menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Riace

Ort der Aufnahme?

DAS SÜDITALIENISCHE STÄDTCHEN RIACE IST MITTLERWEILE international bekannt für ein Projekt, das Refugees bei ihrer Ankunft in Italien helfen soll. Die solidarischen Ansätze dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Situation für die Betroffenen nach wie vor diskriminierend und beschissen ist. Aufgrund von Armut, Mafia, Arbeits- und Perspektivlosigkeit sowie massiver Abwanderung befand sich Riace auf dem besten Weg zur Geisterstadt. 1998 erreichten jedoch ca. 200 kurdische Flüchtlinge die Küste unweit von Riace. Einige Bewohner*innen von Riace begannen, sich gemeinsam mit den Neuangekommenen zu engagieren. Mit der Unterstützung des UNHCR wurde der Verein Cittá Futura gegründet.

Die Eigentümer*innen der zahlreichen leerstehenden Häuser wurden kontaktiert, um diese nutzen zu können. Das Projekt richtet sich an Menschen in einem laufenden Aufenthaltsverfahren und dauert sechs bis zwölf Monate. Für diese Zeit soll mietfrei eine Wohnung und Unterstützung bei Arbeitssuche und Spracherwerb zur Verfügung gestellt werden. Feste Arbeit gibt es in Riace kaum. Die Teilnehmenden sind bei Cittá Futura angestellt und verrichten meist saisonale Hilfsarbeit in der Landwirtschaft und der Müllentsorgung oder produzieren Kunsthandwerk für den Tourismusbetrieb. Nach Ablauf des Projekts müssen die Teilnehmenden die Wohnungen wieder verlassen und auf eigene Faust Wohnort und Arbeit suchen. Für die meisten ist Riace lediglich eine Durchzugsstation.

FÜR DAS DORF SELBST IST DAS PROJEKT ZWEIFELLOS EIN ERFOLG. Riace präsentiert sich bei jeder Gelegenheit als großzügiger „Ort der Aufnahme“. Die Schule und viele andere Betriebe wurden wiedereröffnet. Die Medienberichte sind voll von Romantisierungen. Selbst von einem „Wunder“ ist zum Teil die Rede. Stets wird betont, wie tolerant und großzügig die „alten“ Bewohner*innen und wie nützlich und gut verwertbar die Neuankömmlinge für Riace sind. Internationale Berühmtheit erlangte Riace spätestens durch den Kurzfilm „il volo“ von Wim Wenders 2010. Der Film ist rein fiktiv, sehr pathetisch und ein gutes Beispiel für die Romantisierung der Situation. Am Ende des Filmes spricht Wenders in Parallelisierung der Festung Europa mit der DDR sogar davon, dass in Riace die eigentliche Mauer in Europa gefallen sei.

Riace steht für ein imaginiertes gastfreundliches und solidarisches Italien, das mit der Realität wenig zu tun hat. Kritische Stimmen der Projektteilnehmenden kommen selten zu Wort. In Interviews und persönlichen Gesprächen klagen jedoch viele über Rassismus, Diskriminierung, Ausbeutung, verspätete Gelder und Perspektivlosigkeit. Mittlerweile wird Cittá Futura staatlich gefördert. Für den Staat kommt die Betreuung von Refugees durch Cittá Futura wesentlich billiger als die Menschen-Verwaltung in einem „Auffanglager“, zumal sie so ja auch noch als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden können. Dennoch kommen die Regierungsgelder oft verspätet an, was 2012 beinahe zum Ende von Cittá Futura führte. Dahinter wird eine politische Motivation vermutet.

IM JULI 2012 TRATEN ZWEI BÜRGER*INNENMEISTER VON betroffenen Gemeinden in den Hungerstreik, um die zustehenden Gelder einzufordern. Der Konflikt spitzte sich zu. Zahlreiche Refugees blockierten mehrmals die wichtige Küstenstraße durch Sitzblockaden und Barrikaden. Es kam zu Auseinandersetzungen mit den Carabinieri und Autofahrer*innen. Die Aktionen richteten sich in erster Linie gegen den Fonds von „Protezione Civile“, aber auch gegen die rassistische Alltagsrealität. Nach wochenlangem Protest und sieben Tagen Hungerstreik konnte der Fortbestand des Projekts gesichert werden. An der prekären Situation der Betroffenen ändert das freilich wenig. Denn nach wie vor müssen in Riace registrierte Migrant*innen oft bis zu neun Monate auf das Geld warten, und das bei sehr hohen Lebenserhaltungskosten.

Die Gemeinde von Riace hat deshalb eine lokale Zwei-Klassen-Währung für Refugees eingeführt: den „Riace-Euro“. Damit kann in den lokalen Betrieben eingekauft werden. Wenn das Geld der Regierung schließlich ankommt, können die Betriebe den „Riace-Euro“ direkt bei der Gemeinde umtauschen. Zweifellos kurbelt diese Zwei-Klassen-Währung die marode Ökonomie des Dorfes an. Gleichzeitig ist sie nichts anderes als ein entmündigendes Gutschein-System, das große Unzufriedenheit hervorruft. Mit dem „Riace-Euro“ sind die Menschen an das kleine entlegene Städtchen gebunden. Öffentliche Verkehrsmittel können damit nicht bezahlt werden, und Verwandten kann kein Geld geschickt werden. Mag sein, dass die Motivation für den „Riace-Euro“ auch eine solidarische war. Grund für eine Glorifizierung, wie es oft geschieht, gibt es keinen. Weiterhin kommt es regelmäßig zu Beschwerden und Protesten.

Am Beispiel Riaces lässt sich gut erkennen, dass es im Kalkül des europäischen Grenzregimes keineswegs lediglich um die absolute Abschottung geht. Vielmehr spielt auch die Verwertbarkeit von Menschen bei der Kontrolle und Steuerung eine wesentliche Rolle.


ANMERKUNG
Der Text entstand im Rahmen einer Reise nach Riace im September 2013.

online seit 09.04.2014 12:26:16 (Printausgabe 66)
autorIn und feedback : Gemma


Links zum Artikel:
www.youtube.com/watch?v=l5bMNROJSJkIm Sommer 2012 in Riace entstandene Interviewserie des finnischen Medien-Kollektivs Totuusradio.
www.youtube.com/watch?v=ZFZoJXktvdMWim Wenders: „Il volo“ (auf Italienisch)



Widerstand Tag XYZ

Ein Diskursiv zu den Protesten gegen Schwarzblau (März 2018, MALMOE #82)
[17.11.2018,Redaktion]


"Ich befreie mich aus dem braunen Sumpf" (1)

aus dem Diskursiv:
Widerstand Tag XYZ [16.11.2018,Heide Hammer]


Gegen den Normalzustand

aus dem Diskursiv:
Widerstand Tag XYZ [16.11.2018,Brigitte Theißl]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten