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Barbaren für die Steiermark

Theorie & Politik beim steirischen herbst: Interview mit Theo Steiner und Monika Wulz über das Symposium “Barbaren. Kampfvokabel der Gegenwart”.

Wie gerät man in die Position, ein Symposium beim “herbst” zu veranstalten?

Theo Steiner: Meine handlungsleitende Vision ist die von Kunst als Selbstverständigung über die Gegenwart. So bin ich langsam vom Kuratieren zur Beschäftigung mit Theorie gekommen. Letztes Jahr kam der Intendant des steirischen herbstes auf mich zu, und ich habe ein Symposium zum Thema “Genpool” gemacht. Dieses Jahr habe ich vorgeschlagen, den Barbarenbegriff zu untersuchen.

Für wen ist das Symposium gedacht? Und ist der steirische herbst ein geeigneter Rahmen für eine polittheoretische Debatte?

Monika Wulz: So ein Festival hat ein breites Angebot. In so einem Rahmen zu veranstalten, kann auch eine Chance bieten, Leute zu erreichen, die eher im Kunstfeld zu Hause sind und unter anderen Umständen nicht kommen würden.
Steiner: Interessant ist, dass ja an sich gerade ein Kulturfestival zur Barbaren-Thematik den größtmöglichen Abstand aufweist. Das Barbarische ist – teilweise scheinbar, teilweise tatsächlich – der Gegenpol zur Kultur. Insofern ist es irgendwie ein schlüssiger Schritt, dass sich ein Kulturfestival damit beschäftigt. Dazu kommt, dass sich andere Veranstaltungen beim steirischen herbst etwa mit dem Balkan beschäftigen, was einen Zusammenhang zu unserer Veranstaltung stiftet.

Was sagt ihr zu der Einschätzung unserer AutorInnen in dem Heft, der steirische herbst sei brav geworden?

Steiner: Was würde es denn heute bedeuten, einen Skandal zu produzieren? Man würde nur die Erwartungen der kulturindustriellen Aufmerksamkeitsökonomie erfüllen.
Wulz: Ist das Gegenteil von brav ein Skandal? Und: Das Gegenteil von Skandal ist auch nicht immer “brav” …

Gab es spezifische Überlegungen zur Form des Symposiums?

Steiner: Ein Symposium soll ein Diskurskatalysator sein. Deshalb ist es uns wichtig, eine Anknüpfung an lokale Gegebenheiten herzustellen. Darum haben wir die Uni Graz als Veranstaltungsort ausgewählt. Und wir werden zur Vorbereitung in Graz ein Seminar für interessierte LehrerInnen machen. Grundsätzlich finde ich die Form des Symposiums gut. Viele halten Symposien für eine veraltete Form. Ich finde dagegen, es bewährt sich nach wie vor. Man erreicht damit ein anderes Publikum als mit einem geschriebenen Text. Es ermöglicht auch, SpezialistInnen persönlich zu treffen und mit ihnen zu diskutieren.

Ist nicht die Inszenierung der konkreten Sprechsituation entscheidend?

Steiner: Hier ist die Auswahl der Vortragenden wichtig. Ich bevorzuge Leute, deren Vortragsweise ich entweder kenne, oder die in ihrem Schreibprozess Dinge ausprobieren, und denen man anmerkt, dass sie von einer Mischung von Themenfeldern beeinflusst sind. Auch die Mischung am Podium ist wichtig – verschiedene Leute mit verschiedenen Ansätzen nebeneinander zu setzen.

Zum Inhalt des Symposiums: In welchen Diskursen spielt der Barbar heutzutage eine Rolle?

Steiner: Die Idee zu dem Symposium ist kurz nach dem 11. September entstanden, in dessen Folge der Begriff eines “Kriegs gegen die Zivilisation” aufgetaucht ist, der Anschlag wurde oft als “barbarisch” bezeichnet. Auf der anderen Seite kam es zur merkwürdigen Generalisierung, dass das Objekt des Angriffs plötzlich als “die Zivilisation” bezeichnet wurde. Das war für mich der Anlass, der Wortgeschichte des Begriffs “Barbar” nachzuspüren. Es gibt wortgeschichtlich im Wesentlichen 3 Verwendungsweisen: Im alten Griechenland waren die Barbaren “die Stotterer”, jene, die nicht aus dem hellenischen Imperium stammen – die Barbaren als die Fremdländischen. Das hat sich dann in weiterer Folge ausgedehnt auf alle, die sich nicht an die spezifischen Regeln einer Kultur halten oder halten können – die Barbaren als die Unkultivierten. Drittens, und das ist die Verwendung vor allem in einem menschenrechtlichen Diskurs, die Barbaren als die Grausamen. Zu jeder dieser 3 Bedeutungen kann man sich zustimmend oder ablehnend verhalten, was eine zweite Ebene einführt, mit der man letztendlich 6 Aspekte erhält.

Im vergangenen Jahr wurde der Begriff sehr häufig im Sinn des Menschenrechtsdiskurses verwendet. Es gibt immer mehr Publizität für und Vorkommen von Menschenrechtsverletzungen und exzessiven Gewalttaten, die dann als barbarisch verurteilt werden. Wenn etwa der Journalist Daniel Pearl vor laufender Kamera ermordet wird, würde jeder und jede zustimmen, dass das ein barbarischer Akt ist. Aber auch die Dämonisierung des Fremden und die Überheblichkeit gegenüber Fremden unter Zuhilfenahme der Barbaren-Metapher ist zu beobachten. In dieser Situation ist es unser Anliegen, einen Beitrag zu leisten, indem wir Klarheit in den Begriffen zu schaffen versuchen.


Was ist die Funktion der Barbaren-Metapher im aktuellen politischen Diskurs?

Steiner: Es gibt einen diskursiven Widerspruch: Es gab eine Zeit, da galt der Begriff als politisch unkorrekt. Gleichzeitig spielte er immer eine wichtige Rolle im Menschenrechtsdiskurs und ist dort auch unverzichtbar. Aktuell gibt es eine gegenläufige Tendenz, wo er als Mittel einer außenpolitischen Propaganda im alten imperialistischen Sinn benutzt wird.

Wie verhält sich der Begriff zu theoretischen Gegenwartsanalysen wie Hardt/Negris “Empire” und Agambens “Homo sacer”? Ist die Beschwörung einer barbarischen Bedrohung die Rechtfertigung für den “permanenten Ausnahmenzustand”, mit dem diese Ansätze die Jetztzeit charakterisieren?

Steiner: Der Barbar kommt bei Hardt/Negri sogar explizit vor – er ist dort positiv besetzt, als Metapher für die globalisierungskritische Bewegung. Sie haben die etwas romantisch-verklärende Sicht, dass diese Gruppen, von einem metaphorischen Außen kommend, die Welt verbessern werden. Bei Agamben und seinem “Homo sacer”, dem auf nacktes Leben reduzierten Vogelfreien, steht eher die dunkle Seite des Begriffs im Vordergrund.
Ich würde bei beiden kritisch anmerken, dass es uns darauf ankommen sollte, neue Begriffe zu schaffen, die den heutigen Bedingungen adäquat sind, und nicht den Ballast überkommener Bedeutungen mitschleppen.
In kulturwissenschaftlichen Ansätzen ist ja die Wiederholung eine der wesentlichen Erklärungen für Diskursmacht. Die Verwendung des Barbaren-Begriffs ist eine solche Wiederholung, die alte problematische Bedeutungen zementiert. Gegen Hardt und Negri möchte ich auch einwenden, dass es schwierig sein dürfte, einen neuen, gereinigten, ins Positive gewendeten Barbarenbegriff zu etablieren.

Ist die Rechtfertigung des “permanenten Ausnahmezustands” nun eine Erklärung für die Wiederkehr des Barbaren im politischen Diskurs?

Steiner: So ein Begriff ist nur Ausdruck konzeptioneller Hilflosigkeit. Tatsache ist, dass wir mit neuen Formen des Terrorismus konfrontiert sind, und ebenso mit neuer unilateraler imperialer Politik der USA.
Hier käme es in der Politik darauf an, Alternativen zu beiden Tendenzen zu finden. Etwa gegen eine Außenpolitik, die formuliert ist wie das Script zu einem John Wayne-Film. Hier liegt auch die Relevanz einer begrifflichen Arbeit – das ist nichts Akademisches, sondern betrifft direkt das Instrumentarium der Politik. Auf Worte kann man in der Politik nicht verzichten. Und in den Worten, der Kommunikation, liegt auch eine Chance, Konflikte zu lösen.

Seht ihr euch auch andere Veranstaltungen beim steirischen herbst an?

Steiner, Wulz: Na klar!

Interview: Pinguin

Symposion "Barbaren. Kampfvokabel der Gegenwart: Uni Graz, Wallzentrum, Merangasse 70
14.-16. November 2002



online seit 17.11.2002 15:06:41 (Printausgabe 9)
autorIn und feedback : widersprechen


Links zum Artikel:
www.steirischerherbst.atSteirischer Herbst



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