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Herrschaftskritik durch Farbverbreitung?

Ein Interview über Graffiti, Politik und Repression

Nicht alle Formen der Kreativität werden staatlich gefördert: Soe und Sniper wurde ihre Art des Widerstandes zum Verhängnis. Beide saßen wegen schwerer Sachbeschädigung mehrere Monate im Gefängnis. Sniper muss die nächsten Jahrzehnte ratenweise ÖBB und Wiener Linien sponsern, um die angerichteten Schäden abzuzahlen.

Als im Frühjahr 2000 tausende DemonstrantInnen durch alle Bezirke Wiens zogen und „Widerstand“ skandierten waren einige schon vor ihnen da: OHM prangte damals an jeder zweiten Wand. Wie kamt ihr auf den Namen OHM, die Einheit des Widerstandes?

Soe: Die erste Idee zum Namen OHM kam von einem Flyer einer Münchner Band namens 2OHM, aber ich wollte schon immer etwas machen, wo mehrere Leute mit einem Namen arbeiten, und den ein bisschen stärker verbreiten. OHM klingt einfach gut und die politische Aussage schwingt mit – im Gegensatz zur im Hip-Hop gängigen Praxis, Namen zu schreiben, die nichts vermitteln.

Sniper: OHM war eigentlich nicht direkt und ausschließlich mit dem damals aktuellen Haiderproblem connected. Grundsätzlich fühlen wir uns nicht als Zahnrad des Systems und wir wollten das so reflektieren, dass wir rausgehen und unsere Art von Widerstand an die Wand schreiben.

Hat Graffiti für Euch viel mit Hip-Hop zu tun?

Soe: Ich hab mich nie als Hiphopper verstanden und Graffiti eher politisch gesehen. Ich glaube man hat mit Graffiti einen gewissen Einfluss auf das Stadtbild und damit auf die Bevölkerung. Viele Sachen wirken einfach unterbewusst: Wenn hier protzige Bauten eine elitäre Ästhetik unwidersprochen ausüben, dann wirkt das auf die Menschen. Graffiti ist deshalb keine Zerstörung, sondern ein sich selbst Einbringen in seinen Lebensraum, etwas Positives. Das ist Widerstand von unten gegen eine kapitalistische, neoliberale Ästhetik, die sich in Architektur, Werbetafeln usw. ausdrückt und unsere Stadt dominieren will. Es ist mir wichtig diesen Kontext hier zu verdeutlichen. Graffiti ist eben kein Hiphop – Egotrip, wie es das Fernsehen immer darstellt. GRAFFITI ist unser Widerspruch zu mit Marmor ausgetäfelten und mit Kameras überwachten Innenstädten, es ist unsere Antwort auf Zero-Tolerance!

Sniper: Wenn du Graffiti machst, heißt das noch lange nicht, dass du in der Hiphop-Szene bist. Ich mache, seit ich 15 bin, nur Tekkno, das heißt aber noch lange nicht, dass ich deswegen Graffiti nicht machen darf. Ich mal einfach, weil ich malen kann und ich mich mit Graffiti verwirklichen kann. Weil ich den normalen Leuten in der Stadt damit auch ein wenig näher komme.

Erzählt mal von Euren Aktionen! Was habt Ihr eigentlich genau verbrochen?

Soe: Mit OHM, also mit diesen Initialen machten wir vor allem so genannte Bombings, also leicht lesbare Buchstaben an gut einsehbaren Stellen im Zentrum der Stadt. Dementsprechend schwindet natürlich eine gewisse Qualität, meistens ist die Farbe bei uns dann auf Schwarz und Silber reduziert gewesen. An sicheren Stellen wird dann mehr Wert auf den kalligraphischen Aspekt gelegt.

Sniper: Jetzt mit Soe und Sniper beherrschen wir auch einen gepflegten Wild-Style. Damals im Anfangsstadium schaute jeder, dass er aus den simpelsten Buchstaben das schwungvollste rausholt.

Soe: Crew-Namen wie OHM, die von mehreren Leuten gemacht werden, werden in der Regel nie so ausgestyled, eher grob und lesbar realisiert.

Für diese Inspiration habt ihr später teuer bezahlt. Wie wurdet ihr geschnappt?

Sniper: Durch unbedachte Aussagen eines „Freundes“ wurde ich zum Verhör gebeten. Danach wurde ich observiert und später stand dann die Staatspolizei mit Haftbefehl und Durchsuchungsbefehl in meiner Wohnung.

