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  "Gewalt als solche benennen"

Schwarze österreichische Geschichte freilegen – statt sich als "dankbare Objekte" vor die Kamera stellen. Ein Interview mit Araba Evelyn Johnston-Arthur, Aktivistin der Black Community.

Du bist ja u.a. bei "Pamoja – Bewegung der jungen afrikanischen Diaspora" in Österreich engagiert. Welche Erfahrungen habt ihr mit den verschiedenen Medien gemacht?

In Bezug auf die Beziehungen, Erfahrungen mit den österreichischen Medien war und ist für mich als Aktivistin der black community in Wien das Jahr 1999 und hier die Operation Spring in prägender Weise entscheidend. Ich möchte da auch Charles Ofoedu zitieren [aus: "Here to stay!"]: "Die Art und Weise wie Operation Spring funktioniert hat, die Verhaftungswelle, die Videoüberwachungen, die im Prozess eingesetzt wurden, der anonymisierte Zeuge, die Medienjustiz - das alles hat in der community ein tiefes Mistrauen geschaffen. (...) Es hat aber auch das Verhältnis zu den österreichischen Medien negativ geprägt. In welchem Sinne? In dem Sinn, dass es jetzt fast kein Vertrauen mehr gibt. Was da an Kriminalisierung und Medienjustiz passiert ist, haben wir vorher nicht für möglich gehalten. Jedenfalls sind die politischen Akteure von damals kritischer und misstrauischer geworden, sich auch nur ganz allgemein vor eine Kamera zu stellen. Wir sind nicht mehr dankbar, als Objekte gefilmt zu werden, sondern fordern Bedingungen ein. Es geht hier um unsere Rechte."

Ich stimme hier mit Charles Ofoedu vollkommen überein. Es mag naiv klingen, aber ich habe das, was letztlich passiert ist, einfach nicht für möglich gehalten, vor allem nicht in dieser absoluten Systematik und Einheitlichkeit. Gleichzeitig gab und gibt es bis heute 6 Jahre später aus meiner Sicht zu wenig an Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Dimensionen der Medienjustiz und der systematischen Kriminalisierung der schwarzen Proteste gegen Polizeigewalt in Bezug auf die größte Polizeiaktion der 2. Republik, der Operation Spring. Bis heute sind für mich diese Dimensionen auch rückblickend noch unfassbar, vor allem auch wie gut, allumfassend und auch in seiner Nachhaltigkeit effizient dieses Zusammenspiel von Medien, Polizei und Politik funktioniert. Gleichzeitig spiegeln sich hier natürlich einfach österreichische medienpolitische Realitäten wider!

Wart ihr überrascht bzw. enttäuscht, dass offenbar auch der "Falter" bei diesem Spiel mitspielt?

Ich kann mich erinnern, dass ich doch tatsächlich wirklich überrascht und bitter enttäuscht war, dass er sich in der entscheidenden "heißen" Medienjustizphase nicht abgehoben hat.
Beim "verlorenen Paradies" (Titel des aktuellen "Falter"-Artikels, Anm.), da gibt es für mich mehrere Ebenen. Meine Erwartung auch gegenüber dem "Falter" hat sich natürlich entscheidend geändert. Nichtsdestotrotz nimmt der "Falter" angesichts der traurigen Realitäten der österreichischen Medienlandschaft eine ihm im the-one-and-only-Sinne nicht gut tuende, weil in den Kopf steigende Monopolstellung ein. Es passiert auf so vielen Ebenen eine fortschreitende Normalisierung, assimilative Integration und "Soßisierung" (zu einer Einheitssoße verschwimmend, meine ich damit) hinsichtlich strukturell verankerter Rassismen und Antisemitismen. Um dieser Normalisierung etwas entgegenzusetzen, halte ich durch Allianzen gestärkte Interventionen wie den offenen Brief auch zukünftig für essenziell. Wie dann mit dieser Kritik umgegangen wird und inwieweit es überhaupt eine Bereitschaft zur eigenen kritischen Auseinandersetzung jenseits der individualisierten Rassist-Nichtrassist-Ping-Pong-Ebene gibt, ist für mich auch wieder ein eigenes, wichtiges Kapitel. Zum Teil werden die Reaktionsmechanismen ja auch in Oliver Marcharts Text in Bezug auf die Reaktion von Armin Thurnher auf unseren offenen Brief sehr eingehend analysiert und auf den Punkt gebracht.

Mit welchen Strategien geht ihr an Medien heran? Wie können sich antirassistische AktivistInnen überhaupt wehren gegen solche und ähnliche Veröffentlichungen?

Strategisch gibt's aus meiner Sicht einen intensiven politischen Auseinandersetzungsbedarf. Wenn ich mir den Kriminalitätsdiskurs der letzten Jahre und die dahingehenden Wie-können-wir-uns-wehren-Strategien anschaue, muss ich sagen, dass wir als politisch organisierte afrikanische community fast durchgehend in defensiven Haltungen verhaftet geblieben sind. Denke mir wirklich, heute, 6 Jahre nach der Operation Spring, muss es doch auch in Bezug auf Widerstandsstrategien eine Entwicklung geben.

