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  Der Falter und die Wut

Zur Berichterstattung über Drogen im Votivpark in der Zeitschrift "Falter".

"Ich fordere die unterzeichnenden Organisationen und Personen auf,
unverzüglich in sich zu gehen." Mit dieser Mischung aus ernstgemeinter Befehlstonironie und katholischer Ein- und Umkehrdrohung reagiert der Falter-Herausgeber Armin Thurnher auf einen offenen Brief, dessen UnterzeichnerInnen im Artikel von Florian Klenk die „klassischen Regeln der Legitimierung von Rassismus“ ausgemacht hatten. Nun ist es ja verständlich, dass ein Herausgeber sich erstmal vor seinen Redakteur stellt. Aber es sollte nicht stumpf machen gegenüber Kritik in der Sache. Und es sollte vor allem nicht dazu verleiten, den Spieß umdrehen zu wollen und die KritikerInnen zu den eigentlich Schuldigen zu machen.

Auch wenn das für Thurnher offenbar eine Denkunmöglichkeit und Beleidigung der journalistischen Ehre des Falter, des Autors und seiner selbst ist: Wenn in einem Falter-Artikel rassistische Topoi zu finden sind, dann sind sie nicht mit billigen Retourkutschen und argumentativen Verrenkungen aus der Welt zu schaffen. Der Klenksche Artikel, schreibt Thurnher, sei selektiv wahrgenommen worden. Klenk hätte alle Seiten angehört, alle seien zu Wort gekommen, die Polizisten genauso wie die Streetrunners. Außerdem sei Klenk als linker Aufdeckungsjournalist über alle Zweifel erhaben: "Mit welchem Recht unterstellen sie ihm nun, wo seinem Bericht die angewandte Sorgfalt von weitem anzusehen ist, Rassismus?".

Nun genügt ein Blick auf den offenen Brief, den Thurner vollständig zitiert, um zu erkennen, dass Klenk als Person Rassismus gar nicht unterstellt wurde. Was dort kritisiert wird, ist, dass im Artikel – vom Falter immerhin zur Coverstory erhoben - Legitimationsfiguren von Rassismus eingesetzt werden.

Thurnher biegt die Kritik zu einem ad personam-Angriff um, um sich auf die Verdienste des Autors berufen zu können. Aber zu Recht hatte der offene Brief gar nicht danach gefragt, was Klenk nun in seinem Herzen sei, Rassist oder nicht, sondern er hatte die Berichterstattungspraxis des Falter kritisiert. Schließlich handelt es sich nicht um eine heimliche Tagebucheintragung Klenks, sondern um einen Text, der offenbar sämtliche kollektiven Schleusen der Redaktion passierte und hinter dem der Falter als
Medium steht.

Wie sieht es da aus mit der angewandten Sorgfalt? Lassen wir mal beiseite, dass Thurnher eine boulevardesk-reißerisch angelegte Story ("Reifen quietschen, Scheinwerferkegel jagen durch den Park, rund dreißig Afrikaner verschwinden in die dunkle Nacht"), die genau so auch in News oder der Krone zu finden wäre, zum Paradebeispiel eines ausgewogenen, investigativen Qualitätsjournalismus erhebt. Dass hier der Schulterschluss mit dem österreichischen Boulevardjargon vollzogen wird, ist ihm egal. Vielleicht kann es einem auch egal sein, im Fall von Sportberichterstattung zum Beispiel. Aber der österreichische Rassismus, wenn es denn Klenk überhaupt um den gegangen ist, kann nicht im offiziellen Jargon ebendieses Rassismus behandelt werden.

Jedenfalls besteht die angebliche Sorgfalt laut Thurnher vor allem in der Technik, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Sie würden vom Autor nicht kommentiert werden, weil sie sich gleichsam gegenseitig kommentierten. Das Problem mit dieser Praxis ist, dass sie eine Scheinneutralität vorspiegelt, die natürlich verschleiert, dass der Text in Wahrheit Schlagseite hat. So kommen keineswegs alle relevanten Positionen zu Wort. Wer überhaupt nicht zu Wort kommt, sind etwa jene „afrikanischen Intellektuellen“, die "sich endlich von Dealern distanzieren müssen", und "nicht ständig nach sozialen Ausreden fürs Dealen suchen" sollen. Sie werden zwar attackiert – von jemandem, der das Wort bekommen hat – bleiben aber als Angegriffene stumm zurück, während der Text weiterzieht. Auf diese Weise wird ihre Position als absurd, weltfremd und sogar gefährlich konstruiert.

