menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  „Torte statt Worte“

(K)eine Theorie des Tortenwerfens

Den ersten gezielten Tortenwurf kann einer der heute noch aktiven und vielleicht erfolgreichsten Tortenwerfer für sich reklamieren. Der belgische Surrealist und Filmemacher Noël Godin erkor sich 1969 als erstes Ziel die französische Schriftstellerin Marguerite Duras aus, die von ihm für „den inhaltlosen Roman“ (an sich) getortet wurde.

Die Sahnetorte des Stummfilms

In der einschlägigen Literatur sind verschiedene populärkulturelle Vorbilder bekannt. Noël Godin stellt sich selbst in die Tradition Till Eulenspiegels. Zugleich beruft er sich auf eine spezifisch belgische Tradition des Surrealismus, der sich von seiner stalinisierten französischen Variante deutlich unterschieden habe. Im „Handbuch der Kommunikationsguerilla“ wird als Vorbild der Stummfilm betont. Diesen Zusammenhang unterstrich auch jener Aktivist, der 2000 Hilmar Kabas von der rechtsextremen FPÖ vor laufenden Fernsehkameras eine Schokoladen-Torte ins Gesicht platzierte. Zu seinem Ziel, Hilmar Kabas „die braune Soße herunterrinnen“ zu lassen, bekannte er sich ebenso wie zu seinen Vorbildern Stan Laurel und Oliver Hardy.

Die im Stummfilm entfaltete Slapstick-Ästhetik des Tortenwerfens sollte im politischen Feld stilbildend wirken. Die öffentliche Demütigung des Opfers steht dabei im Mittelpunkt der Protesthandlungsform. Mack Sennett, der Begründer der berühmten Stummfilm-„Keystone-Comedies“, beschrieb die Wirkung einer Torte im Gesicht als Angriff auf die Würde des Opfers, weil sie Erhabenheit im Nu zunichte machen kann und in diesen Filmen zum Aufstand gegen die „da oben“ dient. Bela Balázs (1949) führte die stilbildenden übertriebenen Pantomimen auf einen Mangel des frühen Films zurück, nämlich seine Stummheit. Eine solche Komik hatte ihre Hochphase in einer Zeit, als eine Sahnetorte aus filmtechnischen Gründen tausend Worte ersetzen musste und diese Sprache allerorten verstanden wurde. Darin besteht auch die globale Anschlussfähigkeit im Aktionsrepertoire ganz unterschiedlicher sozialer Bewegungen.

„Happiness Is a Cream Pie“

In den 1970er und 1980er Jahren finden sich zwei geografische Schwerpunkte: USA und Kanada sowie das frankophone Europa. Für die USA und Kanada war damals insbesondere Aron Kay wichtig. Seine Devise lautet „Happiness Is a Cream Pie“. Er agierte im Umfeld der „Yippies“ (Youth International Party) und wird heute als „Godfather of the Pie-Tossing“ verehrt. Bei den Yippies verband sich die Protestmentalität der Neuen Linken mit der Hippie-Kultur. Die Ziele von Aron „Pieman“ Kay waren in erster Linie reaktionäre PolitikerInnen und einmal auch Andy Warhol.

Im Europa der 1980er Jahre entwickelte der Pionier dieser Protesthandlungsform, Noël Godin, das Tortenwerfen weiter. Schließlich löste Godin, der unter dem Namen „Georges le Gloupier“ bekannt wurde, den „Pieman“ Aron Kay als globale Symbolfigur des Tortenaktivismus ab. Sein Programm lautete „Crème et Châtiment“. Nachhaltige Aufmerksamkeit erregten aber erst seine Aktionen in den 1990er Jahren. Im Mai 1994 erhielt der Philosoph, „Meisterdenker“ und die Galionsfigur des „prêt-à-penser“, Bernard-Henri Lévy, die erste seiner inzwischen zahlreichen Torten.

„The International Pastry Uprising“

Pioniere wie Aron Kay und Noël Godin trugen dazu bei, das Tortenwerfen im Aktionsrepertoire sozialer Bewegungen zu verankern. Ein weiterer wichtiger Anstoß ging von dem erfolgreichen Tortenattentat auf Bill Gates 1998 in Brüssel aus. Das 30-köpfige Team um Noël Godin legte mit seinem generalstabsmäßigen Vorgehen die Grundlage für das, was in die Bewegungsannalen als „The International Pastry Uprising“ eingehen sollte. In der Folge wurde diese handgreifliche Kritik an Bill Gates im Internet vielfach kolportiert. Dieses Nachleben unterstreicht anschaulich, in welcher Weise die Erzählung über eine solche Aktion genauso wichtig werden kann wie die auslösende Handlung selbst. Insbesondere die multimedialen Möglichkeiten von digitalisierten Film- und Fotoaufnahmen und ihre Verbreitung via Internet haben zur weiteren Popularisierung und der Tradierung des Tortenwerfens als Handlungsform des Protestes sozialer Bewegungen beigetragen.

Der „Take-off“ des „International Pastry Uprising“ fällt zeitlich mit dem Einsetzen der neuen globalisierungskritischen transnationalen sozialen Bewegungen zusammen. Wiederum lassen sich eine europäische und eine nordamerikanische Entwicklungslinie unterscheiden. Für Europa ergibt sich dabei ein zersplittertes, weitgehend dezentralisiertes Bild. Ein wichtiger Ausgangspunkt bleiben nach wie vor die Aktivitäten von Noël Godin und seiner Gruppe „Pâtissiers sans frontières“ (Konditoren ohne Grenzen). Aber auch die Aktionen der niederländischen Gruppe „T.A.A.R.T.“ (Akronym für „Tegen Autoritaire Anti Revolutionaire Types“) in den Niederlanden fanden auf einem relativ hohen organisatorischen Niveau statt. Bemerkenswert ist ein universitärer Schwerpunkt in Deutschland und Österreich, der sich im Zuge der Auseinandersetzungen um die Einführung von Studiengebühren herausbildete.

Auf dem nordamerikanischen Kontinent ist Kalifornien ein wichtiger geografischer Ausgangspunkt. Von zentraler Bedeutung war hier die Bildung der „Biotic Baking Brigade“ (BBB). Allein zwischen 1998 und 2001 konnten die „radikalen Zuckerbäcker“ 40 getortete Politiker und Vertreter von Großkonzernen verbuchen (z.B. Milton Friedman oder Robert Shapiro), Jim Hightower sieht 1999 in den Torten der BBB „die Boston Tea Party moderner Zeiten, die der Global Player Oligarchie ein eindeutiges Zeichen sendet“.

2001 läutete die BBB mit der „Operation Dessert Storm“ eine weitere Großoffensive des Tortenwurfs ein. Auch wenn die Propagierung des „International Pastry Uprising“ eine vereinheitlichte Praxis suggeriert, dürfte die Bewegung in Nordamerika in Wirklichkeit genauso heterogen wie in Europa gewesen sein, wenn auch die Häufung der Anschläge auf RepräsentantInnen der ökonomischen Globalisierung auffallend ist.

Die Torte als Waffe

Während im soziokulturellen Prozess der Informatisierung bereits das Ende des Protests außerhalb des Internet ausgerufen wurde (bspw. seitens des „Critical Art Ensembles“ 1994), ist das glatte Gegenteil eingetreten – eine bemerkenswerte Renaissance des unmittelbaren Körpereinsatzes beim Tortenwerfen. Beim Tortenwerfen steht der Körper bei den AktivistInnen wie bei den Opfern im Mittelpunkt. Es bedarf einiger körperlicher und mentaler Voraussetzungen wie Mut und Entschlossenheit, um eine Torte erfolgreich „stoßen“ oder „werfen“ zu können. Insofern sind solche Tortenattentate auch keine kollektiven Massen-Aktionen. Andererseits haben wir es hier auch nicht mit „Einzeltätern“ zu tun. Allein aufgrund der notwendigen Logistik sind oft mehrere Personen beteiligt. Darüber hinaus erschließt sich der politische Gehalt der Aktionen oft erst vor dem Hintergrund massenhafter Proteste sozialer Bewegungen.

Auch im Hinblick auf das „Opfer“ ist der körperliche Aspekt wesentlich. Denn ein Tortenwurf richtet sich nicht gegen Sachen, sondern gegen eine konkrete Person und ist dennoch eine symbolische Protestform. Sie sollen lächerlich machen. Es wird dabei aber tunlichst vermieden, dem politischen Gegner Gewalt oder körperliche Schmerzen zuzufügen. Dennoch ist für den Erfolg ein zeitweise in Mitleidenschaft gezogenes körperliches Aussehen unabdingbar.

Auch wenn hier theatralische Mittel zum symbolischen Ausdruck von Kritik verwendet werden, lässt sich dieses Protesthandeln nicht eindeutig gewaltfreiem oder gewaltförmigem Handeln zuordnen. Es geht zwar nicht um die Zerstörung einer Person, aber um die Beschädigung ihres Images.

Im Gegensatz zu Steinen oder Molotow-Cocktails gelten Torten wie Eier und Tomaten eindeutig als weiche oder „expressive Waffen“. Aufgrund der eindeutigen Radikalisierung des Handelns und der damit verbundenen Anforderungen an die AktivistInnen zählt das Tortenwerfen zu den direkten Aktionsformen, die sich jenseits „der institutionalisierten Vermittlung unmittelbar an die Kontrollinstanzen (Staat, Unternehmen usw.) richte[n] und ihnen mehr oder weniger großen Schaden androh[en]“ (T. Balistier).

Außerdem lässt sich der Bedeutungszuwachs des Tortenwerfens – zumindest für Europa – auch als Reaktion auf jene Veränderung der politischen Kulturen der repräsentativen Demokratien interpretieren, in denen immer häufiger Personalisierungstendenzen feststellbar sind und die gleichermaßen als Ästhetisierung von Politik beschreibbar sind. Das Tortenwerfen kann somit als Antwort auf Versuche gelesen werden, PolitikerInnen als Persönlichkeit auf Kosten inhaltlicher Aussagen in den Vordergrund zu drängen („Medienkanzler Schröder“). Die Torte antwortet auf die Personalisierung von Politik, in der die Inhalte und die Programmatiken kaum noch von Bedeutung sind. Die zahlreichen getroffenen Wirtschaftsbosse verweisen auf das Konzept „Imagebeschmutzung“, das auf der ökonomisch immer bedeutender werdenden symbolischen Ebene angreift.

Die Torte bietet angesichts dieses Strukturwandels von Öffentlichkeit(en) eine extern kommunizierende Protesthandlungsform, die funktioniert, ohne etwas erklären zu müssen.

Globalisierungskritischer Rügebrauch

Nicht wenige Elemente der Protesthandlungsform Tortenwerfen entsprechen dem, was in der traditionellen Volkskunde als „Rügebrauch“ bezeichnet wird. Bereits im Vormärz und im Rahmen der 1848er-Revolution wurden Charivaris oder Katzenmusiken, die im Gemeinwesen des Ancien Régime zuvor abweichendes soziales Verhalten oder Verstöße gegen die Moral sanktioniert hatten, in einen revolutionären Kontext übertragen. Nunmehr richtete sich der Protest gegen das gesellschaftliche „Oben“. Wenn für den dörflich-traditionellen Rügebrauch einerseits der Aspekt der Sanktionierung von abweichendem Verhalten für die Mitglieder eines Gemeinwesens nicht unterschätzt werden sollte, kann derselbe aber nicht ausschließlich auf dieser Rüge-Funktion reduziert werden. Ebenso wie dem traditionellen Rügebrauch eine integrative soziale Funktion zukommt, besteht ein spezifischer politischer Inhalt des Tortenwerfens als intern wie extern kommunizierende Protesthandlungsform darin, dass hierüber aus Sicht der Globalisierungskritik kommuniziert werden soll, was sozial akzeptiert ist und was nicht.

Ähnlich wie die historischen Katzenmusiken lässt sich die Protesthandlungsform Tortenwerfen als Übernahme aus dem Stummfilm in das Aktionsrepertoire der sozialen Bewegungen deuten. Da die Tortenwürfe immer persönlich adressiert sein müssen und ihre Berechtigung aus dem Verhalten oder der Funktion des Opfers abgeleitet werden muss, finden sich auch hier Parallelen zu den politisch transformierten Rügebräuchen.

Visuelles Esperanto

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ (23/2001) interpretierte das Tortenwerfen auch als Antwort auf eine Unternehmensstrategie von Konzernen und Global Players, die darauf abzielt, eine vorgebliche „Corporate Social Responsibility“ herauszustellen, um die Herrschaft des „Shareholder Value“ zu vertuschen. Auf die vielfältigen Vereinnahmungs- oder Nichtbeachtungsstrategien der multinationalen Konzerne antwortete ein Teil der neuen transnationalen sozialen Bewegungen mit der Parole „Kein Dialog! Lieber Tortenwerfen!“. Dies meint auch ein Slogan, der im deutschen Sprachraum in jüngster Zeit im ungleichen Kampf der Studierenden gegen Studiengebühren aufgetaucht ist: „Torte statt Worte!“

Insofern lässt sich das Tortenwerfen jenseits des klassischen Bewegungsmodus der Aufklärung und Gegeninformation, aber auch jenseits von Gegenöffentlichkeit ansiedeln. Eine solche Dialogverweigerung antizipiert strukturell ungleiche Verhandlungssituationen und setzt auf Imagebeschmutzung. Darüber hinaus bedienen sich die TortenaktivistInnen häufig des kulturübergreifenden, mythischen Erzählmusters „David gegen Goliath“. Insofern kann das Tortenwerfen auch als Ermächtigung in asymmetrischen Konflikten angesehen werden: „Da sich angesichts mächtiger Politiker und Unternehmer so viele machtlos fühlen, gibt die Torte den Menschen ein Stück Macht zurück“ erklärte Pope-Tart, ein Mitglied der Gruppe „Entartistes“.

Die Massenmedien wiederum greifen solche Aktionen auf, weil sie sicher sein können, dass ihr Publikum solche Aktionen zu schätzen weiß. Denn das Tortenwerfen wird nicht als gewalttätiges Handeln angesehen. Analog zur Slapstick-Gewalt im Stummfilm kommt es auf den narrativen Kontext an. Es sind die bereits beim Stummfilm wirkenden pantomimisch-bildlichen Qualitäten, die es ermöglichten, dass das Tortenwerfen zu einem Synonym für den Globalisierungsprotest werden konnte und als Geste eines visuellen Esperantos zu entziffern ist. In diesem Sinne werden schließlich auch die Mechanismen der Medien für die eigenen Zwecke umfunktioniert.



Dieser Artikel ist eine gekürzte Version des gleichnamigen Aufsatzes aus Klaus Schönberger/Ove Sutter (Hg.): Komm herunter, reih Dich ein. Dort finden sich auch die im Text erwähnten Quellen im Literaturverzeichnis.


online seit 25.05.2010 12:20:36 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Klaus Schönberger




Kollektiv Kindergartenaufstand ...

... ist mehr als Arbeitskampf: Auf dem Weg zum Recht auf Bildung
[04.01.2012,Kollektiv Kindergartenaufstand]


„Mic Check“ auf der Liberty Plaza

Occupy Wall Street ist trotz Räumung noch lange nicht vorbei
[02.01.2012,Paula Pfoser]


„Arabischer Frühling“ in Israel?

Ein Interview zur Geschichte und zu den Perspektiven der israelischen Protestbewegung
[01.01.2012,Interview: MG]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten