menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Klartext
In the Ghetto


Der “widerst@nd-MUND” hat gestreikt und erscheint jetzt wieder – was war los?

Claudia Volgger: Na ja, die Redaktion dachte, der ÖGB bringts nicht, und hat die Regierung im Alleingang gestürzt … Im Ernst: Nachdem ich wegen eines antisemitischen Beitrags, der trotz eines Vetos erschienen war, ausgestiegen war, bestand die Redaktion nur noch aus weißen, heterosexuellen, mitteleuropäischen Männern. Die sind glücklicherweise nicht in den Irrtum verfallen, eine Politik gegen Antisemitismus, Sexismus und Rassismus ließe sich genauso gut, wenn nicht besser auch ohne die störende Beteiligung Betroffener verwirklichen. Der Streik war dann eine Art Selbstaufrüttelungsaktion, um die schleichende Assimilation an die österreichische Normalität, die sich auch in einem deutlichen Rückgang der Bereitschaft zur internen Auseinandersetzung gezeigt hatte, zu stoppen. Das ist gelungen oder zumindest Anfänge dazu sind gemacht: in der Zusammensetzung der Redaktion, auch in der internen Debatte. Ja, und ich bin wieder drin.

MALMOE: Viele sahen im drohenden Ende des MUND das mediale Spiegelbild einer toten und/oder instrumentalisierten Bewegung und sprachen sich gegen eine Wiederaufnahme aus.

Claudia Volgger: Das halte ich für einen reichlich luxuriösen Umgang mit Infrastruktur, den man sich in Österreich – auf dem Sektor Öffentlichkeit ein Entwicklungsland der bedürftigsten Sorte – nicht leisten kann. Natürlich ist ein Medium wie der MUND dann am spannendsten, wenn sich auch in der außerparlamentarischen oppositionellen Bewegung mehr tut. Aber auch die Funktion der Verbindung zwischen den einzelnen antirassistischen, anti-antisemitischen, feministischen und anderen linken Ghettos ist eine sinnvolle und nötige. Wie weit es möglich sein wird, auch inhaltliche Impulse zu geben, wird von der weiteren Entwicklung innerhalb der Redaktion abhängen. Die Befürchtung, eine mögliche rotgrüne Regierung werde den MUND unnötig machen, hege ich leider nicht.

MALMOE: Wie deutest du die Tatsache, dass einem “Widerstands”-Medium die Weigerung, antisemitische Texte zu verbreiten, nur durch die gänzliche Ausklammerung aller (scheinbar) damit verwandten Themen möglich schien?

Claudia Volgger: Ganz so stimmt das nicht. Eine Diskussion über die antisemitischen (Motivations-)Anteile an dem überproportionalen Interesse der ÖsterreicherInnen am Israel-Palästina-Konflikt hat ja stattgefunden. Irgendwann waren dann alle Argumente auf dem Tisch, eine Entwicklung war weder zu sehen noch zu erwarten: Geblieben waren die Beiträge derer, die den Krieg hier publizistisch weiter- bzw. mitführen wollen. Und da haben wir eine Konsequenz gezogen. Dazu gibt es mittlerweile breite Zustimmung. Für diejenigen, die hier leben, aber im israelischen oder jordanischen Palästina bzw. in arabischen Ländern ebenfalls verwurzelt sind oder Angehörige und FreundInnen dort haben, bedeutet diese Entscheidung eine schmerzliche Einschränkung – die aber auf die Wirklichkeit dieses Landes zurückzuführen ist, in dem es eben nicht oder kaum möglich ist, “ganz normal darüber zu reden”. Es ist ein häufiges Missverständnis bzw. eine notwendig enttäuschte Hoffnung, dass irgendjemand nur durch das Bekenntnis der Zugehörigkeit zum “Widerstand”, zur “Zivilgesellschaft”, zur “Linken”, wie auch immer, sich wunderbarerweise aus der ihn/sie umgebenden und prägenden gesellschaftlichen Realität herauskatapultieren könnte. Österreich ist nach wie vor ein antisemitisches Land, und diese Strukturen zeigen sich (teilweise unbewusst) auch bei den Dissidenten.

Am 16. Oktober lädt die MUND-Redaktion ins Depot zur offenen Diskussion über die Entwicklung des Projekts.

Interview: ingo

online seit 13.10.2002 15:53:36 (Printausgabe 8)
autorIn und feedback : widersprechen


Links zum Artikel:
www.mund.atwww.mund.at



Reflexion des Bewusstseins

Das DÖW-Jahrbuch 2008 widmet sich antisemitischen Kontinuitäten
[30.09.2008,Ingo Lauggas]


Nie bei sich selber ankommen

Nachrichten wider die „Hölle des Gleichen“
[29.09.2008,Marion Stöger]


Sinusgruppe schlägt zurück!

Die Hedonistische Internationale holt sich das Konzept „Lebensfreude“ von den Marketing-Abteilungen zurück. Freiraum heißt auch Platz für Spaß beim Protestieren und für mindestens ein Soundsystem.
[15.09.2008,Katharina Ludwig]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten