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  Die dritte Türkenbelagerung

Horden von Türken stehen vor den Toren Wiens; integrationsunwillige Barbaren; Kinderproduktionsmaschinen. Eine Verschwörung gegen die abendländisch-österreichische Kultur ist im Gange.

Aber: "Wien darf nicht Istanbul werden!". Wie eine mächtige Geheimwaffe steht dieser Satz, in die Welt geschleudert von mannhaften, besäbelten Kämpfern für Recht und Ordnung, und möchte suggerieren: Keine Angst, wir sind ja da und werden verhindern, dass unsere Hinterhöfe zu Hammelgrillereien verkommen.
Aber: Irgendwie kommt uns das alles sehr bekannt vor, hatten wir alles schon, nichts Neues im Westen. Dieselben (oder waren es doch andere?) Geister wollten schon vor diversem Anderen schützen, aber gelungen ist es ihnen nicht: Die dritte Türkenbelagerung ist voll im Gange, diesmal von innen heraus; und die Abwehr konnte nicht mal sich selber schützen, dümpelt stattdessen in ihren eigenen öden Lachen herum.

Worum geht's?

Aber: Darum geht's ja eigentlich gar nicht. Eher darum, warum es diesmal keinen großen Aufschrei gegeben hat ob dieser unerträglichen "Wien darf nicht Istanbul werden!"-Hetze. Hm, ganz einfach eigentlich: Weil die Leute vor lauter Lachen keine Luft mehr bekamen zum Aufschreien! Jemanden oder etwas totlachen. Endlich bekam diese Redewendung einen konkreten Sinn. Eine Hetzkampagne wurde einfach totgelacht. Und das ist gut so.
Wer versucht, die Menschen für dumm zu verkaufen, glaubt, ihnen vorgaukeln zu können, dass nur sie Wien vor dem Verderben retten können, verdient nichts anderes als ausgelacht zu werden. Und so ist ihnen die Orange ja auch im Halse stecken geblieben. Und das ist gut so.

Worum geht's eigentlich?

Denn ganz so dumm, wie Mann glaubte, sind die Menschen nun doch nicht. Sie kennen den Unterschied zwischen einer 1,8 Millionen-Stadt wie Wien und einer Metropole mit über 10 Millionen EinwohnerInnen. Und die Hirngespinste mit "Überfremdung" und "Überflutung des Arbeitsmarktes" mag auch keiner mehr so ernst nehmen. Denn scheinbar haben noch nicht alle, aber sehr viele verstanden, worum es eigentlich geht: Nämlich um das billige Schüren von Ressentiments, um an Wählerstimmen am rechten Rand zu gelangen. Und da wird halt versucht, drauf zu hauen. Um Istanbul oder die Türkei geht's da eigentlich gar nicht. Sondern nur um das Spiel mit Rassismen, und das nicht mal intelligent subtil. Die Dummschwätzer aller Farben versuchen uns einzureden, der Beitritt der Türkei in die EU wäre das Ende des Abendlandes, weder die EU noch die Türkei wären schon dazu bereit.
Die Sorge um die Türkei in allen Ehren, aber dass die Türkei noch nicht bereit ist, wissen eh alle, TürkInnen wie EUropäerInnen, deswegen sollen ja auch Verhandlungen beginnen, die mindestens 10, 15 Jahre dauern werden. Unklar ist, ob die hausgemachten und selbsternannten Gegner eines Türkei-Beitritts je so weit sein werden, zu akzeptieren, dass EUropa mehr ist als ein Einheitsbrei, und mehr verkraften kann, nämlich Vielfalt.
Und unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob es diesen Kasperln je vergönnt sein wird zu erkennen, dass ihre künstliche Sorge um die abendländische Kultur historisch gesehen auch in 100 Jahren noch Gelächter auslösen wird. Denn: Die Türkei wird Mitglied der EU werden!

Keine Alternativen

Daran führt kein Weg vorbei. Denn für die Türkei gibt es keine anderen Alternativen. Vor über 100 Jahren hat sich das Land auf den Weg gemacht, ein integrierter Teil Europas zu werden. Die Türkei ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt unvorstellbarer Dimension: Sprache, Rechtssystem, Kultur, Bildung ... alles ist seit Jahrzehnten im Umbruch und entwickelt sich mit einer atemberaubenden Dynamik; mit klarem und festem Blick nach Westen. Ob das überhaupt gut ist für das Land, oder ob es nicht doch eine etwas kränkliche künstliche Entwicklung ist – diese Frage stellt sich nicht, denn ganze Generationen sind genau mit dieser Perspektive und diesem Bewusstsein aufgewachsen. Es gibt keine Alternativen, denn wir TürkInnen sind zwar (großteils) Moslems, aber keine AraberInnen und keine OrientalInnen; unser Land liegt zwar (geografisch) an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa, aber wir sind keine AsiatInnen. - Wir sind EuropäerInnen, egal ob es den Zweiflern passt oder nicht. Und wenn diese Zweifler von unvereinbaren kulturellen Unterschieden labern, vergessen sie gerne die EUropäische Realität: Wie vereinbar sind die "kulturellen Unterschiede" der aktuellen 25 Mitgliedsländer? (Wobei die Subkulturen in den einzelnen Nationalstaaten noch gar nicht mitgerechnet sind, allein Österreich hat 6 anerkannte, autochthone Volksgruppen!)

