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Vom Hörsaal an das Fließband Linke Fabrikinterventionen in den 1970er Jahren JAN OLE ARPS HAT IN SEINEM BUCH „FRÜHSCHICHT“ (siehe MALMOE #54) Erfahrungen von linken AktivistInnen zusammengetragen, die in den 1970er Jahren vom Hörsaal an das Fließband wechselten. Hinter diesen Fabrikinterventionen standen je nach politischem Hintergrund der AkteurInnen unterschiedliche Motive und Überlegungen. So entschieden sich etwa die autonom agierenden „Spontis“, welche auf die Selbstorganisation der ArbeiterInnen setzten, für andere Formen der Intervention als die am Marxismus-Leninismus orientierten AktivistInnen, denen es v. a. um den Aufbau einer revolutionären Kaderpartei ging. Gemeinsam war ihnen allerdings das Ziel, dass revolutionäre Feuer unter den ArbeiterInnen zu entfachen. Wie Arps im Rahmen der Buchvorstellung am 20. Jänner 2012 in Wien ausführte, scheint aus heutiger Sicht vieles an dieser existenziellen Entscheidung bemerkenswert – die Mühsal, die der Eintritt für ehemalige StudentInnen ins Fabriksleben bedeutete; der Aufwand, der mit der Protokollierung und Diskussion der Erfahrungen in den eigenen Politgruppen begleitend zum Arbeitsleben einherging; die unweigerliche Zerrissenheit zwischen den revolutionären Ansprüchen und der Alltagserfahrung eines auf betriebliche Detailfragen fokussierten Belegschaftsbewusstseins. DIES ALLES SEI NUR VOR DEM HINTERGRUND der damals weitverbreiteten Überzeugung zu verstehen, dass die Revolution quasi unmittelbar bevorstehe, wie ein Aktivist im Rahmen der Veranstaltung meinte, der selbst in den 1970er Jahren an einer Fabrikintervention bei General Motors in Wien-Aspern beteiligt war. Als nach einigen Jahren klar wurde, dass keine schnellen Veränderungen in Aussicht stünden, habe sich Ernüchterung breit gemacht, und viele hätten ihre Entscheidung überdacht. Die Möglichkeit, Alternativoptionen der Lebensführung zu ergreifen, die den selbstproletarisierten Intellektuellen im Gegensatz zu den meisten ArbeitskollegInnen zur Verfügung stand, wurde von vielen genutzt. Nur wenige AktivistInnen verblieben in den Betrieben. AUCH HEUTE HABEN NICHT ALLE DIE OPTION einer politisierenden Berufsergreifung ad acta gelegt, wenngleich diese mittlerweile vielfach nicht mehr in Form klassischer Fabrikinterventionen vonstatten geht. Von manchen der anwesenden AktivistInnen wurde im Rahmen der Veranstaltung jedoch die anhaltende Relevanz der industriellen Kernsektoren oder auch der traditionellen ArbeiterInnenklasse für die politische Arbeit betont. Argumentiert wurde diese nicht zuletzt mit Verweis auf deren Streikpotenzial und auf die Wichtigkeit einer daran anschließenden Betriebsarbeit, um diese Arbeitssegmente zu politisieren. Dabei wurde die Hoffnung artikuliert, dass die Sache heute vielleicht sogar aussichtsreicher als früher ist: Die Erfolglosigkeit der Betriebsarbeit der 1970er sei durch die Tatsache zu erklären, dass damals die ArbeiterInnenklasse noch wohlfahrtsstaatliche Fortschrittshoffnungen gehegt habe, während diese heute zerbrochen seien. VON ANDEREN DISKUTANTinnen WURDEN die diesem Ansatz betrieblicher Arbeit zugrundeliegenden Annahmen freilich infrage gestellt. Demgegenüber wurde etwa für eine Politisierung der Wissensarbeit plädiert. Deren auch ökonomische Bedeutung bleibe schließlich im kognitiven Kapitalismus der Gegenwart keineswegs hinter jener der traditionellen Industriearbeit zurück. Und was das Konfliktpotenzial von prekären WissensarbeiterInnen wie UniversitätslektorInnen oder Studierenden anbelange, könnten auch diese durchaus effektiv streiken, indem sie bspw. durch die Besetzung öffentlicher Plätze für Störungen sorgen. Hinzu komme, dass sich hier – angesichts des stark akademisch geprägten Publikums – Möglichkeiten einer „Politik in der ersten Person“ eröffnen, die sich von der StellvertreterInnenpolitik vergangener Fabrikinterventionen konsequent verabschiede. JAN OLE ARPS ZOG AUS DEN EIGENEN ERFAHRUNGEN mit politischer Mobilisierung in Bereichen immaterieller Arbeit drei Schlüsse für zeitgenössische politische Betriebsarbeit: Zum einen entstünden Mobilisierungen in Betrieben wie Callcentern etc. häufig auf Basis von außerhalb der Arbeit geschlossenen Freundschaften zwischen Menschen in ähnlichen Lebenslagen (z. B. Nebenerwerbs-Studierende). Von KollegInnen in anderen Lebenslagen (v. a. Älteren mit prekären Erwerbs- verläufen) werden Mobilisierungen hingegen oft als Gefährdung einer letzten Existenzsicherungschance betrachtet und abgelehnt. Zum anderen betonen die Betroffenen noch bei der schlechtesten Arbeit die positiven Seiten und die Identifikationspotenziale, wie Arps am Beispiel einer Aktion mit Werktätigen bei der Berlin Biennale erläuterte. Eine Verteufelung von Arbeit als reine Ausbeutung, wie sie mitunter in autonomen Kreisen propagiert wird, findet somit keinen Widerhall in den Erfahrungen – nicht zuletzt weil ohne positiv empfundene Aspekte wohl keine Lohnarbeit durchhaltbar wäre. Schließlich nannte der Autor den Erfolg der „Emily“-Kampagne rund um eine angefochtene Entlassung einer Kassiererin aus Anlass eines Minimalvergehens durch ein Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel als Beispiel dafür, dass die Frage der Würde am Arbeitsplatz ein zentrales Thema sei, mit dem Mobilisierungserfolge erzielbar wären. In politischen Diskussionen um Arbeit sei dies hingegen bislang ein unterschätztes Thema. online seit 23.04.2012 09:02:56 (Printausgabe 58) autorIn und feedback : Beat Weber |
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