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Reden wir über Verantwortung

Vermittler_innen an der Gedenkstätte Mauthausen-Gusen organisieren sich

Die Eröffnung der neuen Dauerausstellungen vor einem Jahr richtete den Fokus auf die Gedenkstätte Mauthausen-Gusen als Museum. Darüber hinaus ist diese aber auch ein Ort des individuellen und kollektiven Gedenkens, und nicht zuletzt auch ein Ort der historisch-politischen Bildungsarbeit, der sich jedoch nicht von selbst erklärt. Neben einer musealen ist daher auch eine pädagogische Aufarbeitung und ein entsprechendes Angebot nötig. 75 Vermittler_innen begleiten jährlich etwa die Hälfte der 200.000 Besucher_innen (vorwiegend Schulklassen). Sie sind damit für das zentrale Angebot der Gedenkstätte zuständig, die sie, neben den hauptamtlichen Kolleg_innen, gegenüber den Besucher_innen repräsentieren. Diese pädagogischen (freien) Mitarbeiter_innen haben sich nun organisiert.

Die Gedenkstätte als Arbeitsplatz

Wenn die zentrale Gedenkstätte der Republik zum Arbeitsplatz wird, dann wird das Innenministerium (BMI) zur Arbeitgeber_in. Dies wird durch die Art und Weise der Leitung der Gedenkstätte, die sich auf das Erhalten und Verwalten des Status Quo konzentriert und nicht an den Besucher_innen orientiert, konkret zum Problem. Die Kolleg_innen wissen um die enorme Verantwortung, die an diesem Ort an sie gestellt wird, und um die Aufgabe der historisch-politischen Bildung zum Nationalsozialismus als Teil der Geschichte Österreichs. In einem Land, das sich zwar offiziell von der „Opferthese“ verabschiedet hat, in dem aber der gesellschaftliche Diskurs und die familiären Erzählungen davon weitgehend unberührt geblieben sind, stellt das die Vermittler_innen vor eine schwierige Aufgabe.

Umso weniger wollen die Vermittler_innen akzeptieren, in welch prekärer Situation sie belassen werden. Hierbei geht es vorrangig nicht um arbeitsrechtliche Belange. Die freien Dienstverträge stehen nicht im Zentrum der Kritik und auch mit dem Entgelt für die Rundgänge besteht weitgehend Zufriedenheit. Es sind die Dimensionen von „Respekt“ und „Zukunft“, die die Kolleg_innen dazu veranlassten, sich zusammenzuschließen. Vor allem die Unsicherheit um den Weiterbestand einer professionellen pädagogischen Arbeit an der Gedenkstätte macht den Vermittler_innen Sorgen. Bereits im vergangenen Jahr, als es im Vermittler_innen-Pool zu brodeln anfing, war eines der Hauptanliegen die Nachbesetzung des immer noch vakanten Leitungspostens der pädagogischen Abteilung.

Der Vertrag mit Yariv Lapid (siehe MALMOE 47), der die Pädagogik an der Gedenkstätte Mauthausen seit 2007 aufgebaut hatte, wurde im Frühjahr 2013 aufgelöst. Obwohl im aktuellen Jahresbericht der Gedenkstätte (2013) angekündigt, sind bis heute von Seiten der Verantwortlichen im Ministerium keine Schritte in Richtung einer internationalen Ausschreibung gesetzt worden, so dass unklar ist, wie die Zukunft der Pädagogik ab dem September 2014 aussehen wird. Und erst eine Aufstockung des hauptamtlichen Personals wird es langfristig wieder möglich machen, dass die pädagogische Abteilung an der Gedenkstätte nicht nur die Rundgänge einteilen und verwalten, sondern auch auf Dauer konzeptionell und didaktisch arbeiten kann.

Dies ist symbolhaft für den Umgang der Republik Österreich mit der internationalen und gleichzeitig für Österreich zentralsten Ge­denkstätte zu NS-Terror und Holocaust. Im Mai letzten Jahres wurden die neuen Ausstellungen an der Gedenkstätte eröffnet, im hellen Scheinwerferlicht der Medien und unter langen Reden der Politiker_innen. Bei all der mediengerechten Inszenierung der Überlebenden, des hohen internationalen Besuches und der ministerialen Abteilungsleiterin wurde ganz vergessen, dass da noch wer im Schatten steht, dass jemand bleiben wird, wenn das Buffet geplündert ist.

Ein Jahr nach der Eröffnung wurden immer noch keine Ressourcen bereitgestellt, um für diese neuen Ausstellungen auch ein pädagogisches Vermittlungsangebot zu entwickeln. Eine Ausstellung ohne ein solches Angebot ist wohl einmalig in der Gedenkstättenlandschaft. Die Lage einer der neuen Ausstellungen macht es zudem notwendig, sie zumindest teilweise in die Standardrundgänge einzubinden. Eine zweistündige Ausbildung sollte den Vermittler_innen dafür Hilfestellungen bieten. Obwohl verpflichtend, wurde diese Ausbildung den Vermittler_innen erst nach mehreren Interventionen bezahlt, nach Androhung von rechtlichen Schritten durch die Gewerkschaft.

Schon des Öfteren haben sich Vermittler_innen einzeln oder in Gruppen an das die Gedenkstätte verwaltende BMI gewandt. Thema dabei war der Wunsch nach einem wertschätzenden Umgang mit den freien Mitarbeiter_innen sowie nach Möglichkeiten der Partizipation. Die über freie Dienstverträge beschäftigten Vermittler_innen werden nicht als Mitarbeiter_innen wahrgenommen oder wenn, dann nur als Kostenfaktor. Eine finanzielle Absicherung der Fort- und Weiterbildungen ist nicht gegeben, auch psychologische Unterstützung wie z. B. Supervision ist nicht budgetär verankert. Genügend Gründe also, sich zu organisieren.

Vermittler_innen-Initiative

Nach einer mehrere Monate dauernden Vorlaufphase hat sich im Februar dieses Jahres die Vermittler_inneninitiative an der Gedenkstätte Mauthausen-Gusen konstituiert, seit 1. Mai ist auch ihr Blog online. Auf Anhieb hat ein Großteil der aktiven Kolleg_innen die Initiative unterstützt, sie steht bei einem Organisierungsgrad von 60 Prozent. Diese Initiative versteht sich als basisgewerkschaftliche Interessenvertretung, die bei Bedarf durch Delegierte vertreten wird. Im Selbstverständnis ist folgendes Ziel formuliert:

„Diese Initiative will sich dabei nicht auf vertragliche, formale oder arbeitsrechtliche Fragen beschränken. Ein Kernanliegen ist uns auch der Weiterbestand und die Zukunft einer professionellen pädagogischen Arbeit an der Gedenkstätte sowie das Umsetzen von Maßnahmen, die uns dafür notwendig erscheinen. Wir werden darüber hinaus auch unsere Ideen, die die Gedenkstätte als solche betreffen, sowie den unserer Meinung nach angemessenen Umgang mit der Gedenkstätte artikulieren – auch gegenüber der Öffentlichkeit.“

Eine Organisierung ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen alles andere als einfach. Die Kolleg_innen wohnen in einem Umkreis von 160 km um ihre Arbeitsstelle, haben unterschiedliche Lebensrealitäten, Erfahrungen und berufliche Hintergründe, einige kennen nur die Kolleg_innen des eigenen Ausbildungsturnus, noch nie sind alle zusammen zu einer Zeit an einem Ort gewesen, bei der konkreten Vermittlungsarbeit vor Ort sind die Kolleg_innen alleine. Dies alles erschwert ein gemeinsames Handeln. Die Vermittler_inneninitiative an der Gedenkstätte Mauthausen-Gusen soll nun möglichst vielen Kolleg_innen einen Raum eröffnen, um eine gemeinsame Sprache zu finden.

Das Gemeinsame lässt sich dabei nicht in einem (freien) Dienstvertrag verorten, sondern im Engagement. Die Grundlage des Organisierungsprozesses waren mehrmalige positive Erfahrungen der gemeinsamen Aktion. Auch die geteilte Sorge um den Weiterbestand der pädagogischen Arbeit spielte bei vielen eine maßgebliche Rolle. Darüber hinaus ist es die Wut auf die zuständigen Stellen in der Republik Österreich, die die Verantwortung dieses Landes aus seiner Geschichte heraus für diesen Ort nicht wahrnehmen wollen – es sei denn, es geht um medial wirksame Auftritte vor internationalen Gästen und Pressevertreter_innen.

