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  Eine Freude und eine Trauer

Zur Eröffnung der „Gedenkstätte Kreuzstadl für die Opfer des Südostwallbaus“ in Rechnitz/Burgenland.

BEI DER EINFAHRT IN DEN BURGENLÄNDISCHEN Ort Rechnitz taucht er auf: der gemauerte „Kreuzstadl“, inmitten von flacher Landschaft, soweit das Auge reicht. Beim Näherkommen wird die Kreuzform sofort ersichtlich, durch das fehlende Dach verliert der Stadl seine ehemalige Funktion und wird zu einer mahnenden Ruine, an der Rückseite das hebräische Wort „Shalom“. Bei unserer vorzeitigen Ankunft durchstöbern Bombensuchhunde der Polizei das Gelände, weiße Bänder sollen während des offiziellen Teils durchschnitten werden. Zu Beginn der Feierlichkeit säumen dann etwa 300 Menschen das Gras zwischen Kreuzstadl und zu eröffnendem Museum. Viele derjenigen, die in die langen Kämpfe um die Entstehung der Gedenkstätte involviert waren, kommen zu Wort. Aber auch die offizielle Politik: So forderte Heinz Fischer etwa in seiner Rede eine „würdige Grabstätte für die Opfer, nicht nur die Opfer des Massakers, sondern aller Opfer des Südostwallbaus“.

„DURCH DAS SCHWEIGEN IST RECHNITZ BESONDERS GEWORDEN“, beschreibt Oberrabiner Paul Chaim Eisenberg in seiner Rede den Prozess, bei dem gerade durch das (oft beredte) Schweigen – jenen Widerstand, der jahrzehntelang so signifikant für die postnazistische Situation in Österreich galt – eine Irritation entstand. In Rechnitz „spitzt sich das kollektive (Un-)bewusste Österreichs symbolisch zu“, so auch Paul Gulda im Band „Jüdisches Burgenland“. Der Pianist ist einer der Protagonist_innen des Vereins RE.F.U.G.I.U.S., die die Gedenkstätte initiierten. Das Schweigen, so Gulda weiter, betrifft zweierlei: „die Vertreibung der Rechnitzer Juden aus ihrer Heimatgemeinde“ sowie „die Deportation zigtausender Zwangsarbeiter aus Ungarn, um (…) unter härtesten Bedingungen eingesetzt zu werden“.

Rund 200 derjenigen unter ihnen, die zum Bau des sogenannten „Südostwalles“ gezwungen worden waren, wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1944 (zehn Tage, bevor die Rote Armee Rechnitz eroberte) von Teilnehmern eines Festes auf Schloß Batthyány ermordet. Nach dem Massengrab, in dem die Opfer des „Kreuzstadlmassakers“ verscharrt wurden, sucht die Israelitische Kultusgemeinde seit Jahrzehnten, die Opfer sollen am jüdischen Friedhof bestattet werden. Einer der Initiator_innen dieser Suche ist Isidor Sandorffy, der es im Film „Totschweigen“ (Margareta Heinrich/Eduard Erne, Ö 1990) als „eine Freude und eine Trauer“ bezeichnet, endlich Grabungen stattfinden zu sehen – zu spät, wie er betont: „Seit 40 Jahren liegen da 170 Leichen. Das tut einem Menschen weh (…). Wenn ich denke, daß sie hier jedes Jahr mit dem Traktor arbeiten und niemand interessiert das. Sie gehen auf Leichen.“

IM JAHR 1947 GAB ES EIN MEHRSTUFIGES VERFAHREN, die Täter_innenschaft blieb aber ungeklärt, so wie der genaue Ort des Grabes. Direkt nach Kriegsende von der Roten Armee und auch während des Gerichtsprozesses wurden die Gräber geöffnet, doch nur um sie wieder zuzuschaufeln. Im Laufe der Jahre verlor sich also das offizielle Wissen über den genauen Standort. Nachdem verschiedene Versuche, das Massengrab zu finden, gescheitert waren, wurden im Jahr 1990 Luftaufnahmen von Archäolog_innen ausgewertet, die auf eine bestimmte Stelle hindeuteten, Grabungen wurden vorgenommen, jedoch ohne Ergebnisse. Das Grab bleibt unsichtbar – nach wie vor.

Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeitet der Verein RE.F.U.G.I.U.S - behutsam, aber beharrlich - vor Ort, fordert verdrängtes Gedenken ein und erstreitet die Übernahme von Verantwortung durch Gemeinde und Land. Unweit des Stadls wurde eine geschwungene, teilweise unter Erdbodenniveau angelegte Rundung gebaut. Dieses Ensemble bildet nun die erweiterte „„Gedenkstätte Kreuzstadl für die Opfer des Südostwallbaus“, eröffnet am 25. März 2012. Der Verein hat das Schweigen, die darin enthaltenen Widerstände und die politischen Konflikte als selbstverständlichen Teil der langfristigen Arbeit am Gedenken begriffen, was sich unter anderem in der Anbringung einer Gedenktafel für Widerstandskämpfer_innen am lokalen Kriegerdenkmal manifestierte.

EIN ÄHNLICH UNDOGMATISCHER UND DEMOKRATISCHER Zugang spiegelt sich auch in der Gestaltung des Museums wieder. Dieses zeichnet sich durch einen hohen Grad an öffentlicher Zugänglichkeit aus, die Ausstellungsstücke (vor Ort gefundene Beweisstücke des Massakers wie Patronenhülsen oder Nägel) liegen in Vitrinen hinter zerbrechlichem Glas, lediglich eine Überwachungskamera signalisiert den „großen Bruder“. Große Schautafeln erzählen die Geschichte des Massakers inklusive, verorten es vor dem Hintergrund des Südostwallbaus – und doch bleibt eine Tafel leer: Sie steht für die (noch) fehlenden Informationen zum Standort des Massengrabs. So steht das neue Freiluftmuseum in Rechnitz als das vielleicht gelungenste Beispiel einer von unten erkämpften Mahn- und Gedenkpraxis in Österreich.


Tipps

Habres, Christoph / Reis, Elisabeth: Jüdisches Burgenland – Entdeckungsreisen zu den Spuren jüdischen Lebens im Burgenland, Metroverlag, Wien 2012

„Totschweigen“ von Margareta Heinrich und Eduard Erne, Ö 1990 , 88 min.
online unter: http://www.veoh.com/watch/v20182393JC2JbQmC?h1=Totschweigen

online seit 01.06.2012 16:23:25 (Printausgabe 59)
autorIn und feedback : Katharina Morawek




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