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War Karl Lueger Antisemit? Wien und seine „unangenehmen Aspekte“ Dr. Karl Lueger, christlich-sozialer Bürgermeister von Wien von 1897 bis 1910, steht immer wieder im Zentrum von Diskussionen um die Bewertung österreichischer Geschichte. War er ein großer Sozialreformer, dessen Verdienste noch heute sichtbar sind? Immerhin fallen in seine Amtszeit der Bau der zweiten Wiener Hochquellenwasserleitung und von großen Sozialeinrichtungen, wie dem Versorgungsheim Lainz, die Kommunalisierung der Gas- und Elektrizitätsversorgung sowie der Straßenbahnen, die Einführung einer Witwen- und Waisenfürsorge oder auch die Schaffung des Wald- und Wiesengürtels um Wien. War er ein großer Freund der „kleinen Leute“, der die Bourgeoisie bekämpfte und steuerlich schröpfte? Immerhin hatte er 1893 die Christlich-Soziale Partei (CSP) als Vertreterin der KleinbürgerInnen gegründet. Oder war er ein großer Antisemit, der als eines der Vorbilder Hitlers gilt und den sogenannten politischen Antisemitismus erfand? Immerhin gewann er seine Wahlen mithilfe massiver antisemitischer Propaganda und sicherte sich damit auch seine anhaltende Beliebtheit. Die ÖVP als Nachfolgerin der CSP hat sich von dieser Vorgeschichte nie deutlich verabschiedet, geschweige denn, sie kritisiert. Wenn, dann wird neuerdings zwar konstatiert, dass man den Antisemitismus Luegers ablehne, dass er aber eben auch ein verdienstvoller Politiker gewesen sei. Dabei ist es nicht wirklich schwierig, Lueger heute zu qualifizieren. Statt eine der zahlreichen erhaltenen antisemitischen Lueger-Reden wiederzugeben, sei hier aus einer Aufzeichnung seines Zeitgenossen Felix Salten zitiert, dessen politische Betätigungen ihn sicherlich nicht als Linken ausweisen: „Da kommt dieser Mann und schlachtet ... vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot, reißt ihn in Fetzen, schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit den Weg in die Judengassen weisen; dort mag sie sich austoben. Ein Gewitter muss diese verdorbene Luft von Wien reinigen. Er lässt das Donnerwetter über die Juden niedergehen. Und man atmet auf. (...) Er gibt alles preis, was die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher, die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind die Armen am Geiste.“ Was Salten hier bereits 1910 in „Das österreichische Antlitz“ sehr genau beschreibt, ist eine Lesart der Luegerschen Politik, die heute – im Wissen um den Nationalsozialismus und die Shoah – erst recht nur so vollzogen werden kann. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Lueger ein Wegbereiter des eliminatorischen Antisemitismus war, dass er den Boden für die Nazis bereitete. Da helfen auch Verweise auf seine Abneigung gegenüber der damaligen „alldeutschen Bewegung“ nichts. Seit kurzem ist eine Initiative tätig, die im Zuge eines Open Call vor hat, das zentrale Lueger-Denkmal in Wien in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus umzugestalten. Eine Herausforderung, die aus den Besonderheiten des Denkmals herrührt, denn es vereint sämtliche affirmierende Aspekte des Bürgermeisters: Unter der eigentlichen Figur sind in Reliefs seine Verdienste dargestellt. Geschaffen wurde das Monument von Josef Müllner bereits kurz nach Luegers Tod 1910. Müllner, damals Professor und späterer Rektor der Akademie der bildenden Künste, ist u.a. auch Schöpfer des „Haupt des gefallenen Siegfried“ (1923 von der Deutschen Studentenschaft an der Uni Wien in Auftrag gegeben) und einer „Hitlerbüste“ (1940 für die Aula der Akademie). Bis auf die Grünen sind allerdings alle städtischen Parteien gegen eine Umgestaltung, auch die SPÖ. Bürgermeister Michael Häupl erklärte, es solle besser eine Tafel angebracht werden, die die Zusammenhänge erkläre. Das ist die bekannte Position einer Partei, die schon Jahrzehnte Zeit dafür gehabt hätte, die mehrfache Ehrung Luegers (neben dem Denkmal ein Teil der Ringstraße, ein Platz und die „Gedächtniskirche“ am Zentralfriedhof) im öffentlichen Raum zu „erklären“. Jene Initiative, die im Stuwerviertel seit Jahren versucht, die Arnezhoferstraße – auf Initiative von Karl Lueger benannt nach einem antisemitischen Hetzprediger des 17. Jahrhunderts – umzubenennen, erhielt eine bezeichnende Stellungnahme von SPÖ-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny, in der es u.a. heißt: „Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass man die Geschichte einer Stadt bzw. bestimmte Aspekte, auch wenn sie noch so unangenehm sind, beseitigen oder entfernen kann, indem man deren Symbole entfernt. Straßenumbenennungen gehören u.a. zum Handwerkszeug autoritärer oder totalitärer Regime und sind auch deswegen abzulehnen.“ Zum Glück haben das die Verantwortlichen 1945 nicht so gesehen und den Platz vor dem Rathaus von Adolf-Hitler-Platz wieder in Rathausplatz umbenannt. Und diese Umbenennung ist sicherlich nicht verantwortlich dafür, wie zaghaft und unkritisch die 2. Republik mit ihrer NS-Geschichte umging. Die aktuelle Diskussion erinnert aber, ohne unzulässige Vergleiche anstellen zu wollen, an ein legendäres „Titanic“-Cover aus dem Jahr 2002 mit dem Titel: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ online seit 24.03.2010 09:53:11 (Printausgabe 49) autorIn und feedback : Sylvia Köchl Links zum Artikel:
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