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  „Man kann das Meer nicht mit den Händen aufhalten“

El Ejido, 10 Jahre nach den rassistischen Ausschreitungen gegen migrantische LandarbeiterInnen

Einmal mehr befinde ich mich nach einem Aufenthalt in diesem „univers concentrationnaire“ (1) von Treibhäusern, Armut, Ausbeutung und Rassismus vor dem Computerbildschirm. Einmal mehr dieses Gemisch von Gefühlen, die Abscheu angesichts der Arroganz und der tagtäglichen Engstirnigkeit der Mehrheit der GemüsetunnelbesitzerInnen, der allgemeinen Gleichgültigkeit des lokalen Umfelds, einer eintönigen, völlig künstlichen Umwelt ohne Schönheit. Aber auch in tiefer Verbundenheit mit einer kleinen Gruppe von Beharrlichen von der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft „Sindicato de Obreros del Campo“ (SOC) und von befreundeten Vereinen wie zum Beispiel „Almeria Intercultural“ oder „Foro Social Almeria“, die weiterhin versuchen, das Los von Tausenden von ausländischen ArbeiterInnen zu verbessern.

Für das Europäische BürgerInnenforum beteiligten wir uns an den vom Sozialforum von Almeria organisierten Veranstaltungen in Erinnerung an die gewalttätigen Ausschreitungen in El Ejido im Februar 2000. In den Debatten wurde versucht, die Gründe und Konsequenzen dieser Gewaltexplosion zu verstehen und eine Bilanz über die Entwicklung seither zu erstellen: In den letzten zehn Jahren hat sich leider nur wenig geändert. Für Hafid Arrachidi (2) sind mehrere Ereignisse Anfang der 1990er Jahre wesentlich, um die weitere Entwicklung zu verstehen: „1990 kamen zahlreiche ImmigrantInnen in die Gegend, und 1991 fand eine Regularisierung statt, die vielen Leuten ermöglichte, ihre Rechte einzufordern. Vorher besaßen nur sehr wenige eine Aufenthaltsbewilligung. Die meisten hatten keine Papiere und konnten keine Ansprüche auf Rechte geltend machen. Erst nach der Regularisierung von 1991 begannen wir uns zu organisieren.

Wir wollten unsere Rechte einfordern und unsere Situation verbessern. Wir fanden nämlich hier die gleiche Situation vor, die wir in Marokko hinter uns gelassen hatten: einen Lohn, mit dem man nicht würdig leben konnte, miserable Wohnverhältnisse, Arbeitsrechte, die nicht respektiert wurden ... In der marokkanischen Gemeinschaft befanden sich Leute, die wegen ihres gewerkschaftlichen Engagements oder weil sie in StudentInnenorganisationen aktiv waren, in Marokko im Gefängnis gesessen hatten. Es waren nur wenige, aber es gab sie. Dies machte es möglich, zuerst kleine Gruppen zu formen, um die Organisation des Kollektivs zu verstärken. Ab 1992 kämpften wir mit Aktionen für unsere Rechte.“

Februar 2000

Die Krawalle vom Februar 2000 sind der Höhepunkt einer antimarokkanischen Kampagne der Stadtregierung. „Immer litten wir unter den Aggressionen seitens der Bevölkerung. Wir wussten, dass die Bürgermeisterei die einheimische Bevölkerung für rassistische Ausschreitungen vorbereitete. Das Lokalfernsehen war auch mit dabei. Wir spürten, dass da irgendetwas im Anzug war. Niemals hätten wir jedoch gedacht, dass es solche Dimensionen annehmen würde. Die Stimmung war seltsam. Unaufhörlich wurde in den lokalen Fernsehstationen zu Gewalttaten aufgewiegelt, sie manipulierten die öffentliche Meinung. Ich hatte ein ungemein schlechtes Gefühl. Wir erwarteten gespannt, was sich da zusammenbraute.

Plötzlich sah ich eine Masse von Männern, Frauen und Jugendlichen zu unserem Haus strömen. Im Parterre unseres Hauses befand sich meine Metzgerei, die Anschriften waren in Spanisch und Arabisch. Zuerst zertrümmerten sie zwei Türen und warfen Steine. Drinnen zerstörten sie alles. Sie schmissen das Fleisch auf die Straße. Vieles wurde auch gestohlen, von den Leuten mitgenommen. Die Polizei auf der anderen Straßenseite schaute untätig zu. Während drei Tagen waren wir von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Die Menschenjagd war schrecklich. Das Ganze war gut organisiert. Die EinwohnerInnen versammelten sich mehrere Male, um sich die Aufgaben aufzuteilen. Sie griffen in der ganzen Gegend um El Ejido Häuser, Geschäfte und Höfe an, wo MarokkanerInnen wohnten. Sie sperrten sogar die Zugangsstraßen und die Autobahn ab, die nach El Ejido führen, um fremden JournalistInnen den Zugang zu verwehren.“

