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  POST AUS MEXIKO

Ein Protestbrief von Studierenden der UNAM (­Universidad Nacional Autónoma de México) nach dem "Verschwinden" von 43 Studierenden.

Nach dem „Verschwinden“ von 43 ­Studierenden aus Ayotzinapa mehren sich in Mexiko die Proteste gegen die Komplizenschaft des Staates mit Kartellen und staatlich motiviertem Terror.

Hallo, wie geht’s dir? Heute schreibe ich dir, Bewohner_in des globalen Nordens. Wahrscheinlich wirst du diesen Brief in deiner hübschen, sehr ordentlichen Stadt lesen, in der es keinen Müll auf den Straßen gibt, keine improvisierten Häuser an den Peripherien, keine Hunde voller Flöhe, die an jede Ecke urinieren, keine Kinder mit verschwitzen Gesichtern und der Haut voller Schmutzkrusten, die dich um eine Münze bitten. Hier schreibt dir ein_e Studierende_r der Philosophie und Architektur aus Mexiko, das für dich wahrscheinlich in Südamerika liegt, obwohl wir Teil von Nordamerika sind.

Dieser Brief ist nur für diejenigen, die uns auf horizontale Weise lesen, als Ihresgleichen, die unsere Differenzen verstehen, und die verstehen, dass ein Großteil der Verantwortung für das Desaster Lateinamerikas auch den „entwickelten Ländern“ zufällt.

Als Strategie des Protests haben wir die Straßen in Protestmärschen mit Empörung erfüllt, haben den Boden des Zócalo mit einem gigantischen Graffiti bemalt: FUE EL ESTADO. Es war der Staat. Im Block der Schwulen, Lesben und Transpersonen, in dem ich mitgehe, versuchen wir, unseren gerechten Zorn zu singen und zu tanzen, den Boden mit Parolen zum Vibrieren zu bringen, und die Angst und die Polizeirepression mit Spaß a la chingada – zum Teufel – zu jagen. Ich arbeite auch mit 42 Künstler_innen an einer Ausstellung, fenómeno43, die die Gewalt reflektiert und die aufzeigt, wie unser Land wiederhergestellt werden könnte: eine Orgie aus Kunst, Politik und Aktivismen.
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Heute (am 19. November 2014, gegen 13 Uhr) haben in der UNAM die Sirenen geheult. Für einen Moment zögerte ich, ob ich rausgehen sollte, nicht dass sie am Ende auf uns warteten, um auf uns zu schießen. Was könnte ich in so einer Situation tun? Wo sich doch eigentlich der ganze Diskurs um Nicht-Gewalt dreht. Sie schneiden uns Arme und Beine ab. Sie reißen uns die Augen aus, sie ersticken unsere Stimme.

Warum? Warum töten sie uns? Wir sind doch die Zukunft Lateinamerikas!

6 tote Normalistas, 25 Verletzte und 43 Verschwundene sind der aktuelle Saldo, um welches Konto es sich hier auch immer handeln mag. Doch auf welchen Namen lautet es? Die Europäische Union hat keinen Aufstand gemacht. Die USA beantworten die sich stapelnden Toten mit Grabesstille. Peña stattet China zeitgerecht einen Besuch ab. In Mexiko wird Geld mit Blut und Tränen gewaschen. Das ist der Kontext, in dem in Mexiko die Reformen – von Energie, Gesundheit, Arbeit, Bildung, Landreformen und Tagebau – verkündet wurden.

43 Normalistas verschwanden, um unsere Brandmale als Wunden in der Zeit zusammenzuführen: als Landwirt_innen, Nicht-Weiße, Arme, Bewahrer_innen einer Muttersprache, Arbeiter_innen des Landes, aber auch des Wortes. In Karawanen durchfurchen sie das Staatsgebiet auf der Suche nach Allianzen. Die 43 sind eine Brücke zum Ejército Zapatista de Liberación Nacional, zur Guardería ABC, zu den Menschenrechtsverletzungen in Atenco, zum Massaker von Aguas Blancas, zu den Toten von Juárez, zu den Frauen, die vom mexikanischen Staat vergewaltigt und ermordet wurden, zu Tlatlaya, zu Acteal, zu Migrant_innen mit Träumen des Südens.
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Auch wenn ich im Hinblick auf die 43 verschwundenen compañeros zahlreiche Privilegien genieße (mich treffen nicht dieselben Unterdrückungsmechanismen wie sie, denn ich bin kein Normalista, auch kein Bauer, ich spreche keine indigene Sprache und ich bin auch nicht verarmt), möchte ich dir sagen, dass die Art und Weise, in der sie unterdrückt wurden, auch mir Gewalt angetan hat.