Es war nicht ganz einfach: die Polizei spielte uns gegeneinander aus, hatte Fotos von der Beschattung, Tatzeitpunkte usw. Ich wurde 78 Stunden verhört mit 2 Stunden Schlaf dazwischen. Auch bei der Hausdurchsuchung haben sie noch ein paar Zettel gefunden, was auch sehr unprofessionell von mir war, und gegen mich verwendet wurde. Im Endeffekt hab ich von Richter Friedrich Zeilinger 13 Monate unbedingt ausgefasst.

Soe: Ich bin eine Woche nach seiner Verhaftung telefonisch vorgeladen worden und habe alles abgestritten. Eine belastende Aussage gegen mich hat aber genügt, und ich kam von der Vorladung nach einer halben Stunde direkt in U-Haft.

Wie war die Zeit im Knast?

Sniper: Ich hatte regelmäßigen Besuch von Freunden und von meiner Mutter.

Soe: Du hast zweimal in der Woche Besuch, je 15 Minuten, bist mit einer Glasscheibe getrennt und 15 Minuten sind nicht viel, um persönliche wichtige Dinge zu klären.

Soe: Briefe werden generell kontrolliert, d.h. du kannst dich nicht besonders intim austauschen, sondern solltest eher versuchen deine Besserungsmotive hinein zu formulieren. Man leidet natürlich unter der Trennung zur Außenwelt, zur Freundin, zum Bekanntenkreis. Du hast auch nichts, in U-Haft hast du keine Bücher, keinen Fernseher, keinen Radio.

Sniper: Ich hatte drinnen auch Zeit mich selbst zu entwickeln, meine künstlerischen Fähigkeiten zu heben, hatte Zeit, Bücher zu lesen usw. Wenn du glaubst, draußen auf der Strasse entgeht dir einiges, während du hier gefangen bist, hast wahrscheinlich ein ziemliches grausliches Leben.
Soe: Für mich war das ein Horror mit den ärgsten Typen in der Zelle zu sein, mit denen ich sonst nie im Leben etwas zu tun hätte, mit denen ich keine Gespräche führen kann.

Ich hatte Selbstmordgedanken, um irgendwie meine Situation zu verändern. Es gibt Leute, die schlucken Gabeln, oder schneiden sich die Pulsadern auf, nur um verlegt zu werden, oder Haftmilderungsgründe zu bekommen. Ich hab extrem lange gebraucht, um das alles zu verarbeiten.

Sniper: Es muss dir aber nicht so ergehen. Die Erfahrung, nicht gebrochen werden zu können, ist auch etwas Positives.

Soe: Du bist in der Zelle, mit deiner Decke und einer Schüssel, und gleich am Anfang wird dir die wichtigste Knastfrage gestellt: Wegen was bist du da? Ich antwortete, wegen Graffiti, und er sagt, „Naa, die sperren ah scho an jeden ein“. Also, ich war das Burli die ganze Zeit. Sie haben mich nicht als gleichwertigen Gauner akzeptiert.

Sniper: Ich hab auch viel gemalt im Knast und mir das an die Wände gehängt. Einmal kam ein Beamter, sieht das und sagt „sie sind überhaupt nicht resozialisiert“. Eine Woche später kommt ein anderer und meint, ich soll ihm genau das Bild über die komplette Wand in sein Dienstzimmer malen.

In vergleichbaren Städten gibt es eine viel lebendigere Szene, warum ist Graffiti in Wien nie so durchgestartet?

Sniper: Wenn du in Berlin, Prag, Budapest erwischt wirst, wirst du nur für das verurteilt, was du gemacht hast. Die Polizei schaut nicht ins Archiv oder führt irgendwelche Untersuchungen, was an dem Namen noch dranhängt. Du wirst für eine Aktion verurteilt und das wars.

Soe: Man kann auf jeden Fall sagen, dass es in Wien eine sehr gut ausgebildete Polizei gibt, es gibt die Staatspolizei mit dem Jugendbandenreferat. Dort wird mit unglaublichem Aufwand versucht, junge Menschen zu kriminalisieren und im Räderwerk der Justizbürokratie zu zermalmen.

Andererseits ist Wien auch städtebaulich benachteiligt. Die meisten Öffis fahren unterirdisch oder in speziellen Fahrrinnen, im Gegensatz zu Berlin, wo du überall freie Flächen hast. Dementsprechend sehen es weniger Leute, und der Nachahmungseffekt ist geringer. Aber vielleicht spielt auch die konservative Mentalität des Österreichers mit, die einfach andere Wertigkeiten pflegt, und da kommt Graffiti einfach weniger gut an. In Wien ist aber auch innerhalb der Szene viel Neid und Hass. Es wird viel gecrossed, die Leute streichen sich gegenseitig durch.