Tatsächlich versucht Klenk uns nämlich sehr wohl von etwas zu überzeugen: Dass es sich hier um ein "reales Problem" handle, vor dem man die Augen nicht verschließen dürfe. Die Auswahl der SprecherInnen, die Montage ihrer Aussagen, die Paraphrasierungen durch den Text – all das läuft in keine Weise auf irgendeine "Ausgewogenheit" oder "Sorgfalt" hinaus.

Ein Beispiel: Der als Flüchtling aus dem Kongo, DJ und Mitarbeiter einer afrikanischen Zeitung vorgestellte Francois B. berichtet von Polizeiübergriffen. So nahm man ihn "ins Wachzimmer mit, trat ihm in die Hoden beschimpfte ihn als Nigger und nahm dann eine Analvisitation vor". Nun könnte man ja denken, dass hier die Polizei das eigentliche Problem ist. Aber der Text führt die Aussage als Beleg dafür an, dass das eigentliche Problem die Drogenhändler sind. Dafür wird Francois B. zum Kronzeugen angerufen. So heißt es unmittelbar vor dem Bericht über die Misshandlung:
"Er kennt die Szene, und er sagt 'ich habe wirklich Angst vor dieser Mafia'.
Als Afrikaner könne er in Wien nicht in Ruhe leben. Wenn er auf der Donauinsel geht, flüstern ihm Dealer ständig 'Brother, Brother! Police' zu, in der U-Bahn sehen ihn Süchtige als 'Drogenbimbo', und die Polizei habe ihn bereits zweimal misshandelt." Aha, wir haben gelernt: Schuld an der Misshandlung durch die Polizei ist die "afrikanische Drogenmafia". Vor ihr
hat Francois B. Angst, nicht vor der Polizei, die ihn verprügelt.

So absurd das ist, es fügt sich ein in die Argumentation des ganzen Texts
und wird auch in diesem Sinne montiert. Ich nehme an, dass die UnterzeichnerInnen des offenen Briefs diese oder ähnliche Dinge im Sinn hatten, als sie von den "klassischen Regeln der Legitimierung von Rassismus" sprachen. Der Text ist tatsächlich voll mit den typischen Strategien solcher Legitimierung. Sich auf Francois B. und andere Ungenannte aus der afrikanischen Community zu berufen, die selbst ja am meisten unter ihren "schwarzen Schafen" litten, folgt der beliebten Strategie des Ausspielens der "guten" gegen die "bösen" "Ausländer". Man kennt die Figur: Gegen die einen, die sich eingliedern, assimilieren und die Harmonie der Gemeinschaft nicht stören, habe man ja nichts, die Störenfriede, die Drogen dealen, das großherzige Asylrecht missbrauchen und noch dazu von unseren Steuergeldern leben, die seien das Problem. Nichts kommt da gelegener, als wenn die "Guten" sich selbst schon über die „Bösen“ beschweren. Oder man zumindest behaupten kann, sie täten es. Ja wenn sogar die vom Rassismus Betroffenen den Rassisten zustimmen, dann muß ja wohl was dran sein!

Der Text kolportiert aber noch brutalere rassistische Topoi. Natürlich unkommentiert und "mit angewandter Sorgfalt". Hier kann man schon gar nicht mehr von Strategien der Legitimierung sprechen, sondern der Text verbreitet einfach unhinterfragt und 1:1 rassistische Diskurse und Stereotype und wird damit, wie im folgenden Fall, zum Sprachrohr von Horrorgeschichten aus der Propagandaabteilung: "Ein Fahnder erzählt von einer Frau, die vor zwei Jahren in eine Telefonüberwachung geriet. Sie wollte ein bißchen Koks zum Ausprobieren. Durch Zufall kann sie zwei Jahre später wieder in die Telefonfalle. Sie bettelte um Stoff, sie sagte: 'Du kannst mich zwei Stunden bumsen.' Der Polizist sagt: 'Da war sie gerade 18. Es ist sehr, sehr schwierig hier sachlich zu bleiben." Das alles bleibt unkommentiert stehen.