In den herrschenden Diskursen, die auch von den Medien gestaltet werden, werden immer wieder bestimmte rassistische und sexistische Bilder von Schwarzen Frauen und Männern gezeichnet: die Männer als aggressiv und gewalttätig, die Frauen oft als sexuell aggressiv (wie es z.B. bei der Auseinandersetzung um Schwarze Sexarbeiterinnen in Wien kürzlich wieder zu lesen und hören war). Welche Strategien gibt es gegen diese Zuschreibungen? Und sind Morde wie der an Seibane Wague letztendlich nicht auch Folgen dieser Zuschreibungen?

Grade auch in Bezug auf den angesprochenen politischen Auseinandersetzungsbedarf in Hinblick auf die Entwicklung von Befreiungs -und Widerstandsstrategien halte ich die Beschäftigung mit den historisch verwurzelten, rassistisch-sexistischen Darstellungstraditionen schwarzer Menschen im Kontext von Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus für grundlegend. Also wie Audre Lorde sagte: So lange wir unsere Unterdrückung nicht artikulieren, können wir sie nicht bekämpfen. Deshalb: Erhebt euch und schweigt nicht mehr! Dieses Schweigen gilt es zu brechen, wir müssen hier auch unsere eigene schwarze österreichische Geschichte schreiben. Die heutigen rassistisch-sexistischen Bilder fallen ja nicht ganz plötzlich vom heiterem Himmel, sind im Grunde ja Aufwärmungen alter Bilder und tief im Selbstrepräsentationssystem des Westens im Allgemeinen und auch Österreichs im Speziellen verankert. Diese vor dem Hintergrund des Ineinanderwirkens von Darstellungsform und Beherrschung entstandene ideologische Bilderwelt gilt es also zu dekolonisieren.

Aber zuvor muss diese Gewalt überhaupt einmal als solche benannt werden. Die Tode von Markus Omofuma und Seibane Wague in Gewahrsam der Polizei (und Rettung), die begleitenden Reaktionen seitens Polizei, Judikative, Politik und der Medien können also nicht isoliert betrachtet werden, sondern stehen in einem größeren Kontext der Geschichte schwarzer Unterdrückung. Das Ineinanderwirken von Darstellungsform und Beherrschung verdeutlicht sich besonders in den lebensbedrohlichen Realitäten der Machtausübung. So sehen sich die historisch tief im westlichen Selbstrepräsentationssystem verwurzelten Bilder des Schwarzen Mannes als überdimensional aggressive Bedrohung der moralischen Ordnung des weißen Patriarchats auch fortlaufend und vielfach z.B. durch die Polizeipraxis, den Kriminalitätsdiskurs mitsamt Berichterstattungspraxis realisiert. Damit untrennbar verbunden ist die ebenso zentral verankerte und historisch verwurzelte Sexualisierung Schwarzer Frauen. Als immer willige Objekte weißer männlicher Begierde konstruiert, ermöglicht die zugeschriebene pathologisierte Promiskuität es in einer bestimmten Weise, über die gegen Schwarze Frauen gerichtete, normalisierte sexuelle Gewalt zu sprechen.
Genauso allumfassend die verschiedenen, ineinander wirkenden Unterdrückungsmechanismen wie Rassismus UND Sexismus sind, so umfassend unsere Beherrschung ist, so müssen es auch unsere Befreiungen sein. Und so stehen die dahin gehenden Strategien im tief greifenden Kontext des Prozesses der Dekolonisation, der Emanzipation von mentaler Sklaverei, wie Bob Marley es nennt.

Was ich zum politischen Auseinandersetzungsbedarf meinerseits noch loswerden wollte, ist meine tiefe Sehnsucht nach einer tief greifenden, differenzierten Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart der verschiedenen antisemitischen und rassistischen Unterdrückungsrealitäten und Darstellungstraditionen in Österreich. Vieles steht hier auch in einem historischen Zusammenhang, dessen Ausklammerung leider an der Tagesordnung steht. Ich meine keine Soßisierung sondern die Betrachtung der vor diesem Hintergrund entstandenen ideologischen Bilderwelt, ihre tief greifenden Wirkungsweisen, ihre Einigartigkeiten und ihre Verbindungen, ihr Ineinanderwirken, ihre Teile und Herrsche-Dimensionen, gegenseitigen Beeinflussungen und das in Hinblick auf starke Allianzgrundlagen und tief greifende, multidimensionale Widerstandsstrategien. So verortet sich die Schwarze österreichische Geschichte auch in diesem spezifischen Kontext. Als ganz praktische Grundlage für diese tief greifende österreichische Diskursanalyse könnte "das Paradies" dienen. Was das betrifft, gibt es viel her, und wir haben ja schon begonnen ...

Interview: Sylvia Köchl


MALMOE-Schwerpunkt "AsylDrogenMedien" in der aktuellen Ausgabe:

Wer holt euch da raus? Asyl, Drogen, Medien.
"Der Falter und die Wut" von Oliver Marchart
"Vorstufen der Gewalt" von Ljubomir Bratic


online seit 25.03.2005 13:29:31 (Printausgabe 25)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl




Urheberrechte nützen uns nicht

Antwort von Monika Mokre auf den offenen Brief zur „Anti-Urheberrechtsaktion“
[21.04.2012,Monika Mokre]


Avanti Migranti!

Kurzer Abriss der Geschichte migrantischer Selbstorganisation in Italien bis zum Streik
[17.04.2012,Rainer Hackauf]


Zur Plage ...

... der „Ankerkinder“-Debatte: Schlechtmenschenneusprech
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