FeiertagskirchgängerInnen

Und die, die von Religion plappern, vergessen zu gerne, dass die Mehrheit der ÖsterreicherInnen zwar katholisch ist, aber doch wohl eher "FeiertagskirchgängerInnen". Für die Türkei wird aber nicht akzeptiert, dass die Mehrzahl der TürkInnen zwar Moslems sind, aber doch eher "FeiertagsmoscheegeherInnen". Warum? Vielleicht weil immer die Menschen, die extreme Positionen einnehmen, sich damit auch immer in den Mittelpunkt stellen? Oder ist ein Bischof Krenn wirklich repräsentativ für die österreichischen KatholikInnen? Warum soll also ein selbsternannter "Kalif von Köln" repräsentativ für die Moslems in der Türkei sein?
Apropos Kalif von Köln: Der sitzt grad in der Türkei im Gefängnis, weil er an den Grundfesten der Türkischen Republik rüttelt und den Laizismus abschaffen will, um die Scharia, das islamische Rechtssystem, einzuführen. Und eine überwältigende Mehrheit der TürkInnen bekennt sich ohne Wenn und Aber zum Laizismus, der Trennung von Staat und Religion. - Im Vergleich dazu: In Österreich gibt es auch im Jahre 2005 ein Konkordat; geschiedene Frauen dürfen keinen Religionsunterricht abhalten; Bischöfe melden sich zu allen möglichen und unmöglichen weltlichen Dingen zu Wort und werden auch gehört!

Schönreden

Ich will nichts schönreden. Natürlich gibt es in der Türkei viele Probleme, in allen Bereichen der Gesellschaft. Und natürlich braucht ein so großes und bevölkerungsreiches Land noch Zeit, um viele, zumindest einige dieser Probleme zu lösen. Der springende Punkt ist aber, dass wir bei der Beurteilung der Probleme keine Doppelmoral an den Tag legen sollten: Natürlich hat der Umgang mit ethnischen Minderheitengruppen noch keinen EU-Standard erreicht. Aber auch in Österreich ist es ein Ding der Unmöglichkeit (trotz Urteil des Verfassungsgerichtshofes) einige zweisprachige Ortstafeln mehr aufzustellen. Siehe Baskenland. Siehe Belfast. Siehe Korsika. Siehe die Situation der Roma und Sinti in ganz EUropa. Siehe die rechtlose Situation der MigrantInnen in fast ganz EUropa. – Aber die Türkei, mit ihren fast 40 unterschiedlichen ethnischen und religiösen und sprachlichen Minderheitengruppen soll alle Probleme in diesem Bereich über Nacht lösen? Aber gern doch!

Nichts schönreden

Nichts wird schöngeredet. Es ist, wie es ist, die Türkei braucht noch Zeit, um in gewissen Bereichen EU-Reife zu erreichen. EUropa kann die Türkei auf diesem Weg begleiten; als Partner; als großer Bruder oder große Schwester. – Wenn die EU der Türkei die kalte Schulter zeigt, wird die Türkei nicht in ein islamisches Mittelalter abdrifften; aber all die Generationen, die im Bewusstsein, EuropäerInnen zu sein, aufgewachsen sind und gelebt haben, werden neben der Verarbeitung ihrer Enttäuschung auch noch desillusioniert sein: Das ist also der EUropäische Weg von Demokratie, Toleranz und Respekt!
Aber: Soweit wird es nicht kommen. Die EU kann nicht ohne die Türkei, und wir TürkInnen wollen und können nicht ohne die EU. Alles wird gut. Und genauso, wie manche Kasperln in Österreich die 2 kriegerischen Türkenbelagerungen nicht vergessen können und wollen, werden die TürkInnen auch lange nicht vergessen, mit welcher Verachtung und Heuchelei Österreich (denn so wird es im historischen Gedächtnis bleiben) gegen den Beitritt der Türkei zur EU gewettert hat.
Und das ist durchaus nicht als Drohung zu verstehen. Denn alles wird gut.


Hikmet Kayahan, Türke tscherkessischer Abstammung mit Sozialisation in Deutschland und Lebensmittelpunkt in Wien. Europäer.






online seit 07.05.2005 13:49:49 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : Hikmet Kayahan




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