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  Männer – Macker – Militanz

Notwendige Fragestellungen für eine emanzipatorische Praxis

Welcher Bildsprache bedienen sich antifaschistische oder autonome Sujets auf Aufklebern und Plakaten, was soll dadurch vermittelt werden, und ist Militanz auf der Straße oder in der Sprache ein männliches Phänomen, das es als mackermäßig zu entlarven gilt? Sind auch Feministinnen für militante Aktionen zu gewinnen und wenn ja, dekonstruiert ihre Beteiligung die Zuschreibung von Gewalt und Aggressionen als vermeintlich männliche Eigenschaften? Warum finden Parolen wie "Wir nehmen das Neuner-Eisen!" breiten Zuspruch in der Szenelinken und warum werden "Schwanz ab"-Rufe als unsolidarisch und gewaltverherrlichend kritisiert?

Aktionsformen

Solche und ähnlich gelagerte Fragestellungen geistern seit Jahren durch linksradikale Szenen und es scheint, als ob erst recht wieder Frauen* sich damit auseinandersetzen (müssen?), ihre An- bzw. Abwesenheit bei bestimmten Aktionsformen zu rechtfertigen, Selbstreflexion in den eigenen Gruppenstrukturen einzufordern und antisexistische Inhalte zum hot topic zu machen. Weil diese Diskussionen auch aufgrund der, spätestens seit 2008 allgegenwärtigen Repression gegen unliebsame AktivistInnen, meist nur in FreundInnenkreisen oder der vertrauten Struktur geschlossener Gruppen besprochen werden, findet jedoch kaum ein breiterer Austausch statt. So dümpelt alles im eigenen Saft dahin, die einen feiern "ihre" Aktionsformen in Abgrenzung zu "anderen" Aktionsform als egalitärer, emanzipierter, reflektierter, militanter, repressionstechnisch geschickter oder schlicht besser ab und alles bleibt wie es immer schon war. Differenzierte Betrachtungsweisen und das Hinterfragen des eigenen Handelns werden mühsam und gebetsmühlenartig Jahr für Jahr aufs Neue eingefordert, selten wird die antisexistische Theorie dann aber tatsächlich zur gelebten Praxis.

Verhältnismäßigkeiten

Das hierzulande stupide Gleichsetzen von Militanz mit dem Black Block durch sowohl GegnerInnen als auch BefürworterInnen trägt eher noch mehr zum völligen Stillstand der eingeforderten Selbstreflexion bei. Ein polarisierendes Bild setzt sich fort, in dem sich ein Teil im Quarzhandschuh an- und wieder ausziehen als Demonstration ihrer eigenen Überlegenheit und Coolness übt, während andere panisch jeder Gewalt abschwören, ohne diese näher zu definieren und Frauen* in der ersten Reihe zu Mitläuferinnen oder Alibifrauen erklären, die die mackerhafte Praxis ihrer männlichen Genossen schützen oder nicht in Frage stellen würden. In weiterer Folge kommt es nicht selten zu den Zuschreibungen "männlicher" und daher auch "militanterer" Black Block und "weibliches" Cheerleading, Pink and Silver, QueerFemblock ... und so werden diese beiden Aktionsformen in gewisser Form auch naturalisiert, so dass ein Schwarzer Block quasi von Natur aus "männlich" und damit einhergehend „böser“ wäre, wohingegen das bei den Cheers, Queers ... wohl anders rum wahrgenommen wird. So wird zumeist nicht nach dem konkreten Verhalten und Auftreten bewertet und kritisiert, sondern vielmehr das gefestigte Bild der mackrigen Antifamänner in jedem Auftreten eines solchen Blocks gesucht - egal ob vorhanden oder nicht und Frauen* auch nicht selten unsichtbar gemacht. Gleichzeitig soll auch nicht beschönigt werden, dass der so genannte "Black Block" aufgrund der Gestaltung durch die Menschen, die sich damit assoziieren, oft immer noch nicht so umgesetzt wird, dass viele Frauen* sich daran auf lustvolle Art und Weise beteiligen können und wollen. So liegt es vor allem an den Anhänger*innen des Black Blocks, queer-feministische Kritik endlich ernst zu nehmen und ihrem emanzipatorischen Anspruch gerecht zu werden. Nicht zuletzt sollte gesehen werden, dass sich beide Protestformen und Demostrategien durchaus ergänzen können und nicht gegeneinander arbeiten.

Oberste Maxime sollte daher stets die Frage der Wahl der Mittel und der Verhältnismäßigkeit sein sowie die Anpassung der Aktionsform an die jeweilige Situation. Hinzu kommen persönliche Aspekte von alltäglicher Wut auf das System als solches oder das schlichte nicht mitkönnen bei „lustigen“ Aktionsformen wie Rebel Clown Army oder Radical Cheerleading bzw. die Ablehnung von martialischem, einheitlichen Auftreten und vermeintlicher "Massenmilitanz", wie sie von einem Black Block vermittelt wird, die die einen für und die anderen gegen die jeweilige Aktionsform entscheiden lässt. Auch diese Aspekte sollten im Hinterkopf sein, wenn sich die einen über die jeweils anderen das Maul zerreißen wollen.

Männerbündelei insbesondere in Antifa-Zusammenhängen ("Mein Schlagstock ist größer als deiner!"), Vergeschlechtlichung von Begriffen wie Gewalt oder Aggressionen und ein oberflächliches Bekenntnis zu einer antisexistischen Praxis runden das Bild ab und erschweren zusätzlich jede Diskussion. Solidarische Auseinandersetzungen finden kaum statt, ohne Gruppengedisse und Abgrenzungen von "den anderen" lassen sich selten eigene Positionen finden. Es scheint fast so, als ob die Intention hinter den bislang zu dieser Thematik geführten Diskussionen eher zur Rechtfertigung der eigenen politischen Praxis dient als zum kritischen Hinterfragen derselben.





online seit 09.01.2011 16:09:04 (Printausgabe 52)
autorIn und feedback : Ag Mili tanzt!


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/2114Schwerpunkt "Militante Images" in Heft 52



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