Auslagerung der Gedenkstätte

In dieses Schema passt auch der Umgang mit der Zukunft der Gedenkstätte. Seit Monaten macht das Gerücht der Auslagerung der internationalen Gedenkstätte Mauthausen die Runde. Im Ministerium werden im Stillen Pläne geschmiedet, ganz ohne Einbindung einer zivilgesellschaftlichen und kritischen Öffentlichkeit. Die Auslagerung der Gedenkstätte aus dem Innenministerium ist bis dato eine interne Angelegenheit der Abteilung IV/7 (Gedenkstätten und Kriegsgräberfürsorge) und der ihr übergeordneten Hierarchie im Ministerium.

Die Pläne scheinen stärker an den derzeit handelnden Personen orientiert als an den Notwendigkeiten einer internationalen Gedenkstätte. Weder Opferverbände, pädagogisch an der Gedenkstätte tätige Institutionen noch Historiker_innen werden in die Planung eingebunden. Am Ende soll die Gedenkstätte aus dem BMI formal ausgelagert werden, und dennoch soll alles beim Alten bleiben – inhaltlich, strategisch und auch personell.

Als ersten Schritt zur Auslagerung der Gedenkstätte wurde in der zuständigen Abteilung im BMI ein Entwurf zu einem „Bundesgesetz über die Errichtung der öffentlichen Bundesanstalt ‚KZ-Gedenkstätte Mauthausen/Mauthausen Memorial‘ (Gedenkstättengesetz – GstG)“ und eine „Verordnung der Bundesministerin für Inneres betreffend die Gedenkstättenordnung für die KZ-Gedenkstätte Mauthausen“ erarbeitet. Das Ganze soll, wie es scheint, noch in diesem Jahr juristisch-formal durch die Instanzen gejagt werden. In diesen Papieren geht es (ein) wenig um die Aufgabe einer Gedenkstätte, viel aber um die organisatorische Struktur, die Frage, wie öffentlich Bedienstete in eine privatrechtliche Struktur überführt werden können ohne ihren Status zu verlieren, und immer wieder um die weiterhin aufrechte Anbindung an das Innenministerium.

Derzeit ist eine Geschäftsführung aus zwei Personen geplant, die von der Innenministerin bestellt wird. Als Aufsichtsrat soll ein Kuratorium dienen, über dessen Vorsitz wiederum die Innenministerin entscheidet. Ein zahnloser wissenschaftlicher sowie gesellschaftlicher Beirat soll den Eindruck einer Partizipation zivilgesellschaftlicher Kräfte vermitteln. Zusammengefasst geht es um eine organisatorische Auslagerung der gesamten Abteilung IV/7 aus dem Ministerium, bei der gleichzeitig das Ministerium das letzte Wort hat. Im Ergebnis: mehr Parteipolitik mit so gut wie keiner demokratischen Entscheidungsfindung oder parlamentarischen Kontrollrechten.

Nichts spricht dagegen, eine Gedenkstätte, die im Bezug zum Holocaust steht, aus jenem Ministerium auszulagern, das für die Umsetzung einer rassistischen Gesetzgebung und die Durchführung von Abschiebungen verantwortlich zeichnet – das ist und bleibt eine der zynischsten Realitäten der österreichischen Erinnerungspolitik. Wichtig ist jedoch die Art und Weise, wie die Zukunft der Gedenkstätte Mauthausen-Gusen verhandelt wird. Die Frage, welche Organisationsform für eine Gedenkstätte die beste ist, kann nicht auf Anhieb und eindeutig beantwortet werden.

Es gibt verschiedenste Erfahrungen, Positionen und auch Beispiele aus anderen Ländern, die Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein können und sollen. Die Verantwortung kann und soll dabei nicht auf die formalen Entscheidungsträger_innen reduziert werden. Die Vermittler_inneninitiative an der Gedenkstätte Mauthausen-Gusen fordert daher eine transparente Diskussion zur Zukunft der Gedenkstätte unter Beteiligung auch der betroffenen (hauptamtlichen und freien) Kolleg_innen, aber genauso der interessierten, auch internationalen, Öffentlichkeit.

online seit 26.05.2014 17:34:00 (Printausgabe 67)
autorIn und feedback : Vermittler_inneninitiative


Links zum Artikel:
www.vermittler-inneninitiative.atDie Vermittler_inneninitiative an der ­Gedenkstätte Mauthausen-Gusen



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