Ich bin MA-Studierende_r der Literatur und Kunstgeschichte und lebe in Mexiko City. Ich nehme an den Mobilisierungen teil, ich nehme die Bilder auf Plakaten auf, die Menschen, die an den Märschen teilnehmen und die Geschehnisse, die sich mir im Vorbeigehen darbieten. Ich verbreite diese Bilder über die sozialen Netzwerke, um einen Beitrag leisten zu können, indem ich eine andere visuelle Version der Geschehnisse zur Verfügung stelle. Gemeinsam mit anderen Studierenden gestalten wir einen Blog, der ein Archiv der nach dem Verschwinden der compañeros realisierten Mobilisierungen sein soll. Das Projekt hat zwei Ziele: 1. eine schriftliche Chronologie der verschiedenen Mobilisierungen, 2. ein audiovisuelles Protokoll der Märsche und Demonstrationen zu bewahren, der Stencils, Plakate, Performances und der vielen anderen Ausdrucksformen, die in Mexiko und anderswo realisiert wurden.
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Seit unzähligen Jahren hat Wahlbetrug dazu geführt, dass Worte wie Republik oder Demokratie nur dazu dienen, den Sombrero zu verzieren, mit dem sich die mexikanischen Regierungen schmücken, wenn sie sich an den internationalen Tisch setzen. Es muss klargestellt werden, dass der Sombrero extrem wichtige Funktionen des diplomatischen Spiels erfüllt. Er erlaubt es dem guten Wilden, sich selbst zu identifizieren und von anderen erkannt zu werden. Dank dieser Verzierungen protzt der porfiriatische* Sombrero mit Modernität und der gute Wilde wird nicht für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt. Die Macht des Sombreros ist außergewöhnlich! Er blendet Regierungen, die, blind für den mexikanischen Horror, nur das Erdöl glitzern sehen. In den Demonstrationen bilden wir Gemeinschaften, wir wählen die Worte, die unseren Forderungen Stimme verleihen. ¡Porque vivos se los llevaron! ¡Vivos los queremos! Lebend haben sie sie genommen! Lebend wollen wir sie wiederhaben! Mit Gewalt sperren sie uns ein und räumen den öffentlichen Raum, der uns gehört. Die audiovisuelle Dokumentation erfasst unser Verlangen nach Gerechtigkeit; sie macht auch die Bedingungen sichtbar, unter denen wir unsere politischen Rechte ausüben, an Tagen des Feuers und in Nächten des Blutes.
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Ich bin nach einem Forschungsaufenthalt in Berlin nach Mexiko zurückgekehrt. Inmitten des Verschwindens der 43 Normalistas aus Ayotzinapa zurückzukommen, hat sich die Traurigkeit, die Empörung, die Wut und die Frustration verschärft, die ich seit Jahren wegen der Straflosigkeit in Mexiko verspüre. Die verschwundenen und ermordeten Frauen aus Ciudad Juárez, und jetzt fast aus dem gesamten Land, tun mir weh. Die Entführung, die Erpressung, die sexuelle Ausbeutung von Frauen, Kindern, armen Familien tun mir weh. Deshalb mache ich seit über einem Jahr enREDadas, ein kritisch-feministisches Radioprogramm, das über eine selbstverwaltete Radiostation ausgestrahlt wird. Das ist meine Art, Aktivismus zu betreiben, mit „anderen“ Informationen zu dealen, nicht dem offiziellen Mantra der Massenmedien zu folgen, die in Mexiko die Macht faktisch mit dem Staat teilen.

