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  Der Begriff Islamophobie. Interview mit Sama Maani

„Mit dem Begriff ­Islamophobie ­gehen wir den Rassisten auf den Leim“

Warum der Begriff Islamophobie keine Option für ihn ist, erklärt der Schriftsteller und Psychoanalytiker Sama Maani im MALMOE-Interview

MALMOE: Du schreibst in deinem Buch „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht“, dass in „einem tendenziell religionslosen Europa (…) Religion immer heiliger“ wird. Welche Rolle spielt hier der Begriff Islamophobie?

Sama Maani: In so einem Begriff steckt, gesellschaftstheoretisch, aber auch psychoanalytisch, eine ganze Menge. Wer den Begriff Islamophobie verwendet, macht das in kritischer Absicht – um etwas Negatives zu bezeichnen. Er wird mehr oder weniger synonym mit Rassismus verwendet. Und hier beginnt das Problem: Anstatt dass es um den Schutz einzelner Menschen vor Diskriminierung ginge, wird mit dem Begriff Islamophobie so getan, als wäre der Islam ein Individuum, dem Menschenrechte und Schutz zustünden, obwohl Menschenrechte doch Individualrechte sind. Gegenüber Menschen, die aus guten Gründen buchstäblich „islamophob“ sind, d.h. weil sie zum Beispiel aus Angst vor dem Islam aus der islamischen Republik Iran geflohen sind, findet mit diesem Begriff eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Der Islam ist in vielen Ländern eine Herrschafts­ideologie, die ein Kollektiv herstellt und Menschen unterdrückt. Anstatt aber die Individuen gegen Unrecht zu schützen, wird mit dem Konzept der Islamophobie der Islam zum schützenswerten Subjekt erklärt und Kritik am Islam gilt auf einmal als Rassismus.

Wie ist das Verhältnis von „Islamophobie“ und Rassismus allgemein zu beschreiben?

Die Ablehnung „des Islams“ durch Pegida, FPÖ und Co. ist ein Ersatzdiskurs für Rassismus. Aber der Antirassist oder die Antirassistin, der oder die den Begriff Islamophobie negativ verwendet, ist in diesem Moment selbst rassistisch, ohne es zu wollen. Wenn ich sage, die Feindschaft gegen den Islam ist rassistisch, dann sage ich damit implizit, dass der Islam unauflöslich verknüpft ist mit Menschen etwa aus der Türkei oder arabischen Ländern, jenen Menschen also, die ich vor Diskriminierung schützen will. (1) Das zementiert den Diskurs der Rechten, statt diese falsche Verknüpfung von Herkunft und Religion aufzulösen. Das drückt sich auch aus in der plumpen und absurden Reaktion: „Die sind gegen den Islam, dann sind wir für den Islam“.
Zum Projekt der Aufklärung gehört aber, dass Religion ein Bekenntnis ist, man sich also dazu bekennen kann oder eben auch nicht. Das wird mit dem Begriff der Islamophobie hintertrieben. Eine Frau zum Beispiel, die aus dem Iran kommt und nicht Kopftuch trägt, erscheint mit diesem Begriff nicht schützenswert. Interessant ist hier auch das neue Plakatsujet der Stadt Wien „Respekt ist Kopfsache“ – hier wird suggeriert, dass nur, wer sich mit Religion identifiziert, vor Diskriminierung geschützt werden soll.
Wenn ich heute bei einer Diskussion sagen würde: „Ich lehne die Psychoanalyse, das Christentum oder den Marxismus ab“, würde ich zustimmende oder ablehnende Reaktionen ernten. Niemand würde aber auf die Idee kommen, diese Position als rassistisch – sprich: als „unmöglich“ – zu bezeichnen. Wenn ich hingegen sagen würde: „Ich lehne den Islam ab“, würde es mir gänzlich anders ergehen. Der Islam spielt im heutigen Diskurs eine Sonderrolle, die es gründlich zu analysieren – und zu kritisieren gilt.

Wieso greifen gerade Linke und Liberale auf das Konzept Islamophobie zurück, wenn damit Religion zum Tabu wird und Religionskritik als Rassismus gelten kann?

Ein Aspekt ist, dass Linke die Religion oft nicht ernst nehmen. Religion gilt als Epiphänomen. Es wäre lohnenswert, darüber nachzudenken, ob und inwieweit wir das schon bei Marx finden. Im Iran haben unmittelbar nach der Revolution noch viele linke Intellektuelle über die Schriften Khomeinis gelacht. Viele von ihnen wurden später hingerichtet.
Nach den Anschlägen in Paris dominierte oft die Haltung, dass die sozialen Verhältnisse die Grundlage für die Morde darstellten. Natürlich gibt es hier Zusammenhänge, aber soziale Deklassierung ist für ein Phänomen wie Terrorismus weder eine notwendige noch eine hinreichende Erklärung. Die Führer der Al Kaida entstammen wohlhabenden Familien und sind häufig Akademiker – und umgekehrt wird nicht jeder sozial deklassierte Jugendliche zum Terroristen.
Auf einer anderen Ebene erschien und erscheint der Islam manchen Linken als Verbündeter. Im Kontext postkolonialer Befreiung ebenso wie vor dem Hintergrund des sowohl bei Linken als auch Islamisten sinnstiftenden Anti-Amerikanismus, der im Zusammenspiel mit einer bestimmten Art von Kapitalismuskritik auch strukturell antisemitisch ist. Im Iran haben deshalb viele Linke bei der Revolution mit den Mullahs zusammengearbeitet. Und manche Linke, sowohl im Iran als auch in Europa, sehen in ihnen bis heute zumindest strategisch Verbündete, gegen den Westen, die USA und Israel.
Außerdem gibt es, insbesondere in der europäischen Linken, ein Schuldgefühl aufgrund der Geschichte des Kolonialismus. Wenn es eine Kritik an Verhältnissen und Gräueltaten in islamischen Ländern gibt, kommt reflexartig als Gegenargument: „Ja, aber die Christen, die waren ja auch nicht besser, schaut euch die Kreuzzüge an, die haben viel mehr Verbrechen begangen!“ Das stimmt zwar historisch, hier werden aber religionskritische und kulturkritische Argumente verwendet, um Kulturkritik und Religionskritik in Bezug auf den Islam im Keim zu ersticken.

Sowohl von Seiten der RassistInnen, etwa bei PEGIDA, als auch von Seiten des politischen Islam und von Teilen der Linken, scheint es einen Drang zu geben, Kollektive zu bilden, seien dies „die Moslems“ oder „die Deutschen“. Was hat es mit dem Wunsch nach dem Kollektiv auf sich?

Der Drang zur Kollektivierung von Menschen ist vor dem Hintergrund der gescheiterten Emanzipation zu sehen, um es geschichtsphilosophisch auszudrücken. Weil wir die Welt nicht verändern können, tritt eine Art Resignation ein.
Aus dieser Resignation heraus wird gesagt, Kulturen und Kollektive seien im Kern gut. Und wenn man das schon beim „eigenen“ Kollektiv nicht sagen kann, wird es auf andere projiziert. In der Linken gibt es eine lange Geschichte der Sehnsucht nach „dem Anderen“. Weil die Revolution hier nicht klappt, wird sie anderswo gesucht – und mitunter auch dann gefunden, wenn es sich um eine reaktionäre Revolution wie die islamische handelt. Dahinter steht paradoxerweise die Sehnsucht, das Gute, zumindest als Anlage, schon im Bestehenden zu finden.
In der Kollektivierung drückt sich auch die Suche nach Identität aus. Dabei wird vergessen, dass Identifizierung immer etwas Künstliches, ja Gewaltsames ist. Aus dem Gefühl, als Individuum im Bestehenden keine Rolle zu spielen, nicht zu zählen, entsteht die Sehnsucht, sich mit dem Kollektiv zu identifizieren. Ob das jetzt ein nationales Kollektiv ist oder ein linkes oder islamisches, ist erstmal egal.
Dieses Kollektiv ist narzisstisch besetzt – ich mag als Einzelner nicht viel zählen, umso mehr Selbstachtung beziehe ich aus meiner Zugehörigkeit zum Kollektiv. Man sieht es auch an den Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen: Bin ich mit dem Kollektiv identifiziert, das durch Mohammed repräsentiert wird, kränkt es mich persönlich, wenn man sich über Mohammed lustig macht.

Und welche Rolle spielt diese Kollektivierung für das Ressentiment?

In vielen vom Islam geprägten Gesellschaften finden wir eine Ideologie, die ich, in Anlehnung an Isolde Charim, die „Ideologie der vollen Identität“ nennen würde. Dabei werden „die Gesellschaft“ und „der Islam“ so sehr miteinander identifiziert, dass außerhalb der Sphäre des Islams so etwas wie Gesellschaft nicht zu existieren scheint.
Dieses Denken gibt es sogar bei den so genannten islamischen Neudenkern, den Reformislamisten. Auch wenn ihnen das als einzelnen Personen nicht bewusst ist, scheinen sie zu sagen: Wenn es schon eine Erneuerung in unserer Gesellschaft geben muss, dann kann das nur über eine Erneuerung des Islam geschehen. Auch kritische Positionen übernehmen diese Logik, wenn die Frauenrechtlerin Seyran Ates zum Beispiel in ihrem Buch fordert, der Islam bräuchte eine sexuelle Revolution, anstatt dass sie für eine sexuelle Revolution in islamisch beherrschten Gesellschaften plädierte.
Und hier passiert nun etwas Interessantes: Rechtsextreme, aber auch manche Linke, neiden den IslamistInnen diese volle Identität, das – angebliche – volle Aufgehen in der Gemeinschaft. Ob es dann die deutsche Volksgemeinschaft oder die islamische Umma ist, spielt keine Rolle, und da gibt es ja auch Überschneidungen: Man könnte sagen, die Moslems werden dafür beneidet, dass sie die besseren AntisemitInnen sein könnten, dass patriarchale Strukturen, Homophobie und kulturelle Homogenität im Islam und in islamischen Kollektiven besser gelebt werden könnten. Das ist natürlich Projektion und Wunschvorstellung, diese Gemeinschaften sind immer imaginär. Aber aufgrund des Inhalts dieser Projektion ist es grundfalsch, in der „Islamophobie“ den neuen Antisemitismus zu sehen. Der Islam erscheint als voll identitäre Gemeinschaft, während ja in der Figur des Juden/der Jüdin gerade das Nicht-Gemeinschaftliche und Nicht-Identische gesehen wird.

KritikerInnen des Islam, die biographisch selbst eine Geschichte mit dem Islam haben – z.B. aus mehrheitlich islamischen Ländern kommen –, also Leuten wie Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek oder Hamed Abdel-Samal, schlägt, insbesondere von linker und liberaler Seite ein geradezu irrationaler Hass entgegen. Warum?

Ihnen wird Verrat am linken Schutzobjekt „Islam“ vorgeworfen, das als homogenes, identitäres Kollektiv begriffen wird und an dem es eigentlich keine Kritik geben kann. Die Linke projiziert den Wunsch nach einer Identität nach außen – wenn wir es hier im Westen schon nicht „gut“ haben, dann sollen es „die dort“ wenigstens schön und harmonisch haben. Wenn dann aber Menschen wie Ayaan Hirsi Ali sagen: „Moment mal, in islamischen Gesellschaften ist auch vieles scheiße“, dann zerstört das diese Illusion. Islam-KritikerInnen aus den „eigenen Reihen“ werden besonders gehasst, weil sie sozusagen das gute, von außen konstruierte Kollektiv „von innen heraus“ zerstören. Würde diese Kritik zugelassen, wäre manches Weltbild zerstört. Die Folgen sind katastrophal: Weil die Kritik am Islam nicht zugelassen wird, erscheint vielen Linken der Islam weiterhin als potentieller Verbündeter.

Wie sollte man denn mit „dem Islam“ umgehen?

Von „aufgeklärten“, liberalen ZeitgenossInnen hört man häufig, man müsse den Islam „respektieren“. Wenn mir diese Rede begegnet, frage ich, auf welche konkreten Inhalte der islamischen Glaubenslehre und -praxis sich dieser Respekt denn beziehe. Ich konfrontiere mein Gegenüber bewusst mit problematischen Aspekten, mit Todesstrafen für Apostaten und Homosexuelle, Steinigungen, Kinderehen etc. und frage, ob er das alles auch respektiere.
Die Antwort wird sein, dass man diese Aspekte natürlich nicht respektieren solle, dass man aber den Islam auch anders interpretieren könne – moderner, aufgeklärter, liberaler. Das ist richtig – bedeutet aber, dass sich jene Respektbezeugung in nichts auflöst. Bzw. in sein Gegenteil verkehrt: Jene ZeitgenossInnen erwarten gerade umgekehrt vom Islam, dass er ihre liberalen und aufgeklärten Werte respektiere.
Der Schutz von Moslems als Gläubige, im Sinne der Religionsfreiheit, der zu Recht eingefordert wird, ist nicht aus einem interreligiösen Dialog entstanden, sondern eben aus dem Säkularismus, der bei weitem nicht radikal genug ist, den es aber glücklicherweise immerhin gibt.

Wir haben jetzt viel über den Islam im Begriff Islamophobie geredet – was sagst du als Psychoanalytiker zum zweiten Wortteil, der Phobie?

Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob ich eine „Phobie“ oder eine Handlung ächte oder verbiete. Psychoanalytisch gesehen geht es im zweiten Fall um das Gesetz, im ersteren um das Über-Ich. Das Gesetz will, dass wir bestimmte Dinge tun und andere unterlassen. Das Subjekt, das mit dem Gesetz konfrontiert ist, hat einen gewissen Handlungsspielraum. Es kann das Gesetz einhalten, ohne sich innerlich mit ihm identifizieren zu müssen. Dem Über-Ich hingegen – das ja in unserem Fall sagt: „Du darfst Dich vor dem Islam nicht fürchten!“ – geht es um unser Innerstes. Nicht darum, was wir tun sollen, sondern was wir wollen sollen. Es fordert, dass wir uns mit seinen Geboten voll identifizieren. Das ist totalitär. Und resultiert in Selbstknechtung – oder Verleugnung.

Zum Abschluss: Geht das real existierende und manifeste Ressentiment gegen Leute, die als MuslimInnen wahrgenommen werden, vollständig im Rassismus auf? Die Vorstellung einer „Bedrohung Europas“ durch den Islam ist z.B. ein Moment, das es im klassischen Rassismus nicht gibt. Und dennoch gibt es hier eine Differenz zwischen Verschwörungstheorien um den Islam und antisemitischen: Während zweitere reines Phantasma sind, gibt es bei ersteren ja tatsächlich Gruppen wie den Islamischen Staat, die gerne die Weltherrschaft hätten…

Ja, es gibt tatsächlich Leute, die die Islamisierung der Welt betreiben wollen. Aber wenn die umfassende Islamisierung Europas als tatsächlich existierende Bedrohung angesehen wird, ist es dennoch schlichtweg Verschwörungstheorie: Die Gefahr einer „Islamisierung Europas“ besteht einfach real nicht. Terroranschläge sind schrecklich genug, aber ich sehe keine drohende Machtübernahme islamistischer Gruppen in Europa.
Warum es heute ausgerechnet der Diskurs gegen Moslems ist, der als Ersatzdiskurs für den traditionellen Rassismus herhalten muss, hat verschiedene Gründe. Zum einen ist offen bekannter Rassismus nicht einmal mehr bei rechten Parteien salonfähig. Zum anderen hängt das mit jener Mischung aus Angst, Faszination und Neid zusammen, mit der viele Menschen bei uns auf Entwicklungen in der islamischen Welt reagieren.
Mit Religion als solcher scheint das Ressentiment gegen – vermeintliche oder tatsächliche – Moslems aber wenig bis gar nichts zu tun zu haben. Denn wenn etwa ein Österreicher zum Islam konvertiert, wird ihm ein Österreicher mit Ressentiments gegen Moslems in der Regel ganz anders begegnen als etwa einem Moslem aus Nigeria. Während er gegen nigerianische ChristInnen ähnlich tiefe Ressentiments hegen wird wie gegen moslemische NigerianerInnen.

Literaturtipp: Sama Maani: „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht“, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec – Wien/Dunaj 2015


(1) Nebenbei: Statistisch wird als Moslem gezählt, wer aus einem Land mit islamischer Bevölkerungsmehrheit kommt, und „die säkulare deutsche Bundesregierung“ nimmt sich somit damit die Freiheit „Nicht-Moslems, die aus islamischen Ländern stammen, sowie nichtreligiöse ‚ethnisch-kulturelle‘ Moslems zu islamisieren.“ (Maani: Respektverweigerung, S. 19)



online seit 12.05.2015 19:11:36
autorIn und feedback : Nikolai Schreiter, Nikola Staritz


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/2988Interessierte Indifferenz Zur Kritik des falschen Begriffs „Islamophobie“ und seiner Verwendung
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/2986Rassismuskritik braucht Islamkritik Rezension von Fanny Müller-Uris "Antimuslimischer Rassismus"



Widerstand Tag XYZ

Ein Diskursiv zu den Protesten gegen Schwarzblau (März 2018, MALMOE #82)
[17.11.2018,Redaktion]


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aus dem Diskursiv:
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aus dem Diskursiv:
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