soziologische Biographieforschung arbeitet gesellschaftliche Themen durch die Analyse erzählter Lebensgeschichten von NS-Opfern und ihrer Nachkommen heraus. Biographien freilich, von denen das Jubiläums-Österreich nichts hören will.

Vom ORF als nicht förderungswürdig eingestuft, da die Thematik für Österreich nicht von Interesse sei: "Things. Places. Years" - ein Film und ein Buch mit jüdischen Frauen, die als Jugendliche und Kinder aus dem nationalsozialistischen Wien nach London geflüchtet sind, sowie über ihre Kinder und Enkelkinder. Ihre Lebens- und Familiengeschichten sind durch vieles geprägt, aber als zentral werden die Erfahrung von Antisemitismus und Vertreibung aus Wien durch die nationalsozialistischen ÖsterreicherInnen gesetzt. Gefördert werden im Gedenkjahr 2005 hingegen Projekte welche den "anderen" österreichischen Opfern, jenen die unter den Bomben der Alliierten gestorben sind, dass Wort erteilen. Hier wird in diesem Jahr nochmals klargestellt, wer die wahren Opfer sind, und damit sind nicht die Protagonistinnen von "Things. Places. Years" gemeint.

Die Künstlerinnen Jo Schmeiser und Simone Bader haben einen Film über Vertreibung und das Leben danach gedreht und eröffnen damit einen Raum für die vergessenen Stimmen von jüdischen Frauen, deren Leben durch ihre Erfahrungen der Shoah und der Zeit danach maßgeblich beeinflußt wurde. Das gleichnamige Buch enthält zusätzlich jene Erzählausschnitte, welche keinen Platz im Film gefunden haben. Schon der Titel verweist auf jene Momente, die im Gespräch und in der Erzählung über die Jahre der Verfolgung und Vernichtung von Juden und Jüdinnen auftauchen.

Prägende Vergangenheit

Zu allerst Things - versinnbildlicht durch eine grüne Lampe - "So, when my parents died, I felt very uneasy about taking any of their things. I felt that I was actually stealing them, that they didn't belong to me. And it took me about ten years to get a sense of curatorship. This lamp behind me was my parents'. And I'm pleased to have it." (Ruth Rosenfelder)
Places - als durchziehendes Moment zwischen Erzählungsausschnitten, zeigen sich der Zuschauerin Bilder von Orten in London, jene Orte, die die Erzählerinnen als ihre angeben, Orte an denen sie gerne sind. Orte sind aber auch mit der Erfahrung der Vertreibung verbunden. Die Shoah zerstörte Orte, die mit der Bedeutung von Heimat oder zu Hause fühlen assoziiert waren, Orte der Gegenwart können diese Bedeutung nicht mehr erhalten. "I don't think places are very important to me. I moved so many times in my life. But I've never really got attached to a place. If I have to generalise, I like to be, it doesn't matter where, but it has to be somewhere very cosmopolitan, where I am not the only different one." (Ruth Sands) Identitäten sind durch die Entwurzelung und den Entzug des heimatlichen Ortes definiert.
Things and Places in der Gegenwart sind geprägt von der Vergangenheit. Die Rückbindung zu jenem Leben vor 1938 ist unmöglich geworden, die positive Wiederaneignung von Places und Things ein kraftraubender über Generationen hinweg andauernder Prozess.

Years also – Jahre des Lebens, Jahre des Altwerdens und des Aufwachsens der nachfolgenden Generationen. Ein zufälliges Überleben. "My mother handed me over, that other young women could not hand over that little girl of two and a half. As a result of it, I'm alive, that little girl is not." (Ruth Sands)
Der Film ist charakterisiert dadurch, dass keine Lebensgeschichten erzählt werden, ein Muster, das vom Buch durchbrochen wird. Doch werden von den Filmemacherinnen anstelle von Lebensgeschichten (Lebens-) Themen aufgegriffen: Erzählungen über die Ankunft in London, Places, Identität, Gender, Gedenken oder die Frage nach den ersten Erfahrungen in Wien nach 1945. Durch diese Strukturierung greift der Film auf das Wissen der ZuschauerInnen zurück - das Wissen über jüdische Lebensgeschichte und das damit verbundene Leid. Es scheint nicht mehr notwendig zu sein, die eigentlichen Verfolgungsgeschichten zu erzählen. Die Phantasien über das Erlebte haben sich in den nachfolgenden Generationen von Tätern und Opfern verfestigt. "Things. Places. Years" geht einen Schritt weiter, weg von chronologisch erzählten Lebensgeschichten zu thematischen Feldern des Lebens. Es bleibt die Frage offen, ob dieser Schritt nicht zu früh gesetzt ist. Sollten nicht noch Lebensgeschichten von alternden Zeitzeuginnen interessiert dokumentiert werden. Die Öffentlichkeit hat sich ohnehin nur bedingt für diese Stimmen interessiert.

Kein Ende der Geschichten

Wer sich mit den lebens- und familiengeschichtlichen Auswirkungen der Shoah beschäftigt hat, wird jedoch auch feststellen, dass diese vom Film aufgegriffenen Aspekte Themen jüdischer Lebensgeschichten sind, wie sie auch in der soziologischen Biographieforschung analytisch herausgearbeitet werden. Die zentrale Frage dabei ist, wie Erfahrungen biographisch im Laufe der Lebensgeschichte be- und verarbeitet werden. Wie wird das dadurch gewonnene Wissen über die soziale Welt für die Orientierung in derselben genutzt und eingesetzt. Dabei wird angenommen, dass sich bestimmtes Handeln aufgrund der biographischen Erfahrung erklären lässt. Was heißt es für eine Frau, die ihre Großmutter nie kennen gelernt hat, da die Großelterngeneration ermordet wurde, selbst Großmutter zu werden? Nach wem orientiert sie sich in dieser neuen Rolle? "It's wonderful to be a grandmother. But initially I was very frightened. I thougt: What is a grandmother? My friends all had grandparents. I didn't have any." (Ruth Sands) Was bedeutet für ein Mädchen die Erfahrung, von der eigenen Mutter weggeben zu werden, damit es überleben konnte? Wie sieht diese Mutter-Tochterbeziehung aus, und wie integriert das Mädchen diese schmerzvolle Erfahrung in ihrem weiteren Leben?

In unterschiedlichen Studien zu Generationen von Opferfamilien zeigt sich, dass diese Erfahrungen im Verlauf des Lebens immer wieder bearbeitet werden und sie bestimmten (Lebens-) Entscheidungen wie z.B. Berufs- oder PartnerInnenwahl zu Grunde liegen. So wird auch im Film gezeigt, dass alle Frauen einen Beruf gewählt haben, der in irgendeiner Art und Weise mit der Shoah und/oder mit dem gegenwärtigen jüdischen kulturellem Leben in London zu tun hat. Die Biographieforschung würde anhand von Erzählungen eigenerlebter Erfahrungen methodisch herausarbeiten, was diesen Entscheidungen zu Grunde liegt.

Die Mehrgenerationenforschung arbeitet immer wieder heraus, dass traumatische Erlebnisse, wie sie Juden und Jüdinnen durch die Shoah erfahren haben, von mehreren Generationen bearbeitet werden. Die Erlebnisse der Großeltern, der 1. Generation, und der Umgang mit diesen taucht immer wieder – wenn auch in unterschiedlichen Formen - in den Erzählungen der 2. und 3. Generation auf. So leiden Kinder und Enkel unter der Angst ermordet zu werden und empfinden unbestimmte Ängste gegenüber der nichtjüdischen Welt. Diese generationelle Bearbeitung der traumatischen Erlebnisse bedeutet auch, dass der Zugang zu vergangenen Erlebnissen durch familienbiographische Forschung nach wie vor erhalten bleibt. Es bleibt weiterhin von Bedeutung, auch die nachfolgenden Generationen zur Erzählung aufzufordern, gerade da die ZeitzeugInnen in den kommenden Jahren sterben werden.

Presence of the Absence

Dieser Aspekt der Biographieforschung, dass also in der Analyse von erzählten Lebensgeschichten bzw. Erzählungen eigenerlebter Erfahrungen auf vergangene Erlebnisse zurückgegriffen werden kann, da die gegenwärtige und mögliche zukünftige soziale Orientierung durch vergangenes Erlebtes geprägt ist, steht für eine weitere Qualität dieser Methode: den Opfern das Wort zu erteilen, auch wenn sie physisch nicht mehr anwesend sind. Auch der Film öffnet diesen Raum und ermöglicht den ZuschauerInnen Einblick in die Themen jüdischen Lebens mit und nach dem traumatischen und alles zerstörenden Vernichtungsdrang deutscher und österreichischer NationalsozialistInnen.
Dieser Einblick ist aber nicht Thema des Gedenkjahres 2005. Im Mittelpunkt steht hingegen der Blick auf die Geschichten der "österreichischen Opfer" im Zuge des Befreiungskrieges. So freut sich auch Der Standard in seiner Rezension der gerade eröffneten Gedenkausstellung "Österreich ist frei!" mit dem Original des Staatsvertrages als Herzstück über die "detailreiche und liebevolle Vermittlung der nicht minder bedeutenden "kleinen" Geschichte der betroffenen Menschen und ihres Alltags". Nicht etwa die Beraubten, Vertriebenen, Ermordeten sind die "betroffenen" ProtagonistInnen einer "schweren Zeit". So findet nicht nur eine Umkehr von Tätern und Opfern statt, es wird darüber hinaus die Exklusion aus dem volksgemeinschaftlichen 'Wir' abermals vollzogen, indem die 'anderen' und eigentlichen Opfer ausgeblendet werden. Diese Verschiebung ist politisch gelungen und wird medial vollzogen.



Klub Zwei (Hg.): Things. Places. Years. Studienverlag Innsbruck/Wien/Bozen 2005








online seit 27.06.2005 18:02:39 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : Maria Pohn-Weidinger




To be or not to be

Feministische Einwände zum bedingungslosen Grundeinkommen
[23.06.2018,Viktoria Spielmann]


Die „Identitären“: mediengeil und neofaschistisch

Der Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ ist eine umfassende Studie über die Wesenszüge der „Identitären“ und die Besonderheiten des österreichischen Rechtsextremismus
[23.06.2018,Claus Seedorf]


Filmschaffende ­Maschinenschlosser

Die Liebe zum Film hat den iranischen Regisseur und Autor Mohammad Keivandarian ins österreichische Exil geführt. MALMOE hat mit ihm über die Situation von iranischen Filmmacher*innen und seine persönlichen Erfahrungen gesprochen.
[02.05.2018,Interview: Nils Olger]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten