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Stell dir vor, es ist Patriarchat, und keine spricht es aus

Warum feministische Sprachkritik nicht genügt, und sie an den Begriffen Natur und Patriarchat entschieden festhalten, erzählten outside the box Redakteurinnen Korinna Linkerhand und Charlotte Mohs im Gespräch mit MALMOE.

Das Patriarchat erscheint heute wieder einmal als alter Hut, nicht nur für die sexistische Mehrheitsgesellschaft sondern genauso für den aktuellen feministischen Common Sense. Zugespitzt: Wie kam es dazu, dass sich hier Queer-Feminist_innen so eins sind mit unseren prototypischen unfeministischen Großmüttern?

Korinna: Oberflächlich gesehen sind sie sich natürlich überhaupt nicht einig. Über die prototypische Oma, die möchte, dass ihre Enkelin gut kochen lernt, einen guten Mann findet und hübsche lange Haare hat, kann die Queerfeministin natürlich nur mitleidig den Kopf schütteln. Darin ähnelt sie ihrer Mutter – wenn wir mal beim Generationenmodell bleiben wollen –, der Lila-Latzhosen-Emanze der 1970er. Zu deren Zeiten war es bedeutend einfacher, das Patriarchat zu verfluchen: Frauen waren an Küche, Kinder, Kirche gefesselt. Die Zweite Frauenbewegung war getragen von der historisch einmaligen Erkenntnis sehr vieler Frauen in Westeuropa und Nordamerika, dass sie sich aufgrund ihres Geschlechts in einer beschissenen Lage befinden. Darum gingen sie auf die Straße.

Und heute?

Korinna: Diese Situation gibt es nicht mehr. Nicht zuletzt dank der Erfolge des Feminismus kam es zu einer Flexibilisierung der Geschlechterrollen – die im Übrigen eng mit den Forderungen des Arbeitsmarktes zusammenhing. Das kostete die Feministinnen jedoch das Bewusstsein, Unterdrückte zu sein. Es wurde zu ihrer eigenen Entscheidung, am Herd zu stehen – das beförderte die neoliberale Ansicht, dass jede ihres Glückes Schmiedin sei, ergänzt um eine Prise Postmoderne, dass es sich dabei um ganz individuelle Glücksvorstellungen handele. Und so landete die emanzipierte Frau bei dem Credo, die Mehrfachbelastung auf ihren Schultern als ureigenste Entscheidung zu bejahen und dabei zu vergessen, dass es immer noch strukturelle Benachteiligungen und eine äußerst wirkmächtige weibliche Sozialisation sind, die ihre Entscheidungen prägen.

Wie reiht sich die antiprototypische Queerfeministin hier ein?

Korinna: Folgerichtig weicht im Queerfeminismus ein Begriff von Frau, der Geschlecht als repressive Zwangsveranstaltung anklagt, emphatischen Identitätskonzepten. Das führt direkt in das aktuelle Diversity-Gejubel, das sich über Ungleichheiten nicht mehr beklagt, sondern sie richtig gut findet. Geschlechtliche Zuordnungen werden zu individuellen Merkmalen umgewertet – und nicht mehr als gewaltförmige Kategorien betrachtet, zu denen die Einzelne mitsamt ihren Bedürfnissen immer schon in einem widersprüchlichen Verhältnis steht.

Viele sagen aber: Kapitalismus ist geschlechtsneutral. Wer Arbeitskraftbehälter ist, wäre dem Kapital letztlich wurscht. So komme es zu einer Angleichung der Geschlechter, und die Errungenschaften der ersten und zweiten Frauenbewegung werden als logische Folge des kapitalistischen Fortschritts verstanden. Kann man das wirklich widerlegen?

Charlotte: Es stimmt schon, auf einer analytischen Ebene ist es dem Kapital wurscht, wen es ausbeutet, Hauptsache billig und diszipliniert. Aber das Kapital ist ja selbst ein gesellschaftliches Verhältnis und als dieses eingelassen in eine soziale Praxis, die nicht in ökonomischen Kategorien aufgeht. Insofern führt es in die Irre, Gesetzmäßigkeiten, die das Geschlechterverhältnis betreffen, aus dem Kapitalverhältnis abzuleiten. Ich würde es eher so formulieren, dass sich die kapitalistische Produktionsweise bisher ganz ausgezeichnet mit dem Patriarchat vertragen hat. Wenn man also die Errungenschaften der Zweiten Frauenbewegung so abhakt, dann kommt mir das zu strukturalistisch vor, weil es von den handelnden Subjekten und den Konflikten absieht, die die Gesellschaft immer wieder produziert.

Könnte man die Verschiebung niedrig gestellter Care Work hin zu Migrantinnen als eine qualitative Veränderung des Geschlechterverhältnisses verstehen?

Charlotte: Die Lohnabhängigen gliederten sich ja noch nie nur nach Qualifikation und Fähigkeiten sondern eben auch unter anderem entlang des Geschlechts und der Herkunft. Ähnlich wie Frauen auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt sind, so haben auch beispielsweise osteuropäische Arbeitskräfte schon von vornherein eine schlechtere Position. So sind es dann mehrheitlich weibliche und migrantische Arbeitskräfte, die sich hierzulande in schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs wiederfinden. Diese Klassengliederung stellt nichts qualitativ Neues dar. Aber bezogen auf den Care-Sektor gibt es neue Verschiebungen, weil es hier überhaupt zu großen Veränderungen kam und kommt.

Materialistische und poststrukturalistische Feminismen prallen in meiner Wahrnehmung erst in letzter Zeit so stark aufeinander. Dabei haben, meine ich, die Materialistinnen ein wenig verschlafen, und kommen erst jetzt mit ihrer Kritik am „Butler-Hype“ hinterher. Teilt ihr das?

Charlotte: Naja, sicherlich ist der Poststrukturalismus so populär geworden, weil er einen Nerv getroffen hat und auf zeitgenössische Erfahrungen und Bedürfnisse gute Antworten gegeben hat. Insbesondere, indem er sehr gekonnt und überzeugend den Wunsch, jegliche geschlechtliche Zwangsidentität hinter sich zu lassen, auf die Spitze getrieben hat. Das war sicher für viele ein Befreiungsschlag. Trotzdem bleibt es die Schwäche des poststrukturalistischen Denkens, dass es zwar ein radikales Begehren formuliert, aber nicht wirklich benennen kann, warum es so schwierig ist, dieses im Hier und Jetzt zu verwirklichen und aus den starren Identitäten auszubrechen.

Aber ja, ich beobachte genauso heute wieder verstärkt Diskussionen, die den poststrukturalistischen Rahmen sprengen, wie etwa ökonomiekritische Ansätze, und eben auch die inzwischen relativ breit geführte Care-Debatte. Es gibt auch hier einige Ansätze für eine radikale Kritik, die auch die gesellschaftliche Praxis in den Blick nimmt. Allgemein habe ich aber eher das Gefühl, dass die Feministinnen, die es mit der Gesellschaftskritik ernst meinen, leider immer noch eher marginal sind.

In eurem Text „Natürlich gesellschaftlich?!“ hält ihr eine unausweichliche Natur, die dem Geschlechterbegriff inhärent wäre, hoch. Inwiefern ist dieser Naturbegriff ein anderer als der des Biologismus? Oder anders gefragt: Was ist am Begriff Geschlecht nicht dekonstruierbar?

Charlotte: Nach wie vor eine sehr schwierige Frage! Aber erstmal zum Unterschied von Natur und Biologismus. Letzterer definiert soziale Phänomene als natürliche und lässt sie damit erstarren. Er kann sie nicht mehr als historisch gewordene begreifen. Dagegen versuchen wir mit der Kritischen Theorie und Marx die Natur immer in ihrer gesellschaftlichen Vermittlung zu denken. Also, dass der Mensch einerseits auf die Natur verwiesen ist. Andererseits haben wir es nie mit der Natur an sich zu tun, da sie immer schon überformt und gestaltet ist durch die soziale Praxis der Menschen. Es gibt keinen Wunsch, der nicht schon den Stempel der Gesellschaft trägt. Aber ich würde dennoch immer betonen, dass das Begehren bedingt bleibt durch die Natur, nämlich durch körperliche Impulse, die nicht in der sozialen Interaktion aufgehen. Darin liegt ja genau die konflikthafte Beziehung zwischen Es, Ich und Über-Ich – psychoanalytisch gesprochen –, also zwischen Lust- und Realitätsprinzip.

Bezogen auf das Geschlecht scheint mir dieses Verhältnis aber noch komplizierter. Ich denke, das Begehren selbst hat keine geschlechtliche Natur. Insofern finde ich hier weniger die Frage nach der Natur an sich relevant, als vielmehr, wie sich im Prozess der Subjektwerdung immer wieder zwei Geschlechtscharaktere mit einem (meist) heterosexuellen Begehren herstellen.

Korinna: Ich möchte das Konzept der Dekonstruktion selbst angreifen. Dekonstruktion von Geschlecht, wie sie Butler und ihre queerfeministischen Adeptinnen hochhalten, bedeutet ja, die soziale Konstruiertheit von Geschlechtern zu entlarven und folglich ihre Abschaffung nicht nur zu fordern, sondern gleich zu praktizieren – vornehmlich auf der sprachlichen Ebene. Dann sagt man halt „weiblich sozialisierte Personen“ statt „Frauen“ und alle freuen sich, wie schön sie wieder das Geschlechterverhältnis dekonstruiert haben, nach dem Motto: Stell dir vor, es ist Patriarchat, und keiner spricht es aus! Die Kritik der benachteiligten weiblichen Subjektposition schlägt in bloße Verweigerung um, sich damit zu identifizieren. Dekonstruktion trägt dann im schlimmsten Fall zur Verschleierung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses bei. Was dann hinten runter fällt, ist ein Begriff von der historischen Gewordenheit des Geschlechterverhältnisses und vom damit verbundenen ideologischen Zwang, ohne den die vergeschlechtlichten Subjekte nicht zu denken sind. Nichts am Geschlecht ist also dekonstruierbar!

Korinna Linkerhand, begeisterte Parteigängerin der outside the box, lebt in Hamburg, versucht sich wieder mal als glückliche Arbeitslose und ärgert sich über aktuelle Ausformungen des Queerfeminismus. Charlotte Mohs ist ebenso Fan der outside, lebt in Leipzig und untersucht die gegenwärtige Gestalt des Klassenwiderspruchs und des Geschlechterverhältnisses. Beide waren gemeinsam mit outside Redakteurin Barbara Schnalzger am 2. Oktober in der Arbeiterkammer auf Einladung der AUGE/UG für die Veranstaltung „Sie nennen es Liebe. Wir nennen es unbezahlte Arbeit“ in Wien zu Gast.

Das Interview in voller Länger lest Ihr hier: www.outside-mag.de
Debattenbeiträge sendet Ihr bitte an: redaktion@MALMOE.org


online seit 18.12.2015 13:56:01 (Printausgabe 73)
autorIn und feedback : Flora Eder


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/3086Was ist neu am „New Materialism“? Elmar Flatschart mit einer Kritik.



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