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  Arasch, Heimkehrer

Vorveröffentlichte Ausschnitte aus dem gleichnamigen Theaterstück von Amirabbas Gudarzi

MAMA: Gemüse? Ich höre nicht, A …

Die Verbindung ist weg und das Bild von der Mutter bleibt bewegungslos an die Leinwand projiziert. Ihr Mund steht noch offen. Man hört laute Schreie. Eva kommt schnell rein.

EVA: Diese verfickten Nachbarn mit diesem scheiß Hund. Diesen Hund werde ich umbringen. Ich werde seine Zunge abschneiden und in seinen Arsch stecken. Der Hund wollte mich wieder beißen. Schon wieder.

Eva sieht das Bild von Araschs Mutter auf der Leinwand. Eva beruhigt sich augenblicklich. Sie trägt mehrere Einkaufstüten.

EVA: Scheiße, sorry. Ich wusste nicht, dass du mit deiner …

ARASCH: Das macht nichts, die Verbindung ist eh weg.

EVA: Okay.

Eva schreit plötzlich wieder.

EVA: Diese Arschlöcher, sie schaffen es nicht einen kleinen verfickten Hund zu kontrollieren.

ARASCH: Er ist fixiert auf dich. Er probiert’s immer wieder bei dir.

***

Die Tür öffnet sich, Anna kommt in Begleitung einer anderen Frau ins Zimmer. Arasch dreht sich um.

ARASCH: Hallo, geht’s gut?

ANNA: Hi, Arasch. How are you? That’s my Friend Kathi.

KATHI: Nice to meet you.

ARASCH: Kannst du Deutsch?

KATHI: Ja, sicher, nur weil Anna mit dir Englisch gesprochen hat.

ANNA: Entschuldigung.

ARASCH: Das kommt immer wieder vor. Sie vergisst immer, dass ich inzwischen Deutsch gelernt habe. Geht’s dir besser? Hast du was von ihr gehört?

ANNA: Mir geht’s gut. Sie ist mir egal. Über wen redest du?

Sie küsst Kathi. Die beiden gehen ins Zimmer. Eva kommt mit einem Mann rein, sie begrüßen Arasch und verschwinden in ein anderes Zimmer. Man hört Anna und Kathi beim Sex schreien. Später auch Eva.

EVA: Oh my God. Oh my God.

Man hört wieder Stimmen von Menschen und bellende Hunde. Die Nachbarin taucht wieder auf.

NACHBARIN: ie werden dich kriegen! Ihr werdet alle verrecken!

Die Glocken läuten sieben Mal. Arasch geht zum Fenster. Eva nähert sich in seinem Rücken. Sie trägt sieben Granatäpfel und rote Äpfel. Arasch springt aus dem Fenster. In Kathis und Annas Sexschrei hinein schreit auch Eva. Granatäpfel und rote Äpfel fallen ihr aus der Hand und rollen über die Bühne und werden beleuchtet. Eva sitzt auf dem Boden und alles bleibt einige Sekunden still. Einige Momente später wird das Licht wieder wie vorher. Clemens kommt aus seinem Zimmer, Eva steht auf und tut so, als ob nichts passiert sei.

CLEMENS: Ich mach mir Sorgen um Arasch, er hat letztens erzählt, dass er Stimmen hört.

EVA: Wirklich? Scheiße, der Arme. Jetzt sind auch noch seine Eltern auf der Flucht.

CLEMENS: Echt? Das hat er mir nicht erzählt.

***

ARASCH: Ich hab einmal von Jesus geträumt. Ich war auf der Flucht und es war Winter. Ich saß neben dem Feuer und versuchte meine Schuhe auszuziehen, um meine Füße zu wärmen. Als ich meine Schuhe ausgezogen hatte, roch ich wie stark sie stanken. Meine Füße waren voller Eiter und Blut, weil ich wochenlang ohne Pause gehen musste.

ANNA: Du Armer.

ARASCH: Ich habe das nur geträumt.

ANNA: Ah, das hab ich nicht mitbekommen.

ARASCH: Ich war selbst schockiert, als ich meine Füße sah. Der Geruch von Eiter und Blut war in meiner Nase. Ich hielt meine Füße über das Feuer, fast so, als ob ich sie grillen wollte. Ich hab gar nichts gespürt, bis er aufgetaucht ist. Ein Mann mit langem Bart und Haaren der aus der Dunkelheit kam. Er betrachtete mich und dann hat er meine Füße in die Hand genommen und Salbe darauf geschmiert. Am Schluss, auch ein bisschen von seiner Spucke darauf gegeben. Meine Füße waren augenblicklich geheilt. Ich hatte ein komisches Gefühl, als ich aufwachte.

DANIEL: Aber wozu brauchen wir einen Christbaum? Ich hasse Christbäume.

ARASCH: Ich wollte einen haben. Wenn Jesus sich um meine Füße kümmert, dann kümmere ich mich um einen Christbaum.

ANNA: Ich mag das auch nicht. Das ist viel zu christlich. Wie bei der Familie.

ARASCH: Dann machen wir es auf eine islamische Art und Weise und hängen einen Koran dran. Wir sind quasi auch eine Familie.

EVA: Wer will beim Schmücken helfen?

***

ARASCH: Der Exodus befreit. Jeder sollte das mal erleben, im Exil zu sein. Die Wurzeln in der Luft zu haben. Die Wurzel im Himmel zu haben.

VATER: Ich muss los, mein Sohn. Eine Kraft zieht mich an sich, wie die Schwerkraft.

ARASCH: „Papa! Augenblick! Verweile doch, du bist so …“
Der Vater verschwindet tanzend. Die Nationalhymne kommt zu ihrem Ende. Die Nachbarin lässt die österreichische Flagge fallen. Das Licht wird wieder normal.

ARASCH: Alle sind tot. Alle. Die kehren nie wieder zurück. Ich werde nicht mehr auf sie warten.

Arasch macht das Fenster auf und springt. Die Glocken läuten sieben Mal. Die Nachbarin jubelt und schreit sieben Mal. Man hört wie der Körper gegen den Asphalt prallt und wie Autos hupen und bremsen. Sieben Granatäpfel und rote Äpfel rollen über die Bühne. Stille. Sekunden später öffnet sich die Wohnungstür und Arasch kommt rein, eine Person folgt ihm.

***

ARASCH: Clemens, ich hätte eine Frage.

CLEMENS: Bitte.

ARASCH: Was sind das für kleine Tafeln auf der Straße, diesieben vor dem Eingang?

CLEMENS: Was?

ARASCH: Diese kleinen Tafeln beim Eingang vor der Tür. Auf dem Gehsteig.

CLEMENS: Ah, du meinst die Stolpersteine. Darauf stehen Namen der Juden die früher in diesem Haus gelebt haben, die von Nazis verschleppt und in Konzentrationslagern umgebracht wurden.

ARASCH: Wo haben sie genau gewohnt?

CLEMENS: In diesem Haus.

ARASCH: Ich weiß, aber in welcher Wohnung. Auch hier?

CLEMENS: Das weiß ich leider nicht.

ARASCH: Das sind sie.

CLEMENS: Was meinst du?

ARASCH: Nichts.


Die Premiere des Stückes Arasch, Heimkehrer wird am 21. Juni 2018 im Theater Drachengasse unter der Regie von Natalie Assmann gezeigt.


online seit 02.05.2018 16:45:57 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Amirabbas Gudarzi




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