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Vom Lodern in der bildungspolitischen Eiszeit "Unibrennt" in Buchform erschienen Die Bologna-Programmatik enthält zum Großteil neoliberale Forderungen wie „internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsektors“, „gemeinsame Qualitätsentwicklung“ oder „Arbeitsmarktfähigkeit der Studierenden“. So erstaunt es nicht, dass durch die Umsetzung der Bologna-Ziele das Konkurrenzdenken unter Studierenden und unter Lehrenden zunahm. Die neuen Studienpläne verknappen zusätzlich das Zeitbudget von Studierenden. Ab- und Umwege, die sowohl den Intellekt als auch die Entwicklung der Persönlichkeit fördern könnten, sind in einem verplanten Studium mit einer Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche undenkbar. Trotzdem oder gerade deshalb setzen die StudentInnen ihre Proteste vom Herbst 2009 fort. Am 10. März 2010, einen Tag vor dem Bologna-Gipfel, besetzten rund 400 Wiener Studierende wieder einen Hörsaal. Kritische Studiosi wehren sich nach wie vor gegen die zunehmende Ökonomisierung von Bildung. „Studierende konsumieren innerhalb eines Ausbildungssupermarktes“, beschreibt Eva Maltschnig, Generalsekretärin der Österreichischen Hochschülerschaft, die Situation an den heimischen Hochschulen. Solidarischer Austausch scheint unter Studierenden passé, was zählt sind Durchsetzvermögen, Leistungsdenken und ein möglichst rascher Universitätsabschluss. Doch der Schein trügt. Dass hinter dieser Pragmatik vieler Studierender pure Verzweiflung und ein großer Existenzdruck steckt, beweist das Buch „unibrennt“, das in Ergänzung zur Internet-Präsenz kürzlich erschien. „Gemeinsam mit StudienkollegInnen aus der Arbeitsgruppe Buchveröffentlichung wählten wir bewusst die Buchform als Symbol für Bildung aus“, erzählt Stefan Heissenberger, einer der HerausgeberInnen. Die Sammlung wissenschaftlicher Analysen, literarischer Essays und Redebeiträgen prominenter Audimax-BesucherInnen - darunter Marlene Streeruwitz, Doron Rabinovici und Armin Thurnher – zeigt die Vielseitigkeit der Protestbewegung auf. Der Universitätsalltag ist durch viele Paradoxien gekennzeichnet, die Philosoph Paul Liessmann in seinem Essay aufzählt: „Einerseits soll die Akademikerrate signifikant erhöht werden, anderseits sollen Studienplätze kontingentiert werden; einerseits soll die Qualität der Studiengänge steigen, andererseits sollen sie kostengünstiger werden; einerseits sollen die Universitäten autonom agieren, andererseits müssen sich alle den gleichen Standards beugen; einerseits sollen die Anforderungen erhöht werden, andererseits soll es mehr Absolventen geben; einerseits soll die Mobilität zunehmen, andererseits soll in Mindestzeit studiert werden; einerseits sollen die Grundstudien berufsqualifizierend sein, andererseits sollen sie die Grundlagen für eine weitere wissenschaftliche Ausbildung liefern. “ In einer wortgewaltigen Reportage beschreibt die 22-jährige Studentin Rachel Sophia Süss eine Lernpause, in der sie über genau jene Paradoxien nachdenkt. In ihrem Text kommen die Existenzängste und die Wut einer ganzen Generation zum Ausdruck, deren Sorgen um Arbeitslosigkeit kreisen. Marlene Streeruwitz ergänzt dazu: „Studierende lernten schon im Kindergarten ein paar Brocken Englisch, weil man schon damals begann, ihre drohende Arbeitslosigkeit zu bearbeiten.“ Das Buch entwirft tiefsinnige Stimmungsbilder des Universitätsalltages. Die persönlichen Einblicke ermöglichen es, „die StudentInnenschaft“ wieder als junge, engagierte Individuen wahrzunehmen. Ihre grundlegende Forderung „Bildung statt Ausbildung“ verursachte einen tiefen Riss und spaltete die Gesellschaft. Die einen sind der Meinung, dass Studierende nach wie vor privilegiert sind, da sie durch ein Studium Karriere machen werden. Diese Gegner der Proteste fordern mehr Kompromissbereitschaft. BefürworterInnen sehen die Zukunft der jungen Generation gefährdet, wenn sich die Rahmenbedingungen an den Universitäten nicht verbessern. Armin Thurnher schreibt: „Universitäten waren und sind traditionell so etwas wie Seismografen gesellschaftlicher Umbrüche, auch kultureller Art.“ Durch die Kerbe in unserer Gesellschaft strömt ein zarter Windhauch in die heimischen Universitäten, der das Lodern des Feuers einer großartigen Protest-Bewegung aufrecht hält. Vielleicht hält die Glut so lange, bis die neokapitalistischen Grundpfeiler ins Wanken geraten? Dann könnte die Eiszeit in den „Ausbildungssupermärkten“ von einer wärmeren Atmosphäre abgelöst werden, die wieder zum wahren Studieren einlädt. Stefan Heißenberger, Viola Mark, Susanne Schramm, und Peter Sniesko (Hg.), "Uni brennt", Turia & Kant Verlag, 320 Seiten. online seit 31.03.2010 10:40:31 autorIn und feedback : Ute Mörtl Links zum Artikel:
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