Was von diesen Sätzen aufgerufen wird, ist ein erzrassistisches Phantasma, vielleicht sogar die Urszene aller rassistischen Bilder: Der Fremde als der Verführer unserer unschuldigen Kinder und Frauen. Zuerst macht er sie abhängig, dann macht er sie gefügig und mißbraucht sie. Natürlich ist es kein Zufall, dass in dem Phantasma sich unsere unschuldigen österreichischen Mädels gerade "afrikanischen Dealern" verkaufen. Kein Wort dazu von Seiten des Falters.

Warum? Weil für den Autor hinter solchen Geschichten die eigentliche Realität steht. Er will uns unbedingt davon überzeugen, daß wir die Augen vor dieser Realität nicht verschließen dürfen. Um den Rassismus zu begreifen, müßten wir uns deshalb der „Realität“ der Vorgänge im Votivpark stellen. So heißt es schon im lead:

"Wer die Wut gegen so genannte 'Asylbetrüger' verstehen will, muss sich den Votivpark ansehen."

Und im Text:

"Wer begreifen will, warum die Gefängnisse platzen, das Asylrecht verschärft wird und der Zorn des Landes gegen so genannte 'Asylbetrüger' zunimmt, der muss sich Gegenden wie den Votivpark anschauen."

Es ist schon erstaunlich, mit was für einer Selbstverständlichkeit solche Sätze (und andere bereits zitierte) im Falter veröffentlicht und anschließend verteidigt werden. Hier wird unterstellt, es gäbe eine kausale Ursache von Alltagsrassismus, politischem Rassismus und institutionellem Rassismus, die bei den davon Betroffenen selbst zu suchen sei. Und zwar besonders im Votivpark. Als würde etwa das Asylrecht verschärft, weil im Votivpark oder sonstwo mit Drogen gedealt wird. Das Asylrecht wird verschärft aufgrund der Verschärfungsspirale, die im rassistischen Populismus der Regierungsparteien plus SPÖ seit Jahren angelegt ist und sich in keiner Weise an der sogenannten Realität ausrichtet: Das Asylrecht wird nämlich verschärft, obwohl es bereits das schärfste Europas ist, obwohl die Zahl der Asylanträge rückläufig ist und obwohl es vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurde, weil es schon vorher nach Maßgabe von Flüchtlings- und Menschenrechtskonvention weitaus zu scharf war. Warum soll es trotzdem verschärft werden? Florian Klenks Antwort: Weil es ein "reales" Problem mit den "Asylanten" gibt, vor allen mit denen, die mit Drogen dealen. Drum möge man sich den Votivpark anschauen. Und wer das nicht wahrhaben will, so muss man schließen, ist ein Gutmensch, oder vielleicht sogar ein "afrikanischer Intellektueller", der vor der Realität die Augen verschließt.

Lieber möchte man – könnte man es – vor diesem Text die Augen verschließen, der uns wirklich einreden will, daß in Österreich, wäre es von heute auf morgen durch eine göttliche Fügung oder auf päpstliche Weisung als einziges Land der Welt völlig drogenfrei, auch der Rassismus verschwunden wäre. Nun gibt es aber auch einen Antisemitismus ohne Juden, weil der Antisemitismus gar nicht angewiesen ist auf die reale Existenz des Objekts seines Ressentiments. Und auch wenn Rassismus nicht dasselbe ist wie Antisemitismus, in diesem Punkt besteht die Parallele. Auch im vorliegenden Fall wird es Florian Klenk schwerfallen, den Rassismus in Hintermistelbrunn damit zu erklären, daß es in Wien im Votivpark "echte" "afrikanische Drogendealer" gibt. Mit anderen Worten: Der Rassismus hat nichts mit persönlicher Anschauung zu tun (mit dem "echten" gebratenen Hammel im "echten" Hinterhof), noch verschwindet er, sobald sich das Objekt seines Hasses entsprechend angepaßt und assimiliert hat. Denn es liegt ja gerade in der Logik des Rassismus, daß er sich immer ein Objekt des Hasses sucht und findet.

Aber es scheint, dass es im Text ohnehin nicht darum geht, die Logik des Rassismus zu begreifen, denn dort taucht der Begriff an keiner Stelle auf. Statt von Rassismus ist vielmehr vom „Zorn des Landes“, den man verstehen müsse, die Rede. Eine ähnliche Wendung erscheint nochmals als Unterschrift zu einem Bild, das eine Parkbank mit der Schmiererei "Nigger Drogen" zeigt. In der Bildunterschrift heißt es: "Die Wut der Volkes" (und weiter: "Experten warnen, dass sich die Kifferszenen erstmals mit der Szene der 'Junkies’ vermische" – auch hier wird ein Verhältnis suggeriert zwischen der "Wut des Volkes" und der Vermischung von Kiffersezene und Junkies).

Wohlgemerkt, die "Wut des Volkes" ist nicht in Anführungszeichen gesetzt, weder "Wut" noch "Volk". Und zwar wohl deshalb, weil der Autor wirklich zu glauben scheint, dass Rassismus "Volkswut" ist und von der Realität genährt wird: "Man darf für diese Volkswut [wieder ohne Anführungszeichen, OM] kein Verständnis aufbringen. Doch man muß verstehen, wodurch sie genährt wird."

Das ist vielleicht das Verstörendste an dem Text, dass er zur Bezeichnung von Rassismus auf Begriffe zurückreift, die an die historische Semantik der NS-Zeit und an die gegenwärtige Semantik des Rechtsextremismus anschließen.

Diese Geschichte und Gegenwart des gesamten semantischen Felds von "Volkszorn", "Volkswut" und "Wut des Volkes" sollte die Verwendung solcher Begriffe eigentlich unmöglich machen. Jedes Kind weiß oder sollte wissen, dass Goebbels den Novemberpogrom als Ausbruch des "spontanen Volkszorns" charakterisiert hat. Auch die Wendung "Volkswut" findet sich schon in der Sprachregelung der Nazis. Gerade in Zusammenstellung des Untertitels mit einer angeschmierten Parkbank hätte sofort klar werden müssen, an welche Schichten des kollektiven Gedächtnisses der Artikel damit anschließt.

Und zwar umso mehr, als diese Semantik heute immer noch im Sprachgebrauch der Neonazis und Rechtsextremen zu finden ist. Der NPD-Vorsitzender Udo Voigt erklärte zum Beispiel in einem TV-Wahlwerbespot vom September 1998: "Wir tragen den Volkszorn auf die Straße." In der Antragsbegründung auf das Verbot der NPD wegen Verfassungswidrigkeit kam eine ähnliche Wendung zu Prominenz. Zitat aus dem Antragstext: "Das aktiv-kämpferische und aggressive Element des 'Kampfes um die Straße' wird auch aus einer Aussage des NPD-Bundespräsidiumsmitgliedes Per Lennart AAE deutlich, der in einem Beitrag in der ‚Deutschen Stimme’ Nr. 5/1997, S. 3 erklärte: 'Dabei verstehen wir Nationaldemokraten unter Widerstand stets immer nur gewaltfreien, geistigen Widerstand, was freilich nicht ausschließt - ganz im Gegenteil - dass wir die Wut des Volkes auf die Straße tragen ...'" (der Verbotsantrag ist hier nachzulesen).

Der Ausdruck "Wut des Volkes" ist also durchaus einschlägig. Umso mehr erstaunt es, dass Armin Thurnher in seinem Leitartikel die Kritik des offenen Briefes zwar anhand dieses Ausdrucks diskutiert, ihm zum Ausdruck
selbst aber nichts einfällt. Nicht einmal diesen unbekümmerten Umgang mit rechtsextremem Vokabular findet er der Mühe einer Distanzierung wert.
Stattdessen wird der Begriff den UnterzeichnerInnen zurückgespielt: "Zurück zur Wut des offenen Briefs", heißt es. Wer die Verwendung eines Begriffs wie "Wut des Volkes" kritisiert, muss also offenbar selbst unter einer Art von "Wut" leiden. Für diese Wut hat Thurnher kein Verständnis, dafür umso mehr für die Wut der Polizisten: "Ist es so schwer, die Wut des Polizisten, die sich darin Luft macht, als zum Äußersten gereizte Hilflosigkeit zu verstehen? Nein." Darauf kann man nur sagen: Ist es so schwer für den Falter, die Legitimierung von Rassismus in einem Artikel zu sehen und sich
davon zu distanzieren? Ja.


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online seit 11.02.2005 18:16:24
autorIn und feedback : Oliver Marchart


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/verdienen/812Pinguin zur Berichterstattung aus der Opiumhölle



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