Sniper: Qualität wird sicherlich schneller nachgemacht, als irgendwas was einen schockt. Wenn man rausgeht und überall “Neger raus“ liest, ist man vielleicht wenig angeturned, mit Graffiti anzufangen. Ich glaube durch OHM haben viele angefangen zu malen, weil sie sahen, wie leicht so etwas möglich ist. Als wir verhaftet wurden, hat man das Abflauen richtig gemerkt. Die einzigen, die übrig blieben, sind diese Wehrmacht-Typen, die nur durch Worte schocken wollen und nicht durch Style oder schwungvolle Bilder Anerkennung finden.

Da sind wir schon beim nächsten Thema: die WM, bzw. Wehrmacht-Crew ist momentan die aktivste in Wien. Sie taggen „Murl“, kopieren NS-Symboliken und ließen sich im Hip-Hop Magazin Message mit Uniform und Hitlergruss abbilden. Zum anderen gibt’s auch Sprayer die rassistische Schimpfwörter wie „Neger“ taggen. Was soll das?

Sniper: Einerseits gibt es Leute, die aus politischen Gründen gegen Schwarzafrikaner hetzen, und völlig besessen Hassparolen kritzeln, das hat mit New York - Graffiti nichts zu tun. Zum andern gibt’s diese Wehrmacht-Crew, die diese negative Atmosphäre weiterträgt. Ich habe nichts gegen ihre geradlinigen und simplen Logos und ihren Gaga-Style. Was mich stört ist, welche Namen sie verwenden, um publik zu werden.

Wie seht Ihr die zukünftige Entwicklung von Graffiti?

Soe: Graffiti soll und wird immer etwas Politisches bleiben, es greift in den öffentlichen Raum ein, weckt die Leute auf. Was mich aber nachdenklich macht, ist die Vermarktung von Graffiti. Die Dosenindustrie profitiert von dieser Subkultur wohl am meisten.

Aber die illegale Seite bleibt und damit auch die grundsätzliche Kritik. Du greifst in die Lebensweise von Leuten ein, denn es ist ein Unterschied, ob du in einer sterilen und grauen Stadt wohnst, oder durch bunte, gebombte Straßen läufst.

Sniper: Es wird in Zukunft sicherlich schwieriger, Graffiti durchzuführen. Der Überwachungsstaat expandiert, es wird nicht eine Kamera abgebaut, sondern zwei neue aufgebaut. Man muss entweder rücksichtsloser sein, oder man malt minimaler, dadurch gibt’s natürlich einen gewissen Qualitätsverlust. Doch auch simpler Logo-Style ist Kunst, ich möchte niemandem absprechen, sein Recht in der Stadt zu verwirklichen.

Was sagt ihr zu neuen Trends wie Streetart?

Sniper: Aufkleber, Plakate und Schablonen sind cool. Auch Farbballons zu schmeißen, ein silber bemalter Mistkübel im Stadtpark, sind absolut zu respektieren. Ich schau mir gerne neue Ideen auf der Strasse an.

Soe: Das ist eine neue softere Variante, die noch nicht so geahndet wird.

Sniper: Geboomt hat auch, mit dem Daumen in verstaubten Scheiben zu taggen...

Soe: Das ist auch eine Wiener Manier, das gibt es sonst nirgends in dem Ausmaß, das zeigt, wie gemütlich die Leute drauf sind, nur kein Risiko...

Habt Ihr vielleicht noch ein paar Tipps und Tricks für die Toys unter den MALMOE-LeserInnen?

Sniper: Die erste Regel ist: alles für sich zu behalten, weil selbst der beste Freund kann dich verraten! Erwischt werden ist nicht das Geschickteste, und wenn doch, bleibt dir nur Aussageweigerung. Das Schweigen ist die einzige Waffe, die du dann noch hast.

Soe: Scheiß auf Hip-Hop, MTV und alles, was dir von diesen Medien vermittelt wird. Mal lieber das, was du wirklich malen willst und orientier dich nicht an anderen.

Sniper: ...mal nie um dich bei irgendwelchen anderen Leuten zu beweisen! Mal für dich selbst, wenn du nicht für dich selbst malst, dann brauchst gar nicht anfangen.

Interview: Mac Grill

OHM meets MALMOE-Party

Fr, 23.4., 22h
im V.E.K.K.S., Zentagasse 26, 1050 Wien

Mit
Run Dem (Ragga)
Re:Sista (Drum&Bass)
Fuchs MC&friends (Hiphop)

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online seit 19.04.2004 11:14:51 (Printausgabe 20)
autorIn und feedback : Mac Grill




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