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  Zwei, drei, viele 68

Ein neuer Band versammelt Schlaglichter und Fragmente zu „1968“ in Lateinamerika


In Roberto Bolaños Erzählung „Amuleto“ versteckt sich die Protagonistin auf dem Klo des Instituts für Philosophie und Literaturwissenschaften, als die Armee 1968 die Uni besetzt. Die Geschichte spielt in Mexiko-Stadt. In ihrem gekachelten Versteck, in dem sich die Hauptfigur von Toilettenpapier und ihren Erinnerungen ernährt, bleibt sie von dem Massaker an protestierenden Studierenden verschont, das das mexikanische Heer am 2. Oktober verübt.

Der 2. Oktober markiert das Ende der 68er-Bewegung in Mexiko und zugleich den Beginn eines kulturellen Wandels, der gemeinhin als Anfang vom späten Ende der Einparteienherrschaft im Jahr 2000 interpretiert wird. Zugleich gehört der Massenmord aber auch zu den ersten Assoziationen, die hierzulande – neben Ikonen wie Che Guevara und Kampfmodellen wie der Stadtguerilla – mit der Kombination der Chiffre „1968“ und der geografischen Verortung „Lateinamerika“ verbunden werden. Dass es in diesem Zusammenhang noch wesentlich mehr zu entdecken gibt, erhellt nun das Buch „Kontinent der Befreiung? Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika“. In verschiedenen Spots führt die Textsammlung einer Berliner Projektgruppe „1968 in Lateinamerika“ durch eine kontinentale Sammlung von Personen, Ereignissen und Bewegungen. Es handelt sich dabei aber weniger um einen sozialwissenschaftlichen Aufsatzband, als vielmehr um eine Art essayhaftes Album, das nicht mehr leisten soll, wie Projektleiterin und Mitherausgeberin Anne Huffschmid im Editorial schreibt, als „Fragmente versammeln und Schlaglichter werfen.“ Das hat den Vorteil, aus allen Ländern Lateinamerikas kurze Länderberichte, aus einigen Bewegungen interessante Personenporträts und insgesamt einen sehr schönen Überblick geliefert zu bekommen. Deutlich wird dabei bereits, dass „1968“ in manchen Ländern, wie eben in Mexiko oder auch in Uruguay, wegen markanter Ereignisse ein fester Begriff ist, in anderen, wie Kolumbien, als Zahl aber kaum erinnerungspolitische Bedeutung aufweist.

Nachteilig bleibt die in Beiträgen von kaum mehr als drei bis fünf Buchseiten Umfang notgedrungene Oberflächlichkeit und das Nebeneinander von Thesen, deren Diskussion gerade den Reiz einer solchen Publikation hätte ausmachen können: Wie beispielsweise ist es zu vermitteln, dass „Lateinamerika“ mit der kubanischen Revolution von 1959 eine für das kommende Jahrzehnt entscheidende, „transzendentale Erfahrung“ (Gintaré Malinauskaité) gemacht habe, als „eine der massivsten Protestformen 1968“ aber nicht der bewaffnete Aufstand oder die Studierendendemo, sondern der „Minirock“ (Katharina Seeger) beschrieben wird? Sicherlich, es geht um die Verknüpfung von (staatspolitischer) Revolution und (alltagsweltlicher) Revolte. Eine selbstverständliche Verbindung war das allerdings noch nie. Denn was den Politkadern stets kleinbürgerlich erschien, war den Antiautoritären wesentlich: Kulturelle Produktionen. „Rayuela“, der Roman des Argentiniers Julio Cortázars, so wird die mexikanische 68erin Elisa Ramírez zitiert, war „unsere Bibel“. Den musikverliebten, bei Cortázar detailreich geschilderten, libertären Ausschweifungen standen Parteidisziplin und Guerillakonformität gegenüber. Die Diskussionen um diese unterschiedlichen Politikmodelle, die schließlich nicht erst zum 40sten Jubiläum der Protestbewegungen aufkamen und auch nicht bloß auf dem Subkontinent geführt wurden, werden im Buch kaum aufgegriffen. Auch bei ähnlichen Grundsatzfragen („Wie global war `68 in Lateinamerika?“) wird wenig auf den aktuellen Forschungsstand rekurriert. Das ist schade. Dennoch handelt es sich bei dem Buch um ein hervorragendes Kompendium, das besonders den Einstieg in das Thema sehr anschaulich und vielseitig ermöglicht.
Wie die eingangs genannte Protagonistin bei Bolaño sich in ihrem Versteck an vergangene und vorausschauend auch an zukünftige literarische Ereignisse Lateinamerikas erinnert, weist auch dieses 68er-Album bis hin zu gegenwärtigen sozialen Bewegungen. Die schlaglichtartige Erhellung lädt durchaus zum genaueren Ausleuchten ein.




Anne Huffschmid/ Markus Rauchecker (Hg.): Kontinent der Befreiung? Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika, Berlin: Verlag Assoziation A, 2010. 253 Seiten, 16,- Euro.



online seit 22.02.2010 13:45:44
autorIn und feedback : Jens Kastner




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