Die ImmigrantInnen organisieren sich

In der Folge organisierten die ImmigrantInnen einen Generalstreik, der fast eine Woche dauerte. „Dies war erfolgreich, wir lähmten die Produktion. Es gab Millionenverluste. Wir zwangen die Unternehmer und die Behörden, ein Abkommen zu unterzeichnen. Zum ersten Mal waren es nicht die großen Gewerkschaften, die mit den Arbeitgebern verhandelten. Die ProtagonistInnen waren die selbst organisierten ImmigrantInnen, die Gewerkschaften waren abwesend, wir waren an vorderster Front.“

Dieses Abkommen vom 12. Februar 2000 beinhaltete mehrere wichtige Punkte zugunsten der LandarbeiterInnen, die aber nie eingehalten wurden: Die Opfer wurden nicht entschädigt, im besten Falle teilweise, und der Großteil der Anfragen zur Legalisierung ihrer Situation wurde abgelehnt. Es gab auch keine Untersuchung, um die Verantwortlichen des Krawalls zu verurteilen ... „Die Unternehmer und die Behörden wollten nur eins: den Streik beenden. Sie versprachen das Blaue vom Himmel und hielten danach nichts ein. Ein Ziel der Behörden war auch, die Kontinuität des Kampfes der marokkanischen ArbeiterInnen zu brechen und ImmigrantInnen aus anderen Ländern auf den Arbeitsmarkt zu bringen. Aber auch nach zehn Jahren schafften sie es nicht, die ArbeiterInnenschaft neu zusammenzusetzen. Auch heute sind die Mehrheit der LandarbeiterInnen MarokkanerInnen. Es sind aber nicht jene aus dem Jahr 2000. MarokkanerInnen wurden durch andere MarokkanerInnen ersetzt.“

Konsequenzen

Trotz alledem hat sich die Stadt El Ejido in den letzten zehn Jahren gewandelt. Es gibt heute zahlreiche Bars und Geschäfte im Zentrum, die von MarokkanerInnen geführt werden. Aber diese Quartiere werden ausschließlich von ImmigrantInnen besucht. „Es gibt eine soziale Trennung, da gibt es keinen Raum für Beziehungen zwischen AusländerInnen und Einheimischen. Es gibt noch viele spanische Geschäfte und Einrichtungen, die MarokkanerInnen den Zugang verbieten oder den doppelten und dreifachen Preis verlangen. Vielleicht hat dieses Verbot das marokkanische Kollektiv veranlasst, eigene Treffpunkte zu schaffen. Man hat viel von Integration der ImmigrantInnen geredet. Aber diese Integration ist nicht möglich, wenn unsere sozialen und politischen Rechte, die Arbeitsrechte, das Wahlrecht auf Gemeindeebene und auch die Anerkennung unserer Rechte als MitbürgerInnen nicht respektiert werden.“

Um das heutige Leben der ImmigrantInnen im Plastikmeer besser zu verstehen, haben wir Cherif, einen jungen Senegalesen, der hier am Aus- und Weiterbildungsprogramm der SOC teilnimmt, im Lokal „Ascen Uriarte“ in Nijar getroffen. Wir sprachen auch mit einer Gruppe rumänischer Leute, die in Tabernas, 40 km in Richtung der Berge, Opfer arbeitsrechtlicher Verstöße seitens ihres Chefs geworden waren.

Cherif: „Ich bin 2008 angekommen, als gerade Lehman Brothers in Konkurs gingen. Die Leute hatten Angst, weil sie von der Krise betroffen waren. Im Baugewerbe gab es keine Arbeit mehr, alle SpanierInnen und ImmigrantInnen, die in diesem Sektor beschäftigt waren, haben sich auf die Landarbeit gestürzt. Ich habe unvorstellbare Arbeitsbedingungen vorgefunden: Die Gewächshäuser sind Arbeitsstätten des Schweisses, oder auch des Bluts. Es gibt in dieser Region zwischen Nijar und El Ejido nichts anderes. Für die ImmigrantInnen ohne Papiere befindet sich die einzige Perspektive, ihren Lebenserhalt zu sichern, in den Gewächshäusern.“

Arbeitsbedingungen

„Die Bandbreite der Löhne liegt zwischen 20 und 35 Euro am Tag. Die Arbeitgeber beschäftigen einige MigrantInnen mit Papieren, aber das ist Augenauswischerei. Man nimmt ein oder zwei MigrantInnen mit Papieren und mischt sie mit zehn, dreizehn anderen ohne Papiere. Der Lohnunterschied beträgt zwei Euro. Das dient dazu, öffentlichen Stellen gegenüber sagen zu können, dass man Leute mit Papieren beschäftigt. Was in Wirklichkeit interessiert, sind die Papierlosen, die gefügig sind, Abgaben entrichten, die gehorchen und denen man Tag für Tag für ein einfaches Ja oder Nein etwas abpressen kann.

Die Patrons pfeifen auf die hygienischen Bedingungen oder minimale Sicherheitsstandards für die ArbeiterInnen. In den Pausen kommt es vor, dass Leute, die mit Pestiziden gearbeitet haben, ihr Mittagspausenbrot mit ihren Händen essen, die noch schmutzig von den Chemikalien sind. Jeder muss sich selbst informieren. Es gibt keine Kontrolle der Arbeits- und Sicherheitszustände. Wenn die Inspektoren kommen, und sie kommen sehr selten, geht es nur darum, die Papiere der ArbeiterInnen zu kontrollieren.“

Die Gruppe der 18 RumänInnen, die wir in Tabernas getroffen haben und von denen ein Großteil Frauen sind, bestätigen uns die extreme Verachtung, mit der sie ihr Chef behandelt. Sie haben drei Monate gearbeitet, von Oktober bis Anfang Januar, ohne ihren Lohn zu erhalten. Als sie protestierten, wurden sie gefeuert. Sie durften sich nicht waschen oder ihre Pausenmahlzeit einnehmen, es gab kein fließendes Wasser. Nach der Arbeit mit Pestiziden mussten sie sich mit dem Wasser waschen, das sie selbst mitgebracht hatten. Dabei handelt es sich um einen Arbeitgeber, der 40 Gewächshäuser in El Ejido und 15 in Tabernas besitzt.

Laura und Abdelkader von der SOC haben mit den zwei spanischen Vorarbeitern gesprochen, die, so die rumänische Gruppe, die ArbeiterInnen permanent übel beleidigt haben. Laura, die juristische Expertin der Gewerkschaft, hat anschließend den Patron in El Ejido angerufen und zudem veranlasst, dass die ArbeiterInnen eine Anzeige erstatten, um ihre Löhne zu erhalten und ihrem Recht Geltung zu verschaffen. Leider hat die Gruppe der RumänInnen zu spät mit der SOC geredet, um rechtzeitig gegen ihre Kündigung vorzugehen und die Frist von 20 Tagen überschritten.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie viele der ausländischen ArbeiterInnen, in Gruppen oder einzeln, diesen Arbeitsrechtsverletzungen unterworfen sind, ohne von der Existenz der Gewerkschaft zu wissen. Cherif: „Es ist ein Kapital, eine Gewerkschaft zu haben, einen Ort, wo man sich wiederfindet und frei von sich reden kann, von seinen Rechten reden kann. Die Gewerkschaft ist sehr wichtig, aber es ist hier extrem schwierig, gute Ergebnisse zu erzielen. Man kann das Meer nicht mit den Händen aufhalten.“

Ein neuer Gewaltausbruch

Die Perspektiven sind also eher düster. Bei einem Treffen in der Universität von Almeria wies Francisco Checa, Professor für Anthropologie und Direktor des Instituts für Migrationsforschung, das jüngst gegründet wurde, darauf hin, dass ein neuer Gewaltausbruch in der Region durchaus möglich sei.

Unter diesen Umständen Optimist zu sein ist schwer. Cherif: „Ich denke lieber daran, dass es nach dem Regen schönes Wetter geben wird – aber leider muss man sich etwas anderes vorstellen. Das was in El Ejido geschehen ist, zum Beispiel. Es muss festgestellt werden, dass die Voraussetzungen für Gewalt gegeben sind – dass davor gewarnt werden und dass es verhindert werden muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ganze lokale Bevölkerung rassistisch ist, der Ausgrenzung und der Apartheid das Wort redet. Ich glaube, dass es hier auch gute Leute gibt, mit denen man reden und denen man die Situation erklären muss. Das wird weder schnell gehen noch einfach sein, aber das ist es, was im Bereich des Möglichen übrig bleibt.“



Anmerkungen
(1) „univers concentrationnaire“ ist ein von Nicolas Duntze von der französischen Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne während seines Aufenthalts in El Ejido verwendeter Ausdruck.
(2) Hafid ist ein Kronzeuge des Pogroms: Geboren 1958 in Nador (Marokko), kam er 1987 nach El Ejido, verheiratete sich mit einer Spanierin und eröffnete 1995 eine Metzgerei. Der Laden wurde während des Pogroms völlig zerstört. Die Zitate von Hafid in diesem Artikel sind Teil eines langen Interviews, das wir mit ihm geführt haben.



online seit 10.08.2010 23:08:45 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Nicholas Bell


Links zum Artikel:
www.forumcivique.orgLangversion dieses Artikels und mehr Infos zum Thema
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/978
www.malmoe.org/artikel/top/2011Schwerpunkt in Heft 50



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