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  To be or not to be

Feministische Einwände zum bedingungslosen Grundeinkommen

Als ich in der letzten Ausgabe der MALMOE den klugen Kommentar von Kurto Wendt mit dem Titel Arbeit, du altes Biest, der sich hauptsächlich gegen den Arbeitsfetisch richtet, gelesen habe, blieb am Schluss eine gewisse Ambivalenz, die mich nicht mehr losgelassen hat. Während Wendt das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) vor allem als (sozial)politische Strategie gegen den Arbeitsfetisch und -zwang ins Spiel bringt, wird das BGE in manchen feministischen Diskussionen oft als Allheilmittel gegen geschlechtsspezifische gesellschaftliche Ungleichheiten kolportiert. Beide Betrachtungen waren für mich Grund genug aus feministischer Perspektive kritische Einwände und Fragen zu formulieren. Dabei soll die Kritik konkret auf die zu kurz gedachten Schlussfolgerungen eingehen und nicht die Gräben zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen vertiefen – daran scheitert eine informierte, seriöse und kritische Debatte, wie auch in diesem Fall, leider viel zu oft.

BGE als Schlüssel zur ­Emanzipation der Frau?

Das Konzept des BGE sieht ein Grundeinkommen für alle Menschen vor (deshalb „bedingungslos“) und koppelt somit Einkommen vom Faktor Lohnarbeit ab. Das klingt zunächst mal nicht schlecht, da genau der Zwangscharakter der Lohnarbeit ein linker Kritikpunkt an der kapitalistischen Produktionsweise ist. Das Problem dabei ist, dass auch das BGE das Grundproblem des Kapitalismus – nämlich den Zwangscharakter und die Ausbeutung durch Lohnarbeit – nicht beseitigt, sondern es in der Logik der kapitalistischen Produktionsweise verhaftet bleibt. Dies ist damit zu begründen, dass die Existenz von Lohnarbeit gegeben sein muss, um Grundeinkommen zu finanzieren. Das BGE suggeriert aber, dass es den gesellschaftlichen Zustand der Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit (aufgrund der gesellschaftsstereotypen Arbeitsteilung der Geschlechter) auflöst. Es löst jedoch nicht die Ungleichstellung auf, sondern verlagert das Problem lediglich. Wenn es unterschiedliche Einkommen gibt, dann kommt es unweigerlich zu einer Hierarchisierung von Arbeit, bei der davon auszugehen ist, dass es nicht zu einer Um- geschweige denn Neubewertung von Frauenarbeit kommen wird. Es ist davon auszugehen, dass das BGE Frauen aufgrund der geschlechtsstereotypen Sozialisierung und Arbeitsaufteilung wieder verstärkt in den Pflege- und Betreuungsbereich (Reproduktionsarbeits) des Privaten zurückdrängen wird. Zwar ist die unbezahlte Reproduktionsarbeit dann nicht mehr mit dem völligen Ausfall eines Einkommens verbunden, aber zu einem Aufbrechen der geschlechterstereotypen Arbeitsteilung wird es dadurch bestimmt nicht kommen. Betrachten wir Zeitverwendungsstudien nach Geschlecht, zeigt sich, dass Frauen schon jetzt – und das trotz Beschäftigung – immer noch um ein Vielfaches mehr Zeit als Männer für Reproduktionsarbeit aufwenden. Das legt den Schluss nahe, dass die Reproduktionsarbeit auch beim BGE nicht gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt werden wird, da Frauen ja dann fürs Zuhausebleiben „bezahlt“ werden. Aus meiner feministischen Perspektive gehören gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten im Sozial-, Pflege-, Kinderbetreuungs- und Gesundheitsbereich nicht in die durch das BGE abgegoltene „Privatsphäre“, sondern vergesellschaftet und entsprechend entlohnt.

Das BGE zieht zudem einen Rattenschwanz an ökonomischen Auswirkungen für Frauen mit sich: Eine Auswirkung könnte sein, dass die Segregation (geschlechtertypische Trennung von Berufen und Branchen) am Arbeitsmarkt sich weiterhin verschärfen könnte, da Frauen in den privaten Raum zurückgedrängt und eben nicht in andere nicht- geschlechterstereotype Berufsfelder vordringen könnten. Es ist auch naheliegend, dass der Gender Pay Gap dadurch massiv ausgeweitet werden könnte, wenn wir davon ausgehen, dass es einen Unterschied zwischen dem Grundeinkommen und dem Einkommen durch Lohnarbeit geben wird und durch die Leistungskriterien kapitalistischer Lohnarbeit auch geben muss. Hier beißt sich das Modell dann selbst in den Schwanz, denn ohne Lohnarbeit, kein Grundeinkommen.

Long story short

Ich möchte damit aufzeigen, dass das BGE altbekannte Probleme der Frauen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft nicht automatisch löst, auch wenn es schöne Versprechungen macht. Politische Maßnahmen haben immer gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen, und die gilt es zu beachten. Eine Alternative zum BGE ist für mich eine solidarische Ökonomie, die Demokratisierung und Teilnahme von Vertreter_innen aller Betroffenengruppen an betrieblichen und gesamtwirtschaftlichen Entscheidungen mit sich bringt und zum Beispiel auf betrieblicher Ebene die Belegschaft am Gewinn des Unternehmens beteiligt. Zusätzlich braucht es gesamtgesellschaftliche Maßnahmen zur geschlechtergerechten Verteilung und Vergesellschaftung von notwendiger Pflege- und Betreuungsarbeit.

Weiterführende Lektüre zu feministischer Kritik am Bedingungslosen Grundeinkommen:
Diskussionspapier des WIDE (Women in Development Europe – Schweiz) Debattierclubs


online seit 23.06.2018 12:23:38 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Viktoria Spielmann




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