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  Autonomie als Widerstand

In Mexiko formiert sich eine Autonomiebewegung auch außerhalb der zapatistischen Gebiete in Chiapas

ZWEIEINHALB AUTOSTUNDEN von der nächsten befestigten Straße entfernt fand Ende August das "Erste nationale Treffen der Autonomien" statt. In dem südwestmexikanischen Dorf mit dem geschichtsträchtigen Namen Plan de Zaragoza kamen etwa 250 Menschen aus verschiedenen Teilen Mexikos zusammen, um über unterschiedliche Modelle von autonomen Strukturen zu diskutieren. Zu der mehrheitlich von ortsansässigen Bauern und Bäuerinnen besuchten Versammlung hatte der im Bundesstaat Oaxaca vergleichsweise mitgliederstarke "Populare Indigene Rat von Oaxaca - Ricardo Flores Magón" (CIPO-RFM) aufgerufen. Das Treffen fand vor dem Hintergrund in letzter Zeit verstärkt auftretender Menschenrechtsverletzungen gegen soziale AktivistInnen und politisch organisierte Indigene in Mexiko statt. Seit seiner Gründung 1996 hat der CIPO-RFM 27 Ermordete zu beklagen. Die Veranstaltung ist daher u.a. als Versuch sozialer Bewegungen zu werten, auch außerhalb der vom Zapatistischen Befreiungsheer EZLN kontrollierten Gebiete im benachbarten Bundesstaat Chiapas in die politische Offensive zu gehen. Hatten die Zapatistas ihre autonomen Landkreise vor etwas mehr als einem Jahr neu formiert, wächst nun auch in anderen, mehrheitlich indigen bevölkerten Regionen der Wille zur Selbstorganisation.

In 7 Workshops wurden Möglichkeiten und Probleme behandelt, die sich auf dem Weg in die Autonomie auftun. Wurde dabei zum wiederholten Male deutlich, wie wichtig die Landfrage im Süden Mexikos nach wie vor ist, sind die Hindernisse für eine Selbstverwaltung andererseits nicht allein in den bestehenden staatlichen oder ökonomischen Strukturen auszumachen. Bezogen viele den Begriff der Autonomie wie selbstverständlich auf "eigene Sitten und Gewohnheiten", zeigte sich vor allem im Frauenworkshop, dass diese Traditionen nicht selten selbst einschränkend und unterdrückerisch sind. Nicht zuletzt die Anwesenheit von GewerkschafterInnen und Intellektuellen aus der Hauptstadt sowie von einigen Punks aus Oaxaca-Stadt trug dazu bei, dass das Spektrum angestrebter Autonomie von freien Radios über Gemeindeorganisation und der gesonderten Organisierung von Frauen bis hin zur "Einheit mit der Mutter Erde" reichte.

JENSEITS DER AKADEMISCHEN DEBATTE zwischen Kommunitarismus auf der einen und Entwicklungs- oder Rechtsstaatsdiskurs auf der anderen Seite, ist die vom Zapatismus angestoßene Autonomiebewegung auch als Antwort auf die durch Korruption ausgehebelten bzw. nie durchgesetzten rechtsstaatlichen Strukturen zu verstehen. Darüber hinaus ist seit Inkrafttreten des Freihandelsvertrages zwischen Kanada, den USA und Mexiko (NAFTA) 1994 die Existenz vieler Bauern durch billige Importprodukte aus dem Norden bedroht. Zudem ist mit dem Plan Puebla Panama (PPP) ein soziopolitisches und infrastrukturelles Großprojekt im Gange, das auf die Interessen der Indígenas nicht viel Rücksicht zu nehmen verspricht, wie in MALMOE schon wiederholt berichtet. Auf das von Präsident Vicente Fox Mitte August gemachte Versprechen, der PPP werde nicht ohne die Beteiligung der Betroffenen durchgeführt, ist wohl ebenso viel zu geben wie auf seine Versicherung vor Amtsantritt im Jahr 2000, den Chiapas-Konflikt in einer Viertelstunde zu lösen. Die Diskussionen über ein eigenes Gesundheits- und Bildungssystem, wie es in den zapatistischen Landkreisen bereits existiert, ist daher auch Teil der Forderung nach "Frieden mit Gerechtigkeit und Würde", die der CIPO-RFM mit der EZLN teilt.

Der Plan, den Ignacio Zaragoza aufgestellt hatte und nach dem der Austragungsort des Treffens benannt ist, war erfolgreich: Mit seiner Hilfe wurde am 5.Mai 1862 das französische Invasionsheer, damals als die beste Armee der Welt gehandelt, bei Puebla geschlagen. Dass aber der Feind nicht nur als imperialistische Großmacht auftritt, ist ebenso eine Einsicht des Neozapatismus wie die, dass militärische Strategien auf lange Sicht keine Probleme lösen. Auf die Schlacht von Puebla folgten andere und schließlich die Einsetzung Maximilians von Habsburg als Kaiser von Mexiko durch Frankreich.



online seit 04.10.2004 15:13:56 (Printausgabe 22)
autorIn und feedback : Jens Kastner, Oaxaca-Stadt




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