Deshalb lade ich dich ein, dich dort, wo du bist, zu empören, nicht wegen den Geschehnissen hier, weit weg von deinem Land, sondern wegen den Geschehnissen in deinem Land und auf deinem Kontinent: wegen der Unveränderlichkeit der europäischen Diplomatie, die die mexikanischen Regierung nicht zurückweist.
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Wenn ich aus meiner Position als Universitätsangehörige_r der Mittelklasse etwas feststellen kann, dann, dass die politische Spannung in meinem Land immer sichtbarer wird, und je sichtbarer, desto sensibler werden wir für ihre Effekte; Effekte der Gewalt, von denen wir glaubten, dass sie nie an uns herankommen würden. Ich bin Teil einer Gruppe von Studierenden, die ein Unbehagen verspüren, weil unsere Kultur nie ganz aus der Anästhesie erwacht, die ihr die Regierung mit ihrem Bildungssystem und in Kollaboration mit den Medien vorschreibt. Genau deshalb findet dieses Unbehagen in den Studierenden die perfekten Körper, um sich zu manifestieren. Es manifestiert sich nicht nur, wenn wir auf die Straße gehen, in den Protestmärschen, mit unseren compañerxs, es ist auch der Motor für unser Handeln.
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Ich bin ein_e privilegierte_r Student_in, die Bedingungen in meinem Land erlauben es nicht, dass viele zu dem Studienniveau gelangen, an dem ich mich befinde. Ich glaube, die wichtigsten Waffen, die wir als Studierende haben, sind die Netze, die wir mit Affekten, unseren Freundschaften, Familien, Liebhaber_innen spannen. Wir passen aufeinander auf und kollaborieren aus den Schützengräben unserer akademischen, spielerischen, alltäglichen Handlungen heraus. Die Räume, in denen wir uns treffen, liegen im akademischen Bereich; wir verwandeln sie in Räume der Kritik, der Vorschläge und des Widerstands, wir laden das Chaos ein, um unsere Wut öffentlich zu machen. ¡Uníos! (Vereint!) Wenn wir die außergewöhnlichen Anstrengungen von gewöhnlichen Leuten nicht mit mächtigen Demonstrationen auf der Straße und internationalen politischen Allianzen begleiten, werden wir die schweigende Mehrheit sein, die sich mit leeren Versprechungen beschwichtigen lässt.
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Ich schreibe dir nicht nur, damit du zuhörst und liest, sondern auch, damit du zulässt, dass die Reaktion auf unsere Worte deinen Körper erfüllt, dein Denken, dein Handeln. Aber: Was kann ich schreiben? In diesen Zeiten scheint mein Handeln auf mein Schreiben, Denken, Sprechen, Ausdrücken, Fühlen und wieder Fühlen beschränkt zu sein, wodurch laut der Regierung das vermieden wird, was als Teilnahme an „politischen Aktionen“ zu definieren wäre. Ich habe keinen mexikanischen Pass und will nicht, dass sie mich abschieben. Aber was ist schon eine Abschiebung, verglichen mit dem Verschwinden? Ich kann die Idee des politischen Handelns verändern, aber ich kann nicht tatenlos bleiben. In diesen Momenten verbieten es die Traurigkeit und die Wut, gleichgültig zu sein.

Ich führe meinen Kampf mithilfe von Allianzen. Gestern, am 20. November, hat sich die Mobilisierung auf viele Orte ausgebreitet. Es war auch der Tag des Trans-Widerstands, und ich denke an alle Trans-Personen, die verschwunden sind. Ich kämpfe definitiv genauso für sie wie für die compañeros aus Ayotzinapa. Und für die Gefangenen. Für diejenigen, die einen täglichen Krieg leben. Die nicht von ihren Gemeinschaften anerkannt werden. ¡Estamos con lxs normalistas y lxs anormales, y no vamos a parar! Wir solidarisieren uns mit den Normalistas und den Anormalen, und niemand kann uns aufhalten!

Ana, Amor, Ariadna, Axler, Cesar, ­Guadalupe, Guetsemaní, Luisa,
Tadeo und Valerie


*) Porfiriat: Bezeichnet die Regierungszeit von José de la Cruz Porfirio Díaz Mori von 1876 – 1880 / 1884 – 1911 (autoritärer Führungsstil)

Bilder und audiovisuelle Dokumente können an folgende Adresse geschickt memorialayotzinapa@gmail.com und unter @popoteka aufgerufen werden.

online seit 16.12.2014 12:24:51 (Printausgabe 69)
autorIn und feedback : Übersetzungung: Gudrun Rath


Links zum Artikel:
issuu.com/fenomeno43/docs/convocatoriaf43/0Ausstellung fenómeno43
www.ivoox.comRadio enREDadas



Widerstand Tag XYZ

Ein Diskursiv zu den Protesten gegen Schwarzblau (März 2018, MALMOE #82)
[17.11.2018,Redaktion]


"Ich befreie mich aus dem braunen Sumpf" (1)

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